Kritik
Kiffen beim Kakao
VOR-SICHT: "Spuren des Bösen: Begierde", Fernsehfilm, Regie: Andreas Prochaska, Buch: Martin Ambrosch, Kamera: David Slama, Produktion: Aichholzer Filmproduktion (ZDF, 6.3.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Hat dieser Mann ein Pech! Der Wiener Kriminalpsychologe Richard Brock (Heino Ferch) auf den "Spuren des Bösen" hat die ZDF/ORF-Dauerkarte fürs ganz große Unglück gezogen. Erst bringt sich seine Frau um. Einmal erstickt er fast bei einem Wohnungsbrand. Er wird von einem Irren gestalkt. Und jetzt ersticht er, als er Nothilfe für ein bedrohtes Callgirl (Marvie Hörbiger) leistet, einen ihm anvertrauten Schizophrenen. Wegen des Verdachts der "Notwehrüberschreitung" kommt er in den Knast. Und das sind nur die aktuellen Katastrophen - und die, die mir beim Wiedersehen mit dem Reihen-Psycho spontan in Erinnerung gekommen sind. Tatsächlich gab es in den insgesamt nun sechs Filmen von Andreas Prochaska (Regie) und Martin Ambrosch (Buch) noch viel mehr Tragödien, Tränen und Traumata - und vor allem Depression.

Denn spurlos geht so viel Jammer an Schmerzensmann Brock natürlich nicht vorüber. Die für Brock subjektiv vielleicht schlimmste Katastrophe in der neuen Folge: Seine Familie verstößt ihn. So fühlt es sich für ihn jedenfalls an, als seine Stammwirtschaft "Kaffee Urania" schließen will. Zwar hat Brock eine erwachsene Tochter, aber für das kleine bisschen Geborgenheit in seinem vielfach schwerbeschädigten Leben lag die Zuständigkeit doch beim Nachbarschaftswirt, dessen Mama und Brocks übergriffiger Putzfrau, die dort auch verkehrt. Die nächtlichen Männergespräche bei Cannabis und Kakao wird Brock schmerzlich vermissen (wenn nicht doch noch alles anders kommt).

Zunächst mal spricht es sehr für die Reihe, dass man sich als Zuschauer an Brocks bisherige Erlebnisse überhaupt erinnert, kommt doch seltener als alle Jahre eine Folge auf den Schirm. Das mag daran liegen, dass Wiener Morbidität in Deutschland keine sehr häufige Fernsehfarbe ist. Aber auch daran, dass es dem immer gleichen Kernteam gelungen ist, eine ganz eigene Stimmung und Ästhetik zu schaffen, die im Gehirn einen "Anker" setzt. Das ist nicht zuletzt auch Stamm-Kameramann David Slama und der Lichtregie zu verdanken: Blau und gelb wird immer wieder gern genommen, und das Luxusbetonhaus, in dem der schizophrene Industrielle (Benjamin Sadler) und seine Frau (Julia Koschitz) wohnen, wird in einer geradezu bewundernswerten Vielzahl von Schattierungen von grau und schwarz inszeniert (und man erkennt erstaunlicherweise trotzdem was).

Am besten, man lässt sich von dieser eigenen Atmosphäre einfach tragen - denn an der Realität misst man die sechste Folge, wie auch die vorangegangene, besser nicht. Was hier dargestellt wird, hat mit der Realität psychotherapeutischer Berufe fast nichts zu tun. Und es ist natürlich auch nicht realistisch, dass "lonesome Macker" Brock sich immer wieder auf diesem Feld betätigt, bloß weil jemand um die Ecke kommt und sagt, er soll das bitte noch mal machen. Die Arbeit am Menschen hatte Brock eigentlich mit gutem Grund an den Nagel gehängt, um sich der kriminalpsychologischen Lehre zu widmen.

Wundermann Brock löst den neuen Fall im Knast durch Nachdenken und Herumkritzeln auf einem Blatt Papier. Die Schizophrenie brach ungewöhnlich plötzlich aus. Daraus folgert er, dass der seit Jahren offenkundig in die Ehefrau des Kranken unglücklich verliebte Hausarzt (Harald Schrott) dem familiär vorbelasteten Ehemann ein Medikament verabreicht haben muss, das die bei solchen Menschen schlummernde Krankheit weckt. Und so war es dann auch. Da die Figur des Hausarztes von Anfang an suspekt schien, hatte der Film Längen.

Zusätzlich sorgte das teuflische Medikament auch noch für eine extreme Steigerung des sexuellen Verlangens. Warum der Ehemann das dann nicht der Einfachheit halber bei seiner sehr hübschen, kulleräugigen brünetten Frau gestillt hat - die er sehr liebte und die ihn auch sehr liebte und sich daher womöglich gefreut hätte -, sondern bei einer ebenso hübschen und ebenso kulleräugigen (aber blonden) Prostituierten, zählt zu den Dingen, die man hier als irgendwie "logisch" kaufen soll, obwohl sie es nicht sind. Reine Männerfantasie von Autor, Regie und Sendern? Oder eine der vielen "Spuren des Bösen", denen diese Reihe folgen will?

Wie dem auch sei: Die vermögende Gattin versucht jedenfalls, nach dem Tod ihres geliebten Manns, der von ihm schwangeren Prostituierten das künftige Kind abzukaufen. Also das ist eindeutig mal eine abgrundtief "böse" Idee. Womöglich aber noch so eine Männerfantasie. Analysieren Sie doch mal, Herr Brock!

Aus epd medien Nr. 9 vom 3. März 2017

Andrea Kaiser