Kritik
Optimistische Fatalisten
VOR-SICHT: "Jürgen - Heute wird gelebt", Fernsehfilm, Regie: Lars Jessen, Buch: Heinz Strunk, Peter Güde, Kamera: Kristian Leschner, Produktion: a.pictures film & tv.produktion/Eichholz Film (ARD/WDR, 20.9.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt/M. (epd). Der Roman von Heinz Strunk, auf dem die Komödie über zwei Singles fortgeschrittenen Alters auf der Suche nach Partnerinnen basiert, heißt einfach "Jürgen". Aber die der filmischen Adaption hinzugefügte, nach hochgestimmter Entschlossenheit klingende Ergänzung: "Heute wird gelebt" deutet schon darauf hin, dass Jürgen sich Hoffnungen auf das "Heute" macht, die sich wohl nicht erfüllen werden. Lars Jessen, der Regisseur, hat die Lebenshaltung von Jürgen und dessen Freund Bernd auf punktgenau treffende Weise im Pressetext charakterisiert: als "optimistischen Fatalismus". Es muss für alle am Film Beteiligten ein Spaß gewesen sein, diesem optimistischen Fatalismus Ausdruck zu verleihen. Und das gelingt mit so lakonischer Komik und humorvoller Wärme, dass keine der Figuren als Witzfigur missrät.

Der Film atmet den Geist von Heinz Strunk, Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und Mitarbeiter der "Titanic", der spätestens seit seinem Buch "Fleisch ist mein Gemüse" einem größeren Publikum bekanntgeworden ist und für seinen Roman über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka ("Der goldene Handschuh") im letzten Jahr mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Strunks Charaktere sind unscheinbare Männer mit geringer sozialer und geistiger Kompetenz, die ein Leben auf der Verliererseite führen, dessen Eintönigkeit sie mit gestanzten Phrasen kommentieren. Vor allem mangelt es diesen Männern an gedeihlichen Beziehungen zu Frauen. Und mancher wohnt noch als Vierzigjähriger bei seiner bettlägerigen Mutter.

So auch Jürgen Dose, Wächter im Parkhaus und von Heinz Strunk mit stoischer Gradlinigkeit gespielt. Jürgen und sein arbeitsloser Freund Bernd (Charly Hübner), der im Rollstuhl sitzt, wollen nun endlich ihr Singledasein beenden und ihr Glück mit "Speed Dating" versuchen. Das kann allerdings nicht gelingen, wenn man einer Frau die Frage stellt: "Wenn du eine Pizza wärst, was wäre dein Belag?" Und nachdem Jürgen mit seinen unbeholfenen Avancen bei Petra (Katja Danowski), der jungen Pflegerin seiner Mutter, abgeblitzt ist, beschließen die beiden Freunde, sich bei der Partnervermittlung "EuropLove" ("In Polen sind noch Herzen frei") anzumelden.

Dort gebietet der halbseidene Herr Schindelmeister (Peter Heinrich Brix) über Kataloge mit Fotos von Frauen aus Polen, Rumänien, Serbien und der Ukraine. Neben ihm sitzt Anja (Friederike Kempter). "Sind Sie auch in dem Katalog?" fragt Bernd begierig. Nein, sie ist die Dolmetscherin. Aber später wird ihr gekündigt, weil sie das "Gelaber" von Schindelmeister "nicht mehr ertragen kann" und ihn seiner dubiosen Machenschaften wegen - er besorgt "ein paar Nutten", um den Mangel an Frauen auszugleichen - auffliegen lassen will. Zwischen ihr und Jürgen scheint sich sogar eine Romanze anzubahnen. Die versandet allerdings im Ungefähren, wie stets bei Strunk, und hat nur in Jürgens wild bewegten Traumsequenzen eine Zukunft.

Ein Hotel in Stettin ist das Ziel der Reise. Dahin werden die beiden Freunde im Kleinbus transportiert, zusammen mit anderen Geschlechtsgenossen, die auf der Suche nach "freien Herzen" sind: Eine Horde von Maulhelden, großspurig Sprüche klopfend, mit denen sie sich ihr emotional unbefriedigendes Dasein interessant zu reden versuchen. Im wirklichen Leben würden die meisten Frauen Reißaus vor solchen Männern nehmen. Als fiktive Gestalten aber, mit hingebungsvollem Ernst gespielt, sind sie als arme Würstchen zu erkennen, die in ihrem Bestreben, sich wichtig zu machen, komisch sind, ohne ihre Figuren an die Karikatur zu verraten.

Herausragend natürlich der fabelhafte Charly Hübner: In seiner körperlich imposanten Präsenz auf das Sitzen im Rollstuhl reduziert, legt er alles, was Bernds kindisch-rechthaberischen, schlitzohrigen Charakter ausmacht, in den Ausdruck seiner Augen, die Mimik und die Modulation der Stimme. Glänzend in der Darstellung von Glanzlosigkeit auch Peter Heinrich Brix: urkomisch sein Vortrag im Hotel, mit dem er den Männern erläutert, wie osteuropäische Frauen "gestrickt" sind, dass "dominantes Verhalten sie erregt", dass aber auch darauf geachtet werden müsse, die erregende Dominanz nicht bei der ersten Begegnung zu demonstrieren, sondern zunächst nur mit dem Handrücken über die Schulter der Frau zu streichen. Als Illustration dient ein Foto an der Wand.

Und sollte das Aussehen einer Frau zu wünschen übriglassen, gelte die Regel: "Schönheit vergeht, Baugrund besteht." Wie Brix diese Weisheiten aus dem Neandertal herunterleiert, zeigt er zugleich, dass der Partnervermittler glaubt, was er sagt - und wie es ihn anödet, bei solchen Reisen immer wieder denselben Vortrag abzuspulen.

Anrührend dagegen in ihrer aufgekratzten Unbeholfenheit sind die polnischen Frauen. Besonders Dominika (Adrianna Janowska-Moniuszko). Sie war eigentlich für Bernd bestimmt. Der aber ist nicht rechtzeitig zur Stelle, weil beim Bummel durch Stettin mit dem großkotzigen "Knüppel" (David Bredin) ein Platten am Rad seines Rollstuhls geflickt werden musste. Also gibt sich Jürgen, dessen Partnerin ebenfalls vermisst wird, als Bernd aus und versucht bei der ihm schüchtern zugewandten Dominika sein Glück in deutsch-englischem Kauderwelsch. Verlegen streichelt er ihr, Schindelmeisters Anweisung befolgend, mit dem Handrücken über die Schulter. Als es aber intimer zu werden droht, weicht er zurück: "We can't do that. I am Vertretung von Bernd."

Prompt kommt der wütende, um seine Partnerin betrogene Bernd ins Hotelzimmer hereingerollt: Dominika flüchtet, und die Freundschaft der beiden Partnerinnensucher steht auf dem Spiel. Sie wird aber am Ende wieder aufgenommen. Unverdrossen werden neue Pläne geschmiedet, wie in Zukunft die Suche nach einer Partnerin erfolgversprechender zu bewerkstelligen wäre. Und es ist ein Vergnügen, wie es in dieser Komödie über unglückselige, unattraktive Existenzen gelingt, die Balance zu wahren zwischen der Komik, die in der Aussichtslosigkeit ihrer Sehnsucht nach Frauen liegt, und dem Mitgefühl, das auch solche frustrierten Pechvögel verdienen.

Aus epd medien Nr. 37 vom 15. September 2017

Sybille Simon-Zülch