Kritik
Makaberes Highlight
VOR-SICHT: "Hindafing", sechsteilige Serie, Regie: Boris Kunz, Buch: Niklas Hoffmann, Rafael Parente, Boris Kunz, Kamera: Tim Kuhn, Produktion: Neusuper Produktions GmbH (BR, Doppelfolgen ab 16.5.17, dienstags 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die ersten Szenen könnten der Auftakt zu einem "Tatort" sein: Im schummrig beleuchteten Keller steht eine Kühltruhe, "Aufmachen!", dringt es dumpf heraus, man sieht die Beine eines Menschen, der auf die Truhe zugeht, dann dessen Hand, die den Deckel öffnet und den Blick freigibt auf eine in der Truhe liegende, bereits angefrorene, gefesselte Gestalt. Die Hand greift zu einem Schlauch, spritzt die Gestalt mit Wasser ab und macht den Deckel wieder zu. Es ist aber nicht der Auftakt zu einem "Tatort", sondern zu einer satirischen, sechsteiligen Heimatserie, die in einem fiktiven Ort der bayerischen Provinz spielt.

Und leider geht auch "Hindafing", wie schon der Miniserie "Morgen hör ich auf", noch vor der Ausstrahlung ein Ruf voraus, der in seiner Hybris der Serie nur schaden kann: "Morgen hör ich auf" ist bekanntlich vom Programmdirektor des ZDF als "deutsches ‚Breaking Bad'" angekündigt worden und musste in der Rezeption bitter dafür büßen; "Hindafing" haben die Macher gleich selbst als "bayerische Antwort auf ‚Fargo'" angepriesen und damit einen Vergleich provoziert, der ihrer Serie nur schaden kann.

Geht’s nicht ein paar Nummern kleiner und bescheidener? Es hätte doch genügt, "Hindafing" als giftige Antwort auf die bayerische Langlaufserie "Dahoam is Dahoam" zu bezeichnen. Im "Dahoam" von "Hindafing" geht es nämlich alles andere als heimelig zu, und folkloristisch höchstens in der urbayerischen Bösartigkeit. Unter den Bewohnern von Hindafing sind Lug, Trug, Intrigen, Erpressung, Drogen und Korruption an der Tagesordnung, dieser Ort ist sowohl Sodom als auch Gomorrha auf engstem Raum. Da wird sogar der Bürgermeister Alfons Zischl (Maximilian Brückner), wie sich am Ende der ersten Folge herausstellt, gefesselt und geknebelt in die Kühltruhe gesteckt.

Erst einmal aber geht es zu einer Trauerfeier in die Kirche. Der alte Zischl ist gestorben, und der junge Pfarrer (Michael Kranz) hat seine liebe Not, sämtliche Verdienste des Verstorbenen aus seinen fliegenden Blättern vorzulesen. Dann tritt Alfons Zischl vor die Trauergemeinde und erzählt - scheinbar gramgebeugt - den Anwesenden vom "Vermächtnis" seines Vaters: der "Vision", aus den Ruinen einer Konservenfabrik der Nazizeit Bayerns größtes Öko-Shopping Center, "Donau Village", in Hindafing zu errichten. Das ist freilich bereits die erste von vielen Lügen, denn es ist Alfons Zischl, der das ehrgeizige Projekt betreibt, sein Vater war dagegen (und soll sich jetzt "im Grab umdrehen").

Durch Vaters Tod hat Alfons mit seinem Spezi, dem Metzger Sepp Goldhammer (Andreas Giebel), freie Bahn - zumindest glaubt er das - und nimmt auch noch gleich das Projekt in Angriff, wieder als Bürgermeister zu kandidieren. Aber kaum ist die Beerdigung vorüber, taucht in Zischls Büro der Landrat Pfaffinger auf (Jockel Tschiersch), der ihm eröffnet, "der Freistaat" habe ihn beauftragt, Unterkünfte für Flüchtlinge "zu generieren". 50 sollen es in Hindafing zunächst mal sein, dann werde man weitersehen. Und Pfaffingers ölige Bemerkung, "Menschen in Not" müsse geholfen werden, ist natürlich der reinste Zynismus. Denn in Wahrheit weiß er schon, dass er damit das Projekt des "überkandidelten Supermarkts" torpediert: Es wäre das einzige Gebäude - noch ist es ein Rohbau -, in dem 50 Menschen untergebracht werden könnten.

Aber dann schlägt auch Zischls Stunde: Beim gewaltsamen Öffnen des Safes von seinem Vater findet er Papiere über ein Schwarzgeldkonto auf Panama über vier Millionen, die allerdings nicht der Sohn erben soll: Als Bevollmächtigter ist Landrat Pfaffinger eingetragen. Also macht Zischl die erpresserische Rechnung auf: du händigst mir die Millionen aus, dann nehme ich die Flüchtlinge. So beschmutzt eine Hand die andere. Obwohl die Modalitäten der Transaktion im Dunkeln bleiben: Wie konnte Pfaffinger in so kurzer Zeit an die Millionen Geldscheine aus Panama gelangen, die er Zischl in einer Reisetasche zuwirft?

Es ist auch nicht ganz einzusehen, warum sich der Landrat auf einen so abenteuerlichen Handel eingelassen hat, ohne für sich selbst eine größere Summe abzuzweigen. Schließlich erzählt die Serie ja davon, wie jeder jeden aus Profitgier oder Bosheit betrügt und so lange unter Druck setzt oder hinters Licht führt, bis die geschmiedete Intrige aufgeflogen ist und eine neue geschmiedet werden muss. Auch Zischls zwar demente, aber boshafte Mutter (Sylvia Eisenberger) nutzt ihre klaren Momente zum Intrigieren. Was Zischls Frau Marie betrifft, die Malerin (Katrin Röver): deren betrügerisches Tun verschlägt einem schier den Atem.

Sogar Gabi Goldhammer, die Metzgersgattin (Petra Berndt), die sich so reputierlich gibt, hat ein schmutziges Geheimnis. Noch schmutziger aber ist das Geheimnis ihres Mannes: Der lässt sich in großem Stil Fleischabfälle aus der Ukraine liefern, die er verarbeitet und als "Bio-Fleisch" verkauft. Der Verruchteste aber ist Zischl, dessen exorbitanter Kokainverbrauch ihn eigentlich längst in den Ruin getrieben haben müsste. Angeblich hat er sogar vor Jahren beim Starkbieranstich die Tochter von Karli Spitz (Heinz Josef Braun) "geschwängert". Das kleine Mädchen ist inzwischen schon ein paar Jahre alt, aber erst jetzt wird Zischl von Spitz zum Vaterschaftstest erpresst, denn Spitz, der Leiter des Vereinsheims, hat Ambitionen auf das Amt des Bürgermeisters und will als Gegenkandidat ins Rennen gehen. Zischl gibt die Urinprobe eines anderen ab - und prompt wird ein weiteres Geheimnis ruchbar.

In dieser bajuwarischen Schlangengrube von Schandtaten und dem Ensemble urbayerischer Schandtäter verliert man fast den Überblick, wer wen warum schon wieder über den Tisch gezogen hat. Aber im Zentrum steht ja Maximilian Brückner, bei dem alle Handlungsfäden zusammenlaufen, der seine Rolle mit umwerfend komödiantischem Furor ausstattet und in vollen Zügen genießt. Herrlich auch die Szenen mit dem Dorfpolizisten-Duo Ercan und Elke (Erol Yildirim und Bettina Mittendorfer), in denen der akzentfrei Deutsch sprechende Ercan auf penible Einhaltung der Gesetze pocht, währen Elke Fünfe grade sein lässt.

Doch dann wird auch noch unabsichtlich ein Mensch erschossen, dessen Leiche entsorgt werden muss - und spätestens da regt sich ein leichter Überdruss: Es wird zu viel der Boshaftigkeit. Trotzdem ist diese Serie ein kleines, übermütig makaberes Highlight, das anzuschauen Vergnügen macht. Nur eine entscheidende Schwäche hat die Serie: von "Fargo" ist "Hindafing" in jeder Hinsicht weit entfernt. In "Hindafing" ist nicht begriffen worden, dass es auch für eine Satire nicht genügt, Untat auf Untat zu häufen. Es sollte, wie in "Fargo" die Polizistin, auch eine Figur geben, mit der man sich identifizieren kann, weil sie als Gegenpol zu Übeltätern Integrität verkörpert.

Aus epd medien Nr. 19/17 vom 12. Mai 2017

Sybille Simon-Zülch