Ob beim Zappen durch die TV-Sender, bei Sponsorenhinweisen vor Fußballspielen, Formel 1-Rennen oder beim Wetter im Ersten, ob in den von Günther Jauch freundlich anmoderierten Werbeblöcken bei "Wer wird Millionär?" oder im Programm der zahlreichen öffentlich-rechtlichen und privaten Dudelwellen: Überall trifft man ihn an, den Lärm.
Nah an der Verzerrungsgrenze
In der deutschen Rundfunklandschaft, und nicht nur hier, sondern weltweit, herrscht Krieg, ein Krieg, der mit dem Begriff Loudness War umschrieben wird, ein Krieg um die Lautheit, also. Umgangssprachlich gerne auch Krach genannt. Verantwortlich dafür ist vor allem ein Gerät, das die Ton- und Musikproduktion spätestens seit Aufkommen der CD dominiert: der Kompressor.
Der etwas martialisch und industriell anmutende Name dieses in Fachkreisen als Regelverstärker bezeichneten Geräts bringt dessen Wirkungsweise auf den Punkt. Der Kompressor drückt in einem Tonsignal laute Stellen sozusagen herunter und verkleinert so den Dynamikumfang, den Unterschied zwischen laut und leise. Das zusammengestauchte Signal wird anschließend wieder verstärkt und klingt bei besonnenem Einsatz insgesamt präsenter. Übertreibt man es aber, wird es vor allem lauter und – wie Medienmenschen gerne sagen – fetter. Zu Zeiten der Schallplatte war das in dem Maße, wie es heute praktiziert wird, noch nicht möglich. Die Nadel machte ab einer bestimmten Lautheit schlicht nicht mehr mit und verzerrte die Wiedergabe. Erst mit dem Aufkommen der CD und der digitalen Produktionstechnik in den 80ern bekam die Kompression richtig Schwung.
Produzenten und Toningenieure tasteten sich immer näher ran an die Verzerrungsgrenze, die Tonträger wurden spürbar lauter. Vergleicht man etwa das Album "Joshua Tree" der irischen Rockband U2 aus dem Jahr 1987 mit ihrer aktuellen Platte "No Line on the Horizon" von 2009, sollte man den Lautstärkeregler seiner Hi-Fi-Anlage gut im Griff haben.
Unnatürlicher Eindruck
Noch deutlicher spiegelt sich dieses Phänomen bei Programmtrailern und Werbespots im Fernsehen wider, wo bisweilen ungezügelt komprimiert wird. Wenn dann der Mann einer bekannten Bierwerbung mit sonorer Stimme "eine Perle der Natur" anpreist, dürfte in Deutschlands Wohnzimmern die Plastikverkleidung so mancher Flimmerkiste vibrieren.
Gleiches gilt für die Werbung bei Autos, Medikamenten, Banken und gelegentlich auch Baumärkten ("20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung"). Mit dem Resultat dieser Hyperkompression muss sich Stefan Zeh täglich vergnügen. Er bearbeitet bei der WDR Mediagroup in Köln die zugelieferten TV-Spots der unterschiedlichen Firmen, bevor sie im Vorabendprogramm beim Ersten ausgestrahlt werden.
"Es ist wirklich ausgereizt", sagt der Toningenieur. "Die Spots haben teilweise überhaupt keine Dynamik mehr, was einen dermaßen unnatürlichen Eindruck wiedergibt und auch akustischen Stress verursacht." Das unnatürliche Klangbild führe nicht nur zu Beschwerden vonseiten der Konsumenten, "allen seriösen Toningenieuren ist es ein Gräuel, so zu arbeiten", sagt Zeh.
Trotzdem dominiert der nervige Lärm das tägliche Programm im Fernsehen, denn jedes Programm, jeder Werbekunde will im Meer der Lautheit wahrgenommen werden. Ganz ähnlich wie bei Marktschreiern. Daher produzieren Studios und TV-Sender weiterhin am absoluten Limit – so laut wie möglich.
Dynamik per Gesetz
In den USA wurde dem Treiben mit dem Commercial Advertisement Loudness Mitigation Act mit dem schönen Apronym CALM mittlerweile ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben. In Großbritannien hat das Broadcast Committee of Advertising Practice (BCAP) ebenfalls per Gesetz eine Regelung erlassen, Frankreich und die Niederlande wollen kommendes Jahr nachziehen.
Auch in Deutschland kommt Bewegung in die seit Jahren festgefahrene Situation. Erste ARD-Anstalt, die in ihrem TV-Programm bereits die sogenannte Lautheitsnormierung praktiziert, ist der NDR. Die anderen Sender des Verbunds wollen sich 2012 anschließen. Allzu große Pegelsprünge zwischen Programm und Werbespot sollen dann der Vergangenheit angehören, der TV-Konsum soll ein "harmonisches Hörerlebnis" sein. Grundlage für dieses Erlebnis ist die im Sommer 2010 verabschiedete Richtlinie R128 der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Das Dokument, das einem Friedensabkommen im Kampf um die Lautheit gleichkommt, räumt vor allem mit einem Missverhältnis auf: der Messung des Spitzenpegels.
Bislang wird bei der Produktion maßgeblich darauf geachtet, dass das Audiomaterial einen bestimmten Pegel, einen elektrischen Wert, nicht überschreitet. Liefert man etwa einen Fernsehbeitrag an die ARD, so gilt zumeist die Vorgabe, den Ton auf maximal -9 dBFS (Dezibel Full Scale) zu produzieren. Wie sich das Material zusammensetzt, ob es dynamisch ist, mit lauten und leisen Passagen, oder ein einziges komprimiertes lautes Ereignis, spielt kaum eine Rolle. Hauptsache, der Spitzenwert wird nicht überschritten.
Auf dB folgt LU
Das menschliche Ohr kann mit diesen Spitzenwerten und Maximalpegeln allerdings wenig anfangen. Ausschlaggebend ist für uns das subjektive Empfinden, ob etwas zu laut oder zu leise ist. Ein einzelnes lautes Schallereignis wie einen Knall nehmen wir deutlich intensiver wahr als das gleichbleibend laute Feuerwerk. Und das, obwohl beide Ereignisse dieselben Spitzenwerte haben mögen.
Auch nehmen wir nicht alle Frequenzen gleich laut wahr. Das Ohr hat sich über die vergangenen Jahrtausende auf den Frequenzbereich der gesprochenen Sprache spezialisiert. Daher hört sich für uns der Kammerton A bei 440 Hertz deutlich lauter an als ein 50-Hertz-Brummen mit demselben Pegel.
Bei der neuen Richtlinie kommt es daher auf die Mischung an. Zukünftig ist nicht mehr der Spitzenwert entscheidend, sondern ein Mittelwert über eine bestimmte Zeitspanne hinweg. Um diesen messen zu können, sind neue Geräte, Loudness-Meter, notwendig. Auf denen werden dann Toningenieure, Techniker und Redakteure anstatt zappelnder Pegelspitzen vor allem einen merkwürdigen Wert im Auge behalten müssen: -23 LUFS.
"LU" steht für "Loudness Units". Um das alte dB mit dem neuen LU vergleichen zu können, werden beide Einheiten auf die absolute digitale Vollaussteuerung, die "Full Scale" ("FS"), bezogen. Bei 0 dBFS ist das obere Ende dieser Skala erreicht, alles über 0 übersteuert. Deswegen gilt bislang eine Art Sicherheitsabstand von 9 Dezibel, so dass die Signale für die Fernsehsender in der Regel nicht lauter als -9 dBFS sein dürfen.
Die EBU-R128 räumt Tonschaffenden nun bedeutend mehr Freiraum ein. Sie dürfen fortan wieder dynamischer produzieren und mit dem Pegel für kurze Zeit auch mal deutlich von den -23 LUFS abweichen. Eine im positiven Sinn gewöhnungsbedürftige Entwicklung, findet Stefan Zeh.
Das Ohr ist das Maß aller Dinge
Viele erfahrene Toningenieure hätten ihm bestätigt, dass das Mischen nach Loudness Units zu Anfang für sie eine kleine Umstellung ist. Der gewohnte, ständige Blick auf die Messgeräte sei nicht mehr nötig. Das Ohr wird wieder zum Maß aller Dinge. "Wenn man sich erst einmal auf so ein Grundniveau eingemischt hat, dann ist es nicht schwer, das weiterhin zu halten. Man kann dann seinen Ohren vertrauen und die Lautheit im weiteren Verlauf sehr gut auch ohne Messgerät steuern", sagt Zeh.
Ab Anfang kommenden Jahres werden sich die Produktionsfirmen der Werbespots zumindest für die ARD umstellen müssen. Dann wird der Senderverbund alle Tonsignale im Fernsehprogramm auf denselben mittleren Lautheitswert von -23 LUFS anpassen. Wer dann stark komprimierte TV-Spots nach altem Schema abliefert, verliert.
Die lauten Stücke werden gemäß der neuen Richtlinie nachbearbeitet und können dann gegenüber Spots mit großer Dynamik ihre Wirkung nicht mehr entfalten. Stefan Zeh empfiehlt daher, TV-Spots von vornherein nach der neuen Richtlinie zu produzieren. Die Werbung klinge ausgewogener und lasse sich besser ins Programm einfügen. Zuschauer stellten dann nicht mehr den Ton leise, sondern würden die Werbeunterbrechung einfach laufen lassen. Dass das in der Praxis funktioniert, beweist der italienische Privatsender Fox. Er mischt sein Programm schon seit Jahren nach Loudness Units. Dem Werbeaufkommen des Senders hat dies offensichtlich nicht geschadet.
Auch das ZDF sieht die Lautheitsnormierung als eines der großen Themen für das kommende Jahr. Hans-Joachim Strauch, Geschäftsführer des ZDF-Werbefernsehens, zeigt sich allerdings verwundert, dass die ARD bei dem Thema so voranprescht. "Wir sind bemüht, bei der Umstellung für die neue Richtlinie mit unseren Marktpartnern eng zusammenzuarbeiten. Das braucht Vorbereitung, damit die Firmen auch wissen, worauf sie sich einstellen müssen", sagt er. Es sei sicherlich nicht dienlich, wenn eine Firma ein und denselben Spot in zwei Versionen produzieren müsse.
Bei den Privatsendern wartet man noch ab, wie sich der Einsatz der neuen Richtlinie entwickelt. "Wir werden die Umsetzung zunächst in der praktischen Wirkung beobachten", teilt RTL mit. Die Sender der Mediengruppe, die mit ihrem Sounddesign bisher sehr zum Lautheitswahn beitrugen, seien "immer darauf bedacht, den Lautstärkepegel zwischen Filmen, Trailern und Werbung so anzupassen, dass ein gleichbleibender Höreindruck erreicht wird." Was das genau bedeutet, weiß nur RTL.
Etwas konkreter formuliert es der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT): Verschiedene Sender hätten bereits den Einsatz der neuen Richtlinie geprüft und grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, sagt der medientechnologische Leiter des VPRT, Sebastian Artymiak. "Das Stimmungsbild im VPRT ist hierzu aber noch nicht abgeschlossen."
Das größte Problem bei der Umstellung auf die neue Richtlinie dürfte für die Sender der logistische Aufwand sein. Um Nachteile für Werbekunden zu vermeiden, sollen Werbespots und Trailer, die nach der alten Norm gemischt wurden, nicht gemeinsam mit Spots gesendet werden, die entsprechend der neuen Richtlinie produziert sind. Daher brauchen die Sender einen gewissen Vorlauf, um ihr Programm komplett umzustellen. Sofern der organisatorische und finanzielle Aufwand überschaubar ist, stünden zumindest die großen Privatsender einer Anpassung der Lautheit offen gegenüber, sagt Artymiak. "Dies würde dann sukzessiv erfolgen." Das weitere Vorgehen soll unter anderem bei einem Treffen Anfang Dezember am Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT) beraten werden.
Technische Revolution
Neben der Mediengruppe RTL und ProSiebenSat.1 wird auch Sky dabei sein. Sollten sich tatsächlich ARD, ZDF und die privaten Fernsehsender zur neuen EBU-Richtlinie bekennen, steht dem Rundfunk in Deutschland eine kleine technische Revolution ins Haus. Zumindest im Fernsehen. Und der Krach im Hörfunk?
Das kann dauern. Hört man beim WDR intern nach, erfährt man von Arbeitsgruppen, die sich mit diesem Thema in den kommenden Monaten auseinandersetzen sollen. Spruchreifes gibt es nicht. Das mag auch daran liegen, dass die Voraussetzungen beim Radio anders sind. Im Gegensatz zum Fernsehen verfügen die meisten Hörfunkprogramme, ob öffentlich-rechtlich oder privat, über ein durchformatiertes Programm, das in sich stimmig ist. Stimmig sein soll.
Bis auf einzelne Werbespots halten sich die Lautstärkesprünge beim Radio in Grenzen. Nicht zuletzt wegen des hohen Anteils an stark komprimierter Musik ist es einfach immer laut. Die Lautheit in analogen UKW-Radioprogrammen hat neben dem Hoffen auf Aufmerksamkeit noch einen anderen, existenziellen Grund: Sie bringt mehr Reichweite. Die Wellen eines lauten Radiosenders strahlen weiter, erreichen somit mehr Hörer, sind stabiler gegenüber Umwelteinflüssen und werden beim Sendersuchlauf besser gefunden. Warum also sollten Radiosender ihre Lautheit begrenzen?
Würde man die EBU-R128 Richtlinie bei einem herkömmlichen Radioprogramm anwenden, wäre das Resultat ein leiseres Programm mit einem geringeren Pegel, sagt Susanne Rath, Geschäftsfeldleiterin Online und Ton am IRT. "Für das UKW-Radio würde das eine Reichweiteneinbuße bedeuten, die für einen Betreiber problematisch sein könnte." Anders ist es beim Digitalradio. Da verwässert eine zu starke Komprimierung vor allem den Klang, mehr Reichweite bringt das nicht.
Musikindustrie muss mitmachen
Mit der neuen Richtlinie bliebe beim Radio zudem ein wichtiges Problem ungelöst: Die oft bis zum Anschlag komprimierten Musiktitel, auf die die Sender keinen Einfluss haben. "Ein richtiger Durchbruch kann nur erzielt werden, wenn bereits bei der Produktion eine Lautheitsaussteuerung berücksichtigt und mehr Dynamik zugelassen wird", sagt Rath. Dass Plattenfirmen und Musikproduzenten dazu bereit sind, darf bezweifelt werden.
Die Ingenieurin Rath formuliert dennoch eine leise Hoffnung: "Es könnte sein, dass die Kompression, wenn sie nicht mehr zu einer Lautheitserhöhung beiträgt, eher unangenehm oder sogar störend wirkt." Als hervorstechendes Merkmal eines Senders würde dann die Tonqualität in Form größerer Dynamik wieder maßgeblicher werden, hofft sie. Vieles spricht dafür, dass Punkt eins, die störende und nicht mehr zu erhöhende Lautheit, im Radio längst Alltag ist. Seien wir also gespannt auf die hervorstechenden Merkmale. Aus epd medien Nr. 48 vom 2.12.2011 > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)
