Interview
"Krimis sind uninteressant"
Ein epd-Gespräch mit dem Regisseur und Autor Franz Xaver Bogner
Frankfurt a.M. (epd). Franz Xaver Bogner ist wieder da: In "Über Land" (nächste Folge am 4. Februar um 16 Uhr im ZDF) erzählt der bayerische Regisseur und Autor von einem eigensinnigen Richter, der Nachbarschaftsstreitigkeiten auf dem Land schlichtet. Bogner (69) machte eine Ausbildung an der Hochschule für Film und Fernsehen in München und dreht seit den 80er Jahren Fernsehserien und Filme, überwiegend für den BR. "Irgendwie und Sowieso" mit Otti Fischer und Elmar Wepper wurde in den 80er Jahren zur bayerischen Kultserie. Für "München 7" erhielt er den Grimme-Preis. Zuletzt liefen im Ersten und im BR "Moni's Grill". Diemut Roether sprach mit ihm über typisch bayerische Dialoge, das serielle Erzählen und den finanziellen Druck der Sender auf Produzenten und Filmemacher.

epd: Herr Bogner, "Über Land", der Titel Ihrer neuen Miniserie im ZDF, klingt programmatisch: Sie haben lange in "München 7" Geschichten aus München erzählt. Wie kommt es, dass Sie München jetzt wieder verlassen haben und Geschichten vom Land erzählen?

Bogner: Es war eine Form von Heimfahren. Das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land hat mit mir zu tun. Ich bin aufgewachsen vor den Toren Münchens und bin in Erding aufs Gymnasium gegangen. Das Tolle war, das ich beides in der gleichen Intensität haben konnte: Das freie Land, den Ebersberger Forst, die Voralpen, und ich habe nur eine halbe Stunde gebraucht nach München. Ich bin also mit beidem aufgewachsen und irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich permanent in diesem Spannungsfeld hin und her tendiere. In diesem Fall habe ich eine Geschichte konstruiert, in der ein Richter nach einer längeren Weltreise zurückkommt und bei seiner früheren Freundin, der Gerichtspräsidentin, vorspricht. Er meint, er wird wieder eingestellt in München, aber sie denkt sich eine kleine Rache aus für sein dreijähriges Abhauen und schickt ihn aufs Land. Wir haben, ohne es groß zu betonen, im Berchtesgadener Land gedreht, weil viele mit Bayern Berge verbinden.

Was für Geschichten können Sie in dieser neuen Miniserie erzählen, die Sie in "München 7" nicht erzählen konnten?

Bogner: Jede Geschichte, die zum Prozess führt. Ich achte immer extrem darauf, dass die Geschichten sehr klein sind, ich erzähle das Große, wenn es überhaupt groß ist, immer gern im Kleinen. Vergewaltigung, Mord, Totschlag, das finde ich nicht lustig, das geht nicht.

Es geht um die kleinen Streitigkeiten unter Nachbarn.

Bogner: Es gab einmal in den 90ern eine US-Serie, die mir sehr gut gefallen hat, die hier aber nicht richtig Fuß gefasst hat, die hieß "Picket Fences". Da ging es nur um solche Sachen. Ich glaube, dass die Art und Weise, wie Leute miteinander streiten - sie streiten ja, um Anerkennung zu finden - die Grundlage ist für ganz große Geschichten. Wenn jemand 1.350 Euro klaut, ist das noch nachzuvollziehen. Bei drei Millionen finde ich es uninteressant. Ich mag gerne Menschen. Wie sie miteinander umgehen, ist für mich die Triebfeder, warum ich Geschichten erzähle. Die großen erplotteten Handlungen, die neuerdings erzählt werden, interessieren mich überhaupt nicht.

Es geht Ihnen also mehr um die Charaktere und die Atmosphäre?

Bogner: Und um die Dialoge. Die Art und Weise, wie sich Menschen hinter Sprechen verstecken und auch verraten.

Einer der Schauspieler aus "München 7", Andreas Giebel, hat einmal über Ihre Dialoge gesagt: "Man sagt das, was gesagt werden muss, damit jeder kapiert, was nicht gesagt worden ist."

Bogner: In Bayern lässt man eigentlich die wesentlichen Sachen weg. Als Bayer kannst Du noch so verliebt sein, Du sagst es nie. Der Bayer sagt nicht ständig seiner Frau, ich liebe Dich.

Ich glaube, das machen wenige Menschen.

Bogner: Das kann sein, aber ich kenne ein paar, die es zu oft machen. Man lässt vieles weg. Das hat natürlich auch taktische Gründe, weil man gern gewinnt und dabei nimmt man auch in Kauf, dass man für blöd gehalten wird.

Sie haben einmal gesagt, den Witz Ihrer Serien verstehen nur Bayern.

Bogner: Man muss die Leute gut kennen, dieses Taktieren, mit dem Weglassen, um es zu durchschauen. Ich glaube, das ist bei vielen eine Strategie, um zu verhindern, dass man merkt, dass sie dumm sind. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich nur so Sachen mit Bayern mache. Ich bin hier geboren und kenne die Leute sehr gut. Wieso soll ich etwas machen, was ich nicht kenne? Ich liebe dieses Land und ich mag die Leute, auch die Fremden, die hierherkommen und sich nicht auskennen - bis auf diese "Happy-Schnäppi-Typen", die ein halbes Jahr in München sind und gerne Münchner sind, die sind uninteressant, darunter sind viele Betriebswirtschaftler. Dieses "Münchner Gefühl" ist uninteressant.

Franz Xaver Kroetz spielt in "Über Land" den Richter Max Althammer. Hatten Sie ihn beim Schreiben bereits im Kopf?

Bogner: Das ZDF hat mich gefragt, ob ich etwas machen könnte im Stil der "Weißblauen Geschichten", die es einmal gab. Ein Feiertagsprogramm. Ich habe die Idee von "Über Land" auf einer halben Seite zusammengeschrieben, und als die Redaktion fragte, wer den Richter spielen soll, habe ich gesagt: Franz Xaver Kroetz. Die Redaktion sagte Ja. Genau so. Dann habe ich den Franz gefragt, und er sagte Ja. Das war im April, dann habe ich drei Bücher geschrieben, im August haben wir gedreht. Alle haben diese Schnelligkeit als outstanding empfunden, mir erschien es auch schnell. Der Franz hat das so toll gespielt, dass ich heute sagen kann, dass es eine meiner schönsten Arbeiten war. Ich schau ihm immer noch interessiert zu, was er treibt. Das war ein Glücksfall.

Er selber sagt, er kann in dieser Rolle seine anarchischen Züge ausleben. Haben Sie als Autor auch diese anarchischen Züge?

Bogner: Eine bestimmte Alltagsanarchie ist mein Ding. Im Schreiben habe ich die Hoffnung, dass man in eine Stimmung gerät, wo die Leute mit ihren Gefühlen gut aufgehoben sind. Wenn ich meine Serie "Irgendwie und Sowieso" so geschrieben hätte, wie es wirklich war, hätten sie mich nach der ersten Folge verhaftet.

"Irgendwie und Sowieso" haben Sie in den 80er Jahren gedreht, es wurde zu einer bayerischen Kultserie. Sie haben schon öfter gesagt, Sie würden gern noch einmal eine Fortsetzung machen.

Bogner: Eine Fortsetzung mache ich nicht, aber ich würde gern noch einmal eine Serie drehen mit jungen Leuten, die sich nichts gefallen lassen und sich auch nicht von Modetrends treiben lassen. Die versuchen, sie selbst zu sein und ihren Sehnsüchten nachzugehen. Das müsste so losgehen, dass zwei zwanzigjährige Mädchen auf der Isarbrücke stehen und ihre Smartphones ins Wasser fallenlassen und sagen: Jetzt fangen wir an. Das soll nur ein Signal sein, natürlich dürfen sie ihre Handys behalten, aber das sollte nicht dazu führen, dass sie nur noch auf dem Sofa rumhocken und alles per SMS oder Twitter erledigen, statt sich zu bewegen und rauszugehen und die Konfrontation zu suchen. Der BR hat schon gesagt, dass er an so etwas interessiert wäre. Wenn ich Ende März mit der Arbeit an "München Grill" fertig bin, kann ich mir darüber wieder Gedanken machen.

Wenn Sie sagen, Sie möchten etwas machen über junge Leute, die widerständig sind, verbinden Sie damit auch eine politische Botschaft?

Bogner: Bei den jetzigen politischen Verhältnissen habe ich das Gefühl, wenn Du sie in einen Sack steckst und draufhaust, erwischst Du den Richtigen. Die einzige Chance, die man momentan hat, ist wegzuschauen. Dieses Debakel mit der Regierungsfindung finde ich furchtbar.

Das klingt nach Politikverdrossenheit.

Bogner: Das ist es eigentlich nicht, aber irgendwie schon. Ich will nicht sagen, dass ich keine Zukunft sehe, aber die Alternative habe ich noch nicht gesehen.

Was vermissen Sie in der Politik?

Bogner: Direktheit. Dass Führungsleute in der Lage sind, das, was die Basis empfindet, in klare Worte zu fassen.

Sie arbeiten zurzeit an "München Grill", einer Fortsetzung von "Moni's Grill", das vor knapp zwei Jahren im Ersten lief. Das war ein Experiment, Sie haben versucht, in der Serie mit Christine Neubauer und Monika Gruber Fiktion und Talk mit wechselnden Gästen zu verbinden. Die Kritiker waren nicht so begeistert, das Publikum auch nur mäßig. Was sagen Sie selbst darüber?

Bogner: Ich habe damals den Fehler gemacht, dass ich mit Hella von Sinnen in der ersten Folge angefangen habe. Das war für die Bayern die Härte. Andererseits haben wir auf dem Sendeplatz beim BR den Marktanteil um drei Prozentpunkte erhöht. Das heißt, nach den Kriterien des Bayerischen Fernsehens war es ein Erfolg, weil die Quote höher war und die Zuschauer jünger waren. Die Kritik kam in erster Linie von älteren Zuschauern. Jüngere haben gesagt, sie finden es ganz nett, auch das, was Hella von Sinnen gesagt hat. Es war ein Versuch, wir haben das damals sehr schnell gemacht, und ich habe in meinem gesetzten Alter erreicht, dass die Leute sich sehr zwiespältig darüber geäußert haben. Jedenfalls ist es aufgefallen. Deshalb haben wir gesagt, entweder hören wir ganz auf, oder wir führen konzeptionelle Änderungen herbei. Wir haben den Interviewteil abgeschafft und ich bin ein neues Experiment eingegangen: Es gibt eine fiktive Erzählung mit der Kneipe und es kommen bekannte Leute vorbei, die sich selbst spielen. In Folge vier kommt Uschi Glas herein, weil sie ihr Auto abgeschleppt haben. Erschwerend kommt hinzu, dass jemand Mäuse im Lager entdeckt und für abends ist Besuch vom Gesundheitsamt angesagt. Alle anderen benehmen sich wie in der Fiktion und sie benimmt sich wie Uschi Glas.

Das heißt, sie hat kein Drehbuch?

Bogner: Ich habe mit den Leuten verabredet, worum es gehen soll. Andreas Giebel, der auch mitmacht, hat ein Buch bekommen mit fünf Stellen, für die er, wenn er wollte, einen Text schreiben konnte. Es ist also eine gescriptete Improvisation. Wir haben jetzt zwei Drittel abgedreht und ich bin mit dem, was wir haben, sehr zufrieden.

Sie wollten ja ursprünglich mal Dokumentarfilmer werden und Sie haben 2016 auch bei "24h Bayern" mitgemacht. Was haben Sie da gemacht?

Bogner: Ich war früher Dokumentarfilmer. Für "24h Bayern" habe ich die "Bunte"-Reporterin Marie Waldburg begleitet. Es war ihr letzter Tag als Reporterin. Sie hat sich hergerichtet, weil sie am Abend zur Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises ging. Das war sehr lustig, wir rannten hinter ihr her mit der Kamera, als sie ins Theater reinging und hinter uns rannte noch ein Team des BR, das uns gefilmt hat für das Making Of. Also sauste da zuerst die Marie Waldburg, hinter ihr die Kamera, dahinter ich, und alle, die mich sahen, wollten mich begrüßen und ich sagte nur: "Ruhe, ich bin am Arbeiten."

Da mussten Sie selbst improvisieren.

Bogner: So ungefähr. Das hat mich noch einmal darin bestätigt, dass jede Dokumentation ihre Grenzen hat. Das war auch damals der Grund, warum ich nach drei oder vier Jahren als Dokumentarfilmer gesagt habe, jetzt schreibe ich selbst. Ich habe gemerkt, wie ich mit der Fragestellung versucht habe, die Leute so zu lenken, dass sie das sagen, was ich hören wollte.

Hatten Sie ein Vorbild, als Sie anfingen, Serien zu machen?

Bogner: Filmtechnisch gab es für mich nur einen, den ich wirklich bewundere, das ist Fellini. Ich verbeuge mich ganz tief vor ihm. "Amarcord" ist ein Hammerfilm, auch "Julia und die Geister". Ich mag auch das amerikanische Kino, aber ich kann mir nicht vorstellen, unter solchen Bedingungen zu drehen.

Warum?

Bogner: Das ist alles so groß, es gibt so mächtige Einflüsse. Die Schauspieler und deren Agenten haben enorme Einflüsse und irgendwann wird Dir der Film aus der Hand genommen.

Was hatte Helmut Dietl für eine Bedeutung für Sie?

Bogner: Über mich wurde immer gesagt, der Bogner ist der Dietl vom Land. Und ich habe gesagt, danke für das Kompliment. Wir haben uns gegenseitig sehr geschätzt. Er sagte einmal zu mir, Du machst es Dir leicht im BR, mach doch mal was Größeres und streite Dich so wie ich mit dem WDR und ich habe gesagt, dafür sehe ich keinen Grund. Einmal sagte er zu mir, er habe so eine Sehnsucht nach dem Bayerischen, da habe ich zu ihm gesagt: Hör auf zu faseln, mach es doch einfach.

War er wichtig als Inspiration?

Bogner: Es kann sein, dass die "Münchner Geschichten" etwas freigesetzt haben. Ich hatte an der Filmhochschule München immer eine große Klappe und sagte, dass ich nie was Bayerisches machen werde, weil ich das nicht für eine große Leistung hielt. Dann war ich Herstellungsleiter bei der Tellux Film und ein Redakteur vom BR sprach mich an, der das "Familienjournal" machte, er wollte in der Sendung eine kleine Spielserie haben. Jemand aus dem Umfeld von Helmut Dietl sollte das schreiben und drehen. Dann stieg der aus und die einzige Chance war, dass ich es selber machte. Das war eine Aushilfe, die bis heute anhält. Anschließend habe ich "Zeit genug" gemacht.

Das war eine Serie, die Anfang der 80er im BR lief. In ihr trat Ottfried Fischer erstmals auf. Sie umgeben sich als Regisseur gern immer wieder mit den gleichen Schauspielern. Ist das so eine Art Familie?

Bogner: Wenn es funktioniert, ja. Manchmal funktioniert es einfach nicht, weil sehr viele Leute mit sehr vielen Eigenheiten und Eigeninteressen dabei sind, die sich nicht in eine bestimmte Form von Teamgeist einfügen. Im Grunde habe ich von Serie zu Serie zwei oder drei "altgediente" Schauspieler genommen und die jungen eingebaut. Ich weiß noch, als ich "Irgendwie und Sowieso" besetzt habe, sagte Toni Berger zu mir: "Um Himmels willen, das sind ja lauter Kinder."

Sie haben damals Otti Fischer entdeckt.

Bogner: Und vor allem Robert Giggenbach. Giggenbach hat damals den "Klassenfeind" in Bochum gespielt und wir haben ihn genommen, obwohl er eine Idee zu alt war. Aber egal, Dustin Hoffmann ist auch zu alt für "Reifeprüfung". In dem Dorf, aus dem ich komme, gab es einen zu nichts zu gebrauchenden Bauernsohn, dem sie sehr früh ein Kofferradio gekauft haben und der eine NSU Quickly hatte. Wann immer er im Dorf einen Fremden gesehen hat, fuhr er auf den zu, bremste einen halben Meter vor ihm und sagte: "Gell, Du magst mi net." Und ich habe zu Otti gesagt, wir machen das wie in "Amarcord" bei Fellini, wo alle 20 Minuten der deutsche Motorradfahrer wie ein Depp durchs Bild fährt. Du kommst alle 15 Minuten, fährst mit Hut und allem Drum und Dran zu den Leuten und sagst: "Gell, Du magst mi net." Das war die Ursprungsidee.

So wurde aus Otti Fischer "Sir Quickly". Bei Ihnen kann Christine Neubauer auch zeigen, was für eine tolle Volksschauspielerin in ihr steckt.

Bogner: Ja, ich habe nie etwas anderes in ihr gesehen. Ich drehe auch jetzt wieder mit ihr. Bei allem, was ich mit Christine gemacht habe, war sie eingebettet in ihre Heimatsprache, da ist sie einfach glänzend. Alles andere interessiert mich nicht.

Sie machen seit mehr als 30 Jahren Serien. Was denken Sie, wenn Sie heute Artikel lesen über den angeblich neuen Boom der deutschen Serie?

Bogner: Ich habe versucht, aus "Café Meineid" eine Reihe zu machen, in jeder Folge gab es einen berühmten, guten Schauspieler. Bei "Irgendwie und Sowieso" und bei "Zeit genug" habe ich versucht, ein großes Stück in zwölf Teilen zu erzählen. Aber ich wollte mich nie diesem Serienzwang unterwerfen, der in einer sogenannten Bibel kodifiziert wird. Ich wollte immer Geschichten erzählen um interessante Menschen. Ich schaue mir ab und zu was an, was die Amerikaner machen. Da hat man das Gefühl, das ist auf dem Level eines Kinofilms, aber was hier versucht wird, erreicht nie die Qualität der Amerikaner.

Welche Rolle spielen die neuen Technologien für Sie? Das Internet? Ich habe den Eindruck, Sie mögen keine Smartphones...

Bogner: Nicht besonders. Ich weiß auch gar nicht, wo ich es habe. Das Internet gefällt mir, manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in den 50er Jahren der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Ich schaue mir über Youtube Johnny-Carson-Shows an, die liebe ich über alles. Auch Dean-Martin-Shows. Die hatten vor 50 Jahren eine Professionalität, die auf einem irren Können fußte. Das bewundere ich. Wenn ich mir dann heutige Shows ansehe... Deshalb bin ich viel im Internet unterwegs, aber eigentlich nur, um zu recherchieren. Ich bin nicht bei Facebook, das kenne ich von meiner Tochter, das tue ich mir nicht an. Aber Youtube ist mein Dauerchannel.

Was schauen Sie sich im Fernsehen an?

Bogner: So gut wie nichts. Es gibt eine Kategorie der Erzählung, die ich schon immer unwichtig fand, das sind Krimis. Ich will nicht wissen, wer wen umgebracht hat, das ist mir zu uninteressant.

Und das Fernsehprogramm besteht ja fast nur noch aus Krimis.

Bogner: Mittlerweile, ja. Ich habe die Bücher zu "Über Land" prüfen lassen von einem bekannten Oberstaatsanwalt. Der sagte mir, er hat früher auch Krimi-Produzenten beraten. Das hat er aufgegeben, weil er das Gefühl hatte, die verstehen nichts. Wenn ein Verbrechen passiert, ist der erste am Tatort der Staatsanwalt. Der sagt, wen er braucht, und die Kommissare treten an und laufen dort als seine Gehilfen rum. Er sagt, wie er es haben will und die haben alles, was sie tun, mit ihm abzusprechen. Dann hat in den Krimis jeder noch sein riesengroßes Paket an persönlichen Sorgen, entweder geht die Frau fremd oder er ist heimlich homophil, das ist doch Nonsens.

Ihnen ist wichtig, dass die Geschichten stimmen. In "Über Land" weist der Richter einen Zeugen zurecht, der für eine Einlassung aufsteht und sagt: Setzen Sie sich wieder hin, das kennen Sie doch nur aus amerikanischen Serien, das hat hier nichts verloren. Ist es schwieriger geworden, Ihre bayerischen Geschichten zu erzählen, weil alle nur noch auf den internationalen Markt schielen?

Bogner: Der Bayerische Rundfunk wollte "München Grill", also Münchner Geschichten. Der Sender hat auch "Hindafing" produziert, das in Bayern spielt. Der BR achtet sehr darauf, dass bayerische Geschichten erzählt werden. Und das ZDF wollte auch etwas aus Bayern machen. Den Vorabend im Ersten kann ich nicht mehr beurteilen. Bei "München 7" haben sie damals in Hamburg gesagt, die Serien, die wir weitermachen, müssen einen Marktanteil über 8 Prozent haben. Wir lagen bei 7,9 Prozent und haben verloren. Dieser Vorabend braucht so ein Hauruck-Format wie "Hubert und Staller".

Den Quotendruck bekommen Sie also zu spüren?

Bogner: Ja, auf die Quote wird sehr geachtet, Du musst zweistellig sein. Das ist ein Nachdenken wert, ob man weitermacht. Darunter hat man es schwer.

Sie machen nach wie vor Ihr Ding, Sie machen Serien aus Bayern und für Bayern. Internationale Serien, der Anschluss an den internationalen Markt interessiert Sie nicht?

Bogner: Das müsste einem passieren. Es würde mich interessieren, wenn es in Bayern spielen würde, aber so wenig spezifisch ist, dass es für einen großen Markt interessant ist. Wenn ich mir aber vorstelle, ich sollte mir das als Ziel stecken, wäre mir das den Aufwand nicht wert. Es geht mir immer noch im Wesentlichen darum, dass ich mich mit der Arbeit, die ich mache, gut fühle. Jeder Arbeitstag ist ein Tag meines Lebens und ich muss mich nicht einem Stress aussetzen, wo mir am Ende die Entscheidungen von anderen aus der Hand genommen werden. Ich würde gern etwas finden, was zwischen den beiden Weltkriegen hier passiert ist oder nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 50er Jahren. Ich halte die 50er Jahre in jeder Hinsicht für interessanter als die 60er Jahre, weil damals viel passiert ist, das ausschlaggebend ist für das, was jetzt ist - übrigens auch musikalisch. Ich habe die 50er Jahre noch ein bisschen mitgekriegt, sie sind die Grundlage für vieles, weil wir ja Besiegte waren, was den wenigsten bis heute klar ist. Es ist nun mal so: Opel ist nicht Opel, sondern General Motors.

Das haben Sie als Kind wahrscheinlich auf eine sehr subtile Art empfunden.

Bogner: Sehr subtil. Deswegen haben wir auch die Elterngeneration nicht verstanden. Sie haben sich auch im Alltag als Besiegte empfunden, das ist für einen jungen Menschen schwer nachzuvollziehen. In den unterschiedlichen Regionen, mit unterschiedlichen Besatzungsmächten, sehen die Leute das ganz unterschiedlich. Wenn ich mir heute überlege, wie ich mich mit meinem Vater als 68er gestritten habe: Ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, was das für ihn bedeutet hat, dass er als 16-Jähriger im Krieg war, als Minensucher bei der Marine, dass er mit dieser affenartigen Belastung überlebt hat und weiterleben musste. Wenn ich heute mit Youngstern über die Zeit der 68er rede, denke ich auch manchmal, Du hast einfach keine Ahnung, aber ein Urteil.

Sie haben den Bayern mit "Irgendwie und Sowieso" ein Stück 68er-Geschichte geschenkt. Die Serie wird von manchen fast als dokumentarisch empfunden.

Bogner: Ich habe mal einen Fernsehfilm gemacht, "Das ewige Lied", über das Lied "Stille Nacht". Es gibt 5.000 Varianten, wie dieses Lied entstanden ist, und ich habe eine für mich persönlich stimmige Geschichte erfunden. Danach hat mir eine Bäuerin gesagt: Das Schöne ist, jetzt weiß man wenigstens wie es war. Sehnsüchte und Illusionen gleichen sich von Texas bis Bayern: Man will etwas, was man nicht hat. Und wenn man es hat, wird es oft sehr langweilig.

Deswegen hören die meisten Filme mit dem Happy End auf. Sie machen jetzt seit 40 Jahren Fernsehen. Wie hat sich das Fernsehen in den letzten Jahren verändert?

Bogner: Extrem. Es hat sich enorm beschleunigt. Und die Arbeitsbedingungen werden unter dem enormen Druck, den die Sender an die Produzenten abgeben und die Produzenten wiederum weitergeben, so eng und so brutal, dass für Details in der Inszenierung so gut wie kein Platz mehr ist. Ich bin ja eine aussterbende Spezies als einer, der Buch und Regie macht und muss mir im Vorhinein so viel überlegen, was ich früher am Ort machen konnte. In Innenräumen hält man neun Filmminuten am Tag für normal, früher waren es fünf. Das ist irre. Wenn man dann noch Schauspieler hat, die nicht hundertprozentig hinter dem stehen, was man will oder textlich schwach sind, ist das ein Höllentrip. Der finanzielle Druck überträgt sich auf das Team. Was die tatsächliche Ursache dafür ist, habe ich noch nicht ergründet. Ich fühle mich aber nicht schlecht dadurch.

Sie machen auch nicht den Eindruck, als würden Sie aufhören wollen.

Bogner: Ich habe immer das Gefühl, ich fange gerade an. Das klingt kokett, aber das ist so.

Aus epd medien Nr. 4 vom 26. Januar 2018