Debatte
Kritische Medienbürger
ARD und ZDF müssen ihr Publikum ernst nehmen
Frankfurt a.M. (epd). Eine kleine, eigentlich belanglose Episode: Auf der Website der "Ständigen Publikumskonferenz" gab es einen kleinen Mailwechsel. Deren Vorsitzende Maren Müller regte an, die ARD solle täglich eine lange Nachrichtensendung am Vorabend senden, 45 Minuten bis zu einer Stunde lang. Dazu meldeten sich eine Menge Kommentatoren, unter anderem "Bücherleser". Er wünschte sich einen ganzen Kanal nur mit Nachrichten und Informationen und bekam von "Maren" den knappen Hinweis: "Was hältst Du von Phoenix?" Davon hielt er zunächst nichts, weil er "Phoenix" gar nicht kannte. Er schaute sich zwei Tage das Programm des Senders an und monierte: "Ein großes Manko: Es gibt keine Kommentarfunktion! Wenn ich schon blechen muss, will ich auch meinen Senf dazugeben können!"

 

Beziehungskrise
epd Der Medienkritiker Fritz Wolf hat in einer Studie für die Otto-Brenner-Stiftung eine Verbesserung des Dialogs der Medien mit dem Publikum gefordert (epd 47/15). Nur so könnten speziell die öffentlich-rechtlichen Sender einem drohenden Vertrauensverlust entgegenwirken, schreibt er in der Studie. Sie seien gefordert, auf ihre Kritiker zuzugehen und Räume zur Beteiligung und Programmkritik zu schaffen. Die Studie kann bei der Otto-Brenner-Stiftung unter diesem Link heruntergeladen werden: u.epd.de/fqy.

 

Das kann man nun dummdreist nennen oder clever, jedenfalls steckt darin der Anspruch von "Bücherleser", mitzureden, mitzudiskutieren, mitzustreiten. Und das ist eine Forderung, die in den öffentlich-rechtlichen Sendern noch nicht so recht angekommen ist. Die Sender agieren weitgehend noch im Modus von Senden und Empfangen, im Modus der Einbahnstraße. Aber Internet und Soziale Medien haben das Verhältnis zwischen Journalisten und Publikum verändert, die Einbahnstraße hat jetzt Gegenverkehr. Teile des Publikums kritisieren nun direkt und praktizieren eine neue, bisher unbekannte Form der Medienkritik.

 

Selbstermächtigung des Publikums

Die wichtigste Einsicht: dieses Publikum und seine Kritik gehen nie wieder weg. Es findet sich heute schon im medialen Raum ein und wird sich künftig in noch höherem Ausmaß dort einfinden, um mit sich selbst, mit anderen Usern und/oder mit den Medien zu diskutieren. Dass es sich dabei nur um eine Minderheit des Publikums handelt, nimmt nichts von der Wirksamkeit. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat mehrfach davon gesprochen, dass hier in der Öffentlichkeit eine "fünfte Gewalt" heranwachse, die nicht mehr ignoriert werden könne. Er spricht auch von "Selbstermächtigung des Publikums", ein Begriff, der es in seiner schillernden Vieldeutigkeit in sich hat.

Dass eine Minderheit dieser Minderheit ihr Verhältnis zu den Medien inzwischen auf den Vorwurf der "Lügenpresse" heruntergekühlt hat, gehört auch zu den veränderten Bedingungen der Kommunikationslandschaft. Die Diagnose dürfte kaum zu bestreiten sein: Medien und ihr Publikum stecken in einer veritablen Beziehungskrise, die man wahlweise auch Vertrauens- oder Glaubwürdigkeitskrise nennt. Und da reden wir noch gar nicht vom Vorwurf der "Lügenpresse", der sich ja auf alle Medien erstreckt. Vermutlich reicht die Idee, Medien seien durchweg von oben gesteuert und manipuliert, weiter über Pegida hinaus bis in den bürgerlichen Mittelstand hinein. Der "Stern" will bei einer Umfrage herausgefunden haben, dass 44 Prozent der Bevölkerung die Medien für lügnerisch und manipuliert halten, der WDR kam bei einer eigenen Umfrage nur auf einen Wert von 20 Prozent (epd 46/15). Die Unterschiede hängen davon ab, wie man fragt. Aber auch 20 Prozent Ablehnung sind ein deutliches Warnsignal.

Dabei muss klar sein, dass es weder "die" Medien gibt noch "das" Publikum. Medien agieren unterschiedlich und verschiedene Publika folgen unterschiedlichen Bedürfnissen und verfolgen unterschiedliche Interessen. Was es aber gibt, ist eine "neue Topographie der Öffentlichkeit", wie der Medienwissenschaftler Uwe Hasebrink das genannt hat. In dieser neu vermessenen Öffentlichkeit ist das Misstrauen groß, aber nicht absolut.

 

Überall Trolle und Spinner

Das hat sich am Abend der Pariser Attentate überdeutlich gezeigt, als, im Nachklang des Fußballländerspiels mehr als neun Millionen Zuschauer noch an den Bildschirmen blieben, um informiert zu werden. Dass die ARD diesen Vertrauensbeweis in ihre Informations-Kompetenz wiederum nicht nutzte, ihre Sportreporter an der medialen Außenlinie verhungern ließ und das Angebot von Anchorman Thomas Roth, sofort ins "Tagesschau"-Studio zu kommen, als unnötig zurückwies, gab Grund für neue Vorwürfe.

Das dominierende Narrativ, wie diese Beziehungskrise zu bewerten sei, ist derzeit pessimistisch. Überall Hass- und Wutbürger, Trolle und Spinner. Man wird im Moment vermutlich nicht berühmt mit dem Vorschlag, doch auch einmal die positive, ja produktive Seite der Veränderungen zu sehen. Aber viele Zeichen deuten darauf hin, dass etwas Neues in die Beziehungen zwischen Medien und Publikum kommt: die Forderung nach stärkerer Teilhabe. Transparenz ist das Gebot der Stunde, Partizipation das der Zukunft - und der Weg dahin führt über den Dialog.

Das soll natürlich nicht heißen, dass künftig jedermann in die journalistische Arbeit der Sender hineinreden soll und darf. Aber es geht doch um Teilhabe am Prozess öffentlicher Information und Kommunikation, Meinungs- und Willensbildung. Es geht um den Bürger, nicht den Konsumenten. Es geht darum, mitsprechen zu wollen in der Frage, welche Form von Information und Kommunikation in diesem Land gepflegt werden soll.

Wie wenig davon in den öffentlich-rechtlichen Sendern angekommen ist, zeigt im Kleinen die aktuelle Auseinandersetzung um NDR, Eurovision Songcontest und Xavier Naidoo. Die Nominierung für den ESC war in den Jahren zuvor eine Veranstaltung, bei der das Publikum bei der Wahl der Sänger mitentscheiden durfte, eine geläufige Minimalform von Beteiligung. Die hat der NDR in diesem Jahr kassiert und daraus wieder eine Entscheidung allein des Senders gemacht, die er dann nach massiven Protesten wieder zurücknehmen musste.

 

Kein vordemokratisches Königtum

Gewiss, wieder eine dieser überflüssigen Aufregungen. Die aber ernst genommen wird, wie der Kommentar von Claudia Tieschky in der SZ zeigt: Die ARD müsse "endlich lernen, dass sie ihrem Publikum Transparenz und Mitsprache schuldig ist - nicht nur beim ESC, auch bei Moderatorengehältern, Sportrechten und Bilanzen. Die ARD ist kein vordemokratisches Königtum, in dem Majestäten einsame Entscheidungen fällen."

Der Politikwissenschaftler Christoph Bieber, der auch Mitglied im WDR-Rundfunkrat ist, drückt den gleichen Sachverhalt anders aus. Er weist darauf hin, dass mit der Einführung der Haushaltsabgabe den Sendern auch eine Verpflichtung zugewachsen ist: "Die Zuschauer sind zu Stakeholdern geworden", sagt er, "eine Schlussfolgerung könnte die stärkere Einbeziehung der Zuschauer als kritische Medienbürger in Kontroll-, Aufsichts- und Entwicklungsprozesse sein."

Und damit die Gedanken daran nicht zu klein und zu medial beschränkt ausfallen, hier noch ein Argument des Staatsrechtlers Ulrich Mückenberger, das auf den Zusammenhang von Medienverdrossenheit und Politikverdrossenheit hinweist: "Das Absinken von Politik in die Arkanbereiche einer Großen Koalition und von grenzüberschreitenden Finanzeliten aktualisiert Grundfragen der Demokratie. Wo findet eigentlich heute (entscheidungsrelevante) öffentliche ,Deliberation' über die Zukunft des Gemeinwesens statt? Welchen Einfluss hat das Parlament noch? Was wird aus der Bürgerbeteiligung? Öffentliche Deliberation braucht öffentliche Orte und Zeiten - beide Voraussetzungen sind heute bedroht."

Was also wäre zu tun, um der Forderung nach verstärktem Dialog mit den Zuschauern, Zuhörern und Usern auf die Beine zu helfen? Die öffentlich-rechtlichen Sender reagieren zögerlich. Das ZDF hat nach vielfachen Anwürfen von Falschberichterstattung die Seite "Korrekturen" im Internet eingeführt, wo sich im Durchschnitt einmal pro Woche eine eher marginale Fehlerkorrektur findet. Dialog mit dem Publikum kann man das nicht nennen.

 

Das Publikum weiß mehr

Im WDR hat Intendant Tom Buhrow den "WDR-Check" eingeführt - ein Wunder, dass unter den vielen Checks auch einmal das eigene Metier ins Blickfeld geraten ist -, inzwischen zusammen mit dem ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor auch zum "ARD-Check" erweitert. Eine Sendung mit Studiopublikum, das vor Ort, aber auch elektronisch, Fragen stellen und Antworten erwarten durfte. Überzeugend fiel das nicht aus, eher hilflos. Hilflos nicht nur, weil die ganze Veranstaltung sehr sorgsam von oben kontrolliert und entschärft wurde, sondern weil, selbst wenn dort produktiv gestritten worden wäre, niemand sagen kann, was dann mit den Einwänden, Wünschen und Forderungen geschähe. Es gibt keine Anschlusskommunikation.

Man könnte sich ein Beispiel nehmen an einer Aktion der kleinen Schweizer Zeitung "Tageswoche". Die Redaktion stellte fünf Thesen auf, was es mit der Medienverdrossenheit auf sich habe, bat um Debatte und war überrascht über die vielen Rückmeldungen und die "ausgesprochen differenziert dargebrachten Voten". These eins etwa lautete: "Wer nicht zweifelt, ist unglaubwürdig", das alte Muster, wonach Journalisten die Welt erklären, greife nicht mehr. Alles laufe, so die Quintessenz, auf die entscheidende Frage der Transparenz hinaus: "Journalisten werden vielfach als notorische Besserwisser gesehen, die andere Meinungen nicht zulassen, die eigene Meinungen nicht transparent herleiten, Kritik nicht ertragen können und die Zweifel anderer Leute ignorieren." Die "Tageswoche" überschrieb ihre Aktion übrigens mit dem Slogan: "Das Publikum weiß mehr als wir."

Aber wer weiß, vielleicht fällt den Oberen von ARD und ZDF auch noch das eine oder andere Format ein, das den Rahmen und die eigenen Begrenzungen sprengt und bei dem es den Diskussionswilligen mehr zutraut. Jedenfalls ist die Aufnahme des Dialogs mit dem Publikum eine Aufgabe, die dringend angepackt werden muss. Alle Beteiligten können da ihr Scherflein beitragen.

 

Kritische Programmbeobachtung

Die Medienpolitik könnte sich zum Beispiel an der Schweiz ein Vorbild nehmen und dafür sorgen, dass in allen Sendern unabhängige Ombudsleute die Arbeit aufnehmen können. Deren Aufgabe wäre es, zwischen Beschwerdeträgern und dem Verfahren der förmlichen Programmbeschwerde zu vermitteln und auf diese Weise den Dialog zwischen den Beteiligten herzustellen. Was vermutlich kaum jemand weiß: In deutschen Zeitungsverlagen agieren inzwischen zwölf Ombudsleute, sie haben sogar, wir sind schließlich in Deutschland, schon einen Verband der Ombudsleute gegründet (VDMO).

Eine der wichtigen Vermittlungsinstanzen zwischen Medien und Publikum verschwindet zunehmend aus der Öffentlichkeit: die Medienkritik. Medienpolitik sollte es sich zur Aufgabe machen, Institutionen der Medienkritik zu fördern und, soweit es die audiovisuellen Medien betrifft, senderunabhängige, kontinuierliche und kritische Programmbeobachtung fördern. Zu prüfen wäre, ob die schon einmal diskutierte Idee einer "Stiftung Medientest" unter neuen Bedingungen aufgegriffen werden kann.

Die öffentlich-rechtlichen Sender wiederum müssen aus Gründen des Selbsterhalts ein starkes Eigeninteresse haben, ihre Beziehungen zum Publikum dialogischer zu gestalten und dazu entsprechende Tools und Formate entwickeln. In ihren Leitlinien sollte der Ausbau des Dialogs mit dem Publikum als vorrangiges Ziel aufgenommen werden. Zudem könnte ein jährlicher Publikumsbericht beobachten und prüfen, wie der Dialogprozess vorankommt. Ein Beispiel könnten die Vierteljahresberichte der Publikumsstelle beim WDR sein, von deren Existenz allerdings außerhalb des Senders und vermutlich auch innerhalb kaum jemand weiß.

 

Der Job der Nutzer

Auch den Gremien kommt eine wichtige Aufgabe zu. Deren Mitglieder vertreten in der Rundfunkaufsicht die Interessen der Allgemeinheit, was nicht rundweg identisch ist mit den Interessen eines dialogwilligen und dialogfähigen Publikums. Die Gremien sollten Wege prüfen, wie sie aus ihrer Position heraus zum Dialog beitragen können, zum Beispiel Publikumsvertreter in die Gremienarbeit zu integrieren, Sprechstunden einzurichten, mit Ombudsleuten, so welche aktiv sind, kooperieren und so weiter. Auch eine attraktivere Gestaltung der Gremiensitzungen könnte nützlich ein.

Heute sind die meisten Gremiensitzungen der öffentlich-rechtlichen, aber auch der Aufsichtsorgane der privaten Fernsehsender öffentlich zugänglich. Das sollten interessierte Bürger als Chance nutzen, aktiv daran teilzunehmen und eigene Interessen einzubringen. Kann sein, dass dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch Druck von außen, aus der Zivilgesellschaft, guttun würde. Leider sind breiter wirksame medienbezogene Bürgerinitiativen nicht in Sicht. Die letzten Jahrzehnte Mediengeschichte in Deutschland haben gezeigt, dass die diversen Initiativen jeweils nur punktuell und zeitlich begrenzt wirksam wurden. Rezipienten sind eben Rezipienten und keine Aktivisten.

Und um auf das hier sträflich vernachlässigte Phänomen der sich intellektuell und emotional entgrenzenden Wut- und Hassbürger zurückzukommen: auch hier besteht natürlich Handlungs- und Lernbedarf. Ein Kollege der "tageszeitung" schrieb im Zusammenhang mit der Diskussion um die ARD-Berichterstattung am Abend der Attentate: "Vielleicht sollten aber auch wir Nutzer endlich lernen, unseren Job ordentlich zu machen."

Aus epd medien Nr. 48 vom 27. November 2015

> zum Archiv von epd medien (Gastzugang)

Fritz Wolf