Internationales
Kontroverse über US-Studie zu Trump-Berichterstattung
Shorenstein-Center: 80 Prozent der Berichte negativ - ARD: Nicht seriös
Washington (epd). Eine Studie des Shorenstein-Centers der US-amerikanischen Harvard-Universität über die Medienberichterstattung zu Donald Trump hat für eine Kontroverse gesorgt. Während sich konservative Medien in ihrer Kritik an liberalen Elitemedien bestätigt sehen, verweisen andere auf Schwachstellen der Untersuchung, darunter auch die ARD.

Das "Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy" hat die Fernsehsender CBS, CNN, Fox und NBC, die Zeitungen "New York Times", "Wall Street Journal" und "Washington Post" sowie BBC und "Financial Times" aus Großbritannien und die deutsche ARD ausgewertet. Farbgrafiken, wonach bei diesen zehn Medienunternehmen insgesamt 80 Prozent des "Tons der Nachrichtenberichterstattung" in der ersten 100 Amtstagen von Trump negativ gewesen seien, verleiteten zur Medienschelte. Den Spitzenwert der angeblichen Negativität erreichte ARD mit 98 Prozent.

Allerdings widerspricht die Studie selbst der "80 Prozent"-Behauptung. Man habe Medienberichte ausgeschlossen, die "im Ton neutral" gewesen seien, heißt es in der 19-seitigen Untersuchung. Diese neutralen Storys hätten etwa ein Drittel der Berichte ausgemacht. Die Daten zur Studie wurden von Media Tenor geliefert, einer in der Schweiz ansässigen Firma, die sich auf das Sammeln und Auswerten von Nachrichteninhalten spezialisiert hat, deren Methodik aber als umstritten gilt.

Der "Ton" sei aus Sicht des Protagonisten Trump eingeordnet worden. "Negativ" seien demnach Storys, in denen Trump direkt kritisiert wird, ebenso Beiträge, "in denen ein Ereignis, ein Trend oder eine Entwicklung" ein nachteiliges Licht auf den Handelnden werfe, etwa beim Rückschlag für die republikanische Krankenversicherungsreform.

Der Studie zufolge kommen die meisten "Soundbites" in den Storys über Trump nicht von linken und liberalen Gegnern. Vielmehr hätten in den Nachrichtenbeiträgen der Präsident selbst und Republikaner 80 Prozent der Soundbites geliefert, Demokraten sechs Prozent und Teilnehmer an Anti-Trump Kundgebungen drei Prozent. Die Ermittlungsbehörde FBI komme auf ein Prozent. Letztendlich räumt die Studie ein, man könne nicht "definitiv" sagen, ob die Mainstream-Medien fair über Trump berichteten. Der Beginn seiner Amtszeit sei von mehr Fehlgriffen geprägt gewesen als der von anderen Präsidenten.

Die Webseite des rechten Fernsehsenders Fox News betonte, die Trump-Berichterstattung sei "umwerfend negativ, zum Kopfschütteln negativ". Und das sei nun auch festgestellt worden vom "weithin angesehenen" Shorenstein Center. In Deutschland hob die "Welt" hervor, dass laut Studie nirgends negativer über Trump berichtet worden sei als in der ARD. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" kommentierte dagegen, wenn eine Firma ein defektes Produkt liefere und damit die Kunden verärgere, dann seien Reporter nicht voreingenommen, wenn sie darüber schrieben und die Berichte "im Ton negativ" seien.

ARD-Sprecher Steffen Grimberg sagte am 30. Mai auf epd-Anfrage, nach Angaben von Media Tenor seien lediglich die "Tagesthemen" ausgewertet worden und nicht das gesamte Informationsprogramm des Ersten oder gar der ARD. Dies sei mit Blick auf den Fokus "Hauptnachrichtensendung", der laut Studie untersucht werden sollte, problematisch, denn die 20-Uhr-Ausgabe der "Tagesschau" im Ersten sei offenbar unberücksichtigt geblieben.

Die Studienergebnisse zur ARD-Berichterstattung seien auch aus anderen Gründen als nicht seriös zu bewerten, kritisierte Grimberg. Da über ein Drittel der Berichterstattung ausgeblendet werde, weil es sich um "neutrale" Berichte handele, zeige sich hier eine "Betrachtungsweise, die auf Polarisierung der Ergebnisse angelegt und mit klassischen, empirischen Inhaltsanalysen nicht vergleichbar ist". Zudem seien auch sachliche Berichte darüber, dass Trump durch Dritte kritisiert wurde, als negativ gewertet worden, ebenso Berichte über Ereignisse, bei denen sich Trump nicht durchsetzen konnte.

Aus epd medien Nr. 22 vom 2. Juni 2017

ege/rid