Kritik
Kein Kinderwunsch
VOR-SICHT: "Ich will (k)ein Kind von dir", Fernsehfilm, Regie: Ingo Rasper, Buch: Katrin Bühring, Kamera: Sönke Hansen, Produktion: Real Film Berlin (ARD/Degeto, 17.3.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die Sache mit dem punktierten Kondom ist für Anna (Franziska Weisz) dann doch zu viel. Ein Betrugskondom in Philipps Tasche zum Zweck, sie heimlich und gegen ihren Wunsch zu schwängern. Der ultimative Vertrauensbruch. Ihm (Felix Klare) war schon unwohl dabei, sie zu hintergehen, also wollte er mit schlechtem Gewissen, aber neuerdings kaum zu stoppendem Fortpflanzungsbegehr das Schicksal die Entscheidung treffen lassen. Zwei Kondome zur Auswahl, eins in goldener Verpackung, intakt. Ein silbernes, in seiner orthopädischen Gemeinschaftspraxis säuberlich durchlöchert mit der allerfeinsten Nadel. Anna hätte wählen sollen, ohne Kenntnis der näheren Umstände natürlich. Jetzt steht die gesamte Beziehung auf der Kippe.

Die Spielregeln, mit denen sich dieses glückliche Paar zusammengetan hat, waren klar: Er wollte keine Kinder. Anna will keine Kinder. Als ihre Mutter starb, musste sie als Jugendliche Erziehungsverantwortung übernehmen, während die Freunde ausgingen. Ihre Schwester wirkt immer noch nicht erwachsen und rennt ihr bei jedem Problemchen die Tür ein, hat aber inzwischen ein zauberhaftes Kleinkind, dem die Ältere als Tante liebevoll zugetan ist.

Anna ist nicht kinderfeindlich, sie mag Wonneproppen, sie verbringt gern Zeit mit ihnen, sie hat bloß keinen Kinderwunsch. Nie gehabt. Und sie liebt ihren Beruf. Die biologische Uhr tickt höchstens, wenn sie an die begehrte Professorinnenstelle in Leipzig denkt, für die sie in der engeren Wahl ist. Dafür hat sie jahrelang gearbeitet. Anna ist fleißig und klug, aber kein Intelligenz- und Karrierebiest. Sie ist warmherzig und witzig, lebenszugewandt und glücklich im Hier und Jetzt - mit Philipp. Muss sie sich deshalb fortpflanzen?

Große Liebe. Aber er will, und sie will nicht. Da gibt es keinen Kompromiss, nur hopp oder top. Tragödie oder Komödie? Annas Freundin Vanessa (Christina Hecke) weiß schon, wie das ausgehen wird: "Ihr trennt euch."

Das Drehbuch von Katrin Bühring gibt sich erdenkliche Mühe, den weiblichen Teil des Paars, um das es hier geht, sympathisch und feministisch missionslos zu zeichnen. Das Private soll hier nicht politisch sein, sondern rein individuell. Franziska Weisz gelingt es, ihre Figur so nachvollziehbar entschieden zu zeigen, dass man im modernen Fortpflanzungskonflikt, bei dem es, zumindest im Fernsehfilm, üblicherweise auf Identifikation mit der Pro-Baby-Partei hinausläuft, auch emotional auf ihre Seite gezogen wird. Überflüssig erscheint da, dass Anna bei der Probevorlesung auf die unzulässige, um die Ecke gestellte Frage der Dekanin Professor Baumann (Teresa Harder) nach der Familienplanung einen flammenden Vortrag hält, in dem sie die Privatheit der Baby-Entscheidung vehement verteidigt - und ihre Chancen auf die Berufung dadurch eventuell vergibt. Das passt nicht recht zum Charakter und zu den Prioritäten der Engagierten, dient aber wohl dazu, den dramatischen Knoten zu schürzen und den Film von Ideologieverdacht zu befreien. Letztlich ist das aber nur ein kleiner Schönheitsfehler.

"Ich will (k)ein Kind von dir" mag hier und da den Konventionen des ARD-Freitagsfilms folgen, ist aber gleichwohl schon in der Anlage einiges komplexer als andere Filme auf diesem Sendeplatz. Und trotzdem auch ein Unterhaltungsfilm, der sein Thema mit humorvollen Seitenhieben auf alle möglichen Varianten der Begeisterung für das Leben mit Kind würzt.

Die Kamera von Sönke Hansen und die Regie von Ingo Rasper setzen ein schön und leicht ironisch betrachtetes Kreuzberg-Stück in Szene. Die Hipster haben abgedankt, Babys sind schwer in Mode gekommen. Auf Partys müssen jetzt alle Eltern früh weg, weil der Babysitter ausgelöst werden muss, Männer beklagen untereinander die Sex-Abstinenz mit dauermüden Jungmamas, Urlaube werden fortan ohne Singles geplant - "man kann sich so einfach besser aufeinander einstellen, weißt du". Pipi-Kacka-Konversationen am Rande, aber irgendwie stylisher als in Wanne-Eickel. Man hat schließlich einen Trendsetterruf zu verlieren. Der Film zeichnet das Milieu mit wenigen Strichen differenziert, nicht ganz ernst, nicht ganz lustig.

Philipp steigert sich hinein. Soll nichts von ihm auf der Erde bleiben als sein altes Spielzeug? Zufällig trifft er seine Ex-Freundin wieder, die wegen seiner damaligen Vaterphobie zwei Mal abgetrieben hat. Katharina (Zora Thiessen) hat gerade einen Bioladen eröffnet und wirkt, jetzt alleinerziehende Mutter einer Tochter, vollkommen glücklich. Mit beiden spielt Philipp einen Abend und eine Nacht Vater-Mutter-Kind. Um zu der Einsicht zu gelangen, dass er Anna will, ob mit oder ohne Nachwuchs.

Die ist inzwischen tatsächlich ungewollt schwanger. Pille vergessen, das war ja der Auslöser der Kondomgeschichte. Das Kind will sie nicht. Der Abtreibungstermin steht. Bitter für Philipp, bitter aber auch für seine Eltern Hella und Ulf (witzig: Maren Kroymann und Michael Wittenborn), bei denen die Uhr auch tickt. Um sich ihren Großelternwunsch zu erfüllen, haben sie einen Patenenkel angenommen. Für das Mädchen wird ein Baum gepflanzt und ein Pony angeschafft. Philipp ist außer sich.

Der Film lässt lange im Unklaren, wie die Sache mit dem Baby ausgehen wird - oder ausgehen soll. In der Abtreibungsfrage moralisiert er nicht, zeigt aber mit Christina Heckes Figur, dass die Entscheidung für den Schwangerschaftsabbruch emotional nicht folgenlos bleibt. Auch wenn die Kinderbegeisterung von Philipp arg plötzlich wirkt, Felix Klare gibt der Figur nachvollziehbare Nuancen und macht ihr Ringen um die richtige Entscheidung deutlich. "Ich will (k)ein Kind von dir" ist glaubhaft und anrührend, verbreitet Kreuzbergfolklore zur Auflockerung und nimmt sich im Gegensatz zum Grundkonflikt wenig schwer. Überdurchschnittlich sehenswert aber machen den Film vor allen Dingen Franziska Weisz und Felix Klare.

Aus epd medien Nr. 11 vom 17. März 2017

Heike Hupertz