Debatte
Mein Begleitmedium
Eine ultimative Lobhudelei auf den Deutschlandfunk
Frankfurt a.M. (epd). Dies ist, das sei als Warnung vorausgeschickt, ein Stück Fan-Journalismus. Ich habe versucht, die journalistische Distanz zu wahren. Ich habe im Archiv von epd medien (damals noch "Kirche und Rundfunk") geblättert und nachgelesen, wie alles anfing, vor 50 Jahren, wie schwierig das war, als die Frequenzen so schwach waren, dass der Sender in Berlin kaum zu empfangen war. Zwar hat der Deutschlandfunk heute viele und starke Frequenzen, doch immer noch ist er in manchen Gegenden schlecht zu empfangen und kämpft um Frequenzen - auch deshalb setzt Deutschlandradio-Intendant Willi Steul auf den Ausbau des Digitalradios.

 

Ich habe in den Chroniken und in früheren Artikeln nachgelesen, dass es nach dem ersten Sendetag am 1. Januar 1962 noch gut zweieinhalb Jahre dauerte, bis der Deutschlandfunk rund um die Uhr sendete. Ich habe gelernt, dass es wohl vor allem dem Intendanten Reinhard Appel zu verdanken ist, dass der Sender in den 70ern aus einem Sender der Ost-West-Konfrontation des Kalten Krieges umgemodelt wurde zu einem "Dialogsender", wie Appel das nannte, einem publizistisch relevanten Sender, der dann wiederum in den 80ern manchen konservativen Politikern als zu links galt. Unter Appel, entnahm ich den Chroniken, wurde der Deutschlandfunk zu einer der ersten Adressen für Politikerinterviews, zu einem Sender, für den die Politiker bis heute gern früh aufstehen, weil sie wissen, dass ihr Interview um 7.15 Uhr die Agenda für den Tag setzen kann - das Interview, das auch ich fast jeden Morgen höre.

 

Fenster in die Welt

 

Denn die Geschichte des Mediums wird in meiner Wahrnehmung überlagert durch meine Geschichte mit ihm. Ja, ich bin Fan. Seit 20 Jahren schalte ich morgens, wenn ich aufstehe, das Radio ein - und die Stimmen von Elke Durak (leider nicht mehr in den "Informationen am Morgen"), Jasper Barenberg, Christoph Heinemann oder Bettina Klein geleiten mich in den Tag. Sie bereiten mich vor auf das, was mich in den Nachrichten an diesem Tag erwarten wird, die Moderatoren und die zahlreichen Korrespondenten des Senders liefern Hintergründe und Einordnungen, wie ich sie weder im Fernsehen noch in den Zeitungen bekomme. Ich höre die Interviews und freue mich über die Fragetechnik der Moderatoren - wenn sie gut in Form sind - und weiß, worüber die politische Welt heute reden wird. Der Deutschlandfunk ist mein Fenster in die Welt. Ohne ihn wäre ich nicht nur schlechter, ich wäre so gut wie gar nicht informiert.

 

Selbst an Wahltagen verzichte ich inzwischen auf das hektische Ritual der Wahlsendungen bei ARD und ZDF: Im Deutschlandfunk bin ich schneller und umfassender über die aktuellen Hochrechnungen informiert - und vor allem werden die Trends hier besser analysiert und eingeordnet als bei den O-Ton-Jägern vom Fernsehen.

 

Seit Jahren warte ich darauf, dass mich ein Mitarbeiter eines jener Meinungsforschungsinstitute anruft, die die computerunterstützten Telefon-Interviews für die Media-Analyse führen und mich nach meinen Hörgewohnheiten fragt: Das ganze DLF-Programm könnte ich runterbeten: "Informationen am Morgen" von 7 Uhr bis 8.30 Uhr gehört, abends, wenn ich nach Hause komme, ab 19.30 Uhr "Andruck", das Magazin für politische Literatur, "Das Feature", "Zur Diskussion" oder das "DLF-Magazin", später "Studiozeit", "Lesezeit", "Querköpfe" - und dann natürlich ab 23.10 Uhr "Das war der Tag" und anschließend, nach der National- und der Europahymne "Fazit" - eine Übernahme vom Deutschlandradio.

 

Der Anruf kommt nie, und ich kenne übrigens auch niemanden, der jemals von einem dieser Meinungsforschungsinstitute angerufen wurde. Ich bin inzwischen überzeugt, dass sich die Mitarbeiter dieser Institute gegenseitig interviewen oder sich die Antworten auf ihre Fragen selbst ausdenken.

 

Manchmal ein bisschen streng

 

Ich höre diesen Sender, weil ich mir sicher sein, kann, dass mir jemand was erzählt, während ich frühstücke, spüle, koche oder esse, dass ich informiert werde, seriös und nüchtern, manchmal fast ein bisschen streng - aber das ist gut so, denn Quatsch und gute Laune gibt es auf anderen Sendern mehr als genug. Vor allem aber werde ich im Deutschlandfunk nicht alle 15 Minuten mit denselben schlecht präsentierten oder fehlerhaften Nachrichten belästigt wie bei manchen sogenannten Informationswellen.

 

Ich liebe diese Mischung aus Kultur, Bildung und Information - die Musik, nun ja, ist Geschmackssache, aber auch bei den Musiksendungen - wenn ich sie denn höre - kann ich sicher sein, dass ich noch etwas dazulerne, weil die Macher mich als Hörerin ernst nehmen und weil sie nicht nur für Experten senden. Obwohl ich mich nicht für Sport interessiere, höre ich sogar den "Sport am Samstag" im Deutschlandfunk, weil die Sendung sich nicht auf 1:0-Berichterstattung, überflüssige Spielerinterviews oder (im Gegensatz zu diesem Artikel) Fanjournalismus beschränkt; weil die Sportredakteure recherchieren, weil sie über Korruption in der FIFA und über Doping im Sport berichten und weil sie - was im Fernsehen kaum einer Sportsendung gelingt - den Sport so präsentieren, dass auch diejenigen, die keine Insider sind, sich angesprochen fühlen.

 

Am Samstag dann "Das Wochenendjournal", das an seinen besten Tagen lebendige Radioreportagen aus interessanten Regionen Deutschlands bietet und anschließend "Klassik, Pop etcetera", ein Klassiker - mal top, wenn man den Moderator und seine Musikauswahl mag, mal ein Ausschaltimpuls oder ziemlich anstrengend, wenn es nicht so ist. Meine Feldforschungen haben ergeben, dass die Klassikprofis häufig einen miserablen Popgeschmack haben und ganz schlimme Schnulzen spielen und dass umgekehrt die popkulturell Gebildeten bei der Klassik kaum über die "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi hinauskommen. - Kann das vielleicht mal jemand soziologisch erklären, woran das liegt? Ist die deutsche Apartheid von E- und U-Kultur schuld?

 

Mit anderen Worten: Der Deutschlandfunk ist mein Begleitmedium, eines, das mich wirklich durch den Tag begleitet, das mir Anregungen gibt, das mir Dinge erzählt, die ich woanders nicht erfahre, das meinen Blick auf die Welt prägt - und das nicht ständig versucht, durch Musik von seinen Erzählungen abzulenken.

 

Bastion der Relevanz

 

"Gesichter Europas" mit interessanten Reportagen aus europäischen Ländern, "Corso - Kultur nach Drei", ein ausgesprochen lebendiges Kulturmagazin, das E und U fröhlich mischt, der "Büchermarkt", "Forschung aktuell", "Markt und Medien", "Kultur heute", "Sonntagsspaziergang", "Zwischentöne" - ich könnte mit der Lobhudelei noch lange weitermachen. Selten ärgere ich mich mal über eine hochgezogene Augenbraue oder einen erhobenen Zeigefinger, meist freue ich mich über den professionellen Journalismus, den ich hier zu hören bekomme.

 

Während andere öffentlich-rechtliche Wellen sich in den vergangenen Jahren konsequent entwortet haben und nun untergehen im Meer der Belanglosigkeit, ist der Deutschlandfunk mit seinen 75 Prozent Wortanteil eine Bastion der Relevanz geblieben. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk at its best.

 

Wenn mich jemand fragen würde, was ich gern anders hätte, im Deutschlandfunk, würde ich sagen: Lasst bitte alles so wie es ist. Aber ein anständig präsentierter Wetterbericht, das wäre eine feine Sache. Dann müsste ich mir den nicht immer im "Morgenmagazin" anschauen.

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Nationaler Sender

epd Am 1. Januar 1962 ging der Deutschlandfunk in Köln auf Sendung. Der Gründung des nationalen Senders waren zehnjährige Diskussionen und Verhandlungen vorausgegangen. Auftrag des Senders war laut Gesetz, Rundfunksendungen "für Deutschland und das europäische Ausland" zu veranstalten. Gründungsintendant Franz Gerhard Starke sprach bei der Eröffnung des Programms nach den Nachrichten um 16 Uhr vor allem die Hörer in Mecklenburg, Thüringen, Brandenburg und Sachsen an, zu denen der neue Sender gewissermaßen eine Art Funkbrücke sein sollte. In den 70er Jahren formulierte Intendant Reinhard Appel als neues Credo, dass der Deutschlandfunk nicht der "Anti-Sender zur DDR" sein solle, sondern der "Dialogsender". Nach dem Fall der Mauer war die Existenz des Deutschlandfunks durch das Ende des Ost-West-Konflikts zunächst infrage gestellt. Der nationale Sender übernahm jedoch eine neue Funktion als Integrationssender, er sollte dazu beitragen, die Deutschen aus Ost und West publizistisch wieder einander näherzubringen. Am 1. Januar 1994 fusionierten Deutschlandfunk, Rias Berlin und der frühere ostdeutsche Deutschlandsender zum Deutschlandradio. Seit Januar 2010 gibt es neben Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur den Digitalsender DRadio Wissen. Der Deutschlandfunk hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich Hörer hinzugewonnen: 1,6 Millionen Hörer schalten zurzeit das Programm täglich ein.

Aus epd medien Nr. 51/52 vom 23.12.2011 > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)

Diemut Roether