Tagebuch
Jedem sein Buzzfeed? Internet-Jugendangebote allüberall
Frankfurt a.M. (epd). Was heißt eigentlich öffentlich-rechtlich im Internet? Dafür fehlen bislang schlicht überzeugende Modelle. Das könnte sich bald ändern: Für den zum "Jugendangebot" geschrumpften Jugendkanal sollen einige der irrwitzigen Beschränkungen fallen, die Politik und Justiz den Öffentlich-Rechtlichen auf Druck von ideenlosen Verlegern auferlegt haben. Keine Sieben-Tage-Regel, mehr nonlineares Fernsehen - und vor allem eine starke Nutzung von Drittplattformen. Die Forderung der Privaten, dass ARD und ZDF Netzwerke wie YouTube oder Facebook nur zum Bewerben ihrer Beiträge nutzen sollen, ist angesichts des digitalen Konsumverhaltens geradezu absurd.

Man kann sich nur wünschen, dass ARD und ZDF (das wohl mit etwas weniger Elan in die Sache startet) diese Chance zu nutzen wissen. Das Zauberwort "Content-Angebot" alleine wird nicht reichen. Die Sender müssen eine Plattform entwickeln, die mehr ist als ein öffentlich-rechtliches "Buzzfeed" und ein Kurator von Inhalten, wie sie es anderswo schon massenhaft gibt. Das Jugendangebot muss mehr werden als eine Bühne für YouTuber, denen Platz geboten wird für pausenlos plappernde Selbstdarstellung am unteren Ende der Relevanzskala. Selbstverständlich darf der eine oder andere "Kopf" der Generation, wie es im Konzept heißt, dabei sein. Aber dahinter sollte eben auch journalistischer Anspruch stehen. Ein tägliches Böhmermann-Format etwa wäre absolut wünschenswert!

In diesem Sommer haben auch andere etablierte Medienmarken Ableger für die Jugend gestartet: Ob "Ze.tt" von "Zeit Online", "Bento" von "Spiegel Online" oder "Byou" von "Bild" - all diesen Ablegern ist gemein, dass sie bislang krampfhaft versuchen, auf jung zu machen, mal weniger, meist mehr peinlich. Sie hinterlassen den Eindruck, dass hier vor allem Journalismus für die Möchtegern-Digital-Natives der vielbeschworenen "Generation Y" gemacht wird, die nach einem anstrengenden Büro-Arbeitstag noch mal eben Sushi essen gehen (und deshalb vermutlich auch wissen, dass "Bento" ein Name für Sushi-Boxen ist).

Eine weitere Gemeinsamkeit der "Buzzfeed"-Imitate: der nicht gerade selbstbewusste Glaube, dass die etablierte Medien-Marke beim jungen Publikum nicht mehr zieht. "Ze.tt" ist lediglich "Partner" von "Zeit Online'" (okay, die Redaktion sitzt Start-up-mäßig in einem anderen Haus, aber letzten Endes ist "Ze.tt" wohl doch mehr Tochter als Partner), "Bento" versteckt "Spiegel Online" verschämt im Impressum - so wie der SWR sein Logo in den YouTube-Videos von "1080 Nerdscope" mit LeFloid erst im Abspann zeigt.

Wie ein gutes Angebot aussehen könnte, zeigt "15 Minutes of Fame" (ZDFinfo). Noch sind die YouTube-Abrufzahlen des Netzkultur-Formats eher gering. Auf einer gebündelten Plattform samt zugehörigem YouTube-Kanal hätte die Sendung wohl mehr Chancen. "15 Minutes of Fame" beleuchtet Netzphänomene wie etwa virale YouTube-Videos auf unterhaltsame Weise und mit dem Vokabular der jungen Zielgruppe. Die "Wir erklären das Internet"-Attitüde wirkt zwar manchmal aufgesetzt - aber dahinter steht eben doch journalistischer Anspruch. Anders hingegen "Digital Diary - Sexualität weltweit", ein cliphaftes Format der WDR-Verjüngungskur. Eine Folge widmete sich dem Thema "YouTuber und Sex". Was das Geulke deutscher YouTuber neben ernsthafteren Beiträgen aus aller Welt, zum Beispiel über homosexuelle Aktivisten aus Russland, zu suchen hat, bleibt offen.

Eine Frage, die bei all dem angestrengten Verjüngen in den Hintergrund tritt: Was sagt eigentlich die Zielgruppe zu dem Konzept? Das Konsultationsverfahren der Länder hat dazu keine wirklich tiefgründigen Einblicke gebracht. Sicher, einige Jugendverbände haben Stellungnahmen abgegeben. Aber im Wesentlichen spiegelt sich in dem Verfahren die alte korporatistische Bundesrepublik wider. Passt so eine Rundfunkpolitik noch ins digitale Zeitalter? Das freilich steht auf einem anderen Blatt.
Aus epd medien Nr. 41 vom 9. Oktober 2015
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Dominik Speck