Kritik
Plädoyer für Mitmenschlichkeit
VOR-SICHT: "So auf Erden", Fernsehfilm, Regie: Till Endemann, Buch: Martina Rosefeldt und Pia Marais nach einer Idee von Claudia Schreiber, Kamera: Lars R. Lieboldt, Produktion: Eikon Südwest (ARD/SWR, 4.10.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). "Einen Weiser seh' ich stehen / Unverrückt vor meinem Blick; / Eine Straße muss ich gehen, / Die noch keiner ging zurück." In Wilhelm Müllers Gedichtzyklus "Die Winterreise" steht "Der Wegweiser" zwischen "Die Täuschung" und "Das Wirtshaus". Der Wanderer ist durch "bunte List" und Verlockungen vom Weg abgekommen. Nun sucht er nach Orientierung, vermeidet die breiten Pfade, sucht sich "versteckte Stege" und "verschneite Felsenhöh'n", wandert "ohne Ruh'". "Das Wirtshaus" ist Trug. Es ist ein "Totenacker". Die "unbarmherz'ge Schenke" aber weist ihn ab: "Die Kammern all' besetzt?". Der Wanderer muss weiter. Noch ist es Zeit, bis er den wunderlichen alten Leiermann trifft, von dem im letzten Gedicht die Rede ist.

In der Schlüsselszene des Films "So auf Erden" sitzt Edgar Selge als Pastor Johannes Klare (die Namen sprechen im Drehbuch von Martina Rosefeldt und Pia Marais) am Klavier im mit Biedermeierantiquitäten eingerichteten Heim und spielt und singt mit tief berührter Stimme die letzten Zeilen aus dem "Wegweiser" in Franz Schuberts Vertonung. Neben ihm steht seine Versuchung, die ihn vom Weg abzubringen droht. Ein attraktiv verpacktes Geschenk des Teufels, eine von Gott gesandte existenzielle Prüfung. So meinen zumindest die anderen Mitglieder der evangelikalen christlichen Freikirche, denen Johannes Klare als charismatischer Prediger vorsteht.

Aber schon das Stuttgarter Haus mit seinen Möbeln und seiner zwar gediegenen, aber auch luftig-heiteren Ausstrahlung zeigt, dass für Klare und seine Frau Lydia (Franziska Walser) trotz Straßenmission und radikaler Bibelauslegung nicht die fanatische, sondern eine andere, innerlichere Auslegung des Glaubens auf ihrem Weg zum gottgefälligen Leben leitend ist. Die Empfindsamkeit des schwäbischen Pietismus schaut aus den Ecken; ein Glaube herrscht, dem das Gefühl nicht fremd ist, auch nicht der Freundschaftskult des 18. Jahrhunderts, nicht die individuelle Romantik, die sich vor allem im Schreiben intimer Briefe ausdrückte, und nicht die praktizierte Zärtlichkeit, der auch ein Zug von Homoerotik eigen war.

Als Zuschauer des SWR-Films "So auf Erden" schadet es nicht, ein wenig literaturhistorisch oder religionsphilosophisch bewandert zu sein. Man kann so merken, dass die Autoren, die zusammen mit den Produzenten, den Hauptdarstellern und dem Regisseur Till Endemann an der Entwicklung von Buch und Umsetzung gearbeitet haben, sich viele Gedanken gemacht haben. Eine differenzierende Innenansicht aus der Szene gewisser freikirchlicher Gemeinden soll dieser Film sein, ihren Mikrokosmos des Zusammenlebens schildern und Grenzen ziehen zwischen einem bibelexegetischen Fundamentalismus und einer gelebten Toleranz in Verantwortung, die manch anderer ins Zentrum seines christlichen Glaubens stellt.

Johannes, der ebenso wie die Schwestern und Brüder gern in Psalmen redet und für jede alltagspraktische Frage ein Bibelzitat auf den Lippen hat, gerät im Film in schwere Versuchung und gibt ihr nach. Auf der Straße finden er und seine Frau, innig verbunden durch Glauben und Werte, den drogenabhängigen obdachlosen Musiker Simon (Jannis Niewöhner), den sein kalter Vater als Nichtsnutz verstoßen hat. Sie nehmen ihn auf, pflegen ihn gesund und nehmen mit Befremden seine offen gelebte Homosexualität zur Kenntnis. Die Szene am Klavier, in der Simon sich Johannes' Bekenntnislied anhört, gehört zu den stärksten des Films. Zuvor hat Simon am Klavier gesungen und Johannes das Spielen verweigert. Er mache Klassisches, langweilig für den jungen Mann. Simon beharrt. Diese, nicht die eigentliche Szene der körperlichen Verführung ist die intimste des Films. In ihr zeigt sich eine lang verborgene Sehnsucht nach der Liebe eines Mannes, die den Pastor in seiner Gemeinde erst zum Abweichler und dann zum Aussätzigen macht.

Simon, der Lieblingsapostel von Jesus: Jannis Niewöhner spielt ihn, den anfangs unter dem Drogenentzug Leidenden, zunehmend körperlich. Seine Rolle als Prüfstein von Johannes' - und auch Lydias - Glauben ist etwas eindimensional, schaut man auf die Entwicklung, die Edgar Selge mit sichtbarer Hingabe zu meistern hat. Nach einer abgebrochenen Teufelsaustreibung ausgestoßen aus der Gruppe der Erwählten, stolpert er durch den Wald, stürzt am Fuß eines mächtigen Baumes und rettet den Käfer auf einem Stück Totholz. Die Symbolik, die man deutlich oder auch aufdringlich finden kann, mündet in die Botschaft: Gottes Schöpfung findet sich im kleinsten Geschöpf. Pantheistische Freude macht ihn frei. Schließlich bringt er Lydia einen abgebrochenen Hagebuttenzweig mit. Dem Haus, in dem in jedem Zimmer Kreuze aufgehängt sind, wird diese Reminiszenz an die Natürlichkeit der geschaffenen Natur bestens stehen.

Man kann einiges gegen "So auf Erden" einwenden. Manche Szenen sind arg gefühlig, andere wieder wirken wie Nachhilfelektionen in Sachen evangelikaler Glaubenspräzisierung. Man kann diesen Film als Nischenangebot für eine Subkultur betrachten. Die Bildsprache (Kamera Lars R. Lieboldt) ist gelegentlich überdeutlich. Aber der Film hat in zweierlei Hinsicht ein großes Plus. Er ist ein sehr ernsthaftes, dabei durchaus unterhaltsames Debattenangebot zur Aktualität christlicher Glaubenspraxis. Wie tolerant muss, darf oder soll praktiziertes Christentum sich zeigen? Hier hat der Film Angebote, aber auch offene Fragen im Gepäck.

Das Zweite sind die Darsteller, besonders Edgar Selge und Franziska Walser. Die Nöte und Wandlungen ihrer Figuren stellen sie im besten Sinne anziehend und in hohem Maße spielerisch differenzierend dar. Till Endemann inszeniert darüber hinaus die erotische Liebesbegegnung zwischen den männlichen Hauptfiguren zwar deutlich, aber visuell sensibel. Es steht zu hoffen, dass dieser Film, der auch ein Plädoyer für Toleranz und Mitmenschlichkeit allgemein ist, ein breiteres Publikum findet.

Aus epd medien Nr. 39 vom 29. September 2017

Heike Hupertz