Debatte
Rückbesinnung
Wie Fake News den Journalismus verändern
Frankfurt a.M. (epd). Es ist ziemlich genau neun Jahre her, da sorgte der Satz eines unbekannten College-Studenten aus den USA für Diskussionen in der Medienbranche. "Wenn die Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden", hatte die "New York Times" den Hochschüler im März 2008 zitiert. In der Weitererzählkultur von Twitter, Facebook und Co. verbreiten sich wichtige Nachrichten so schnell, dass journalistische Angebote nicht mehr mithalten können - ihre filternde, einordnende Funktion wird überflüssig, so die These.

Der Student verbalisierte mit seinem kessen Satz eine Einstellung, die über Jahre hinweg für viele Menschen offenkundig konsensfähig war. Soziale Netzwerke stellen für Teile der Bevölkerung auch in Deutschland inzwischen eine ihrer Hauptinformationsquellen dar. Den "Informationsmüden" ist das Bewusstsein dafür abhandengekommen, dass täglicher, aktiver Nachrichtenkonsum aus journalistischen Quellen für den "mündigen Bürger" zur Meinungsbildung unabdingbar ist: "Wenn die Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden."

Gefahr für die Demokratie

Was vor einigen Jahren noch breite Debatten über die Notwendigkeit von Journalismus in der digitalen Welt auslöste, ist heute als eindeutiges Problem erkannt. Das Phänomen der "Fake News", bewusster Falschmeldungen, führt vor Augen, dass die fragmentierte, desinformierte Öffentlichkeit eine Gefahr für die Demokratie darstellt.

Dabei sind bewusste Falschmeldungen, Lügen und Gerüchte kein neues Phänomen, in der digitalen Welt der Sozialen Netzwerke verbreiten sie sich allerdings zunehmend rasant. Die Brexit-Kampagne und der Präsidentschaftswahlkampf in den USA 2016 haben der breiten Öffentlichkeit die Wirkmächtigkeit von Fake News verdeutlicht. Am Beispiel des US-Präsidenten Donald Trump, der die gezielte Desinformation, verpackt als "alternative Fakten", zu einem Prinzip seiner Regierungsführung macht, lässt sich das Problem in der öffentlichen Diskussion personalisieren.

Der "Fall Lisa" um eine angeblich von Flüchtlingen vergewaltigte 13-jährige Tochter deutsch-russischer Eltern in Berlin und die Verunglimpfung der Grünen-Politikerin Renate Künast, durch ein falsches auf Facebook verbreitetes Zitat im Zusammenhang mit dem Mord an einer Freiburger Studentin, sind nur zwei Beispiele aus dem vergangenen Jahr, die zeigen, dass Fake News auch in Deutschland eine Rolle spielen. Die herannahende Bundestagswahl und damit verbundene Befürchtungen, die öffentliche Meinung könnte durch bewusste Falschmeldungen von interessierter Seite beeinflusst werden, befeuern den "Kampf gegen Fake News".

Redaktionen bemühen sich auch in Deutschland auf mannigfaltige Weise um angemessene Strategien in diesem Kampf. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten beispielsweise reagieren mit Initiativen wie dem ARD-Online-Portal "Faktenfinder", dem Team "BR Verifikation" und dem crossmedialen ZDF-Faktencheck-Projekt "#ZDFcheck17". Mehrere deutsche Redaktionen sind zudem der internationalen Initiative "First Draft Coalition" beigetreten. Der Verbund mit anderen Medien, Technologieunternehmen und Organisationen will sich gegenseitig bei Recherche und Verifikation vor allem in den sozialen Medien und Netzwerken unterstützen. Bislang dient er Teilnehmern zufolge vor allem dem informellen Austausch. Maßgeblich mitfinanziert wird der Zusammenschluss vom Google News Lab. Zu den deutschen Mitgliedern zählen neben ARD und ZDF auch die Deutsche Welle, die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und "Zeit Online".

Erweiterung des Werkzeugkastens

Das "BR-Verifikation"-Team des Bayerischen Rundfunks befindet sich derzeit im Aufbau. Es soll Fake News gezielt aufspüren und darauf reagieren. Vereinbart ist eine enge Zusammenarbeit mit dem "Faktenfinder" der "Tagesschau". Der Social-Media-Beauftragte des BR, Stefan Primbs, hat für die neue Verifikationseinheit im Frühjahr ein mehrwöchiges Intensiv-Training geleitet. Dabei beschäftigten er und sein Team sich mit Fragen, die alle Bereiche der journalistischen Arbeit betreffen: Neue Anforderungen an die Themenfindung, die Recherche und auch die Präsentationsformen wurden erarbeitet.

Die Gruppe begab sich unter anderem auf die Suche nach Werkzeugen zur Identifizierung wirkmächtiger Fake News. "Wir verwenden beispielsweise Tools, die ursprünglich für das Content-Marketing entwickelt wurden. Damit lassen sich zu einem bestimmten Thema, etwa zur Flüchtlingsdebatte, diejenigen Facebook-Posts mit dem meisten Interaktionen herausfiltern", sagt Primbs.

Im Intensiv-Training erarbeitete das Team auch Antworten auf die Frage, wie Redaktionen besonders effektiv auf Fake News reagieren, also in die Filterblasen und Echokammern der Rezipienten vordringen können. "Je nach Thema kann es unterschiedlich erfolgsversprechend sein, eine bestimmte Falschmeldung in einem Regionalfenster, im BR-Hauptprogramm, auf ,tagesschau.de' oder Facebook zu thematisieren", erklärt Primbs. Gedacht sei auch an neue journalistische Formate "mit viralem Potenzial". Über konkrete Vorschläge der Arbeitsgruppe will Primbs noch nichts sagen, sie werden derzeit noch mit der Geschäftsleitung abgestimmt. Die Quintessenz seiner Arbeit beschreibt er so: "Wir arbeiten an einer Erweiterung des Werkzeugkastens: Mit neuen Recherchemethoden, Darstellungsformen und veränderter Themengewichtung wollen wir den Journalismus noch besser machen."

Zu diesem neuen Werkzeugkasten gehört beim BR auch Factfox. Das Tool unterstützt Social Media Manager bei der Beantwortung von Kommentaren. Es schlägt auf den Kommentar abgestimmte Antworten vor und soll so ein schnelleres, plattformübergreifendes Arbeiten ermöglichen. Gleichzeitig wächst die Antwortdatenbank während der Nutzung, da im laufenden Redaktionsalltag permanent neue Fakten in die Datenbank eingetragen werden. Die Idee zu Factfox entstand beim dpa-Hackathon "Tickertools" im November 2016, wo das Projekt mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Das Start-Up von Sami Boussaid und Miriam Mogge, die derzeit an der Marktreife von Factfox arbeiten, kooperiert eng mit der Redaktion der BR-Nachrichten-App "BR24".

Neuer Journalismus?

Als "Knotenpunkt" der Faktencheck-Einheiten im ARD-Netzwerk soll künftig das "Tagesschau"-Portal "Faktenfinder" fungieren. Vier Mitarbeiter arbeiten hier seit dem Start am 3. April dieses Jahres im Schichtbetrieb. Auf der Internetseite präsentiert das Team die Ergebnisse seiner Recherchen, die aber auch schon in Beiträgen etwa für die "Tagesschau" Verwendung fanden. Die Mehrzahl der Themen spielt im Ausland. "Unsere Erfahrung zeigt bislang, dass wir es in Deutschland relativ selten mit bundesweit relevanten Falschmeldungen zu tun haben", sagt Projektleiter Patrick Gensing. Zu den seltenen Fällen aus Deutschland, mit denen sich die "Faktenfinder" beschäftigt haben, gehört das angebliche Bekennerschreiben der Antifa zum Anschlag auf den BVB-Bus oder Fakes zum AfD-Parteitag. Im Hinblick auf die Bundestagswahl wollen Gensing und sein Team aber für eine Zunahme von Fake News gewappnet sein.

Das ZDF baut mit Blick auf die Bundestagswahl derzeit sein Faktencheck-Projekt "#ZDFcheck17" auf, das Ende Mai an den Start gehen soll. Yvette Gerner, CvD bei der ZDF-Chefredaktion, berichtete beim LPR-Forum Medienzukunft Ende März in Frankfurt am Main, dafür werde ein redaktionsübergreifendes Team aus zehn bis zwölf Mitarbeitern in Mainz gebildet: Redakteure, Reporter, Social-Media-Experten, Dokumentaristen, erfahrene TV-Nachrichtenprofis. Die Patenschaft liegt beim "heute journal". Nach Angaben eines ZDF-Sprechers wird das neue Faktencheck-Team Aussagen überprüfen, die über Soziale Medien in die öffentliche Debatte hineingeschwemmt werden. "Was ist wahr, was ist falsch, wie plausibel sind die Aussagen? Mit den Ergebnissen des Teams soll dem Publikum Orientierung gegeben werden." Die Ergebnisse des Factcheckings sollen prominent in Sendungen auf allen Plattformen präsentiert werden.

In der Zusammenschau erscheint es fast so, als entstünde im Kampf gegen Fake News ein neuer Journalismus: Innovative Ansätze werden wie beschrieben auf allen Ebenen erprobt: Aspekte der Themenfindung, sind ebenso berührt wie die der Recherche und Darstellungsformen. Zu besichtigen ist dies auch bei der "First Draft Coalition". Kurzanleitungen zur Verifizierung von Fotos und Videos stehen auf der Internetseite des Zusammenschlusses ebenso zur Verfügung wie Beiträge zum Thema "Werkzeuge zur Vertrauensbildung im Journalismus", Design-Richtlinien zur besseren Lesbarkeit und Nutzbarkeit verifizierter Informationen. Diskutiert werden auch ethische Leitlinien etwa für die Augenzeugenberichterstattung.

Handwerk der alten Schule

Von einer ganz neuen Form des Journalismus mag Stephan Ruß-Mohl, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Lugano, allerdings nicht sprechen. "Es wäre doch schon eine ganze Menge, wenn wir den ,alten' Journalismus zurückbekämen: Mit Profis in den Redaktionen, die recherchieren und sich in ihrem Berichterstattungsgebiet auskennen - und nicht, wie beim NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts geschehen, die Verlesung der Klageschrift mit dem Urteil verwechseln. Mit Redaktionen, die gut ausgestattet sind und ihre freien Mitarbeiter so ordentlich bezahlen, dass sich diese nicht ihren Lebensunterhalt mit PR-Aufträgen verdienen müssen." Ruß-Mohl sieht einen Journalismus gefordert, "der über sich selbst öffentlich nachdenkt und das Publikum über das eigene Metier genauso informiert wie über Politik oder Sport".

Die Posse um das falschgemeldete NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen Januar sieht der Journalistik-Professor Klaus Meier von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt als beispielhaft für eine neue Fehlerkultur im Journalismus. "Spiegel Online" korrigierte das fälschlicherweise gemeldete Verbot der rechtsextremen NPD an prominenter Stelle (epd 3/17). Vor allem Online-Redaktionen hätten es lange versäumt, Fehler auf diese Weise transparent zu korrigieren, moniert Meier. "Es ist die Erkenntnis eingekehrt, dass Schludereien und Schlampigkeiten nicht mehr gehen", sagt der Wissenschaftler. Ähnlich wie Ruß-Mohl sieht auch er keine neue Form des Journalismus, sondern "gute Formen des Journalismus in vielfältiger Form gestärkt". Die Rezepte seien in der Medienkritik und Medienwissenschaft schon länger diskutiert, nun fänden sie ihren Eingang in die redaktionellen Leitlinien.

"Faktenfinder"-Projektleiter Gensing formuliert es so: "Wir machen journalistisches Handwerk der alten Schule in einer veränderten medialen Umgebung." Der "Kampf gegen Fake News" ist für die Redaktionen auch ein Kampf um die Rückeroberung der Gatekeeper-Rolle des Journalismus durch die Wiederentdeckung professioneller journalistischer Standards.

Journalistik-Professor Meier sieht durch die öffentliche Debatte über Fake News und die redaktionellen Reaktionen darauf auch das Bewusstsein der Rezipienten dafür gestärkt, "dass es guten Journalismus und dessen Kritik- und Kontrollfunktion in einer funktionierenden Demokratie braucht". Die informationsmüde Mitte, sagt er, wache langsam auf.

Vertrauen in die Medien nimmt zu

Tatsächlich konstatierte eine Analyse der Universität Würzburg jüngst, dass das Vertrauen der Deutschen in die Medien so hoch sei, wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr (epd 16/17). Der Autor der Studie, der Professor für Wirtschaftsjournalismus Kim Otto, hielt dazu fest, viele Menschen merkten nun, "wie wichtig die Journalisten für die Demokratie sind". Politikern wie US-Präsident Trump oder dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sei die Kritikfunktion der Medien ein Dorn im Auge. Weil die Bürger dies durch aktuelle Diskussionen wahrnähmen, rücke die Bedeutung von gutem Journalismus wieder mehr in das Bewusstsein der Menschen, meint Otto.

Nach Einschätzung von Kommunikationswissenschaftler Ruß-Mohl, ist, mit Blick auf die internationale Perspektive, der Weg dorthin allerdings noch weit. Er hält es "vorerst noch für Wunschdenken", dass ein breites Publikum den Wert des Journalismus für die Demokratie wieder zu schätzen lernt, "auch wenn die ,New York Times' und andere dank Trump eine deutlich steigende Zahl von Digital-Abos vorweisen können und sogar ihr Aktienkurs seit dem Dienstantritt des neuen Präsidenten deutlich gestiegen ist". Es bedürfe "sehr viel Aufklärungsarbeit, um gerade junge Leute davon zu überzeugen, dass guter Journalismus mehr wert ist als ein Cappuccino bei Starbucks". Ohne Medienkompetenz der Nutzer werde sich auch deren Zahlungsbereitschaft nicht wiedergewinnen lassen.

Dazu passt, dass die Rufe nach einer Förderung der Medienkompetenz des Publikums in der Debatte um Fake News zusehends lauter werden. Die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur und die Initiative "Keine Bildung ohne Medien!" forderten im vergangenen November in einem gemeinsamen Positionspapier, die Herausforderungen der digitalen Welt "nicht allein von technologischer, rechtlicher und politischer Seite zu lösen".

Bedeutung der Medienbildung

Auch der Verein Mimikama, der falsche Nachrichten im Internet entlarvt und beispielsweise über betrügerische Spam-E-Mails aufklärt, spricht sich für Schulprogramme und Weiterbildungsangebote für Erwachsene aus, um über Falschmeldungen und einseitige Meinungsmache im Internet aufzuklären. Viele Menschen wüssten nicht, wie sie Nachrichteninhalte über Google recherchieren oder wie sie Webseiten einschätzen könnten, die hinter den Nachrichten stehen, sagte Mimikama-Mitarbeiter Andre Wolf bei einer Diskussionsveranstaltung des Bundesjustizministeriums in Berlin (epd 12/17). Auch Wissenschaftler, Politiker und Medienanstalten betonen immer häufiger die Bedeutung der Medienbildung.

"Wenn die Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden." Die Bedeutung dieses Satzes, die vor wenigen Jahren noch manchem Anlass genug für einen Abgesang auf den Journalismus war, ist, so zeigt sich, heute Ausgangspunkt für vielfältige Formen der Problembearbeitung. Maßnahmen zur Stärkung der Medienkompetenz gehören ebenso dazu wie die umstrittene von Bundesjustizminister Heiko Maas (CDU) auf den Weg gebrachte neue Gesetzgebung gegen Hasskriminalität und Fake News, Initiativen zur Entwicklung ethischer Leitlinien für die öffentliche Kommunikation und die neuen Faktencheck-Einheiten in den Redaktionen. Ob sich der Journalismus in diesem "veränderten medialen Umfeld" neu erfindet, ist offen. Die Chance dazu war allerdings lange nicht mehr so groß wie heute. Mit einer Rückbesinnung auf "guten Journalismus" und seine Bedeutung für die Demokratie ist ein Anfang getan.

Aus epd medien Nr. 17 vom 28. April 2017

Ellen Nebel