Debatte
Kulturvergessenheit
Anmerkungen zu den Kulturprogrammen der ARD
Frankfurt (epd). Was ist bisher in dieser Debatte geschehen? Johannes Grotzky (Programmdirektor BR) bekennt, er habe "Schwierigkeiten mit dem Begriff 'Kulturradio'", um sich stattdessen lieber für ein "bildungsanregendes" Quotenradio auszusprechen. Wolfgang Schmitz (Programmdirektor WDR) bekennt, dass er sehr wohl wisse, was ein Kulturradio sei, nämlich ein "unaufdringlicher Begleiter", der den "Alltag bereichert". Programmchef Weiß (SWR2) hingegen versteht die ganze Aufregung nicht und verweist auf die Überfülle an kultureller Produktion der "Gehobenen Programme" der ARD. Auffällig an diesen Argumenten scheint mir nicht so sehr ein Unverstand in der Sache als vielmehr die gewisse Sorglosigkeit, mit der sie behandelt wird.

Das Dilemma der gegenwärtigen Lage der deutschen Kulturradios liegt in einer besonderen Form von "Kulturvergessenheit". Dieses Wort soll beides beinhalten: ein Vergessen von Kultur und zugleich eine fast übervolle Trunkenheit an ihr. So gerät aus dem Blick, was das Wichtigste wäre, nämlich ein innovatives, kreatives, ungewöhnliches, experimentelles, quer denkendes und überraschendes, verloren gegangene Aktualität wiedergewinnendes Kulturradio zu ermöglichen, zu verantworten und zu machen.

Wahres Füllhorn

Niemand stellt in Abrede, dass die Kulturredaktionen von ARD und Deutschlandradio Jahr für Jahr ein wahres Füllhorn von großartigen und wertvollen Produktionen in Wort (Hörspiele, Feature) und Musik (Mitschnitte, Produktionen, Festivals) ausschütten. Im Jahr - Programmchef Weiß deutet das an - sind es weit über 400 große künstlerische Hörspiele und Feature, dazu Hunderte längerer Wortproduktionen anderer Art. Was die Musik betrifft, so bin ich mir nicht einmal sicher, ob jemand die genaue Zahl der aufwendigen Produktionen von ARD und Deutschlandradio kennt.

Ohne diese überragende Wort- und Musikkompetenz wäre das Kulturleben in Deutschland deutlich ärmer. Das alles ist nicht für billiges Geld zu haben. Programmdirektor Schmitz sagt es: Die Hälfte seines Etats geht in die beiden gehobenen Programme des WDR. Gut so - und warum nicht einfach die Zahlen nennen? Das ist exzellent angelegtes Gebührengeld.

Mit gutem Recht werfen Weiß, Grotzky und Schmitz Ignoranz all denen vor, die diese Fakten übersehen. Aber wer tut das? Nicht einmal der windigste unter den WDR-"Radiorettern" stellt die benannten Leistungen in Abrede. Programmchef Weiß fügt hinzu, dass hier niemand die ARD retten muss. Richtig - schon weil es hier gar keine Angreifer gibt.

---------------------------------

Kulturradio-Debatte (8)
epd Das Kulturradio ist in den vergangenen Monaten zum Gegenstand heftiger Debatten geworden. Auslöser waren die Pläne des WDR für eine Reform der Kulturwelle WDR 3 (epd 1, 9, 15, 16, 17/12). In der Folge gründete sich die Initiative für Kultur im Rundfunk, die als Verein "Die Radioretter" in Zukunft regelmäßig Workshops und Veranstaltungen zum Thema Kulturradio organisieren will. In epd medien haben wir die Debatte über das Kulturradio aufgegriffen. Welche Rolle spielt es heute, und welche Rolle soll es in Zukunft spielen? Sind die Kultursender die letzten Nischen, in denen die ARD-Anstalten ihrem Kulturauftrag nachkommen? Tun sie das noch in ausreichendem Maß? Wie viel Kultur kann und soll sich die ARD leisten? Diese Fragen diskutieren Radiomacher und Kulturschaffende. Die Debatte wird fortgesetzt mit einem Beitrag von Wolfgang Hagen, Professor für Medienwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg. Von 2002 bis 2012 war er Leiter der Kultur- und Musikabteilungen im Deutschlandradio Kultur sowie Leiter der Medienforschung. Die früheren Beiträge erschienen in epd 34, 38, 42, 44, 45, 49/12 und 3/13.
---------------------------------

"ARD und DRadio: An zwei Tagen sieben Hörspiele - was soll das?" hatte der Journalist Stefan Fischer am 15. September in der "Süddeutschen Zeitung" getitelt und damit den Finger, in aller Behutsamkeit, in eine tatsächlich schwelende Wunde gelegt. Programmchef Weiß zitiert Fischer, einen der wenigen exzellenten Radiokultur-Journalisten, hier leider nur halb: Es geht nicht um den Produktionsaufwand, sondern um die Programmstrategie der Kulturradios, in dem diese Produktionen laufen. Deren Struktur und Machart zeigen zuweilen Züge einer seltsam gedankenlosen Ärmlichkeit. SZ-Journalist Stefan Fischer war aufgefallen, dass es am Wochenende um den 15. September herum zu einer Ballung der Ausstrahlung von sieben neu produzierten Hörspielen ("Kinderstücke nicht eingerechnet") gekommen war.

Die Verwunderung war berechtigt und Stefan Fischer wusste auch anzudeuten, welche Ursachen diese Ballung hatte. Neun Wochen im Jahr schließen sich nämlich die ARD-Kulturprogramme (außer Bayern 2) ab 20 Uhr in einem sogenannten Radiofestival" unter dem Motto: "Das Beste genießen" bundesweit zusammen (epd 7, 42/09).

Wenn es eine aktuell fragwürdige Maßnahme in der Programmierung der ARD-Kulturradios gibt, dann sind es diese neun Wochen fusionierter Kulturrundfunk. Es fallen Sendeplätze weg und Programmetats werden geschmälert, bis hin zu Technik-Schichten, die in den "nehmenden" Häusern ab 20 Uhr entfallen, was - überhaupt keine Frage - für die kleineren Anstalten (Radio Bremen, Saarländischer Rundfunk, RBB) erhebliche Rationalisierungsgewinne erbringt.

Das Vorhaben steht aber andererseits in Gegensatz zu einem (noch?) weitgehend unveränderten Produktionsvolumen der Häuser, wie es Fischer - in gewisser Weise zufällig - an jenem Septemberwochenende aufstieß. Eben diese sommerliche Kulturfusion ist und bleibt - Stefan Fischer deutet es an - die Quelle allen Rumorens über die geplante Perspektive eines etwaigen Zusammenschlusses der ARD-Kulturprogramme zu einer Vierer-Gruppe (Norden = NDR, Westen = WDR, Süden = SWR, Osten = MDR). Derzeit noch sendet jede Landesrundfunkanstalt ihr jeweils eigenes Kulturprogramm, weil es nun einmal zum regionalen Kernauftrag öffentlich-rechtlicher Rundfunkveranstaltung gehört.

Gehobene Programme

Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk ächzen zweifellos seit Jahren unter dieser zur Bürde gewordenen Verpflichtung, weil Kultur zwar zum Kernauftrag ihres Rundfunk-Landesgesetzes gehört, sie aber nahezu keine eigenen Mittel mehr haben, das angemessen qualifizierte Personal eines Kulturradios zu bezahlen und/oder die vehement angestiegenen Kosten für die Verlagsrechte (Musik und Wort) aufzubringen. Statt einer Neuverhandlung dieser Regelungen aus den 1970er Jahren und der Restituierung eines fälligen ARD-internen Finanzausgleichs, wie er bis in die frühen 1990er Jahre hinein noch Praxis war, überlebt das saarländische Kulturprogramm seit Jahren nur durch den massiven "Natural"-Support aus Übernahmen von SWR2. Sollen solche aus Not geborenen Kooptationen das wohlfeile Vorbild für weitere Programmverschmelzungen abgeben?

Eine Frage liegt nahe: Welche "Kulturprogramme" gibt es und für wen sind sie gemacht? Zur Beantwortung dieser Frage haben die Medienforscher der ARD sinnvollerweise eine Gruppe von bundesweit mehr als 20 Programmen unter dem Titel "ARD Gehoben" zusammengestellt. Darunter befinden sich elf Informationsprogramme (von B5 Aktuell bis WDR 5), die beiden Nur-Klassik-Programme (BR- und MDR-Klassik), sechs klassikorientierte (von hr2 bis WDR 3) sowie fünf musikalisch breiter orientierte Kulturprogramme (von Bayern 2 bis Nordwestradio). Fast acht Prozent der Bevölkerung (5,6 Millionen Menschen ab 10 Jahren) hört täglich ein solches "gehobenes" Programm. Das ist ein beachtlicher Wert, der die Stärke der Informations- und Kulturkompetenz der ARD zeigt.

Auffällig ist allerdings, wie stark dieser Wert von Bundesland zu Bundesland schwankt. 13 Prozent der Berliner hören ein Informations- oder Kulturprogramm der ARD, während es in Rheinland-Pfalz nur 4,6 Prozent sind, in Bayern wiederum 8,7 Prozent und in Sachsen 11 Prozent. Leben aber in Rheinland-Pfalz dümmere Menschen als in Sachsen? Da das nicht zutrifft, deuten die auseinanderfallenden Nutzungszahlen "gehobener Programme" in den Bundesländern wohl eher auf Angebotsunterschiede und differente Nutzungstraditionen.

Von den rund 6 Millionen täglichen Hörern und Hörerinnen der "gehobenen" Programme hört jeder zweite ein Informationsprogramm wie Inforadio, Bayern 5 Aktuell oder hr-info. Die Akzeptanz dieses Programmtyps ist in den letzten anderthalb Jahrzehnten stetig gestiegen. Trotz aller Unkenrufe, dass Info-Programme mit ihren starken Wiederholungsanteilen ("dreimal derselbe Beitrag am Tag") und kurzgetakteten Nachrichten-Alarmen die Menschen nur nerven würden, ist das Gegenteil geschehen. Diese hochredundanten Wortprogramme sind die Erfolgsstory unter den Neugründungen im "gehobenen" Segment des ARD-Hörfunks. Es sind Programme, die nach einer selbstähnlichen Stundenuhr gebaut sind, also hoch verlässlich (und eben auch hochredundant). Einige, wie NDR-Info, haben inzwischen ihren Kulturanteil hörbar ausgebaut, offenbar nicht zum Schaden ihrer Akzeptanz.

Wortintensive Programme

Der Erfolg der "neuen" Info-Radios (und des "alten", aber seit den frühen 1990ern mit halbstündigen Nachrichten getakteten Deutschlandfunks) zeigen, dass wortintensive, informationshaltige Radioprogramme auf ein wachsendes Interesse in der Bevölkerung treffen. Auch in anderen großen Rundfunkmärkten weltweit kennt man dieses Segment einer vor allem an Wortinhalten interessierten Hörerschaft; in den USA sind es typischerweise die Talk-Radios, die in manchen Märkten bis zu 20 Prozent der Hörerschaft binden. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass wortintensive Programme nicht auch hierzulande jeden fünften Hörer an sich binden könnten.

Jede/-r vierte Hörer/-in der gehobenen Programme in Deutschland, also rund 1,5 Millionen Menschen bundesweit, hören täglich eines der sechs klassikorientierten Programme (NDR Kultur, Kulturradio RBB, hr2, SWR2, SR2, WDR 3). Etwa ebenso viele Menschen hören täglich Kulturprogramme, die nicht oder nicht nur mit Klassik aufwarten (Nordwestradio, MDR-Figaro, Bayern 2, Deutschlandradio Kultur, Funkhaus Europa). Obwohl die genannten Programme via Internet überall empfangbar sind, macht dennoch eine bundesweite Betrachtung kaum Sinn. Radiohören übers Internet findet derzeit so gut wie (noch) nicht statt. Radio wird, wie schon seit Jahrzehnten, ganz überwiegend über UKW-Geräte gehört. Das gilt auch für Kultur- und Informationsprogramme.

Grundfehler der Programmierung

Dass die Digitaltechnologie der Hörfunkverbreitung - DABplus - nach wie vor bei den Konsumenten nicht ankommt, hängt unter anderem sicherlich auch damit zusammen, dass im Markt niemand einsieht, was er mit DAB Neues und Besseres bekäme. An attraktiven neuen Angeboten, die zum Umstieg reizen würden, fehlt es, auch im Sektor der Kulturprogramme. Eine Fusion der Kulturprogramme von elf auf vier würde das Angebot nur noch weiter einschränken, ganz abgesehen vom Verlust ihres regionalen Charakters. Die Akzeptanz der Kulturprogramme wird man damit wohl kaum erhöhen.

Worin also liegt der Grundfehler der Programmierung einiger (nicht aller) Kulturprogramme der ARD? Sie liegt in dem, was mit dieser Debatte einen Namen erhalten könnte: Nennen wir es das "Grotzk'ysche Dilemma". Es ist das Dilemma der Unentschiedenheit und Unklarheit, was man eigentlich für "Kultur" hält, die im Radio gesendet werden soll. Und ob man das Ganze dann überhaupt noch "Kultur" nennen sollte. Zu dieser Unklarheit passt der Attentismus des Fremdelns, der bei so vielen Programmverantwortlichen zu beobachten ist, wenn es um die Frage der Kulturradios geht, so eben auch bei Johannes Grotzky.

Zur besonderen Paradoxie seines Dilemmas gehört es, dass just in seinem Verantwortungsbereich ein Programm existiert, das ganz unstrittig eher zu den konturklaren, mit hohem und vielfältigen Wortanteil gestalteten Kulturprogrammen der ARD gehört, Bayern 2. Hier haben die Verantwortlichen auf Programmebene schon vor Jahren einige sehr gelungene Reformschritte eingeleitet, ohne die gewachsene Substanz zu zerstören. Für die Vielfalt des Begriffs der Kultur im Radio gibt Bayern 2 mit die besten Beispiele und Sendungsformate, während der zuständige Programmdirektor, offenbar allzu fern vom Geschehen, den Begriff lieber nicht in den Mund nehmen will.

Andernorts ist es einfach nur gewachsen, wie es gewachsen ist. Es ist fraglos richtig, dass große Landesrundfunkanstalten eigene Klangkörper zur Produktion klassischer Musik unterhalten; und dass mittlere und kleine Häuser (die keine eigenen Klangkörper unterhalten) erhebliche Mittel aufwenden, um das nationale Kunstsystem der klassischen Musik in Deutschland zu stärken. Nicht auszudenken, wo die Kultur der Klassik in Deutschland stünde, wenn es die vielen aus Gebühren bezahlten Musikerinnen und Musiker nicht mehr gäbe. Aber daraus stillschweigend die Folgerung zu ziehen, dass ein Kulturprogramm grundsätzlich von klassischer Musik dominiert sein müsse, ist purer Unfug und folgt überhaupt nicht dem gesetzlichen Gewährleistungsauftrag von Kulturprogrammen. Denn solche Programme müssen und sollen ja auch die Anhänger vieler anderer Kunstsysteme (Popmusik, Literatur, bildende Kunst, Malerei etc.) ebenso ansprechen und binden.

Gerade eine bewusste Hochschätzung der klassischen Musik darf sich nicht dahin versteigen, Kultur mit Klassik in eins zu setzen. Zur Klärung der Frage, in welchem Tempo man die vierhändige f-Moll Fantasie von Schubert nimmt, trägt ihre Bezeichnung als Kulturleistung ohnehin nichts bei. Eine Radiofeuilleton-Sendung mag die Konzerte einer Kammerphilharmonie in Grund und Boden kritisieren, doch über die Frage, wer dort Stimmführer in der zweiten Geige wird, entscheiden auch dann immer noch einzig und allein die Musiker selbst. Zum Glück.

Ausgrenzender Hochkulturbegriff

Der berühmte Soziologe Niklas Luhmann hat in diesem Zusammenhang einmal den Begriff der Kultur für "einen der schlimmsten Begriffe" erklärt, "die je gebildet worden sind". Warum? Wenn nämlich ein Kunstsystem, zum Beispiel das der klassischen Musik, sich umstandslos und paradigmatisch für "die" Kultur erklärt, dann geht beides, das Verständnis von Kultur und von Kunst, heillos in die Irre. Kunstsysteme wie die Klassik, Pop, die bildenden Künste, Jazz, Theater, Film, Tanz, Malerei, Literatur etc. gehören zur Kultur; aber Kultur ist viel mehr (Sitten und Gebräuche, Traditionen, Werte, Experimentationen im eigenen Feld etc.) und keines der genannten Kunstsysteme und Kunstmärkte repräsentiert die Kultur allein.

Wenn also ein Kulturprogramm, neben einem Wortanteil von 40 Prozent, zu 60 Prozent ausschließlich mit Klassik programmiert wird, dann läuft es Gefahr, einem falschen, de facto ausgrenzenden Hochkulturbegriff aufzusitzen. Dass dies von den Lobbyisten des Deutschen Musikrates, die in den Häusern und ihren Gremien keine unwichtige Rolle spielen, anders gesehen wird, macht die Sache nicht richtiger. Ein klassik-orientiertes Kulturprogramm spricht eben definitiv nicht alle Kulturinteressierten an, schon gar nicht mehrheitlich jüngere Menschen, sondern in seinen überwiegenden Programmteilen die Liebhaber eines zudem noch überwiegend auf Tradition allzu eng reduzierten Klassiksystems ("Neue Musik", das heißt zeitgenössische Klassik, wird ja kaum in diesen Programmen gespielt).

Schmitz' Feststellung, dass sein Kulturprogramm WDR 3 "leider, mit einem Durchschnittsalter von über 60, relevante Teile eines kulturaffinen Publikums nicht mehr" erreicht, hat genau darin seinen Grund. Die Hochkultur-Hybris der 1950er und 60er Jahre, die in Deutschland der Gleichsetzung Kultur = Klassik den Weg geebnet hat, ist - so verständlich sie angesichts des vorhergegangenen deutschen Grauens erscheinen muss - gesellschaftlich (glücklicherweise) inzwischen nicht mehr dominant.

In den klassisch orientierten Kulturprogrammen der ARD lebt sie fort, wo aber, paradox genug, die Programmverantwortlichen wiederum gerade bei den wirklichen Kennern der Klassik längst verloren haben, wie die ehedem so heftige NDR-Kultur Debatte um "Das ganze Werk" gezeigt hat: Nämlich dass man zum Beispiel Beethoven, wie die Kritiker (fachlich korrekt) monierten, nicht gerecht wird, wenn man nur die "schönen" Stellen und die populären Sätze aus seinen Werken spielt. Für solchen Purismus ist aber selbst die Klassiklobby aus DMR, Deutscher Grammophon und anderen inzwischen taub geworden.

Hausinternes Proporzdenken

Dass die Kulturprogramme der ARD so sind, wie sie sind, hängt also überwiegend nicht mit Nachdenken über Konzeptionen zusammen, sondern mit ihrer zum Teil sehr weit in die 1960er und 70er Jahre zurückgehenden Entstehungsgeschichte und den nachfolgenden Kaskaden unglücklicher, weil zu stark lobbyistisch geprägter Reformen. Einige Entwicklungsphasen waren zudem oftmals stark von hausinternem Proporzdenken und Rücksichten auf Gremienlobbies bestimmt.

Musikredaktionen, die viel produzieren, waren immer schon mächtig und drängten mit ihrer Diskurshoheit auf "Abspielflächen" ihrer Genres, andernfalls sie hausintern an Legitimität verlören. Zwar hat sich dieses Argument inzwischen abgeschwächt, weil aufgrund veränderter Programmstrategien die großen Rundfunkorchester längst nicht mehr nur für das eigene Programm produzieren.

Der Bayrische und der Mitteldeutsche Rundfunk haben derweil die einzig richtige Konsequenz gezogen, nämlich ihre Kultur- und Klassikprogramme zu trennen. Getrennte Kultur- und Klassikprogramme hatten früher auch andere, etwa der Hessische Rundfunk und Radio Bremen; aber dann konnten sich diese gebührenschwachen Landesrundfunkanstalten diesen "Luxus" nicht mehr leisten.

Der WDR ist in einer anderen Lage. Er könnte sich eigentlich so ziemlich alles leisten, jedenfalls finanziell gesehen. WDR 5 ist dafür ein (gutes!) Beispiel. Aufgebaut in Etappen von 1992 an, ab 1997 mit klarem Profil, hat WDR 5 - mit Wellenchef Wolfgang Schmitz - von Anfang an die einzig richtige Entscheidung getroffen: Ein neues Programm im Feld der Information und Kultur kommt nur mit einem überwiegenden Wortanteil zum Erfolg. Denn nur ein hoher Wortanteil ermöglicht es einem anspruchsvollen Programm, breitere Hörerschaften zu erreichen. Das hat sich auch hier wieder einmal bewahrheitet, wie die beeindruckend hohe Akzeptanz von WDR 5 inzwischen bestätigt.

Das nunmehr 15 Jahre "junge" Programm tritt wie einige andere neue Kultur- oder Infoprogramme (Deutschlandradio Kultur oder hr-info zum Beispiel) den Beweis an, dass in der deutschen Bevölkerung ein Bedarf an wortintensiven Radioprogrammen besteht und dass sie, indem sie klug auf das Zuhören setzen, einen deutlichen Erfolg haben können. Kulturprogramme, wenn sie ihren Namen verdienen, müssen überwiegend Wortprogramme sein, sonst erleiden sie eine Schieflage aufgrund einer zu einseitigen Koalition mit einer Musikfarbe (oder aufgrund konträrer Musikfarben, die dann polarisierend wirken).

Windige Haltung

Schulmäßig gesehen hätte Wolfgang Schmitz also nur - wenn er damals schon Programmdirektor gewesen wäre - behutsam alle gewichtigen Wortanteile aus WDR 3 herübernehmen müssen in dieses neue Programm, um dann am Ende aus WDR 3 ein reines Klassikprogramm zu machen. Das wäre konsequent gewesen und keine dilemmatische Aktion. Dabei hätte er allerdings auch intern professionell durchkämpfen müssen, was damals wie heute seine wahre Meinung ist, nämlich dass ein Kulturradio auch für solche Menschen gemacht sein muss, "die beim Einschalten nicht das Abiturzeugnis abliefern können". Richtig so.

Einigen "Radiorettern" von heute, die einst in wichtigen Funktionen bei WDR 3 waren (wie Radioretter-Mitbegründer Lothar Fend zum Beispiel), hätte ein solches Petitum damals möglicherweise gar nicht gepasst. Er hätte einen möglicherweise zu populistischen Stil von WDR 5 verhindern können, sich selbst aber auch infrage stellen müssen. Eine hausinterne Auseinandersetzung damals hätte ihnen jedenfalls ihre heute zum Teil so windige Radioretter-Haltung erspart. Alle Beteiligten hätten damals Konflikte austragen müssen; das wurde versäumt. Man hätte dabei lernen können, sich gegenseitig zu akzeptieren, inklusive der unverzichtbar kulturvollen Toleranz gegenüber denen, die Kultur anders denken und in ihr anders sprechen.

Kurzum, den eingewurzelten Elitismus in einem traditionellen Kulturprogramm wie WDR 3, der aus guten Gründen seine guten Zeiten hatte, hätte Schmitz bei den Hörnern packen, durchschütteln, aufdecken und aufwecken müssen, aus meiner Sicht; und zwar eben nicht durch falsche Parolen, hinter denen sich nur Kürzung, Verdrängung und Ausdörrung verbarg, sondern: durch Investition und Mittelaufstockung. Stattdessen hat, wie wir alle wissen, die WDR-Führung parallel zum "alten" Kulturprogramm WDR 3 ein neues, auf Information zugeschnittenes de facto Kulturprogramm namens WDR 5 aufgebaut, mit frischem Geld sozusagen.

Schmitz hatte den Erfolg der neu gegründeten Informationsprogramme der ARD gut analysiert, "the best of" gut umgesetzt und schon aus diesem Grund den von Anfang an stark ausgeprägten kulturellen Charakter von WDR 5 durch die Einrubrizierung in das Genre "Information" gleichsam intern camoufliert. Dabei waren aber von Anfang an Parallelstrukturen mit WDR 3 in vielen Kulturredaktionsbereichen (Literatur etc.) überdeutlich, ohne dass ein für alle Beteiligte durchsichtiger Transferplan diskutiert und offengelegt worden wäre. Diese Gleichzeitigkeit von Abbau und Aufbau, gepaart mit einer ideologischen Intoleranz in Bezug auf den Level der Anspruchshaftigkeit von "Kultur" auf beiden Seiten, ist der Hintergrund für die Radioretterei, die in Wahrheit ein spezielles, aber deshalb nicht weniger typisches Problem der Unternehmenskultur im WDR offenlegt.

Mood-Management

Das "Grotzky'sche Dilemma" ist so gesehen schon vom Ansatz her auch ein Dilemma des WDR. Der WDR hat über Jahrzehnte ein Kulturprogramm gemacht, aber am Ende vergessen, worum es ging und was es heißt, ein Kulturprogramm zu machen. WDR 3, das über Jahrzehnte hin eher aus Proporz- denn aus inhaltlichen Gründen ausschließlich auf klassische Musik gesetzt und ganz konform dazu in vielen Wortanteilen einen dezidiert hochkulturellen Elitismus ausgebildet hatte, wurde von den Verantwortlichen nicht durch Investition in einen inneren Reformprozess verändert, sondern mittels Parallelgründung eines neuen Programms gleichsam ausgedörrt.

Das zeigt, dass die derzeitige WDR-Führung im Grunde noch immer unsicher ist, was ein Kulturprogramm eigentlich soll und sein soll. Wolfgang Schmitz, der als Wellenchef von WDR 5 so viele Meriten gesammelt hat, verschlimmert in seinem Debattenbeitrag als Programmdirektor die Sachlage. Er schlägt nämlich vor, Kulturradios könnten nach einem radiomarketing-konformen Mood-Management zu "Alltagsbegleitern" konfiguriert werden, wie es bei den großen anderen Massenwellen (WDR 2, Eins Live, WDR 4) in den letzten Jahren geschehen ist, für die Schmitz jetzt auch verantwortlich ist.

Kulturprogramme einem "Mood-Management" zu unterziehen, das aus zielgruppenorientierten Massenprogrammen herkommt, wäre aber der größte Irrtum in der dilemmatischen Geschichte der deutschen Kulturprogramme.

Radio-Mood-Management-Rezepte zur "bereichernden Alltagsbegleitung" stammen aus der Formatküche der Radioberater, die seit den 1990er Jahren, also im Jahrzehnt nach der Einführung des Dualen Systems und der damit losgetretenen heftigen Konkurrenz auf den Radiomärkten, auch in den ARD-Programmdirektionen heimisch geworden sind. Ihre Vorbilder und Lehrmeister, die US-Radioberater der 1970er Jahre, hatten ja in den USA das Radio bereits reichlich umgemodelt.

Paradoxe Formatrezepte

Um zu verstehen, was in der Radioberater-Terminologie "Alltagsbegleitung" heißt, muss man nur die neueste einschlägige Studie lesen, in Auftrag gegeben von den ARD-Werbetöchtern und den privaten Vermarktern für Radiowerbung: "Radio macht glücklich" ist sie überschrieben. Aus ein paar Dutzend "Tiefen-Interviews" destilliert werden hier die drei "Grundspannungen" geschildert, die zusammen genommen "die ganzheitliche Wirkung" des Radios, und das heißt: jeglichen Radiohörens ausmachen sollen. "Grundspannung 1: Passende Grund-Tönung versus Gespanntes Auf-Horchen" - "Grundspannung 2: Anheimelndes Wieder-Hören versus Belebendes Neu-Stimmen" - "Grundspannung 3: Kurzwellige Alltagstaktung versus langwellige Sinnsuche".

Das verschwiemelt barocke Vokabular und die altertümelnde Begrifflichkeit ("Anheimelnd", "Aufhorchen", "Sinnsuche"), vermischt mit ein paar passenden elektrotechnischen Modernismen ("kurzwellig", "langwellig"), kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass hier eine marktgängige Zurichtung des Radios beschrieben wird, in der es um Musikformatierung geht.

Die erfolgreichen Massenradios im Markt sind die Musikradios (aus Pop und Rock mit fantasievollen "Formatnamen" wie AC, AOR oder CHR drapiert), die mit sehr wenigen, hochbekannten Titeln die rotierende Mischung eines Klangteppichs zu erreichen suchen, der (vorgeblich) dennoch immer wieder "überrascht". Der Erfolg solcher paradoxer Formatrezepte der Musikprogrammierung mag durch Tiefenanalyse-Studien bestätigt werden; im achtzig Prozent großen Massenmarkt der Musikradioprogramme mögen solche Konzepte auch ihren Platz haben; jedoch mit der Konzeption und Struktur von Kulturradios hat das alles nichts zu tun.

Ein Kulturradio hätte vielmehr aufzuklären, woher solche pseudowissenschaftlichen Suggestionsrezepte kommen und was der tatsächliche Grund für den Erfolg enger Musikrepertoires im Radio sein könnte, die sich vielleicht aus einigen Fakten der empirischen Musikpsychologie und Sozialisationsforschung herleiten ließen. Solche Studien müsste ein Kulturradio ausfindig machen und mit ganz eigenen Formaten vorstellen, die schon deshalb keine US-amerikanischen Vorbilder haben, weil es Kulturradios wie in Deutschland, England oder Frankreich in den USA schon aus Gründen der fehlenden öffentlichen Gewährleistung nie gegeben hat.

Kulturproduzierende Unternehmung

Ein Kulturradio, das einem modernen Anspruch an seinen Begriff gerecht werden will, muss dem Einschalt-Impuls "Wort" seiner Hörerinnen und Hörer folgen. Wie die Info-Radios es erfolgreich in den Bereichen Politik, Wirtschaft (zum Teil Wissenschaft) und Sport machen, so muss ein Kulturradio mit ebenso großem Wortanteil über das berichten, was zu seinem Gebiet gehört. Und das Gebiet der Kultur ist weit gesteckt: Es sind Themen der Tradition und der "Special Interest"-Kulturen ebenso wie die klassischen Themen der "Kulturkritik" (Theater, Literatur, Oper, Konzert, bildende Kunst, Kulturpolitik etc.); hinzu kommen komparative Themen des Kulturvergleichs aus den Beobachtungsspektren der gesellschaftlichen Ethnien, der Gender-Fragen, der Technologierevolutionen personaler Identitäten, der neuen Rolle der Religionen und der Prozesse des Postkolonialismus zum Beispiel; schließlich ist Kulturradio immer selbst auch Kultur, denn es ist Teil einer kulturproduzierenden Unternehmung (von Kunst in Wort und Musik) und damit Teil einer diskursiven Formation von Kultur als einer Ereignisform, die in allen möglichen Teilen der Gesellschaft Kondensate an Sinn und übergreifenden Fragen aufdeckt und damit unvorhersehbare neue Aspekte im Kontext der Globalisierung und Dynamisierung moderner Zivilisationen erschließt.

Neben den Fachleuten in den Kulturredaktionen der ARD finden sich in der Sphäre der Blogs und sozialen Netzkommunikation Kompetenzen zu diesen Themen genug, ebenso wie in zahllosen Ausbildungsgängen kulturwissenschaftlicher Fachbereiche an deutschen Universitäten. Es mangelt also nicht an klugen Menschen, die in der Lage wären, ein spannendes modernes Kulturradio zu gestalten. Eher schon mangelt es am Verständnis der Verantwortlichen, die Fragen zu stellen, auf die es ankäme.

Aus epd medien Nr.6 vom 8. Februar 2013 > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)

Wolfgang Hagen