Kritik
Lässige Opulenz
VOR-SICHT: "Die Puppenspieler", zweiteiliger Fernsehfilm, Regie: Rainer Kaufmann, Buch: Kathrin Richter, Jürgen Schlagenhof nach dem Roman von Tanja Kinkel (ARD/BR/NDR/Degeto, 27.12.17 und 29.12.17, jeweils 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). "Malleus Maleficarum", der "Hexenhammer", das berüchtigte Werk zur Legitimierung der sogenannten Hexenverfolgung, wurde nach allgemeiner Ansicht 1486 in Speyer veröffentlicht. Die auf Latein geschriebene Schrift des Dominikanermönchs Heinrich Kramer (latinisiert Henricus Institoris) wurde zum vielfach wieder aufgelegten Anleitungsbuch für Verhör und Vernichtung von Frauen, deren Vagina als "Einfallstor des Teufels" ebenso sexualobsessiv beschrieben wurde wie die anzuwendenden Foltermethoden zur hochnotpeinlichen Geständniserpressung. Seine volle Wirksamkeit entfaltete das perfide Machwerk jedoch erst im Lauf der Jahrhunderte. Nicht im 15., sondern erst im 17. Jahrhundert erlebte Europa den Höhepunkt der systematischen Frauenverfolgung.

Hier - und nicht nur hier - irren der historische Roman der Bestsellerautorin Tanja Kinkel und das Drehbuch der deutsch-tschechischen Verfilmung der "Puppenspieler" von Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof. Der fanatische Ordensmann Heinrich Institoris (sadistisch: Philipp Moog), durch den konservativen Kardinal delle Rovere (Rainer Bock) mit Billigung des Abtes Torrani (Bernhard Schütz) ins voraufklärerisch renitente Süddeutschland geschickt, schreibt hier sein Manuskript erst 1492 in Rom, kurz bevor er ermordet wird. Nicht ohne Grund.

Gerade hat Christoph Columbus den Seeweg nach Indien entdeckt, zumindest heißt es so im Vatikan des neuen spanischen Intrigenpapstes Alexander VI., vormals Kardinal Rodrigo Borgia. Ulrich Matthes spielt ihn mit erstaunlich naturalistischem Renaissanceprofil so gut gelaunt wie schlangenhaft. Kaufmann Jakob Fugger (sachlich rechnend: Herbert Knaup) breitet er bei einer Audienz im Vatikan die Grundzüge der anbrechenden neuen Zeit aus: Am Horizont sieht er eine Zeit des unermesslichen Reichtums durch globales Netzwerken und die geschickte Ausbeutung und Buchführung auf allen Ebenen des Lebens. Man habe gemeinsame Interessen, etwa den technischen Fortschritt beim Abbau von Bodenschätzen in den Silberminen in Ungarn. Beide eint das Verständnis von Machtpolitik. Die Zeit der Renaissance ist angebrochen.

Dass die Ideologie des "Hexenhammers" nun erst festgeschrieben wird, um den frühkapitalistischen Wirtschaftsinteressen eine dunkle Welt des Aberglaubens entgegenzusetzen, ist - nicht nur binnendramaturgisch - durchaus überzeugend gedacht und gemacht. Wie auch anderes in "Die Puppenspieler". Insbesondere die exquisiten Kostüme von Lucie Bates, das Szenenbild von Petra C. Heim, die Musik von Karim Sebastian Elias und die dramaturgisch herausragende Lichtgestaltung (Kamera: Klaus Eichhammer) der Szenerien in Burgen und Schlössern machen die Machinationen der zahlreichen Hauptakteure zum gelungenen Festbeitrag. Dass man in der Lage war, in Tschechien wohl auch Kulissen der optisch überwältigenden Sky-Großproduktion "Die Medici" zu nutzen, trägt zur lässigen Opulenz des Gezeigten bei.

Rainer Kaufmann inszeniert Tanja Kinkels Vorlage als Machtkampf der Systeme - weltliche Macht, mal mit kirchlicher Macht, mal gegen sie. Besonders im zweiten Teil, der den jungen Rebellen Richard (Samuel Schneider), einen Ziehsohn Jakob Fuggers mit nicht allzu rätselhafter Herkunft, mit dem Augsburger Kaufmann und seinem Geschäftspartner und Freund Eberding (Sascha Alexander Gersak) erst über die Alpen nach Bozen, dann über Venedig und Florenz nach Rom zur Papstwahl ziehen lässt, wird eine Vielfalt der Finten und Verbrechen dargeboten, die das zeitgenössische Spiel der politischen Intrige arg armselig aussehen lässt.

Besonders Ulrich Matthes, der als Kardinal die Kunst des wimpern- und blinzelfreien Fokussierens vollkommen zu beherrschen scheint, beeindruckt als Schachspieler auf dem größten damals denkbaren Feld.

Kinkels Roman, üppig mit Nebenhandlungen versehen, ist auch ein süffiger Liebesroman. Die Liebe zwischen der freiheitsliebenden Zigeunerin Saviya (Helen Woigk) und Richard, der als Kind die Verbrennung seiner muslimischen Mutter Zobeida (Veronika Strapkova), einer dunklen Außenseiterschönheit, mit ansehen musste, treibt die Handlung an entscheidenden Stellen konfliktverschärfend voran. Die beiden Außenseiter retten einander mehrfach vor dem sicheren Tod, darüber hinaus gibt es eine recht kitschige und ziemlich explizite Sexszene im Meer, am Gestade der Toskana.

Richard und Saviya treibt eine fundamentale Bereitschaft an, Autoritäten infrage zu stellen. Ihre vielfach bedrohte Liebe ist das romantische Gegenmodell zur Eigennützigkeit des Freiheitsbegriffs der anderen Neuzeitlichen. Nacktheit inszeniert Kaufmann ungewöhnlich deutlich für einen Familienfilm, der in der Zeit zwischen den Jahren gesendet wird, und überraschend differenziert. Es gibt die geschändete Nacktheit der gefolterten Mutter Zobeida, die unschuldige Körperfreude des Liebespaars, den verführerischen Salométanz Saviyas zur Belustigung der Kardinäle und die Geliebte Borgias, die sich auf Aufforderung des Geistlichen einem Anwärter der Kardinalswürde zur Korrumpierung des Keuschheitsgelübdes anbieten muss. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, verfehlt aber nicht seine Wirkung. In einer Zeit, in der Nacktheit ihre gefühlte Dämonie verloren zu haben scheint, gelingt es Kaufmann, ihre Bedeutung für das Erleben der Menschen an der Schwelle zur Neuzeit kenntlich zu machen.

Von den feiertagsüblichen Geschichtswerken im Fernsehen hebt sich "Die Puppenspieler" durch ein gewisses Maß an sinnstiftender Durchdachtheit ab, wenn man einmal von den unnötig modernen, gelegentlich allzu platten Dialogen absieht. Sarazenen kennt in diesem Film keiner, es existieren nur Muslime. Allein die Vorgänge rund um die Kardinalsversammlung zur Papstwahl lohnen das Anschauen. Daneben kann man den Zweiteiler gut als das sehen, was er eben auch sein will: ein süffiger Historienschinken.

"Die Puppenspieler", zweiteiliger Fernsehfilm, Regie: Rainer Kaufmann, Buch: Kathrin Richter, Jürgen Schlagenhof nach dem Roman von Tanja Kinkel, Kamera: Klaus Eichhammer, Produktion: Ziegler Film (ARD/BR/NDR/Degeto, 27.12.17 und 29.12.17, jeweils 20.15-21.45 Uhr)

Aus epd medien Nr. 51/52 vom 22. Dezember 2017

Heike Hupertz