Tagebuch
Ist das Kunst? Böhmermann macht Dunkeldeutschland snackable
Frankfurt a.M. (epd). Ist das Kunst? Satire? Comedy? Oder doch nur postpubertäres Haten unter dem Deckmantel einer Late Night Show? Kaum jemand in der deutschen Fernsehlandschaft polarisiert so sehr wie Jan Böhmermann mit seinem "Neo Magazin Royale". Im Düsseldorfer NRW-Forum zeigen Böhmermann und seine Produktionsfirma btf noch bis zum 4. Februar die Ausstellung "DEUSCTHLAND". Um den Status quo Deutschlands soll es gehen oder vielmehr Dunkeldeutschlands, denn "wenn das alles echt und kein quatsch ist in was für eine zeit & land & welt leben wir überhaupt".

"Das", so viel wird schnell klar, sind vor allem Hetze und Hass. In "DEUSCTHLAND" ist was nach rechts gerückt. Gleich am Eingang die "Passkontrolle", Besucher müssen Handys und Kameras abgeben. Links stellen sich "Deutsche" an, rechts "Ausländer". Obergrenze: 250 Smartphones. Ein Automat spuckt gegen Geld "Hetzkekse" aus. Wie bei Glückskeksen finden sich in ihrem Innern real existierende Tweets, etwa von AfD-Politikern. Ein hellbrauner Sessel mit Deutschlandfahne über der Lehne: Angeblich Björn Höckes Stuhl bei seinem denkwürdigen Auftritt bei "Günther Jauch" im Herbst 2015.

Und auch die Erdogan-"Schmähkritik" fehlt nicht. Medienmedieninsider werden sich darüber freuen, dass Wandtafeln im abgetrennten "rechtsfreien Raum" Pressestimmen zu dem Fall zeigen: allesamt von FAZ-Medienredakteur und Böhmermann-Kritiker Michael Hanfeld. Diebische Freude auch für alle anderen: Das Gedicht selbst ist noch einmal zu hören, vorgetragen vom CDU-Abgeordneten Detlef Seif, der Teile daraus 2016 im Bundestag zu Gehör brachte - bis heute über die Parlamentsseite abrufbar.

Den größten Teil der Ausstellung nimmt der "Reichspark" ein - jener angeblich von einer Offenbacher Agentur geplante NS-Themenpark, für den Böhmermanns Team tatsächlich werbend durchs Land zog. Zu sehen sind der Messestand mit Flyern und ein Architekturmodell des Parks mit "Erlebnis-KZ". Per VR-Brille können die Besucher Führerbunker und Führerhauptquartier besuchen, die Bombardierung Dresdens oder die Schlacht um Stalingrad "erleben".

Außerdem zu sehen: Ölgemälde, angeblich von Böhmermann selbst gemalt, die Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Steinmeier im Kreise von Springer-Granden zeigen. Und ein Nadeldrucker, der Tweets von ausgewählten Amts- und Mandatsträgern auf dem Boden ausbreitet: "Neuland" heißt die Installation. Dann der Meinungsautomat: Israel oder Palästina? Kind oder Karriere? Die Besucher müssen sich entscheiden. Kaum haben sie auf den passenden Button gedrückt, präsentiert der Twitter-Account @deuscthland die Wahl samt Porträtfoto. Darauf heißt es dann etwa "Ich stehe für Palästina, nicht für Israel" oder "Karriere statt Kind". Und ein Verwirrspiel, wie Böhmermann es bestens beherrscht: Angeblich zeigt die Ausstellung Merkels Original-Wanderkleidung, wie auf Paparazzi-Bildern zu sehen.

Ein Brief aus dem Kanzleramt soll die Echtheit beweisen. Sind die Besucher wirklich auf Tuchfühlung mit der echten Merkel? Oder ist das doch alles fiktionale Realsatire, freilich ein paar Nummern kleiner als "Varoufake"? Solcherlei Verwirrspiele hätte man sich noch mehr gewünscht. Auch die ganz großen Provokationen, die man von einer Böhmermann-Schau erwarten könnte, bleibt "DEUSCTHLAND" schuldig - zumal das "Reichspark"-Projekt kurz vor Beginn der Ausstellung im "Neo Magazin Royale" gezeigt wurde. So bleibt der Ausflug der btf-Crew ins Museum erstaunlich zahnlos. "DEUSCTHLAND" ist zu snackable präsentiert, um wirklich betroffen zu machen - geschweige denn als aufrüttelnde politische Kunst durchzugehen, die die Grenzen des guten Geschmacks auch mal überschreitet. Die Polarisierung, die Böhmermann auf der Fernsehbühne oft gelingt, hier glückt sie nicht.
Aus epd medien Nr. 3 vom 19. Januar 2018

Dominik Speck