Debatte
Lügen und lügen lassen
Die US-Medienrealität unter Präsident Trump
Washington (epd). Im April läuft in der US-Hauptstadt Washington gewöhnlich das "White House Correspondents' Dinner", bei dem die allererste Sahne aus Medien, Politik und Hollywood und sonstige befrackte und abendkleidbekleidete Eliten zusammenkommen - zu furchtbar klugen, geistreichen und witzigen Ansprachen. Der Präsident und die First Lady nehmen gewöhnlich teil. 2011 hatte Barack Obama den anwesenden Donald Trump verspottet, der bei seiner TV-Show "Celebrity Apprentice" Entscheidungen treffen müsse, die ihm, Obama, nachts den Schlaf rauben würden. Mal schauen, ob Donald und Melania vorbeischauen werden bei der kommenden Party.

Es war Ende Januar bei einem Journalismus-Forum der Nieman-Stiftung an der Harvard Universität in Massachusetts. Es ging um die Zukunft der Medien. Vor nicht allzu langer Zeit wären Macher zu so einem Gespräch zusammengekommen, um über den "Tod des Geschäftsmodells" Journalismus zu sprechen, sagte Ann Marie Lipinski, Kuratorin der Stiftung. Doch jetzt rede man über sehr grundsätzliche Fragen, über das Wesentliche am Journalismus und die "Zukunft einer Demokratie mit Journalismus in ihrem Mittelpunkt". Trump ist nämlich seit ein paar Wochen Präsident.

Diese "grundsätzlichen Fragen" sind anscheinend noch nicht zu beantworten. Denn die Umstände stellen vermeintliche Gewissheiten infrage. Am Newseum in Washington, dem selbstbeweihräuchernden Tempel der News-Industrie (epd 36/08), hing am Tag von Trumps Amtseinführung ein großes Banner: Das Newseum heiße Präsident Trump willkommen. Der lag zwar bereits im Wahlkampf im Clinch mit Fakten und Reportern, doch zur Förderung der Pressefreiheit suche das Newseum den "offenen und ehrlichen Dialog" mit der politischen Führung, sagte Newseum-Sprecher Jonathan Thompson. Man habe Trump und sein Kabinett zum Besuch eingeladen.

Stärkung investigativer Teams

Dass der Präsident die Einladung annimmt, erscheint inzwischen eher unwahrscheinlich. Bekanntermaßen ist der Stand der Dinge so: Am ersten vollen Tag im Amt erklärte Trump, er befinde sich in einem Dauerkrieg ("running war") gegen die Medien. Sein Chefstratege Steve Bannon sagte in der "New York Times", die Medien seien die Oppositionspartei, die "den Mund halten" sollte, denn sie verstehe die Menschen in den USA nicht (und auch nicht, warum Trump Präsident geworden sei). Es ließe sich eine Jeremiade schreiben über einen Präsidenten, der selbst über Publikumszahlen und das Wetter bei seiner Amtseinführung lügt und lügen lässt.

Doch in erster Linie stellt sich "den Medien" die Frage, wie sie mit der neuen Realität umgehen, in der man nicht immer weiß, welchen Tweet man ernst nimmt und welchen weniger. In der Pressesprecher Sean Spicer Reporter kritisiert, weil sie angeblich fälschlich über eine Einreisesperre ("travel ban") für Flüchtlinge und Reisende aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern berichteten. Es gehe doch nur um "extreme Sicherheitsüberprüfungen". Auf Rückfrage, dass Trump selber von einem "ban" spreche, erklärte Spicer, Trump benutze nur "die Worte, die die Medien benutzen".

Die Leitmedien verstärken investigative Teams. Die "New York Times" hat sechs anstatt drei Reporter im Weißen Haus. Die Medienkritikerin der "Washington Post" verlangte, ihre Kollegen müssten in Zukunft mehr Fakten liefern und weniger Meinung. Reporter ohne Grenzen appellierte an Trump und Co., nicht länger das "First Amendment" zu untergraben, das in der US-Verfassung die Redefreiheit garantiert. In Redaktionen wird diskutiert, wann von "Lügen" gesprochen werden soll. Um zu lügen, muss man bewusst die Unwahrheit sagen - oder reicht es schon, dass man Unwahres behauptet, weil man es für richtig hält?

"Trump ist eine Medienorganisation"

Schwer einzuschätzen sind nicht nur die "Shock and Awe"-Strategie im Weißen Haus, sondern auch die öffentliche Reaktionen auf Trump und die Befindlichkeiten der Fans des großen Mannes. Im liberalen Wochenmagazin "The Nation" schlug Medienexperte Michael Massing vor, Redaktionen sollten sich weniger mit High Society und dem Lebensstil der Reichen und Berühmten befassen, stattdessen mehr mit dem Alltagsleben arbeitender und einkommensschwacher US-Amerikaner. Würde jemand regelmäßig über die Innenstädte, die Wohnwagensiedlungen und Dörfer in den Kohlegebieten schreiben, stünde das "andere Amerika" mehr im öffentlichen Bewusstsein. Doch hier kommt vermutlich die finanzielle Realität in die Quere. Berichterstattung kostet, und welcher Konzern will schon Werbung schalten neben einem Text über Armut in Amerika?

Der Chefredakteur der "New York Times" (NYT), Dean Baquet, lobte im Fachblatt "Variety", in seiner Zeitung sei trotz allem die Moral besser als jemals zuvor in seiner Erinnerung. Die digitalen Abozahlen gingen in die Höhe. "Unser Auftrag war noch nie eindeutiger als heute. Das Land schaut auf uns, und die Leute wollen, dass wir die Macht herausfordern, die harten Fragen stellen", sagte Baquet. "Wir werden gebraucht (...). Ich muss sagen, das ist ein gutes Gefühl." Medienprofessor Jeff Jarvis sagte der BBC, die Medien hätten eine "riesige Gelegenheit" in der neuen Landschaft.

Die NYT und zahlreiche Zeitungen und Rundfunksender haben in der Tat viel aufgedeckt zu Trump. So what? Bei allen guten Gefühlen zeigt sich eine gewisse Machtlosigkeit. Trotz stapelweise kritischer Kommentare legt Trump seine Steuererklärungen nicht vor, und er behält als Präsident die Kontrolle seiner Wirtschaftunternehmen. In der "Columbia Journalism Review" erschien kurz vor Amtsantritt ein hilfreicher Aufsatz mit dem Titel "Donald Trump ist eine Medienorganisation", und zwar eine "laute, kompetitive, digital gewandte, populistische Medienorganisation". Seinem Benehmen nach, mit den Getwittere und den Attacken, setzte sich Trump nicht nur als Gegner der existierenden Presse in Szene, sondern auch als Konkurrent. Widersacher würden zurückgedrängt, Zulieferer belohnt.

Was sind Fakten?

Zu diesem Konstrukt passt Bannons Spruch über "Medien als Oppositionspartei". Bannon, der frühere Betreiber von "breitbart.com", von ihm selbst klassifiziert als "Plattform für die Alt-Right-Bewegung", die Sexismus und Rassismus und einen weißen Nationalismus normalisieren will. Sicher hat Bannon nicht unrecht mit seiner ätzenden Bemerkung, "die Medien" verstünden Trumps Wahl nicht. Dass "die Medien", der Autor dieses Artikels schließt sich da ein, Trump nur minimale Chancen einräumten, hat komplexe Gründe, ist aber dennoch ein schwer zu widerlegendes Indiz, dass nicht ausreichend verstanden wurde, was ablief in dem großen Land. Das schmerzt. Und die Gefahr ist da, dass "die Medien" bei ihrer Kritik an Trumps ersten Wochen den alten Fehler noch mal machen.

"Die Medien" sind häufig baff und entsetzt und spotten, wenn Trump und seine Leute Unsinnigkeiten und Lügen servieren, von falschen Zahlenangaben über das Publikum bei der Amtseinführung bis hin zu der genüsslich verspotteten Aussage von Trump-Beraterin Kellyanne Conway über das "Massaker" von Bowling Green in Kentucky als Begründung des Einreiseverbotes. Sie hat ihren Fehler später korrigiert und eingeräumt, dass es dieses Massaker nicht gab, freilich mit dem Hinweis, in den Medien finde man viele Fehler. "Ich habe mich bei einem Wort versprochen", sagte sie bei Fox. "Die Korrekturen in den Zeitungen, die mich angreifen, sind jeden Tag drei Absätze lang."

Sehr aufschlussreich ist auch Conways Erfindung des Begriffs "alternative Fakten". Ihre Statement war neu in seiner Deutlichkeit, doch schon ein großer Teil des Wahlkampfes war geprägt von der Auseinandersetzung über die Frage, was Fakten sind. Die Regierung an der Macht bietet ihren Anhängern alternative Fakten und Erklärungen an. Das können Lügen sein, die oft genug wiederholt werden, oder man setzt Behauptungen in ein neues Umfeld. Ein Beispiel ist Trumps Erklärung zum Holocaust-Gedenktag, bei dem er es schaffte, das Wort "Juden" nicht zu erwähnen, sondern von "Opfern, Überlebenden, Helden des Holocausts" zu sprechen.

Rechte Medienwelt

Trump-Sprecherin Hope Hicks erklärte auf CNN, die Formulierung sei beabsichtigt gewesen, denn "trotz der Medienberichte, sind wir eine unglaublich inklusive Gruppe, und wir haben alle dazugerechnet, die gelitten haben". Der Kolumnist John Podhoretz kommentierte im Magazin "Commentary": Die "Endlösung richtete sich allein gegen die Juden. Beim Holocaust ging es um die Juden." Die Historikerin Deborah Lipstadt schrieb bei "theatlantic.com" von "klassischer Softcore-Verleugnung".

Trump weiß, dass bei seinen Leuten journalistische Empörungen über die bösen alternativen Fakten nicht besonders gut ankommen. Das rechte Spektrum ist nicht unzufrieden mit dem neuen Mann im Weißen Haus. Umfragen sind mit Vorsicht zu genießen, wie man spätestens seit der Präsidentschaftswahl weiß, doch Trump stößt mit vielen seiner Maßnahmen auf Beifall bei seinen Leuten. 85 Prozent der Republikaner begrüßten den Einreisestopp, ermittelte CBS. Genau 85 Prozent der Demokraten seien dagegen.

In der rechten Medienwelt erleben die Konsumenten den Präsidenten anders. Ein Talkshow-Moderator im Fox-Fernsehen berichtet, "die Medien" steckten voller überbezahlter und realitätsferner fauler Millionäre. Eine Fox-Nachrichtensendung zeigt Passanten, die jubeln, während die Polizei mit Schlagstock gegen Anti-Trump-Demonstranten vorgeht. Der Radio-Talker Rush Limbaugh lobt, Trump habe die "amerikanischen Werte der nationalen Sicherheit" wiederhergestellt. Der Investor George Soros finanziere die Demonstranten gegen die Einreisesperre; die Medien täten so, als repräsentierten die Kundgebungen die Ansichten der Amerikaner. Bei Fox wird auch kritisiert, Hillary Clinton und Barack Obama fachten die Proteste gegen Trump an. Gehe das weiter, müssten die beiden Verantwortung übernehmen für "Flammen des Zorns, Gewalt und Anarchie", die kommen würden.

Der Politikwissenschaftler Larry Sabato von der University of Virginia schrieb auf "poynter.org": Trump gehe anscheinend von der Annahme aus, dass, egal wie unbeliebt der Präsident sei: "Die Presse wird immer unbeliebter sein." Trump sei Präsident geworden mit dem Aufbau von "Teufelsfiguren" von Barack Obama und Hillary Clinton bis hin zu Mexikanern und Muslimen.

Um seine "46 Prozent" (46 Prozent der Wähler haben für Trump gestimmt, 48 Prozent für Clinton, drei Prozent für Gary Johnson, ein Prozent für Jill Stein, der Rest für sonstige Kandidaten) zusammenzuhalten, kämen die etablierten Medien als Feind gerade recht. Das hat eine Logik: Trump setzte sich in Szene als Kandidat gegen die Elite und gegen Washington. Jetzt ist er die Elite. Irgendein interner Feind muss her. Laut Meinungsforschungsinstitut Gallup sind drei Viertel der Republikaner der Ansicht, "die Medien" verhielten sich zu tough gegen Trump.

Donald Trumps Medienpolitik zeigte sich symbolisch bei Spicers Neugestaltung des Presseraums im Weißen Haus. "Die Mainstream-Medien sind nicht länger der einzige Spieler", sagte Spicer bei Fox. Bei der ersten großen Pressekonferenz durften zuerst die Trump-begeisterte "New York Post", die rechte Webseite "Newsmax", das konservative "Christian Broadcasting Network" und Fox News die Fragen stellen. Nur 15 Prozent der Trump-Wähler trauten den Medien, versichert "breitbart.com". Und Trump twitterte zu seinen schlechten Umfragewerten zwei Wochen nach Amtsantritt: "Alle negativen Umfragen sind Fake-News, genauso wie die Umfragen von CNN, ABC, NBC bei der Wahl." Womit das geklärt wäre.

Aus epd medien Nr. 6 vom 10. Februar 2017

Konrad Ege