Debatte
Inhalte auffindbar machen
Das Internet ändert am Radio wenig und doch alles
Frankfurt a.M. (epd). Der Zauber, den die Radioprogramme ausstrahlen, ist ungebrochen und immer noch hören die Leute gerne zu. Auch in der Schweiz, wo erst kürzlich eine Initiative per Volksbefragung den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen wollte, ist das Radio von allen Medien am wenigsten umstritten. Seit der Einführung des Fernsehens sind die Leute vom Radio zwar nicht mehr die angesagtesten Gäste auf der Party, weil sie die totale Aufmerksamkeit an die Flimmerkiste abtreten mussten, aber nun können die Kolleginnen und Kollegen des bewegten Bildes am eigenen Leibe spüren, wie es ist, Relevanz an ein anderes Medium zu verlieren. Das Internet mit seiner zeitunabhängigen Nutzung sägt am Stuhl des visuellen Funks. Dazu eine Anekdote einer Bekannten aus Zürich, die zu Hause kein klassisches Fernsehen mehr schaut. Da sagte eines Tages die Tochter nach einem Besuch bei einer Freundin: "Mama, die haben ein Gerät, aus dem etwas kommt, das niemand schauen will!" So schnell kann's gehen.

Radio im Medienwandel (8)
epd Die Medien verändern sich. Rundfunk wird über das Internet verbreitet, und durch die vielen Möglichkeiten, Sendungen zeitversetzt in Mediatheken oder bei Abrufdiensten zu nutzen, verändern sich auch die Hör- und Sehgewohnheiten. Was bedeutet das für das Radio? Und was für die Programmmacher? Wollen die Hörer überhaupt noch ein Programm, das ihnen 24 Stunden am Tag Information, Musik, Gespräche und zwischendurch vielleicht sogar Hörspiele und Features bietet? Brauchen Programme noch eine Dramaturgie und feste Sendezeiten? Gemeinsam mit dem "Dokublog" von SWR2 fordern wir dazu auf, über lineares Radio sowie Programmdramaturgien und -strategien nachzudenken. Wir setzen unsere Reihe fort mit einem Beitrag von Dominik Born, der beim öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunk SRG für Innovationen im Online-Bereich zuständig ist. Born wünscht sich eine "Skip-Funktion" für das Radio. Die bisherigen Beiträge unserer Reihe erschienen in epd 30-31, 33, 45, 47, 48/17, 7 und 9/18.

Ein bisschen Schadenfreude macht sich zwar bei den Radioleuten breit, aber auch ein bisschen Sorge, ob das Internet nun auch das Radio ebenso umbauen wird wie Fernsehen und Presse. Sich davor zu fürchten, ist allerdings nicht angesagt, weil das klassische Radio seit Bestehen schon einiges erlebt hat.

Kurzer Aktionismus

Mit der Einführung des tragbaren MP3-Players und der dazugehörenden Software förderte das zeitversetzte Audioangebot, sogenannte Podcasts, ein bisschen Transpiration unter den Armen und auf die Stirn der Verantwortlichen der Radiostationen. Ein kurzer aufflammender Aktionismus machte sich bemerkbar. Es wurden Inhalte, die bereits über den Sender gingen, einfach nochmals ins Netz gestellt. Danach kratzte man sich verwundert an der Stirn und fragte sich, warum dabei nicht die Hörer-Zahlen generiert wurden, wie sie die hochgerechneten Umfragen erwarten ließen.

Dieser erste Podcast-Hype aus den Staaten ging also nicht so durch die Decke, dass sich jemand ernsthaft Sorgen machen musste. Auch der jetzige, zweite Podcast-Hype hat nicht gleich die Antennen von den Hügeln gerissen. Das Einzige, was sich gerade ändert ist, dass nun die Wellenchefinnen und -chefs fordern, "was wie ‚Serial' zu machen", gemeint ist der investigative Podcast aus den USA, der den Mordfall der 17-jährigen Hae Min Lee wieder aufrollte. Er war so erfolgreich, dass er Macher auf der ganzen Welt animierte, auch eine True-Crime-Geschichte aus der Kiste zu zaubern und alte Fälle wieder aufzurollen. Manchen gelingt das schon sehr gut, anderen weniger, aber das Radio werden sie nicht ersetzen. Uff, nochmals Glück gehabt. So lange wir stabile Zahlen haben - ¯\_(ツ)_/¯. Why worry?

Eine andere Angriffswelle startete in den frühen Nuller Jahren Last.FM mit dem ersten mir bekannten Versuch, das lineare Radio direkt in seinem Kern zu treffen: beim Musikteppich. Auch wenn alle Radios ihre Personalities, Informationen und Beiträge hervorheben, die Musik macht weit über die Hälfte ihrer Inhalte aus. Aber auch hier brauchte es mehrere Evolutionen diverser Plattformen im Internet, bis sich wirklich jemand ernsthaft Sorgen machen wollte. Spotify, Deezer & Co entwickelten sich erst allmählich zu einer Konkurrenz.

Einen echten Tiefschlag haben wir leider dennoch zu vermelden: Den ersten Platz in der Kategorie schnellstes Medium musste das Radio an die "Pushnotification" abgeben. Plötzlich sind die Leute bereits informiert, bevor jemand überhaupt den Regler öffnen und das Geschehene in Worte fassen kann. "Agenturmeldung copy-paste-push" ist schneller. Aber auch das scheint dem Radio nichts anzuhaben. Ein bisschen verlieren wir, aber das machen die anderen ja auch. Etwas Hörerzahlen-Ping-Pong mit der Konkurrenz. Kennen wir.

Wie also Leute zu neuen Ideen bewegen, wenn doch alles in Butter ist? Eine klassische Methode ist die Holzhammermethode. Die Ausrufe aller apokalyptischen Medienseher und schlecht rasierten Audiohipster bei Fachtagungen - "Die Digitalisierung ist da - Ihr seid alle verloren" - konnten mit den vorliegenden Hörer-Zahlen nicht gestützt werden. Somit also alles nur ein Hype? Eine Hysterie? Da ich auch so ein Audiohipster bin, möchte ich auf etwas hinweisen: Unter Risikoinvestoren gilt die Faustregel, eine Technologie, die seit mehr als 80 Jahren besteht, muss bereit sein, sich zu verändern. Dies gilt für die Verbrennung von fossilem Brennstoff wie auch für die Medienbranche.

Wieder so eine apokalyptische Rede, werden Sie jetzt sagen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich sage nicht, dass das klassische Radio verschwinden wird. Und zwar aus einem einfachen Grund. Es verschwindet nichts einfach so, was mal eine gewisse gesellschaftliche Wucht hatte. Nehmen wir die Oper und das Schauspiel: Beide füllen auch heute noch große Säle, aber ist deshalb ihre gesellschaftliche Relevanz die gleiche wie früher? Eben. Und genauso ist es mit dem linearen Radio. Es hat seine Berechtigung, wird aber mit jedem neuen Service, der im Audio-Bereich angeboten wird, an Relevanz verlieren.

Die volle Aufmerksamkeit

Ich bin zum Beispiel der Überzeugung, dass das Hören von linearem Radio nicht mit dem von Audio-on-Demand-Inhalten vergleichbar ist. Dem laufenden Radioprogramm kann ich Aufmerksamkeit schenken, aber nicht mit der gleichen Intensität wie einem bewusst ausgewählten Audio. Außer ich habe eine Lieblingssendung, die sich so sehr in meine Alltagsroutine eingegraben hat, dass ich wegen ihr automatisch das Radio einschalte. Bei abrufbaren Audioinhalten im Internet wähle ich bewusst aus und schenke ihnen somit meine volle Aufmerksamkeit. Und wenn ich dem Leadtext auf den Leim gegangen bin und mich dessen Inhalt nicht interessiert, kann ich einfach weitergehen. Abrufzahlen von zeitunabhängigen Diensten sollten daher mehr Gewicht erhalten als bisher.

Auch die Werbeindustrie kann im Netz ohne größeren Streuverlust ihre Produkte zielgerichteter an ihre potenziellen Kunden bringen und erhält dafür möglicherweise höhere Aufmerksamkeit. Aber was erzählt hier ein öffentlich-rechtlicher Medientyp von Werbestrategien? Wäre ja noch schöner. Darum wieder zurück auf die Allgemeinplätze.

Es gibt eine Erwartungshaltung, dass neue Entwicklungen sofort große Erfolge liefern müssen. Bei der Einführung neuer Technologien wird zu schnell mit dem Ist-Zustand verglichen und dann kritisiert, dass die Ergebnisse im Vergleich zum Bestehenden winzig sind. Zu Beginn des Radios im Jahr 1923, gleich nach der Erteilung der Testkonzession in der Schweiz, gab es 980 angemeldete Radiogeräte. Zwei Jahre (!) später waren es erst 38.500. Klar waren die Umstände damals andere als heute, aber trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass auch das gute alte lineare Radio nicht eine Technologie war, die von null auf hundert ging. Jede Erneuerung braucht Zeit, bis sie in der Gesellschaft angekommen ist.

Gefährlich aber ist, die neuen Möglichkeiten gering zu schätzen mit dem Argument, dass sie zurzeit wenig Nutzen aufweisen. Aus diesem Grund gilt es meines Erachtens, jede neue Technik danach zu beurteilen, was sie für die eigene Branche bedeuten könnte. Gibt es einen oder mehrere veränderte Parameter, die bestehende Angebote verbessern könnten? Vor diesem Hintergrund ist die Chance, die uns das Internet mit seinem Rückkanal bietet, zu sehen. Sie müsste von jedem, der Audioinhalte produziert, aus vollem Herzen ergriffen werden.

Digitale Auslage

Audioinhalte über das Internet zur Verfügung zu stellen, birgt aber auch Risiken. Denn auch hier gibt es zu kurz gegriffene Initiativen, die einzig das Internet als heilbringende Technologie ansehen: "Ja, wir haben eine Website und stellen dort unsere Inhalte hinein. Ja, wir sind digital." Die digitale Auslage der kompletten Audioinhalte des Radios im Netz überfordert aber die meisten Nutzerinnen und Nutzer und dies zeigt sich dann bei der Nutzung der Inhalte. Der Computer ist per se kein Audiogerät. Mit dem Bildschirm, dem Trackpad, der Maus und der Tastatur ist er ein Gerät, das für die Interaktion gebaut wurde. Beim Smartphone ist es noch deutlicher, dort ist der Bildschirm zugleich Interaktionsplattform. Zum Glück kann aber bei letzterem der Bildschirm abgeschaltet, das Gerät mit dem Kopfhörer verbunden und in die Tasche gesteckt werden.

Aber es bleibt dabei: Unkuratierte Bibliotheken zeigen einzig die Vielfalt an Produktionen einzelner Sender, helfen aber noch nicht beim Auffinden von Inhalten. Es ist wichtig, sie so zu markieren beziehungsweise zu verschlagworten, dass sie von den gängigen Suchmaschinen indexiert und anschließend bei passendem Suchbegriff angezeigt werden können. Ein komplettes Audioarchiv unkuratiert und nicht suchmaschinenoptimiert ins Netz zu stellen, ist leider wenig sinnvoll.

Die Lösung liegt für mich in der Mitte. Zeitunabhängige Inhalte anbieten, aber als skipbaren Stream. Das heißt, dass ich durch einfaches Überspringen einzelner Elemente des linearen Programms navigieren kann, ohne Inhalte vorher ausgewählt zu haben. So werden die beiden Welten des linearen und des zeitunabhängigen Audiokonsums zusammengebracht. Zum Beispiel mit den neuen Smartspeakern. Das sind Lautsprecher mit denen ich via Internet ausschließlich mit meiner Stimme interagieren kann und die mir die gewünschten Audios abspielen. Es reicht ein schlichtes "Alexa, weiter" um in den einzelnen Radioinhalten zu navigieren. Dies ist endlich wieder ein bahnbrechendes Angebot in der Verbreitung von reinen Audioinhalten.

Linearität stellt sich nicht nur beim klassischen Radio ein, sondern grundsätzlich, wenn ein Audioinhalt abgespielt wird und dabei bei der Zuhörerin oder dem Zuhörer Zeit abläuft. Der Begriff "Live Radio" ist also eigentlich relativ. Mit den Navigationsmöglichkeiten, die das Internet bietet, würden wir aus der "One-size-fits-it-all"-Falle rauskommen, die der klassische, lineare Rundfunk mit der Einer-Für-Alle-Technologie mit sich bringt. Weniger Kompromisse in dieser kompromisslosen Zeit!

Mein Problem mit den bestehenden Radiostationen, die mit Hot Hot Hot Rotationen und flachen Witzen für mich einzig Abschaltfaktoren produzieren, wäre dann auch gelöst. Das lineare Radio muss nur durch ein Feature ergänzt werden, das alles verändern wird - den Skip-Knopf. Wenn das, liebe Rundfunkmacher, nicht reicht, um das Radio vom Internet her zu denken, hier noch ein Einwurf von Albert Einstein, der das mit der Relativität ziemlich im Griff hatte: Die Definition von Wahnsinn ist, immer das gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Aus epd medien Nr. 12 vom 23. März 2018

Dominik Born