Debatte
Kein Heldengedenkjahr
Das Reformationsjubiläum im Spiegel der Medien
Frankfurt a.M. (epd). Woran denkt man auch noch nach 500 Jahren bei dem Wort "Reformation"? Kirchenhistoriker vielleicht an eine "Generalkritik am gesamten Gebäude der spätmittelalterlichen Kirche" (Lyndal Roper), Theologen an ein "mythisches Ursprungsdatum der verschiedenen Protestantismen" (Friedrich Wilhelm Graf), deutsche Kirchenpolitiker an die Entstehung der Landeskirchen. Und Eventmanager ganz gewiss voller Neid an ein einzigartiges Medienereignis. Und all die anderen? Welchen Luther, welche Reformation haben die Deutschen 2017 gefeiert - wenn sie denn gefeiert haben? Und welche Rolle spielten dabei die Medien?

Einschneidendes Medienereignis
epd Es "lutherte gewaltig" in diesem Jahr des Gedenkens an die Reformation, die Martin Luther der Legende nach vor 500 Jahren mit seinem Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg in Gang setzte. "500 Jahre Reformation" waren auch für die Medien ein Anlass, der Frage nachzugehen, was die Reformation für die heutige Gesellschaft bedeutet. Der ehemalige Direktor der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen und studierte Theologe Norbert Schneider wirft einen Rückblick auf die mediale Begleitung des Reformationsjubiläums. Vor allem dem Ersten und dem Zweiten wirft er vor, dass es den Hauptprogrammen nicht gelungen sei, dem großen Publikum zu vermitteln, was die Reformation - die auch ein einschneidendes Medienereignis war - für uns Heutige bedeutet. Neben verdienstvollen Fernsehspielen und Dokumentarfilmen habe es kaum Versuche gegeben, das Thema auch in anderen Formaten aufzugreifen.

Es gab zahlreiche Luther-Bilder in den letzten 500 Jahren. "60? 70? Keine Ahnung", bekannte Dorothea Wendenbourg, Autorin von "So viele Luthers" am 28. Juli im Deutschlandradio. Zu den diversen Jubiläen war es stets Luther, der deutsche Held. 1617, ein knappes Jahr vor dem Prager Fenstersturz, wird er zum Vater der Aufklärung verklärt. 1717 rühmen die Deutschen den Kämpfer gegen das "römische Babylon". Am 18. Oktober 1817 feiern ihn die deutschen Studenten auf der Wartburg zusammen mit dem Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig. 1917, zum Ende des "großen Krieges", ist der Reformator "der deutscheste Mann, den es je gegeben hat unter allen Deutschen".

Heldendämmerung

Das ist auch das Bild der Deutschen Christen und, durch sie legitimiert, der Luther der Nazis: "Vorläufer, Propagandist und Bewahrer eines nicht ganz tausendjährigen deutschen Reiches", schrieb Willi Winkler in der "Süddeutschen Zeitung" über die Ausstellung auf der Wartburg (Ausgabe vom 5. März).

Wohl deshalb hat Margot Käßmann, die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), schon früh erklärt: "Wir machen hier keine Luther-Heldenverehrung!" Dabei hatte nicht nur die Vereinnahmung durch die Nazis im Grunde jeden Gedanken an ein weiteres Heldengedenkjahr diskreditiert. Auch die Ergebnisse der neueren Reformationswissenschaft haben an der Heldenaura des Reformators gezehrt. Aber wenn es der Held nicht mehr sein konnte - wen oder was feiert man dann?

Zunächst einmal bot auch dieses Datum die Gelegenheit zu einer demonstrativen Selbstvergewisserung. Dafür standen die "offiziellen" Jubiläumsveranstaltungen, live übertragen, in Sonderheit die Gottesdienste am Anfang und Ende des Jubiläumsjahres, das ja auch nur das letzte einer Dekade war. Das Legitimationsbedürfnis sprach auch aus einer Ausstellung - 2017 ein besonders wirkmächtiges Medium - im Berliner Gropius-Bau. Man sah unter dem Titel "Der Luthereffekt" Exemplarisches aus dem weltweiten Protestantismus und konnte nebenbei eine These von Friedrich Wilhelm Graf bestätigt finden: "Das Auseinanderfallen des Corpus Christianum war das Beste, was uns passieren konnte", schrieb er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Luther blieb zwar nicht mehr der Held, aber doch ein Schwerpunkt der Erinnerung. Und doch war 2017 nicht mehr Luthertag. Es gab viele Bilder und viele Botschaften. Es war das erste der fünf großen Jubiläumsjahre, das die Vielgestaltigkeit eines Ereignisses dokumentiert, das das scheinbar monolithische Ereignis "Reformation" in seine Teile zerlegt hat. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm beschwor am 31. Oktober 2016 in der Berliner Marienkirche ein "Signal der Versöhnung und des Aufbruchs".

Der oberste EKD-Theologe, Thies Gundlach, wollte, dass die Reformation als "eine Entängstigungs-Bewegung" erzählt wird, wie er bereits 2013 in "Politik und Kultur" schrieb. Das Jubiläum 2017 zeigte, dass nicht nur die Gedanken frei sind, sondern auch das Erinnern. Manche rühmten den Übersetzer und Sprachschöpfer, den Dichter von unvergänglichen Kirchenliedern. Andere verlegten sich auf "die ebenso neue wie folgenreiche Verklammerung von Protestantismus und Obrigkeit" (Ulrike Jureit). Wieder andere führten Luther - fast genüsslich - mit Hilfe der bekannten Zitate als Antisemiten vor. Auffällig wenig war öffentlich wahrnehmbar von dem Theologen Luther - über das Zitieren der "Sola"-Formeln hinaus - die Rede.

Alles in allem waren Eigensinn und Vielfalt für das Jubiläum 2017 typisch: auf unterschiedlichen Ebenen, auf unterschiedliche Weise, mit sehr verschiedenen Formaten und mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten in der Erzählung der verschiedenen Stränge der Wirkungsgeschichte. Anders erzählt von Bischöfen, anders von Theologen, anders von Laien, anders von Wissenschaftlern. Anders auch von Publizisten.

Raum für eine "neue Mitte"

Nun mag man für große Helden und einfache Parolen nichts übrig haben. Doch sie verkaufen sich ohne Frage besser als Vielfalt - und sei es als Playmobil-Figur für knapp vier Euro. Denkt man überwiegend in Kategorien wie Aufmerksamkeit, Auflage und Quote, dann erzeugte der Heldenverzicht zunächst einmal ein Problem. Für alle, die auf ein großes Event gesetzt hatten, die die Reformation im Stil der Zeit, Stillosigkeiten inklusive, als ein Megaereignis "vermarkten" wollten, fehlte das Wichtigste: der massenattraktive "Markenkern". Nicht zuletzt für die Medien war dies eine schwierige Ausgangslage.

Doch nachdem das Jahr vergangen ist, muss man feststellen: Das Jubiläum wurde auch ohne Held kein "Verlustgeschäft". Aus der Not wurde eine Tugend. Der "Verlust der (alten) Mitte" hat kein Vakuum hinterlassen. Die leere Stelle wurde der Platz für detailliertes Erinnern, nicht nur innerkirchlich, sondern ebenso im öffentlichen Raum. Das Mentale erschien diesmal wichtiger als das Emotionale: mehr Information, weniger Gefühl!

Wo früher illegitime Vereinnahmung und/oder stringente Vermarktung herrschten, traf man 2017 auf zahllose kleinere und größere Bilder und Botschaften, Themen und Inszenierungen, an denen sich viele Menschen an vielen Orten beteiligt haben, Experten und Laien, Autoren und Leser, Produzenten und Zuschauer. Und jede Menge Medien.

Was man im Rückblick leicht übersieht, soll hier an den Anfang gestellt werden. Offenbar haben sich viele Kirchengemeinden ohne irgendwelche Vorgaben an ihren Luther erinnert, an einen speziellen Aspekt ihrer Geschichte, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Als ich im Sommer die offenen Kirchen im Kirchenkreis Perleberg in der Prignitz besucht habe, bin ich fast immer auf Plakate zu Vorträgen, Ausstellungen oder Musik gestoßen - Veranstaltungen mit einem lokalen Bezug zur Reformation. Ausweislich der Annoncen im Netz konnte man überall in Deutschland diese Art von Graswurzeljubiläum beobachten.

Topologie des Erinnerns

Es fand nur selten über die lokale Öffentlichkeit hinaus größere Aufmerksamkeit - also Medien, die darüber etwas berichtet oder kommentiert haben. Die Internet-Verbreitung von Terminen und Inhalten hat diese "Schwäche" (die auch die Folge eines abgemagerten Lokaljournalismus sein dürfte) zwar gemildert, aber nicht beseitigt. Das nimmt den lokalen Aktivitäten freilich nichts von ihrem Wert. Es erinnert vielmehr daran, dass es auch ein Leben außerhalb der Massenmedien gibt.

Jenseits der lokalen Erinnerungen hat sich schon vor 2017, forciert aber in diesem Jahr, eine thematische Topologie des Erinnerns entwickelt. Gemeint sind damit - abgesehen von der Person Luthers - vor allem solche Inhalte, die die Wirkungen der Reformation bis zum heutigen Tag ausmachen, Spuren, die in 500 Jahren nicht kalt geworden sind. Für sie waren vor allem die Printmedien ein Forum für Präsentation und Streit - von den "Blättern für deutsche und internationale Politik" bis zu "Bild".

Das inhaltlich gesehen Typische dieser Topoi, das, was sie verbindet, war und ist, dass sie - je auf ihre Weise - die Reformation, weit über das Kirchenschiff hinausreichend, als ein Schlüsselereignis, als einen Treiber der Neuzeit ausweisen. Die Erinnerung an sie hat nicht nur das innerkirchliche und das akademische Gespräch belebt, sondern auch den politischen, gesamtgesellschaftlichen Diskurs.

Wesentlich bei der Betrachtung der Wirkungen ist der Verzicht auf Übertreibungen. So wäre es unkritische Beutemacherei, die Reformation als "Gründungsmythos der Neuzeit" zu beanspruchen. Vor allem Heinz Schilling hat diese Sicht als "euro- und germanozentrisch" zurückgewiesen. Doch unbestreitbar bleibt, dass mit dem Jahr 1517 der "Säkularisierungsprozess im Westen" (Lyndal Roper) eingesetzt hat. Als dunkle Seite dieses Prozesses beginnt mit diesem Jahr auch eine "europäische Konfliktgeschichte mit globaler Wirkungskraft", mit "frühneuzeitlichen Gewalterfahrungen", freilich auch entsprechenden "Konfliktlösungsstrategien" (Ulrike Jureit).

Man sollte Luther nicht zum Vater der Aufklärung erklären. Und doch war die Reformation mit einem Wort, das Junker Jörg beim Übersetzen auf der Wartburg für das griechische "arrabon" erfunden hat, ein "Angeld" auf sie. Einen Teil unserer "zivilbürgerlichen Tradition" (Schilling) ist als "Luthereffekt" zu verbuchen. "Nur so gab es" - eine Einsicht, die man auch bekennenden Atheisten nicht ersparen kann - "den weltanschaulich neutralen Verfassungsstaat" (Graf).

Hochämter der Übertreibung

Man würde Luther zu viel der Ehre antun, würde man ihm die Erfindung des deutschen Föderalismus zuschreiben. Und doch verweist die politische Friedensformel "cuius regio, eius religio" auf das spätere Landeskirchentum und rückt es, aus politischer Perspektive betrachtet, in die Nähe des deutschen Föderalismus.

Festreden sind die Hochämter der Übertreibung. Wenn Joachim Gauck am 31. Oktober 2016 im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt erklärte, dass es ohne die "Initialzündung" durch die Reformation "weder die Freiheit des Glaubens und des Gewissens noch die unveräußerlichen Grundrechte gäbe", dann wusste er selbst am besten, dass dafür nicht allein Luther in Anspruch zu nehmen ist. Doch umgekehrt übertreibt auch Thomas Kaufmann, wenn er die These, die Reformation habe "Demokratie und Menschenrechte hervorgebracht", einen "Propagandaslogan" nennt. Immerhin ist die Reformation auch für den Göttinger Kirchenhistoriker einer der Torbögen, durch den die Menschen "in eine Wissens- und Zivilgesellschaft" gegangen sind.

Das Pfarrhaus als Familienmodell

"Von der hohen Obrigkeit zum deutschen Pflichtgefühl ist der Weg nicht weit", konstatierte der Komparatist Werner von Koppenfels in der FAZ (Ausgabe vom 17. September). "Auch hier hat die Reformation wesentlich Vorarbeit geleistet", schrieb er und zitierte Max Weber. Der sah in Luthers "Konzept des beruflichen Ethos", in der "sittlichen Qualifizierung des weltlichen Berufslebens" durch Luther "eine der folgenschwersten Leistungen der Reformation".

Ein aktuelles Schlagwort wie diversity hat ebenso reformatorische Wurzeln wie der Gedanke einer "Förderung von Gemeineigentum" (Christoph Fleischmann). Die Reformation ebnete den Weg für eine "Pluralität der Kulturen" (Schilling). Lucas Cranach löste das Bild "aus der Funktion der Andacht" und bereitete so "der Kunst den Weg in die Autonomie", schrieb Kolja Fischer in der FAZ (Ausgabe vom 13. April). Luthers Ehe bestimmte Wert und Form der neuzeitlichen westeuropäischen Familie. Das deutsche Pfarrhaus, eine Brunnenstube kultureller Impulse, entstand aus dem reformatorischen "Modell des verheirateten Pfarrers" (Roper). Das pädagogische Konzept der Reformatoren trägt in sich die Vorstellung von einer "Bildung für alle".

Segensreich wirkt sich bis zum heutigen Tag aus, dass die Reformatoren darauf bestanden haben, dass "die Vertreter der neuen reformatorischen Theologie in Kirche und Schule akademisch gebildet sein mussten". Daran erinnerte Kaufmann in der FAZ mit einem Blick auf aktuelle Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Neuausrichtung von theologischen Fakultäten (Ausgabe vom 16. September). Der vor allem von Melanchthon betriebene "Akademisierungsprozess der evangelischen Geistlichkeit", die "Verstaatlichung der Pfarrer-, Priester- und Theologenausbildung" markiert für Kaufmann eine historische Zäsur, deren wesentlicher Effekt eine "Kultivierung der Religion" ist.

Der britische Historiker Niall Ferguson, um steile Thesen nie verlegen, sieht in Martin Luther den ersten Netzwerker der Neuzeit. Auch wenn das ziemlich ahistorisch klingt - Luthers Briefpartner waren tatsächlich Legion. Nicht zu reden von seinen Tischreden! Mag sein, dass Luther heute getwittert hätte wie EKD-Medienbischof Volker Jung schrieb, auch wenn ihn Trump womöglich davon abgehalten hätte. Zu seiner Zeit hat er jedenfalls - Mediennutzer und Medienstar in einem - die Medien entschlossen zu seinen Gunsten instrumentalisiert (epd 48/16).

Die freie Meinung

Noch heute können sich PR-Experten von ihm Anregungen holen. Er hat gewiss nicht erfunden, was man heute Öffentlichkeit nennt. Doch Ulrike Knöfels Erwägung im "Spiegel", er habe "vielleicht sogar die Idee eines Publikums" geschaffen, bleibt bedenkenswert. Und auch wenn Luther weder den Artikel 11 der Pariser Erklärung der Menschenrechte von 1789 kennen konnte ("Die freie Äußerung von Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte") noch den ersten Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika, in dem die "freedom of speech" verankert wurde - dass man sich heute über die Art und Weise, wie man sich an die Reformation erinnern sollte, öffentlich streiten kann, gerade auch unter evangelischen "Brüdern", ohne dass der Zensor den Blätterwald schwärzt, ist auch eine Frucht dessen, was Luther unter freier Meinung verstanden und praktiziert hat.

Wie auf andern Feldern haben auch in Fragen der Theologie die Medien und die Universitätsgelehrsamkeit nicht zusammengefunden. Es fällt auf, dass unter allen Topoi der Wirkungsgeschichte ausgerechnet die Theologie Luthers 2017 in der öffentlichen Wahrnehmung keine wesentliche Rolle gespielt hat. Dieser Topos war zwar wichtig für die akademische Debatte. Doch die fand intra muros statt. Das ist umso betrüblicher, als die Wirkungen von Luthers Theologie keineswegs nur ein innerkirchliches Thema für theologische Spezialisten sind. Ein so langwieriger wie folgenreicher Prozess wie die Individualisierung ist durch die lutherische Anthropologie, die Reduktion aller Frömmigkeit auf das Verhältnis des Einzelnen zu Gott, entscheidend gefördert worden.

Im übrigen hätten sich aus Luthers Theologie abgeleitete Positionen mit erheblichen Wirkungen in der Öffentlichkeit neu formulieren lassen: etwa das Ausgangsärgernis der Reformation, das Ablasswesen. Was man für 1517 mit der Devise "Mit Vollkasko ins Jenseits" - wie es der Deutschlandfunk formulierte - überschreiben konnte, hätte sich heute, extrem diesseitig, als eine totale Ökonomisierung, eine Finanzialisierung des Lebens kritisieren lassen: Erlösung von allem Übel durch Geld! Es wäre interessant gewesen zu beobachten, wie die deutsche Wirtschaftspublizistik auf einen umfassenden kirchlichen Protest gegen die Allmacht des Marktes, die auri sacra fames reagiert hätte. Paul Tillich hat Luther einmal als Protestant Principal of Protest beschrieben. Und noch immer trägt diese Konfession das Wort "Protest" im Namen.

Medien als Forum und Faktor

Wenn Kaufmann konstatiert, die "Jubiläumsblase" sei geplatzt, weil die EKD "die akademische Theologie bei der Planung und Konzeptionierung des Jubiläums weitestgehend ausgeschlossen" habe, dann mag es für diese Beschreibung einer offenbar von Kränkungen begleiteten Beziehungsgeschichte Gründe geben. Doch die akademische Theologie hätte jederzeit auch ohne die EKD tätig werden können. Davon ist nichts für eine größere Öffentlichkeit erkennbar geworden. Gab es das nicht oder haben es die Medien nur übersehen?

Die Orte und die Formate für die Diskussion dieser Wirkungsgeschichte waren neben den sehr sichtbaren und zugänglichen Ausstellungen vor allem Vorträge, Workshops, Kongresse, Themenwochen, die über die Akteure von Theologie und Kirche hinaus auch das Interesse und die Expertise der Geschichtswissenschaft, der Sozial- und Kulturwissenschaften, der Psychiater oder auch der Musikwissenschaftler einbezogen haben. Sie fanden auch das Interesse der Printmedien.

Ein Einzelner kann nur ein sehr subjektives Fazit der unzähligen Veranstaltungen und ihrer medialen Spiegelung ziehen: der besonderen Gottesdienste, der Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen. Dazu müsste erst einmal das Material gesammelt werden. Vermutlich würde es Monate dauern, zusammenzustellen, was sich seit dem Herbst 2016 Tag für Tag irgendwo in Deutschland mit dem Stichwort "Reformation" verbunden hat und überwiegend publizistisch reflektiert worden ist.

Man müsste sich mit Amos Oz befassen, der beim Kirchentag in Berlin die Beziehung von Judas und Jesus behandelt hat. Man müsste an der Universität Magdeburg eine "interdisziplinäre und internationale Tagung" über "Glaube und Geschlecht - Gender Reformation" besucht und bis zum Ende durchgehalten haben. Man hätte Peter Sloterdijk in der Berliner St. Matthäuskirche bei der Ausstellungseröffnung von "Luther und die Avantgarde: Scapegoating Images - Sündenbock-Bilder von Gilbert & George" zuhören müssen, wenn man einen Platz bekommen hätte. Man hätte sich an der Lösung des Rätsels beteiligen müssen, das Robert Wilsons Stück "Luther dancing with the gods" seinem Publikum aufgegeben hat.

Man müsste sich in Düsseldorf die wunderbare Cranach-Ausstellung angesehen haben oder in Berlin, neben der Ausstellung im Gropius-Bau die von der Stiftung Topologie des Terrors organisierte Ausstellung "Überall Luthers Worte - Luther im Nationalsozialismus".

Nicht zuletzt die oft vorzüglich kuratierten kleinen und großen Ausstellungen haben dem Erinnern besondere Räume geschaffen, auch wenn die Veranstalter mit Blick auf die Besucherzahl oft enttäuscht wurden. Umso erfreulicher war es dann, wenn solche Ausstellungen Gegenstand der reichweitenstarken Fernsehprogramme wurden wie zum Beispiel die Ausstellung "Luther und die Deutschen" auf der Wartburg im "Heute-Journal" vom 30. März. Sie gehörte - lag es an Luther oder an der Burg? - zu den gut besuchten, auch wenn sie für Andreas Kilb "nur eine Nummernrevue von Luther-Ikonen" gewesen ist.

Die Botschafterin als Medium

Als Person, wenn auch nicht unbedingt als Held, hat Luther mit Hilfe des Mediums Theater den Festspieltourismus belebt, etwa in der von Dieter Wedel für die Festspiele von Bad Hersfeld eingerichteten Collage "Luther - der Anschlag", in der immerhin Erol Sander Papst Leo X. gab und Paulus Manker zum flüchtigen Hauptdarsteller wurde. Es gab dazu eine Reihe lokale Inszenierungen, mit Laien besetzt und mit Leidenschaft gespielt. In der Musikszene war das "Pop-Oratorium" mit dem Titel "Das Projekt der tausend Stimmen" von Michael Kunze und Dieter Falk, das am 31. Oktober 2016 in der Dortmunder Westfalenhalle Premiere hatte, stets ausverkauft. Es schaffte auch den Sprung ins Netz, zu Youtube und zuletzt auch noch ins ZDF.

Die "offiziellen" Veranstaltungen der evangelischen Amtskirche hatten eine omnipräsente Botschafterin, im besten Sinne des Wortes selbst eine Art von "Medium". Doch auch diese Veranstaltungen propagierten nicht die eine Botschaft und malten nicht das eine Bild. Allerdings erweckten sie im Vorfeld den Eindruck, dass sie für die große Zahl sorgen würden - etwa die "Weltausstellung Reformation" in Wittenberg oder der Kirchentagssonntag in der Lutherstadt. Doch die erwartete Menge an Besuchern blieb - mit Ausnahme des Pop-Oratoriums - trotz vieler Vorberichte und Kritiken aus, was wiederum ein Thema der Medien wurde. Reinhard Bingeners Urteil über die "Weltausstellung" gipfelte in dem sarkastischen Urteil, die EKD feiere vor allem "ihr eigenes Organigramm - das Lutherjahr als letzte große Party des deutschen Gremienprotestantismus" (FAZ, Ausgabe vom 31. August).

Ein Objekt der Kritik war auch die Nationale Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen" in Wittenberg. So konnte Andreas Kilb ("es luthert gewaltig in diesem Jahr") zwar mit dem Erdgeschoss im Wittenberger Augusteum nichts anfangen. Er sah "nicht mehr als das Bindeglied zwischen Glaubenstourismus und Fressmeile, Gebet und Burger". Dafür geriet er im Obergeschoss ins Schwärmen, in dem eigentlich kein Exponat zum andern passte, doch am Ende "alles mit Sprache zu tun hat", mit dem "Verhältnis zwischen Worten und Bildern", mit "Wortmagie und Bildmagie" - eine Folge von "Luthers Absage an die allegorischen Deutungen der Bibel" (FAZ, Ausgabe vom 14. Mai).

"Luther-Bild"

Das alte Medium Buch, seinerzeit ein Motor der Reformation, bot exzellente, lesbar geschriebene Monografien von Wissenschaftlern wie Kaufmann, Roper, Schilling, Leppin oder Wendenbourg. Die akademische Expertise ergänzten zahlreiche Autoren ohne wissenschaftliche Ambitionen, etwa Georg Diez, Willi Winkler, Friedrich Christian Delius und Feridun Zaimoglu. Ihre Bücher gerieten gelegentlich sehr persönlich. Manche waren von der Absicht bestimmt, Legenden zu zerstören, die längst tot sind. Graf nennt diese Autoren "ausgewiesene Nichtexperten" und übersieht womöglich, dass auch Laien gelegentlich Dinge sehen, für die der Fachmann keinen Blick mehr hat. Doch weshalb nur gab F. C. Delius seinem Buch den Titel "Warum Luther die Reformation versemmelt hat"? Glaubten Autor und Verlag, damit dem Volk aufs Maul geschaut zu haben, wo sie ihm doch nur nach dem Mund geredet haben?

Der "Spiegel" machte, noch ein wenig leitbild-fixiert, termingerecht am 29. Oktober 2016 mit einer ebenso unterhaltsamen wie informativen fünfteiligen Serie auf ("Der erste Rebell der Neuzeit"). "Zeit online" bot das ganze Jahr über eine breite Plattform für Beobachter und Kommentatoren des Erinnerns.

Die großen deutschen Tageszeitungen ließen das Jubiläum keinen Augenblick aus dem Auge. Da es ein Leitthema nicht mehr gibt, erinnerten sie thematisch in aller Breite. So fand man etwa in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über das Jahr hin zahlreiche, überwiegend kritische Texte: ein Streitgespräch etwa zwischen Heinrich Bedford-Strohm und Friedrich Wilhelm Graf, einen Essay der Historikerin Ulrike Jureit. Günter Franzen beschrieb in einer polemischen Konfession die Not eines Trauernden, René Nyberg warf einen scharfen und partiell humorvollen Blick auf das Luthertum in Finnland, und Werner von Koppelfels räsonierte hochgelehrt über Beziehungen zwischen lutherischem Obrigkeitsdenken, Schillers "Bürgschaft", Uwe Johnsons Erstling und Beethovens "Fidelio". Auch Thomas Kaufmann hat sich die FAZ als Plattform für einige seiner Thesen gewählt. Am 26. Oktober schloss die Zeitung ihre Beiträge zum Jubiläumsjahr mit einem "Verlagsspezial 500 Jahre Reformation" ab.

Man las in den Feuilletons umfängliche Ausstellungskritiken, Luther wurde als Bibelübersetzer gewürdigt. Es gab eine Sonderbeilage der "Bild" mit dem bezüglichen Titel "Luther-Bild" (Auflage: eine Million), die zwischen dem 8. und 10. Mai "Bild" und der "B.Z." beigelegt und beim Kirchentag ausgelegt wurde. Sie machte, dem Prinzip der Personalisierung folgend, mit dem Titel "Deutschlands erster Popstar" auf, präsentierte aber gleichwohl die wichtigsten Informationen über Luthers Leben. "Bild" erinnerte auch an Luthers Bedeutung für die deutsche Sprache und machte sich verdient - wir sind auf dem Boulevard! - um die Kritik an verschiedenen Luther-Mythen.

Luthers 95 Thesen sind immer noch ein attraktives Format, das zu zahlreichen Aktualisierungen gereizt hat. Man fand sie in "Zeit online" ebenso wie im Deutschlandradio, in der "Leipziger Volkszeitung" ("Luthers Thesen - kurz erklärt") oder im Teletext im Ersten: kurze Texte als Belege für die Aktualität von Luthers Thesen.

Die thematische Aufspreizung, die Vielfalt des Erinnerns als Ausdruck einer vielfältigen Reformation fand auch in den öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehprogrammen ihren Niederschlag. Es gab, thematisch weit gestreut, zahlreiche interessante Angebote im kulturell ambitionierten Radio, in Sonderheit im Deutschlandradio, zuletzt die Themenwoche "Reformation quergedacht" vom 9. bis 15. Oktober im Deutschlandfunk.

Der MDR hat sich als "Heimatsender" der Reformation besonders engagiert, etwa mit der zehnteiligen Hörspiel-Reihe "Lutherland", einer achtteiligen, gelegentlich etwas zu sehr popularisierenden Fernseh-Reihe "Tatorte der Reformation" und einem Themenabend "Außer Thesen nichts gewesen - Mitteldeutschland im Jahr der Reformation" am 9. Oktober. Um regionale Themen haben sich auch die Dritten Fernsehprogramme der ARD-Sender ausführlich gekümmert. Für einen interessanten Blick von außen sorgte BBC World, das seine deutschen Hörer mit einer vorzüglichen mehrteiligen Dokumentation über die Reformation und ihre Wirkungen überrascht hat.

Mangel an Fantasie

Für die beiden Hauptprogramme von ARD und ZDF wirkte sich der "Verlust der Mitte", das Fehlen einer Art von Kernbotschaft, ähnlich wie für die Institution Kirche, prima vista ebenfalls nachteilig aus. Ihnen blieb, so mochte es scheinen, als Ausweg nicht, wie etwa den Dritten Programmen, die thematische Vielfalt. Oder war diese Annahme womöglich ein Irrtum, der sich einem Mangel an Fantasie verdankte?

Zunächst fällt auf, dass die Menge der Sendungen in den Hauptprogrammen vergleichsweise übersichtlich war. Dabei hätte es viel zu erzählen, zu zeigen und nicht zuletzt zu reden gegeben. Doch die Fülle des Stoffs führte nur zu einigen Fernsehspielen, dazu einer dreiteiligen ZDF-Dokumentation und einer sechsteiligen ARD-Reihe.

Was zu sehen war, war freilich von beachtlicher Qualität. Wenn Fernsehen sein Privileg, Menschen, Dinge und Orte ins Bild zu setzen, über sie zu "erzählen" konsequent und kompetent nutzt, kommt ein Programm zustande, wie die von Harald Lesch souverän und sympathisch moderierte dreiteilige Dokumentation unter dem Qualitäts-Label "Terra X" (Kritik in epd 16/17). Diese Produktion hat gezeigt, was möglich wird, wenn Autoren wie Ingo Helm und Produzenten wie die Eikon ihren Stoff beherrschen. Relevante Informationen über Luther und seine Zeit und über die Wirkungsgeschichte der Reformation wurden, unter Verzicht auf oft nur scheinbar kritisch-attraktive Zuspitzungen, präsentiert, aus dem Off so gut wie durch den immer wieder ins Bild tretenden Moderator. Lesch hat der Fülle der Bilder einen Rhythmus gegeben. Er hat die richtigen Fragen an kompetente Fachleute gestellt, die etwas zu sagen hatten.

Auch die ARD-Reihe, deren sechs Folgen unter dem etwas kryptischen Titel "Der Luther-Code" ebenfalls von der Eikon produziert wurden, hätte ein solcher Höhepunkt werden können und wurde von manchen Kritikern auch so gesehen (Kritik in epd 44/16). Doch das, was den ZDF-Dreiteiler auszeichnete, der rote Faden und die Verständlichkeit, die vor allem dem Moderator zu danken sind, dem raunendes Pathos und verrätselnde Unklarheit fremd waren, das kam in diesem voluminösen Sechsteiler zu kurz. Er bot mit Hilfe von Episoden und Ellipsen eine Art von Ideen- und Sozialgeschichte der letzten 500 Jahre, deren Spuren in die Reformationszeit zurückverweisen.

Vieles davon war interessant, informativ, auch überraschend. Doch gegen diesen Gewinn an Einsichten stand der Verlust an thematischer Transparenz. Optischer Tiefsinn und eine Menge von verbalen Banalitäten aus On und Off lenkten ab. Das hätte nur Einsichten gebracht, wenn zugleich erklärt worden wäre, was man eigentlich sagen oder zeigen wollte.

Zu den ambitionierten Versuchen eines zeitgemäßen Erinnerns durch ein fiktionales Format gehörte das als "Doku-Thriller" annoncierte Fernsehspiel "Die Luther Matrix" (Kritik in epd 14/17). Es war zwar im Ergebnis "dramaturgisch und logisch eine einzige Katastrophe", wie Ralf Wiegand in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb, doch man sollte in diesem Fall nicht nur das Resultat betrachten, sondern auch die Absicht würdigen: an die Reformation nicht, wie üblich, dadurch zu erinnern, dass man die Jahre 1517 und folgende und das Personal von damals noch einmal neu "inszeniert", sondern nach einer aktuellen Analogie zu einem historischen Ereignis sucht und fragt: Welche reformatorischen Ideen könnten Geschichten von heute prägen?

Leider hat sich dieser Einfall schon sehr früh in einem viel zu komplizierten Plot verirrt, zusätzlich auch noch belastet mit völlig undurchschaubaren digitalen Techniken, die die Logik der Handlung ersetzen sollen, wie man das seit der Serie "24" kennt. Aus einer interessanten Idee (Buch und Regie: Tom Ockers) wurde - sieht man ab von den manchmal informativen Interviews, für die es aber nicht diesen Rahmen gebraucht hätte - ein großes und zuletzt dann doch ärgerliches Rätsel.

Der Mann an Katharinas Seite

Man kann darüber streiten, ob die Familiengeschichte "Katharina Luther" angesichts der Stoff-Fülle einerseits und der wenigen Fernsehspiele zum Thema Reformation andererseits die richtige Wahl war. Doch das Ergebnis widerlegt Vorbehalte. "Katharina Luther" bleibt weitgehend frei von Klischee und Kitsch. Der Zuschauer nimmt teil an einer wichtigen Phase von Luthers (Ehe-)Leben. Buch (Christian Schnalke) und Regie (Julia von Heinz) zeigen nicht den heroischen Luther, sondern den Mann an Katharinas Seite. Sie erzählen diese Ehegeschichte so, dass sie von damals dominanten sozialen und theologischen Problemen handelt wie Klosterleben, Sexualität, Körperlichkeit und Spiritualität, die Rolle der Frau in einer kirchlichen Männergesellschaft, der Zölibat.

Ob das Frauenbild, für das Katharina in diesem Film steht, nicht auch sehr moderne Züge trägt, auf die man damals so kaum stoßen konnte, ob "enthistorisiert" wurde, in welchem Umfang der Blick von heute nicht doch den Blick auf damals prägt, bleibt als Frage, freilich als eine, mit der man jedes Stück im historischen Ambiente kritisieren kann und dann doch keine Antwort weiß. Man kann auch kritisieren, dass Luther in diesem Film, auch wenn ihn Devid Striesow preiswürdig spielt, ein wenig rüpelig geraten ist.

Folgt man Forschern wie Roper oder Kaufmann, dann war er gerade nicht der brachiale Berserker, der mit der Feder und der Sprache als seinen einzigen Waffen die Schwächen der hochmittelalterlichen Kirche und ihre Praktiken angegriffen und Stück für Stück zerlegt hat, nicht der Hammerschläger von Wittenberg, dessen Töne bis in den letzten Winkel Europas zu hören waren.

Hinweise auf solche Bilder und Töne werden am Ende übermalt durch einen sehr menschlichen, gebrochenen "Helden", der sich mit seinem Glauben gequält hat, weil er den Teufel gefürchtet hat wie der das Weihwasser, weil die Sünde ihn physisch zu zerreißen drohte. Weil er Angst hatte. All das spiegelt sich, oft sehr direkt in Luthers Umgang mit "seiner" Katharina. Die angehängte Dokumentation zum Thema "Luther und die Frauen" brachte über das Spiel hinaus kaum Neues und wurde, was für Verlegenheit oder Geldmangel sprechen könnte, vor allem durch Clips aus dem Fernsehspiel optisch unterfüttert.

Zwei Helden

Das ZDF begab sich mit dem Fernsehspiel "Zwischen Himmel und Hölle" (musste es dieser abgenutzte Titel sein?) nach einer Vorlage von Klaus Hafermeister in der Regie von Uwe Janson in die Tradition des klassischen Lutherfilms. Erzählt werden die Jahre von 1517 bis zum Bauernkrieg 1525 im Genre einer Heldengeschichte. Allerdings sind es diesmal zwei Helden. Luther muss sich diese Rolle mit Thomas Müntzer teilen - und beide auch ein wenig mit ihren Frauen (Kritik in epd 43/17).

Ob der Gegensatz von Luther und Müntzer über die immer schon bekannten Unterschiede hinaus tatsächlich so prägend für die ersten acht Jahre der Reformation war, mag man bezweifeln. Doch immerhin verhilft dieser Einfall dem Stück zu Fallhöhe und Spannung. Ausstattung und Bildgestaltung ergeben einen großen Schauwert, nicht weniger der durchweg exzellente Cast, von den Protagonisten Maximilian Brückner und Jan Lennart Krauter bis zu den Nebenrollen - etwa der zwischen Bonhomie und Verschlagenheit changierende Joachim Król als Kardinal Albrecht, der Ablassprediger und Menschenschinder "Hartmann" (Armin Rohde), der dem historischen Johann Tetzel nachempfunden war oder Rüdiger Vogler als der Politiker Friedrich von Sachsen.

Der Ablass löst alles aus und spielt eine ebenso wichtige Rolle wie der oft übersehene Georg Spalatin (Fabian Hinrichs), der - ein zentrales Gelenk für den Fortgang der Ereignisse - Luther mit seinem Kurfürsten "vermittelt" hat. Der Kurfürst Friedrich und die wenigen Szenen mit Jacob Fugger machen deutlich, wie massiv Politik und Geld die Reformation von Anfang an bestimmt haben. Ungewöhnlich ist für einen solchen "Lutherfilm" eine Anzahl brutaler Quälereien. Gewöhnungsbedürftig sind auch einige inszenatorische Einfälle wie etwa die gemeinsame Jagd nach einem Huhn, die Luther und Katharina erstmals einander näherbringt.

Das zweite Stück des ZDF, das Doku-Drama "Das Luther-Tribunal. Zehn Tage im April" (Produzent: NFP) konzentrierte sich auf ein Ereignis, das sicher zu den Höhe- und Wendepunkten der Reformationsgeschichte gehört: den Auftritt Luthers vor dem Reichstag in Worms im April 1521. Diese "Reduktion" auf ein Datum schafft den nötigen Platz für eine sehr emotionale Darstellung und eine präzise Bewertung, die, ein Effekt des Doku-Dramas, die Perspektive wechseln kann, die, hin- und hergehend zwischen Darstellung und Expertise, alle audiovisuellen Mittel nutzt.

Verzweifelter Sieger

Auf diese Weise entwickelt sich ein Bild von großer Tiefenschärfe. Man hört und man sieht und man versteht. Dass dabei die über Jahrhunderte gepflegten Stereotypen nach wie vor eine tragende Rolle spielen, ist wohl unvermeidlich. Doch ein glattes, homerisches Heldenepos ist aus diesem Tribunal zum Glück nicht geworden. Der Auftritt Luthers in Worms zeigt den Reformator als einen von Anfang an "gebrochenen" Helden, innerlich zerrissen, als einen verzweifelten Sieger, der um sein Leben fürchten muss und zu ahnen beginnt, was er, gegen seinen Willen, ausgelöst hat und was er nun nicht mehr einfangen kann.

Es gab neben Dokumentation und Fiktion auch noch eine Reihe von TV-Übertragungen. Man konnte sowohl die Eröffnung des Lutherjahres am 31. Oktober 2016 durch einen Gottesdienst in der Berliner Marienkirche im Ersten, als auch im ZDF den Festakt mit Bundespräsident Gauck als Redner im Konzerthaus am Gendarmenmarkt und den Jubiläumsgottesdienst am 31. Oktober in Wittenberg im Fernsehen erleben. Überraschendes oder gar Paukenschläge waren weder hier noch da zu vernehmen.

Festlich gestimmt, aber kommunikativ vorsichtig verlief ein ökumenischer Gottesdienst in Hildesheim, in dem der EKD-Ratsvorsitzende und der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz nicht gepredigt, sondern mit verteilten Rollen Texte vorgetragen haben, aus denen wohl eine Brücke zwischen den Konfessionen entstehen sollte. Diese Inszenierung mag kirchenpolitisch wohlüberlegt gewesen sein. Doch sie hat e contrario daran erinnert, dass Luther in seinen Predigten kein Blatt vor den Mund genommen und gerade dadurch die Menschen damals tief bewegt hat. Luther hätte sich sein Rederecht vermutlich nicht einmal mit Melanchthon geteilt.

Das Privatfernsehen, seinen Aktionären und daher der Quote verpflichtet, zeigte sich dem Thema Reformation auf dem Feld des Fiktionalen nicht weiter zugeneigt, sieht man ab von der Sat.1-Produktion "Die Ketzerbraut", von der man tatsächlich absehen kann.

Enttäuschte Erwartungen

Konsolidiert man die Eindrücke des Jahres 2017 speziell mit einem Blick auf die öffentliche Wahrnehmung und damit vor allem die Leistung der Medien, dann komme ich zu dem Urteil, dass das Reformationsjubiläum 2016/2017, mindestens was den Umfang, die Formen und Themen, die Vielfalt und die Fülle des Erinnerns angeht, zu einem bedeutenden Ereignis geworden ist. Dieser Eindruck verfestigt sich noch, wenn man die analoge Welt verlässt und ins Netz geht. Unter dem Stichwort "Reformationsjubiläum" finden sich bei Google eine knappe Million Eintragungen. Sie alle zu sichten und dann in die öffentliche Debatte einzuführen (ein Beispiel übrigens für die These, dass das Netz eine andere Art von Öffentlichkeit schafft) wäre ein interessantes Forschungsprojekt, sowohl für einen medienwissenschaftlichen Fachbereich als auch für die EKD; am besten für beide zusammen.

Zu meiner Bilanz gehört freilich auch, dass das Erste und das Zweite meine Erwartungen enttäuscht haben. Es gab einige exzellente Einzelstücke. Doch es wurde zu keinem Zeitpunkt sichtbar, welchen Rang dieses Großereignis - immerhin ein halbes Jahrtausend später! - für die Gesellschaft immer noch hat. Offenbar sahen ARD und ZDF in diesem Reformationsjubiläum primär ein kirchliches Ereignis - was es natürlich auch war - und nicht eines der zentralen Ereignisse der Neuzeit, das das Fühlen und Denken vieler Menschen, das den Lauf der Welt in vielem verändert hat.

Das Jahr 1517 liegt - Kaufmann und Schilling haben immer wieder darauf hingewiesen - mitten in einer Phase, die man im Sinne von Reinhard Koselleck als "Sattelzeit" bezeichnen kann. Feststellungen, wie die des ZDF-Intendanten Thomas Bellut, dass die Reformation bis heute fortwirke, trafen zwar durchaus den Punkt. Doch ihnen entsprach kein Programmkonzept. Das Leitmedium Fernsehen hat mit Blick auf die Topologie des Erinnerns nicht erkennen lassen, wie breit und vielfältig das Erbe der Reformation ist - und dass es noch längst nicht aufgebraucht ist.

Es war nicht etwa der Mangel einer Programmsorte, die man in Österreich "Belangsendungen" nennt, sondern das Ausbleiben einer publizistischen Vermittlungsleistung für die ganze Gesellschaft. Es fehlte die Aufbereitung eines Jahrtausendereignisses für das große Publikum mit allen Formaten, über die dieses Leitmedium nach wie vor verfügt, verbunden mit einer einmaligen technischen Reichweite.

Was heute jedem halbwegs wichtigen Fußballspiel vorausgeht, die Einstimmung in ein Ereignis, wurde mit Blick auf dieses Jubiläum nicht in Erwägung gezogen, weil man wohl unterstellt hat, dass man sein Publikum dafür weder interessieren kann noch muss. Schon gar nicht massenhaft. Man hätte dieses mögliche Desinteresse freilich auch als Herausforderung verstehen können, verbunden mit der Einsicht, dass es einen substanziellen Unterschied gibt zwischen Bedienung und Grundversorgung. Leider konnte man erst am 29. Oktober in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" einen Text der schwäbischen Unternehmerin Nicola Leibinger-Krammüller lesen. Ihre Mischung aus Analyse und Konfession, aus Information und Predigt hätte den Programmverantwortlichen zeigen können, was Luther und die Reformation heute noch bedeuten können.

Blinde Flecken

"Nicht getane Taten lösen oft einen katastrophalen Mangel an Folgen aus", schreibt Stanislaw Jerzy Lec. So hat im "großen" Fernsehen Wichtiges gefehlt. Etwa ein umfassendes Porträt des Reformators in einem Format, das nicht nur an ihn, sondern auch an die großen Zeiten des Stuttgarter Dokumentarfilms erinnert hätte.

Luthers Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sprache war kein Thema. Weil da nur geredet würde, weil es dafür keine Bilder gibt? Die gibt es bei Talkshows auch nicht. Und doch gab es zahlreiche Talkshows, wenn auch offenbar nur eine einzige zur Reformation, nicht bei Anne Will oder Maybrit Illner, sondern bei "Aspekte" (am 7. Mai) und die hat leider nie ihren roten Faden gefunden.

Warum wurde das Thema "Ökumene" marginalisiert? Wo blieb das große Fernsehspiel der Gegenwart mit der bewegenden Geschichte eines Paares von heute zwischen Rom und Wittenberg? Die "ethische Grunddifferenz", die nach Meinung des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki zwischen den beiden Kirchen immer noch existiert, hätte einer solchen Geschichte mühelos die nötige Fallhöhe verschafft. Auch ein paar mehr historische Fernsehspiele hätten das Programm nicht sakralisiert. Man hätte sie ja, Sehgewohnheiten schonend, nicht am Sonntag oder Montag platzieren müssen.

Dem Leitmedium Fernsehen stand ein Leitbild Luther nicht zur Verfügung. Das schuf ein Problem. Doch man hätte für die "neue Mitte" eine neue Konzeption erfinden können, die deren Vielfalt widergespiegelt hätte. Die Chance war da. Als der 300. Geburtstag von Johann Sebastian Bach gefeiert wurde - es ist über 30 Jahre her - gab es in der ARD den ganzen Samstagabend die sieben Stunden von August Everding moderierte Collage "Bach nach acht". Nur eine schöne Erinnerung? Waren das nur andere Zeiten? Der einstige ARD-Programmdirektor Lothar Hartmann hat einmal auf die Frage, wie ein gutes Fernsehprogramm zustande käme, geantwortet, es sei eine gelungene Mischung aus Zufall und Gedenktagen. Als seine Zuhörer dies komisch fanden, hat er hinzugefügt, er habe das ernst gemeint.

Auch an diese Auffassung von Programm hat, gewissermaßen kollateral, das Reformationsjubiläum erinnert, das ein Heldengedenkjahr nicht mehr sein konnte.

Aus epd medien Nr. 44 vom 3. November 2017

Norbert Schneider