Kritik
Mutter allein zu Haus
VOR-SICHT: "Viel zu nah", Fernsehfilm, Regie und Buch: Petra K. Wagner, Kamera: Armin Alker (ARD/HR, 15.3.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die Kinder der Babyboomer gehen aus dem Haus. Und irgendwie sind die Mütter der "geburtenstarken Jahrgänge" - der stärkste war 1964 - ziemlich komisch (die Väter auch). Sie kleben an ihren Kindern wie wohl keine Generation zuvor. Und wenn das Kind noch so deutliche Zeichen setzt und für "Work and Travel" bis ans andere Ende der Welt flieht - im Zeitalter der günstigen Flugtickets stalkt Mutti den Nachwuchs auch noch dort.

Zugleich ist diese Elterngeneration gut gebildet und reflektiert. Sie schreibt Bücher über den großen Schmerz des Loslassens, wie etwa Silke Burmester über ihren "Mutterblues", und dreht Filme oder lässt welche drehen. Im März und April vermarktet die ARD gleich drei Familienkomödien unter dem Label "Eltern allein zu Haus". Und das Erste zeigt Mitte März einen tragischen Fernsehfilm, der die allem zugrundeliegende Problematik schon im Titel trägt: "Viel zu nah".

Wenn (liebende) Eltern den rechten Abstand nicht finden und ihre Kinder nicht groß werden lassen können, müssen die nettesten Töchter und Söhne mitunter garstig werden, um die klebrigen Alten irgendwie von den Hacken zu kriegen. So geht es Ben (Simon Jensen) in diesem Film. Seine Eltern Caro und Manni - Corinna Harfouch und Peter Lohmeyer - sind, wie so viele ihrer Generation, geschieden. Kriminalpolizistin Caro ist eine rundum kompetente, taffe, sympathische und vernünftige Person. Den Sohn, mit dem sie allein lebt, hat sie trotzdem, ohne es zu wollen, irgendwie zum Partnerersatz gemacht. Das Verhältnis ist mit einer Art von Nähe und Intimität aufgeladen, von der Mutter-Sohn-Beziehungen zum Wohl beider Seiten wahrscheinlich besser frei bleiben sollten (und damit ist keine sexuelle Intimität gemeint).

Die partnerlose Caro muss aber nicht nur die allmähliche Ablösung des erwachsen werdenden Sohns verkraften. Als ihr Ex-Mann ihr offenbart, dass er noch einmal Vater wird, weil seine viel jüngere neue Partnerin Mutter sein will, springt bei Caro eine Sicherung aus dem Kasten. Warum sie einen Panikanfall erleidet und was ihn ausgelöst hat, versteht sie selber nicht. Der Zuschauer versteht schon, was an der Ankündigung so eines "Neustarts" kränkend ist. Gelegentlich geht Caro zur Therapeutin und nimmt Psychopharmaka.

Der Sohn benimmt sich reichlich merkwürdig, konsumiert Drogen, hat seltsame Freunde, hockt nachts zugedröhnt im Wohnzimmer und versucht der Mutter mit einer Maske über dem Kopf Angst einzujagen, indem er sich ihre Dienstwaffe an den Kopf hält. Die Mutter - viel zu nah am Sohn - schafft es nicht, Grenzen zu setzen und zu wahren: Ansagen wie "Freundchen, Schokoriegel werden nicht geklaut, geht gar nicht" unterbleiben. Sie nimmt ihr "Kind" völlig unangemessen vor allem und allen in Schutz - und tut sich und ihm, indem sie niemals klare Kante zeigt, versehentlich und gut gemeint viel an.

Als Caro beruflich mit Tankstellenüberfällen zu tun bekommt, bei der die Täter Masken tragen, steigert sie sich in die Vorstellung hinein, die Täter seien Ben und seine Freunde. Sie hört mit dem falschen "Beschützen" nicht auf, fälscht Computereinträge, versucht, die Ermittlungen zu behindern, schnüffelt dem Sohn hinterher, ortet sein Handy. Schlussendlich verhaftet sie - noch so ein Übergriff mütterlicher Allmacht - ihren eigenen Sohn, um seiner Festnahme durch die Kollegen zuvorzukommen. Doch die wahren Täter wurden zwischenzeitlich schon gefasst, der Junge hatte nichts damit zu tun.

Der Zuschauer verbringt diesen Film in Caros Realität und zweifelt zugleich an ihr. Der Zweifel wird gesät: Was ist das zum Beispiel für ein unheimlicher Wolf oder Hund, den Caro als Einzige zu sehen scheint? Doch die Auflösung gibt es erst ganz zum Schluss.

Der HR hat hier einen sehenswerten Cast versammelt, allen voran eine in ihrer Rolle - und ihren Panikanfällen - komplett glaubwürdige Corinna Harfouch, der man höchstens vorwerfen könnte, dass sie für die Art Person, die sie hier darzustellen hat, immer ein bisschen zu perfekt geföhnt ist (das trifft natürlich nicht wirklich sie, sondern Maske und Regie). Und dem 1988 geborenen Simon Jensen kann man auch kaum vorhalten, dass er für die Rolle des Schülers Ben, die er in ihrer Uneindeutigkeit eigentlich gut spielt, zu alt aussieht (aber denjenigen, die ihn besetzt haben).

In jüngster Zeit wurde häufig kritisiert, wie wenig Fernsehfilm-Regisseurinnen es nach wie vor gibt. Hier schrieb mit Petra K. Wagner eine Frau nicht nur das Buch, sondern hatte auch am Set das Kommando. Es mag ein Stereotyp sein, dass Frauen näher an der sozialen Lebenswirklichkeit sind und daher gut von ihr erzählen, während Männer eher Lonesome-Cowboy-Motive und ähnliche filmische Fantasien variieren. Mag sein oder auch nicht. "Viel zu nah" reproduziert jedenfalls kein Märchen, sondern reflektiert ein wichtiges Phänomen unserer Zeit.

Aus epd medien 10/17 vom 10. März 2017

Andrea Kaiser