Kritik
Obst und Gemüse
VOR-SICHT: "Polizeiruf 110: Nachtdienst", Fernsehfilm, Regie: Rainer Kaufmann, Buch: Ariela Bogenberger und Astrid Ströher nach einer Idee von Tom Kreß, Kamera: Klaus Eichhammer, Produktion: die film GmbH (ARD/BR, 7.5.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Hauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ist höflich. Die offenkundig schwer verwirrte alte Dame (Elisabeth Schwarz), die eines Nachts vor seinem Polizeirevier auftaucht und etwas von einem Toten und viel Blut faselt, bringt er höchstpersönlich zurück ins Pflegeheim. Nach Feierabend, es ergibt sich einfach so, schließlich stand er gerade vor der Tür, als die von ihrer vaskulären Demenz gezeichnete Frau Strauß eintraf.

So beginnt Meuffels' nächtliche Geisterbahnfahrt, die freilich stationär verläuft. Der Film spielt hauptsächlich auf dem durchaus gepflegten Flur eines durchaus gepflegt wirkenden Pflegeheims, das aber, so behauptet dieser Film, für die Bewohner ein ganz, ganz schrecklicher Ort sein soll. So schrecklich, dass alles ein böses Ende nimmt.

Auch wenn die ebenso herrische wie charmante Frau Strauß bei ihrer Tochter, dem Pflegepersonal und ihren Mitbewohnern für den blühenden Unfug bekannt ist, den sie erzählt, weil das mit der Durchblutung im Hirn nicht mehr zuverlässig klappt, geht Meuffels der Sache mit dem angeblichen Mord hartnäckig nach. Irgendwie mag er Frau Strauß. Und tatsächlich ist an diesem Abend im Heim ein Heimbewohner verstorben. Auf dem Flur gestürzt, mit dem Kopf gegen die Wand geknallt und tot.

Plausibel genug, finden die von Meuffels samt Spurensicherung herbeigerufenen Kollegen nach einer ersten Überprüfung und wollen wieder ins Bett. Doch Meuffels hat sich verbissen. Er weigert sich, das Pflegeheim wieder zu verlassen, und schnüffelt die ganze Nacht zwischen Bananen, Erdbeeren, Gurken und Weintrauben herum. Denn die Zimmer sind, statt mit Nummern und Namen, mit Bildern von Obst und Gemüse gekennzeichnet, damit die nicht mehr voll orientierten Bewohner ihre Zimmer wiederfinden.

Am Morgen wird klar sein: Meuffels hatte den richtigen Riecher, der Tod im Flur war kein Unfall. Mehr soll vorab nicht verraten sein.

Was an diesem Film stark ist: das ebenso wichtige wie wenig beachtete Thema und die ungewöhnliche, kammerspielartige Dramaturgie und nächtliche Atmosphäre in Grau-Lila. In dieser Farbe, einer der depressivsten des gesamten Spektrums, ist der Flur gestrichen. Vornehm Ton in Ton abgestimmt auf die modischen Lampen, die hier statt schnöder Neonröhren den Gang beleuchten. Meuffels, ein Mann Mitte 50, begegnet sich hier selbst, seinen Vorstellungen, wie die Dinge auf der Welt eigentlich geordnet sein sollten, aber nicht sind - und seinen Ängsten vor dem Altwerden. Eingenickt erscheint er sich selbst etwas gealtert als Heimbewohner im Bademantel.

Was an diesem Film schwach ist: Dass es in diesem Heim so unerträglich sei und das Personal so überfordert, bleibt tönende Behauptung. Man sieht und fühlt es nicht. Alles wirkt gepflegt, das Zimmer von Frau Strauß ist mit vielen persönlichen Gegenständen ausgestattet. Von der Überforderung des Personals wird nonstop geredet, dargestellt werden zwei Pfleger und eine Pflegerin, die freundlich und zugewandt wirken und mit den skurrilen Verhaltensweisen der Bewohner gut fertig werden. Ständig laufen sie mit Stapeln von Bettlaken und Müllsäcken beladen umher und sagen, sie hätten keine Zeit.

Eine der wenigen Szenen, die die Dramatik des Zeitmangels zeigen könnte, wirkt eher wie ein Unglücksfall, wie er bei stationärer Unterbringung wohl kaum je auszuschließen ist: Meuffels ist zufällig im Zimmer, als ein altersschwacher Herr seine letzten Atemzüge tut. Meuffels ist zutiefst empört: Warum ist kein Pfleger da, der ihm die Hand hält? Und wo sind die Angehörigen? Nicht da, denn viele wollen von ihren Alten nichts wissen, muss Meuffels lernen. Und der Pfleger musste zwischendurch zu einem Notfall - dorthin, wo der Tod sich noch verhindern ließ.

Im Raum steht eine diffuse Anklage. Gegen wen und gegen was eigentlich? Gegen die Heimleitung? Mit drei Pflegekräften für die Nachtschicht, sagt der Chefpfleger, sei diese Alteneinrichtung personell besser ausgestattet als andere. Gegen die Angehörigen? Die Tochter von Frau Strauß liebt ihre Mutter und kümmert sich, kann aber nicht Vollzeit eine Demente betreuen und muss es ertragen, dass ihre Mutter leidet und lieber zu Hause wäre.

Besonders schwer empört über die Zustände im Heim ist ein Bewohner, der einmal SEK-Beamter war (Ernst Jacobi). Er wirkt relativ gesund und klar im Kopf und rät seinem umherschnüffelnden Berufskollegen Meuffels, er solle ja vorsorgen, um sich am Ende einen besseren Alterssitz leisten zu können. Er selbst hat offenbar nicht vorgesorgt, hält seine Entrüstung aber für angemessen.

Schuld scheinen also irgendwie der liebe Gott und "die Gesellschaft" zu haben. Gott, weil der den Menschen gemeinerweise altern und daran leiden lässt, und "die Gesellschaft" - aus Prinzip. Beide werden von TV-Krimis gern beschuldigt, nur verhaftet wurden sie noch nie.

Aus epd medien Nr. 18 vom 5. Mai 2017

Andrea Kaiser