Kritik
Parole Erich
VOR-SICHT: "Kästner und der kleine Dienstag", Fernsehfilm, Regie: Wolfgang Murnberger, Buch: Dorothee Schön, Kamera: Peter von Haller, Produktion: Ester.Reglin.Film (ARD/WDR/ORF/Degeto, 21.12.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Ein Junge presst sich die Nase am Schaufenster der Buchhandlung platt, das Objekt seiner Sehnsucht ist ein Buch mit einer bunten Illustration, es heißt "Emil und die Detektive". Der Junge zählt seine Groschen ab und zieht dann auf der Straße ab, selbstvergessen ins Buch vertieft, er bemerkt dabei nicht mal die Pferdeäpfel, in die er latscht. Der Junge heißt Hans und wird glühender Fan des jungen Erich Kästner, er will ihn in seiner kindlichen Verehrung als Autor für die Schülerzeitung anwerben und inspiriert den Autor seinerseits zu neuen Kinderbüchern, spielt außerdem auch den "kleinen Dienstag" in der "Emil"-Verfilmung. Eine ungewöhnliche, aber verbürgte Freundschaft.

Kästner seinerseits sieht düsteren Zeiten entgegen. Ohnmächtig muss er zusehen, wie Burschenschaftler und Studenten seine Bücher 1933 "dem Feuer übergeben", wegen Verstoßes gegen "Sitte und Moral", was sich zum einen auf die pazifistischen Gedichte Kästners bezieht, aber viel mehr noch auf "Fabian", den Erwachsenenroman eines Moralisten über einen Moralisten. Kästners jüdische Verlegerin packt ahnungsvoll ihre Koffer, um nach Wien auszuwandern. Da helfen auch Sätze nichts wie "Sie sollten sich nicht von einem Obdachlosen aus Braunau in die Flucht schlagen lassen" oder "Es wird schon nicht so schlimm".

Es wird aber schlimm, auch wenn es noch nicht tödlich ist. Für Kästner, seinen jüdischen Illustratorenfreund Walter Trier und den engen Freund Erich Ohser (ebenfalls Illustrator, und Sozialist) gibt es Berufsverbote. Und der kleine Hans wird in der Schule mit dem neuen Schulfach "Rassenkunde" konfrontiert und mit den Angriffen gegen seinen besten Freund Wolfgang, dessen Vater Jude ist.

Es ist ein fulminanter Film: kein "Biopic" über Erich Kästner, sondern ein ungewöhnlich intensives Eintauchen in jenen Lebensabschnitt des Schriftstellers, der nicht viele Jahre umfasst, aber sein Leben prägte: die Zeit zwischen 1930 und 1945.

Florian Daniel Fitz spielt Kästner in vielen Facetten: da ist der smarte, junge und lebenslustige Bonvivant, der nachdenkliche Intellektuelle, ein Autor, der Kinderbücher schreibt, ohne Kinder zu haben, und ein skrupulöser Mensch und Pazifist, der beileibe kein Held ist, aber auf seine Art versucht, in den finstersten Zeiten so etwas wie Anstand zu wahren. Und der auch mal feige ist, wie ihm sein inzwischen fast erwachsener Freund Hans mal vorwirft. Genau darin liegt die große Stärke des Films: Es geht eben nicht um heroisches Heldentum, sondern um die Zerrissenheit zwischen Angst und Überlebenswillen einerseits und dem moralischen Gewissen und der Sorge um gefährdete Freunde andererseits.

Wenn es hier überhaupt einen Helden gibt, dann ist es der "kleine Dienstag", der heranwachsende Hans, der trotz aller Anfeindungen zu seinem "halbjüdischen" Freund Wolfgang hält. Nico Ramon Kleemann als kleiner Hans und Jascha Baum als großer Hans sind in ihrer Leidenschaftlichkeit und Vehemenz - und damit in Kontrast zu Kästners Nonchalance und erwachsener Vorsicht - großartig. Wie überhaupt das ganze Schauspielerteam, darunter Inga Busch, Katharina Lorenz (als Hans' Mutter), Marie Gruber und Martin Brambach - dieser umwerfend als formvollendeter Kellner, der hinter vorgehaltener Hand Kästner die neuesten Witze über die Nazis erzählt.

Gelungen ist hier ein Zeitbild, das sich nicht in plakativen, martialischen Polit-Darstellungen, sondern in Persönlichkeiten spiegelt - in Menschen mit all ihren existentiellen Sorgen, Ängsten, ihrer Liebe und ihrer Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen.

Wunderbar fangen die Autorin Dorothee Schön und der Regisseur Wolfgang Murnberger das in fast atemlosen Szenen ein und in Dialogen, die Kästner oft zitieren, seinen lakonisch-melancholischen und zugleich liebevollen Ton ziemlich genau treffen, aber auch ihre ganz eigene Filmsprache finden. Herzzerreißend ist etwa eine Szene am See, wo die groß gewordenen Jungs Hans und Wolfgang zwei schöne Mädchen sehen. "Vergiss es. Is Anstiftung zur Rassenschande", sagt Wolfgang lakonisch. Oder wenn die Menschen in den Luftschutzkeller müssen, Bombenwarnung: "Die richtige Warnung wäre vor 33 gewesen", heißt es da trocken.

Und dann gibt es die beiläufigen Berührungspunkte mit der Jetztzeit - etwa, wenn im Nazijargon von der angeblich jüdisch dominierten demokratisch orientierten "Semitenpresse" die Rede ist. Heute heißt das, wie schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts - wieder "Lügenpresse", den Begriff nutzen jetzt ultrarechte Formationen wie AfD und Pegida.

Ein Satz brennt sich ein: "Du musst übrig bleiben." Aber das Ende ist bitter. Hans, der "kleine Dienstag", bleibt nicht übrig, sondern fällt an der Front. Und Kästner irrt durch die Trümmer seiner verbrannten Heimatstadt Dresden.

In der Nachkriegszeit hatte dann ganz Westdeutschland Kästner wieder ganz lieb. "Parole Emil", das blieb hängen, und natürlich das "Doppelte Lottchen" oder "Pünktchen und Anton" - nicht die pazifistischen Gedichte, nicht die Bücherverbrennung. Hier ist ein Film gelungen, der unsentimental und unaufgeregt, aber voller Teilnahme ein Drama erzählt und damit in die Seele fährt.

Aus epd medien Nr. 50 vom 15. Dezember 2017

Ulrike Steglich