Tagebuch
Rückentbündelung. Watchever und die alten Kathodenstrahlröhren
Frankfurt a.M. (epd). Frank Underwood starrt einem in Berlin gefühlt von jedem zweiten Werbeplakat entgegen. Unter markigen Sprüchen über politisches Kalkül empfiehlt die Hauptfigur der Serie "House of Cards" dem Betrachtenden zusätzlich ein Abo beim Weltmarktführer für das Streamen von Videoinhalten, Netflix. Auf der anderen Hälfte der Plakate wirbt Netflix' größter Konkurrent, der deutsche Marktführer Amazon Video, mit einem dramatischen Motiv für die Serie "Hand of God", in der Ron Perlman beim Anblick eines Tauben-Mobiles in blutige Tränen ausbricht (das verspricht zumindest das Poster).

Verdächtig abwesend in diesem Krieg der Video-on-Demand-Anbieter ist Watchever, die deutsche Tochter des französischen Konzerns Vivendi, deren Werbekampagne mit Til Schweiger man noch vor einiger Zeit kaum entkommen konnte. Dabei hat das Portal erst Anfang Oktober mit viel Getöse einen Relaunch hingelegt, um dem dramatischen Absturz von Nutzern seit dem deutschen Netflix-Start entgegenzuwirken.

Der Relaunch jedoch riecht eher nach alten Kathodenstrahlröhren und graubraunen Rundfunkanstaltsfluren als nach einem Aufbruch in die Zukunft. Denn die große Innovation des "neuen" Watchever ist ausgerechnet eine Rückkehr zu den Strukturen des linearen Fernsehens, denen wir uns doch eigentlich mit dem On-Demand-Zeitalter entledigen wollten. Seit Oktober nämlich bietet Watchever 25 "speziell zusammengestellte Kanäle", "zugeschnitten von renommierten Partner-Studios (unter anderem CBS, BBC, Disney und ZDF Enterprises)", so die Pressemitteilung. Was hier als Innovation verkauft wird, klingt verdächtig nach dem Versuch, die große Entbündelung des digitalen Fernsehzeitalters wieder zurückverpacken zu wollen.

Was Stefan Schulz wohl darüber denkt? Der Gründungsgeschäftsführer von Watchever hatte noch vor zwei Jahren in Interviews die Produktion eigener deutschsprachiger Inhalte für sein Streamingportal angekündigt. Konkrete Pläne wurden aber immer wieder verschoben, und knapp zwei Wochen nach dem deutschen Netflix-Start im Herbst 2014 verließ Schulz das Unternehmen wegen "unterschiedlicher Auffassungen zur zukünftigen Ausrichtung" der Plattform.

Falls Schulz an seinen Plänen für die Herstellung eigener Inhalte gescheitert sein sollte, möchte man ihm aus heutiger Perspektive fast ein Mahnmal errichten. Denn nicht nur der anfangs beschriebene Plakatkrieg, auch der Schauer von Preisen und Kritikerlob, der sich über die Original-Produktionen der Streamingportale - von "Orange is the New Black" (Netflix) bis "Transparent" (Amazon) - gerade erst wieder ergoss, scheint eindeutig zu zeigen: Es sind Inhalte, die Kunden zu den Anbietern - im Zweifelsfall sogar zu mehreren - treiben, nicht der Verbreitungsmodus. Der berüchtigte Satz von Netflix-Chef Ted Sarandos, er wolle Netflix schneller zu HBO machen als HBO sich in Netflix verwandeln kann, hat sich voll bewahrheitet. Denn schließlich hatte auch HBO sein Profil erst durch erfolgreiche Serien wie "The Sopranos" und "Sex and the City" geschärft.

Mit seiner Anbiederung an die Archive der großen TV-Konzerne versucht sich Watchever hingegen eher als Anti-Netflix zu positionieren: keine hochwertigen Originalinhalte, nur Altbekanntes in Dauerschleife. Aber wer Video-on-Demand guckt, will keine Kanäle. Nur Fernsehsender wollen Kanäle. Und wer Kanäle will, kann auch einfach Fernsehen schauen.
Aus epd medien Nr. 45 vom 6. November 2015
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Alexander Matzkeit