Kritik
Leises Seelendrama
VOR-SICHT: "Brandnächte", Fernsehfilm, Regie: Matti Geschonneck, Buch: Hannah Hollinger, Kamera: Theo Bierkens, Produktion: Network Movie (ZDF, 27.11.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). "Wenn man hierbleibt, wird man eines Tages vom Berg erschlagen oder man ertrinkt im See. Meine Schwester ist verbrannt." Acht Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Julia Gerbers (Sophie von Kessel) Schwester Sophia in einem Dorf im Voralpenland ist auch ihr Mörder Kolnick gestorben. "Der kleine Schwachkopf", wie er von allen genannt wurde, ein geistig Zurückgebliebener, war bei Sophia Schwarz (Inez Björk David) in der Mordnacht durchs Fenster gestiegen, um sich an ihr zu vergehen, hatte das Haus angezündet und war von der Polizei in der Nähe des Tatorts hinter einem Baum kauernd aufgegriffen worden. So stand es in der Ermittlungsakte, heißt es. Die Akte selbst ist verschwunden.

Man sagt, dass der Verdächtigte trotz zahlreicher Indizien erst nach drei Tagen Verhör gestanden hat. Sicher ist, dass er den Rest seines Lebens in der geschlossenen Psychiatrie in Rosenheim verbrachte. Nun liegt Kolnick, der "Schwachkopf", nach seinem frühen Ableben aufgebahrt in der Dorfkirche. Seine Todesanzeige zitiert Psalm 26: "Herr, schaffe mir Gerechtigkeit." Bei der Beerdigung kommen ein einziges Mal in diesem Film all jene zusammen, deren Spuren der Erinnerung sich allmählich zu einem Bild fügen werden.

Es ist ein farb- und freudentleertes Bild. Den Hintergrund bilden schroffe Naturansichten, die nur dem Naivsten paradiesisch vorkommen können. Sophia, sagt man, war so ein Gemüt. Ihrer Lebenslust war das Dorf mit den Bergen, seinen Wäldern und seinem See ein Paradies, genau wie dem "kleinen Schwachkopf". Für alle anderen ist es ein Ort der Hölle.

Matti Geschonnecks Fernsehfilm "Brandnächte" lebt von und mit der Reduktion. Reduziert erscheint die Farbgebung, Grautöne bestimmen das Bild (Kamera: Theo Bierkens). Ausschnitte und Details der Interieurs lenken den Zuschauerblick. Man sieht kaum einmal in die Weite, nur ganz zum Schluss, als sich winzige Puzzleteilchen zu einem moralisch abscheulichen Gesamtbild gelegt haben.

Was die Bildebene bestimmt, gilt ebenso für die Figuren. Wenige Personen nur gruppieren sich als Beteiligte um das zurückliegende Verbrechen. Was sie sind und antreibt, ihre Motive, Maximen und Lebenslügen, was sie in der Ödnis hielt oder in die Stadt München trieb: Nichts davon wird laut ausgesprochen. Sondern umspielt und beim Versuch des Verbergens im Gespräch wider Willen als Subtext offenbart. Das subtile Drehbuch von Hannah Hollinger spielt sein Thrillerspiel mit sanften Unterströmungen und leisen Andeutungen, die sich zur monströsen Geschichte erst ganz allmählich und mit viel Gefühl für Zeitökonomie im letzten Drittel des Films weiten.

In "Brandnächte" zeigt sich Geschonnecks Gespür für Wirkung und manipulativen Sog einer Geschichte, bei der wenig so ist, wie es auf der Hand zu liegen scheint. Gerade, wenn man meint, dass diese Ermittlung der Vergangenheit an Tempo verliert und etwas zu elegisch daherkommt, wird das Erzähltempo angezogen. Sobald man denkt, nun den einen logischen Zipfel in der Hand zu halten, von dem aus sich das narrative Gewebe in Gut und Böse aufribbeln lässt, wird es moralisch obskur.

Fest steht von Beginn an: Julia Gerber, die Schwester der Toten, inzwischen Senior Partnerin in einer großen Münchner Kanzlei, erhält seit einiger Zeit drohende E-Mails. Man habe den Falschen verurteilt, und der sei jetzt ebenfalls tot. Ihr Mann Nick (Thomas Loibl) warnt. Schon damals habe sie den Tod der Schwester nicht verkraftet. Julia fährt zurück in das freudlose Dorf ihrer Kindheit. Die Brandruine existiert noch immer. Die Zeit scheint wie ein merkwürdiges Kontinuum, die Vergangenheit kaum vergangen, für Wald und Flur sind acht Jahre nichts. Für die Menschen schon.

Kommissar Maurer (Tobias Moretti) ist seit drei Jahren suspendiert oder ausgeschieden und trinkt. Die Psychiaterin Lisa Poldack (Barbara Auer) betreute den Täter in der geschlossenen Anstalt und schrieb die entscheidenden Gutachten. Johannes Falk (Nikolaus Paryla), der Vater des Mörders, lebt in der Seniorenresidenz ("Alten-KZ") im Rollstuhl, ein verschlagener Charakter, dem alle Todsünden ins Gesicht eingeschrieben scheinen. Der Film gruppiert diese fünf Hauptakteure zum fluiden Tableau mit ständigem Platzwechsel.

Julias Recherche evoziert Erinnerungen. Im Haus ihrer Eltern, unbewohnt, flackert das Licht, die Sicherungen brennen durch, ein neuer Brand entsteht. Alte Leitungen und die Feuchtigkeit in den Wänden. Eine physikalische Erklärung. Typisch Geschonneck-Hollinger, wie hier elegant von Abgründen erzählt wird, aber selten gelingt die gestalterische Umsetzung so überzeugend zurückgenommen wie hier. Der Schnitt von Ursula Höf, das Szenenbild von Ulrich Hintzen und die Komposition von Nikolaus Glowna und Ludwig Eckmann, nicht zuletzt vor allem das Zusammenspiel der Hauptdarsteller tragen zum Gelingen maßgeblich bei.

"Brandnächte" ist ein leises Seelendrama, das seinen Nachhall gerade aus der Allmählichkeit der Aufdeckungen gewinnt. In satt leuchtende, heimelige Farben getaucht zeigt sich nur der Präpariertisch, an dem der grundböse Johannes Falk seine abgeschossenen seltenen Vögel wieder zu scheinbarem Leben erweckt, indem er jede Feder ihres toten Gefieders mit seinen Instrumenten liebkost. Aber selbst diese Prachtgeschöpfe der Natur bergen ein Geheimnis. Wie sich herausstellt, hatten alle einen ansteckenden Virus. Selektion, so Falk, sei eben notwendig.

Es ist Karfreitag, wenn "Brandnächte" beginnt. Gottesdienste und Prozessionen bringen Ordnung in die Ungerechtigkeit, aber keine Erlösung. Die fahlen Farben der Natur werden schließlich aufgehoben in den Osterfeuern. Ein Trost des Brauchtums, aber nicht für die Menschen. Nicht in der Natur, sondern nur im Häusermeer der Großstadt, so behauptet zumindest dieser Film überzeugend, kommt der Mensch als Mensch zu sich.

Aus epd medien Nr. 47 vom 24. November

Heike Hupertz