Inland
Medienforscher fordern Klärung des Begriffs Journalismus
Diskussion über Arbeitspapier der Otto-Brenner-Stiftung zu Medienumbruch
Berlin (epd). Der Begriff "Qualitätsjournalismus" führt nach Ansicht der Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz in die Irre. Dieser Begriff verhindere Diskussionen über die Frage, "was den Namen Journalismus verdient und was nicht", sagten Arlt und Storz am 2. März bei einem medienpolitischen Hintergrundgespräch in Berlin. Zurzeit sei mehr denn je ungeklärt, was Journalismus ist und wo er anfängt. In einem noch unveröffentlichten Arbeitspapier unter dem Titel "Journalist oder Animateur - ein Beruf im Umbruch" empfehlen die beiden Autoren, dem Begriff "Journalismus" den Begriff "Animationsarbeit" gegenüberzustellen. Die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung wird das Papier im April veröffentlichen.

Der Berufsstand des Journalismus leide aktuell sowohl durch Schwächung von außen als auch durch eine Verwirrung der Begriffe, argumentierten Storz und Arlt. So sei die traditionelle Gatekeeper-Rolle des Journalismus seit Jahren nicht mehr selbstverständlich. Vertreter von Gegen- und Nebenöffentlichkeiten seien überzeugt, selbst Journalisten zu sein. Nach einer neuen Produktionslogik, die sich ebenfalls Journalismus nenne, sei Aufmerksamkeit nicht mehr das notwendige Mittel zum journalistischen Zweck, sondern diene allein dem Geldverdienen.

Arlt, Journalismus-Forscher an der Berliner Universität der Künste, und Storz, von 2002 bis 2006 Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau", benennen sieben "Kerneigenschaften der journalistischen Arbeit": Unabhängigkeit, Aktualität, Allgemeinverständlichkeit, Relevanz, Richtigkeit, Kontrolle und Überparteilichkeit. Diese Begriffe würden jedoch häufig unscharf angewandt und nicht mehr als Einheit betrachtet. Dabei handele es sich nicht um einen "Warenhaus-Katalog, aus dem man sich einzelne Eigenschaften herauspicken kann", heißt es in einer Kurzfassung des Arbeitspapiers (http://u.epd.de/hyi). "Nur diejenigen sind Journalisten, die diesem Beruf in Handwerk und Anliegen nachgehen", lautet eine von Arlts und Storz' Schlussfolgerungen. Höchster Bedarf besteht nach der Analyse der beiden Forscher an wenig subjektiven journalistischen Formen wie der reinen Nachricht, Berichten und Analysen, die "Publikum und Gesellschaft zu eigenständiger Meinungs- und Willensbildung einladen und befähigen".

In der Diskussion stießen Arlts und Storz' Thesen auf Kritik. Frank Überall, der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), sprach sich dagegen aus, den Berufsstand reglementieren zu wollen: "Wer soll entscheiden, wer Journalist ist?" Außerdem machten der "Sparwahn" der Medienhäuser und das auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbreitete Bemühen um populär aufbereitete Inhalte dem Journalismus zu schaffen.

Volker Lilienthal, Professor für "Praxis des Qualitätsjournalismus" an der Universität Hamburg, sieht den Qualitätsjournalismus-Begriff ebenfalls skeptisch. Dennoch hält er eine begriffliche Ausgrenzung von bestimmten Formen des Journalismus für kontraproduktiv. Schließlich müsse die Aufmerksamkeit des Publikums erst einmal hergestellt und selbst die "Bild"-Zeitung "differenziert betrachtet werden". Zwar könnten Medieninhalte sich als "nicht mehr hinreichend journalistisch" erweisen, was jedoch weder pauschal für die Publikation, noch für die jeweiligen Journalisten gelten müsse. Generell gebe es bei gutem Journalismus "keine Angebotskrise, sondern eine Nachfragekrise".

Storz sagte, das im Hinblick auf die gesellschaftliche Funktion des Journalismus verfasste Arbeitspapier solle dazu dienen, eine analytische Unterscheidung von unterschiedlichen Positionen zum Journalismus-Begriff zu ermöglichen. Wenn Verbände wie der DJV dazu andere Positionen einnähmen, schaffe auch das Klarheit.

Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto-Brenner-Stiftung sagte, die Studie sei beauftragt worden, "weil es eine massive Vertrauenskrise der Medien gibt". Die Brenner-Stiftung ist die Wissenschaftsstiftung der IG Metall. Arlt und Storz haben bereits mehrere Arbeiten für sie verfasst, darunter "'Querfront' - Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks" (2015) und "'Bild' und Wulff - ziemlich beste Partner" (2012).

Aus epd medien Nr. 10 vom 4. März 2016

> zum Archiv von epd medien (Gastzugang)

cba