Tagebuch
La France, son amour. Ulrich Wickert wird 75
Frankfurt a.M. (epd). Der Fernseh-Moderator Ulrich Wickert schien das Zeitgeschehen allein durch sein Mienenspiel zu kommentieren und strahlte meistens Humor und Gelassenheit aus. 15 Jahre lang moderierte er die ARD-"Tagesthemen", von 1991 bis 2006, vom Zerfall der Sowjetunion bis zum deutschen Sommermärchen. Wir Zuschauer sahen mit ihm im Fernseh-Studio Helmut Kohl stürzen, Rot-Grün vorüberziehen und den Einzug von Angela Merkel ins Kanzleramt.

Wickert, der in den 70ern und 80ern zwei Mal ARD-Korrespondent in Paris war, konnte bissige Interviews führen, sich aber auch wunderbar komisch verhaspeln. "Irgendwie knorrig" nannte ihn Wolf von Lojewski. Am Ende wirkte Wickert allerdings zunehmend onkelhaft und nicht mehr sehr souverän.

Heute sind die aktuellen Tagesthemen immer noch sein Stoff - für Bücher, die in derart schneller Abfolge auf den Markt geworfen werden, dass man sich fragt, ob es nicht ein Wickert-Double gibt, das die Lesereisen absolviert, während der echte Wickert weiterschreibt - oder umgekehrt. Nebenbei hat der Mann ja auch noch ein Privatleben: Seit 2003 ist er mit der 29 Jahre jüngeren Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel verheiratet, im März 2012 wurde er noch einmal Vater von Zwillingen.

Gerade erschienen ist das Buch "Nie die Lust aus den Augen verlieren - Lebensthemen". Nur wenige Wochen zuvor: "Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen". Auf dem Cover ist im Vordergrund der 1,96 Meter große Ulrich Wickert zu sehen, neben ihm, kleiner, der 325 Meter große Eiffelturm. Ein halbes Dutzend Sachbücher hat der in Hamburg und Südfrankreich lebende Wickert mittlerweile allein über seine zweite Heimat geschrieben. Außerdem Kriminalromane mit einem französischen Richter als Helden. Eine gewisse geschäftstüchtige Eitelkeit darf man dem Vielschreiber nachsagen, denn manche Anekdote wiederholt sich in seinen Büchern.

Wickert, der am 2. Dezember 75 Jahre alt wird, mischt sich gerne auch mit grundsätzlichen Gedanken über den Verfall der Werte und die Rolle von Politikern und Journalisten ein. Die Halbwertszeit von Werken wie "Das Buch der Tugenden" oder "Gauner muss man Gauner nennen" ist allerdings begrenzt. Weil Buch-Autor Wickert kluge Gedanken gern in einem Meer von Belanglosigkeiten versenkt.

Ein Sammelsurium aus Anekdoten, persönlichen Erfahrungen und eigenen Reflexionen war auch das im vergangenen Jahr erschienene schmale Bändchen "Medien: Macht & Verantwortung". Einen roten Faden sucht man da vergebens. Das Buch liest sich so, als säße Wickert wieder als Moderator im Fernsehstudio und fände einfach kein Ende auf seiner Reise vom Hölzchen zum Stöckchen. Wickerts Medienkritik ist deshalb von eher flüchtiger Art. Ab und zu hat er sich in den vergangenen Jahren auch in Interviews Gehör verschafft. 2009 beklagte er in der FAZ die "sprachliche Verlotterung" der Nachrichtensendungen von ARD und ZDF.

Im Deutschlandfunk lobte er jüngst zwar die deutsche Presselandschaft als "die beste der Welt", bescheinigte den Medien zugleich aber, in der Flüchtlingskrise nicht genug Distanz gewahrt zu haben und mit Angela Merkel im Bundestagswahlkampf "sehr unkritisch" umgegangen zu sein. "Wir machen einen guten Job, könnten aber einen noch besseren Job machen", sagte Wickert. Von ihm würde man sich zum Geburtstag ähnliches wünschen, solange er es mehrfach im Jahr versteht, mit neuen Büchern von seiner Popularität als ehemaliger "Mr. Tagesthemen" zu profitieren.
Aus epd medien Nr. 48 vom 1. Dezember 2017

Thomas Gehringer