Internationales
Mesale Tolu: "Ich erwarte einen Freispruch"
Journalistin will keinen politischen Deal - Informationsrecht in der Türkei werde gekappt
Istanbul/Frankfurt a.M. (epd). Die in der Türkei wegen Terrorismus angeklagte deutsche Journalistin Mesale Tolu sieht ihrem Prozess am 26. April in Istanbul zuversichtlich entgegen. "Ich erwarte für mich einen Freispruch", sagte die gebürtige Ulmerin dem epd. Jedoch werde eine Entscheidung nicht so schnell kommen. "In der Türkei ist die Justiz ziemlich langsam, vor allem, weil so viele Menschen angeklagt und so viele inhaftiert sind", beklagte Tolu.

Die heute 33-jährige Journalistin war eine von mehreren deutschen Inhaftierten in der Türkei. Am 30. April 2017 war sie bei einer Razzia in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen worden und saß seit Anfang Mai in Untersuchungshaft (epd 20/17). Ihr werden von der Türkei Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen. Im Dezember wurde sie nach einer entsprechenden Gerichtsentscheidung entlassen (epd 51,52/17). Die deutsche Staatsbürgerin darf die Türkei nicht verlassen. Tolus Fall wurde kürzlich zusammengelegt mit dem ihres Ehemannes Suat Corlu, der auch wegen Terrorismusvorwürfen vor Gericht steht. Corlu war Mitglied in der pro-kurdischen HDP.

"Ich habe keine Angst, denn ich glaube, der Prozess wird sehr routiniert ablaufen", sagte Tolu. "Alles, was jetzt noch auf mich zukommen kann, schüchtert mich nicht ein." Sie sei acht Monate für etwas eingesessen, was sie nicht getan habe: "Auch wenn ich einen Freispruch bekomme, wurde ich eigentlich im Voraus bestraft."

Von der Zukunft der türkischen Presse malt Tolu ein düsteres Bild: Der Journalismus werde auf Linie der Regierung gebracht. Die Medien, die sich kritisch äußerten, würden geschlossen. Die Internetzensur stehe vor der Tür. "Das Informationsrecht des Volkes wird gekappt. Von Presse- und Meinungsfreiheit kann man eigentlich nicht mehr reden", sagte Tolu, die vor ihrer Verhaftung für die linke Nachrichtenagentur Etkin News Agency (Etha) gearbeitet hat.

Es gebe zwar eine Tradition der freien Presse in der Türkei, aber es werde immer schwerer für Medien: Indem man ihnen zum Beispiel Druckereien wegnehme, werde versucht, ihnen ihre Arbeitsgrundlage zu nehmen. Erst kürzlich wurde in der Türkei die Dogan-Medien-Gruppe an die Demirören-Gruppe verkauft, die für ihre Nähe zu Staatspräsident Erdogan bekannt ist (vgl. weitere Meldung in dieser Ausgabe). 2019 finden in der Türkei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt.

Während ihrer Zeit im Gefängnis habe sie Dutzende Briefe, Postkarten und Bücher für ihren Sohn bekommen, sagte Tolu. Der dreijährige Sohn saß zeitweise mit Tolu im Gefängnis. "Vor allem die Solidarität von Frauen hat mich sehr gestärkt", unterstrich sie: "Die Solidarität kommt vor allem aus den Städten, wo ich gelebt habe - Ulm, Frankfurt - und eher nicht von den Türken, die in Deutschland leben".

Tolu trifft sich nach eigenen Angaben monatlich mit Mitarbeitern des deutschen Konsulats in Istanbul: "Auch den deutschen Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann, habe ich nach meiner Freilassung noch einmal gesehen. Mehr kann die Bundesregierung nicht tun", sagte Tolu. "Ich erwarte keinen Deal, und nicht, dass man mich bei Nacht und Nebel über die Grenze schmuggelt. Lieber lebe ich in der Türkei mit Auflagen, bis der Prozess zu Ende ist und ich meinen Freispruch erkämpft habe." Sie wisse, dass sie nichts Falsches getan habe, sagte die Journalistin: "Ich habe nur meine Arbeit getan, die ich immer wieder so machen würde und jetzt auch wieder mache. Ich weiß, viele erleben dasselbe, ich bin nicht die einzige."
Aus epd medien Nr. 14 vom 6. April 2018

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