Inland
Kein Daueranstellungsvertrag für "Der Alte"-Schauspieler
Bundesarbeitsgericht: Kunstfreiheit begründet Vertragsbefristung
Erfurt (epd). Spielen Schauspieler seit vielen Jahren in einer Fernseh-Dauerserie mit, können sie deshalb noch keinen unbefristeten Mitarbeiter- oder Schauspielervertrag verlangen.

Fernsehsender oder TV-Produktionsgesellschaften dürfen aus künstlerischen Erwägungen die Verträge immer wieder neu zeitlich befristen, um das Format kurzfristig fortzuentwickeln und mitprägende Rollen einer TV-Serie wieder zu streichen, urteilte am 30. August das Bundesarbeitsgericht. Die Erfurter Richter wiesen damit die Klagen der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss (55) und Markus Böttcher (53) ab. Die zwei langjährigen Schauspieler der ZDF-Krimiserie "Der Alte" scheiterten mit ihren Klagen gegen die Art ihre Anstellungsverträge. (AZ: 7 AZR 864/15 und 7 AZR 440/16)

Sanoussi-Bliss ging in der Serie 18 Jahre als Kommissar "Axel Richter" auf Verbrecherjagd. Böttcher ermittelte als Kommissar "Werner Riedmann" sogar 28 Jahre lang in "Der Alte". Die TV-Produktionsfirma der Krimiserie schloss mit den Schauspielern befristete Mitarbeiterverträge ab, die sich auf einzelne Folgen oder auf die in einem Kalenderjahr produzierten Folgen bezogen. Sanoussi-Bliss erhielt für eine Folge eine Pauschalvergütung von zunächst 21.500 Euro und zuletzt von 18.000 Euro.

Das ZDF entschloss sich schließlich, "Der Alte" zu "verjüngen" und schickte die Kommissare 2014 in den Ruhestand. Die Verträge von Sanoussi-Bliss und von Böttcher wurden nicht mehr verlängert.

Die beiden Schauspieler fühlten sich ungerecht behandelt und klagten. Bei den seit vielen Jahren vorgenommenen Befristungen handele es sich um unzulässige Kettenbefristungen. Der letzte Arbeitsvertrag habe keinen sachlichen Grund für eine Befristung gehabt, argumentierte Sanoussi-Bliss. Sie müssten daher unbefristet eingestellt werden. Entsprechend müsse die Produktionsgesellschaft ab 2011 für ihn durchgehend Sozialversicherungsbeiträge abführen, meinte der Schauspieler.

Nach dem Teilzeit- und Beschäftigungsgesetz dürfen Arbeitsverträge nur mit einem sachlichen Grund immer wieder neu befristet werden - beispielsweise bei Krankheit eines Kollegen. Das Landesarbeitsgericht München urteilte, dass für die einzelnen Befristungen der Arbeitsverträge von Sanoussi-Bliss ein sachlicher Grund vorgelegen habe und diese damit auch rechtmäßig gewesen seien (AZ: 4 Sa 527/15).

Sowohl Rundfunkanstalten als auch TV-Produktionsgesellschaften könnten sich auf die im Grundgesetz verankerte Kunstfreiheit berufen. Ein Filmproduzent müsse die Freiheit haben, die künstlerische Ausgestaltung der Produktion autonom zu handhaben. Dazu gehöre auch die Neubesetzung von Rollen. Dies sei ein ausreichender sachlicher Grund für eine Befristung.

Dem folgte nun auch das BAG. "Die langjährige Beschäftigung des Klägers in der Rolle des Kommissar "Axel Richter" in der Krimiserie "Der Alte" überwiegt nicht das Interesse an einer kurzfristig möglichen Fortentwicklung des Formats durch die Streichung" der Rolle, betonten die obersten Arbeitsrichter. Die Befristung des im Streit stehenden Arbeitsvertrags sei daher wirksam. Aus gleichen Gründen wies das Gericht auch die Revision von Böttcher ab.

"Der Alte" ist eine der langlebigsten Krimiserien im deutschen Fernsehen und wird vom ZDF, dem SRF und dem ORF produziert. Am Ostermontag 1977 wurde der 94-minütige Pilotfilm mit dem Titel "Die Dienstreise" gesendet. Seit September 2012 leitet der Hauptkommissar Richard Voss (Jan-Gregor Kremp) die Münchner Mordkommission II. Im Team begleiten ihn Stephanie Stumph als Komissarin Annabell Lorenz und Ludwig Blochberger als Kommissar auf Probe Tom Kupfer. Sie ersetzten 2015 die Rollen von Sanoussi-Bliss und Böttcher. Seit dem vergangenen Frühjahr ist auch der IT-Spezialist Lennard "Lenny" Wandmann (Thimo Meitner) fester Teil der Serie.

Aus epd medien Nr. 35 vom 1. September 2017

fle