Tagebuch
Papier ist ein Kuriosum. Markus Stromiedels Dystopie "Zone 5"
Frankfurt a.M. (epd). "Das frühere Messegebäude, einst Sitz eines Trash-TV-Senders" - der gegenwärtig unter dem Namen RTL erfolgreich ist - ist im Jahre 2060 zum Wohngebäude für Manager eines multinationalen Medizintechnik-Konzerns geworden. Und das Vierscheibenhaus in der Kölner Innenstadt, das derzeit zum gewaltigen Immobilienbestand des WDR gehört, ist ebenfalls zum Wohngebäude umgewandelt worden: Im Roman "Zone 5" von Markus Stromiedel kommt dieser Bau sogar öfter vor. Gleich nebenan befindet sich das Regionalgericht, das mitunter Todesurteile verhängt und dessen Präsident nach dem Präsidenten von Europa, der ziemlich diktatorisch über eine halbe Milliarde Menschen herrscht, einer der mächtigsten Männer der Stadt zu sein scheint.

Wobei das in fünf soziale Zonen scharf segregierte Köln doch eher dem Medizintechnik-Konzern untersteht als dem europäischen Präsidenten. Im Roman kommt es angesichts der sozialen Spannungen zu allerhand Eskalation und gleich am Anfang zum Einsturz des Kölner Doms.

In dieser raffinierten Dystopie ist nicht nur Papier ein Kuriosum aus ferner Vergangenheit, auch Fernsehen spielt keine Rolle mehr. Für Medieninhalte sorgen "Net-Jockeys", die "Tracks" und "Spots" ins zwar vom "Staatsschutz" überwachte, dennoch nicht vollkommen kontrollierbare "W-Net" senden und auf hohe Zugriffszahlen hoffen, durch die sie sich finanzieren. Die Menschen bekommen das, was sie sehen wollen oder sollen, direkt auf die Netzhaut projiziert. Schön ist die Zukunftsvision also nicht, doch vor allem wegen vieler Anspielungen auf das, was aus RTL und WDR, aus Europa und der Welt geworden sein könnte, macht "Zone 5" Spaß.

Markus Stromiedel war lange einer der präsenteren deutschen Drehbuchautoren. Er hat die Figur des "Tatort"-Kommissars Borowski ersonnen und für "Großstadtrevier" und "Ein starkes Team" geschrieben. Zwei "Notruf Hafenkante"-Folgen waren seine bislang letzten TV-Arbeiten, weil dort "gutes Handwerk" in angenehmen Umfeld möglich war, wie er sagt. 2008 beschrieb er für die FAZ, "wie das Fernsehen Autoren vernichtet". Inzwischen hat er sich von der im Fernsehen gewünschten "Variation des Immergleichen" abgewandt, da er doch lieber Neues schreibt und Geschichten, die ihm wichtig erscheinen.

Zurzeit leitet Stromiedel als Headautor die Schreibarbeiten eines aus fünf Personen bestehenden "Writers Rooms" bei Bastei Lübbe. Der Thriller, an dem die Autoren arbeiten, soll vor allem auf Smartphones gelesen, also gewischt statt umgeblättert werden - und das soll schnell gehen. Auch der Thriller "Zone 5" ist schnell, wechselt häufig die Perspektiven, meist von Cliffhanger zu Cliffhanger. Leser sollen das Buch am Ende sowohl einfach weglegen als auch länger darüber nachdenken können, sagt der Autor - über soziale Ungerechtigkeit oder die Frage, ob Widerstand dagegen moralisch sein oder ähnlich skrupellos agieren müsste wie die, die die Ungerechtigkeit befördern. Oder einfach darüber, was bis 2060 alles passieren könnte.

Philosophisch kommt das Buch nicht daher. Am Ende überschlägt sich ziemlich großes Kino in seitenlangen Actionszenen. Doch so antiutopisch der Hintergrund, so gut kann man sich den Plot auch als Fernsehfilm vorstellen. Das würde vermutlich teuer werden (schon wegen der Actionszenen und weil viele Schauplätze des Kölns von 2060 wohl computergeneriert werden müssten). Zumindest macht "Zone 5" deutlich, wie gut es dem gegenwärtigen Fernsehen tun könnte, sich jenseits des in bizarrem Ausmaß ausgestoßenen Krimi-Einerleis auch mal an solche Genrestoffe zu wagen. Vielleicht wäre das Medium dann auch anno 2060 noch wichtig.
Aus epd medien Nr. 5 vom 29. Januar 2016
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Christian Bartels