Kritik
Im Wirrwarr der Debatte
VOR-SICHT: "Die Story im Ersten: Im Netz der Lügen - Der Kampf gegen Fake-News" (ARD/SWR, 31.7.17, 23.30-0.15 Uhr); "Im Netz der Lügen - Falschmeldungen im Internet" (ZDFinfo, 20.7.17, 21.00-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Gleich zwei Dokumentationen mit dem Titel "Im Netz der Lügen" sendet das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Juli. Beide kommen mit einem Bildungsanspruch daher, gehen aber unterschiedlichen Fragen nach. Claus Hanischdörfer versucht in seinem ARD-Film, das Problem der Fake News im Internet und die öffentliche Debatte darüber vollumfänglich zu greifen - von der Entstehung über die virale Verbreitung bis zum redaktionellen Umgang und der politischen Debatte. Mario Sixtus dagegen konzentriert sich bei ZDFinfo auf die Frage, warum jeder von uns in seiner eigenen Filterblase lebt.

Hanischdörfer fasst den Stand der Diskussion über Fake News in 45 Minuten zusammen, ohne die wichtigsten Stränge zu vergessen. Das ist eine echte Herausforderung, und der Film scheitert leider daran. Denn er vermag es nicht, das Wirrwarr der Debatte zu entknoten. Die Dokumentation gibt Beispiele für Falschnachrichten, die auf Facebook eine virale Verbreitung fanden, hält fest, dass in professionellen Redaktionen die Sorgfaltspflicht gilt, streift Mimikama und andere Fake-News-Checker, stellt dar, was Facebook gegen Fake News unternimmt, widmet sich dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, spricht mit der Grünen-Politikerin und Vorsitzenden des Bundestags-Rechtsausschusses, Renate Künast, über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema und mit dem Mitbegründer und Geschäftsführer des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, David Schraven, über die Zusammenarbeit mit Facebook.

Löblich ist der Ansatz, auch den Europaabgeordneten und ehemaligen Parteivorsitzenden der rechtsextremen NPD, Udo Voigt, zum Interview zu bitten. Dieser lässt prompt die Meinung vom Stapel, dass Stimmungsmache gegen Rechts eben Stimmungsmache gegen Flüchtlinge und damit auch Fake News rechtfertige - eine entlarvende Behauptung. In der Gesamtschau reißt Hanischdörfers Film jedoch viel zu viele Themen in jeweils nur wenigen Sekunden an und wandelt das "Netz der Lügen" zu einem tausendteiligen Puzzle, dessen Zusammensetzung dem Zuschauer kaum gelingen kann.

Abhilfe schafft leider auch nicht der Protagonist der Dokumentation: Wolfgang Schweiger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Der Mann weiß, "wie schwer es Fakten manchmal haben". Der Film begleitet in mehreren Sequenzen zwei seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, die leider namenlos bleiben, bei einem Facebook-Experiment. Dieses soll zeigen, das gefühlte Wahrheiten die Verbreitung von Fakes begünstigen. Dazu etablieren die Wissenschaftlerinnen zunächst das gefälschte Profil eines Mannes mit rechtsextremer Gesinnung, der später auf einen gefälschten Artikel ("Gratis-Sex für Asylanten - Landratsamt zahlt") eines gefälschten Onlineportals mit dem Titel "Volksbeobachter" verlinkt. 155 Menschen teilen den Fake auf Facebook, vier Wochen lang haben die Mitarbeiterinnen jeden Tag eine Stunde an dem Experiment gearbeitet. Schweiger sieht seine These bestätigt, dass viele Menschen die Quelle einer Nachricht nicht überprüfen. Warum das so ist, dafür liefert die Dokumentation nur eine Erklärung: Menschen teilen im Netz gerne Inhalte, die ihre eigenen Vorurteile bestätigen.

Der Erkenntnisgewinn des Films bleibt dünn. Fakten und Aufklärung seien notwendig, damit die Gesellschaft nicht weiter polarisiert wird. "Diese Gefahr droht, wenn jeder von seinem Standpunkt aus immer nur recht haben will. Wer wirklich die Wahrheit sucht, muss seine Perspektive verlassen, und Zusammenhänge suchen. Damit hat man die Realität meist viel besser im Blick", resümiert die Dokumentation.

Internetexperte Mario Sixtus hat es schlauer angestellt und sein Thema von vornherein sinnvoll begrenzt. In seiner Presenter-Dokumentation liefert er mannigfaltige Begründungen für die These von der Filterblase, in der jeder Mensch unterwegs ist. Das Netz mache die unangenehmen Seiten des Menschen wie Hass und Boshaftigkeit für alle sichtbar und heize sie dadurch noch an. "Ja, wir alle leben in einer Blase, so ist das menschliche Hirn nun mal gebaut. Aber wie dicht diese Blasen sind und Fakten und Realität herausfiltern und wie viel sie durchlassen, das ist nicht einprogrammiert. Das entscheiden wir, jeder für sich", hält Sixtus am Ende von 45 Minuten Dokumentation fest. Es ist die treffende Quintessenz einer kurzweiligen, tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Wohl auch durch seine jahrelangen Recherchen zu Internetthemen ist es Sixtus offenbar leichtgefallen, zahlreiche Interviewpartner für seinen Film zu finden, die allesamt Fundiertes beizutragen haben und sich dabei auch noch sehr gut ausdrücken können. Sixtus nimmt seine Zuschauer mit auf eine überaus lehrreiche und filmerisch ansprechend umgesetzte Reise durch die aktuellen Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft und Psychologie zum Thema Filterblasen. Sein Vorgehen orientiert sich an den Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens. Der Film erläutert zu Beginn die Herkunft des Begriffs "Filterblase" und definiert diesen zunächst - nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der griechische Philosoph Platon bereits in der Antike mit seinem Höhlengleichnis nichts anderes beschrieben habe. Womit der Anspruch der Dokumentation geklärt wäre.

Der Film stellt verschiedene wissenschaftliche Theorien vor, die allesamt bestimmte, schon immer vorhandene Selektionsprozesse in der menschlichen Wahrnehmung erklären und in der Gesamtschau verdeutlichen, wie Filterblasen "von innen wachsen". Selective Exposure, Hostile Media Effect, Third Person Effect, Truth Effect, Boomerang Effect und False Consensus lauten die wichtigsten Schlagworte. Bei aller Theorie verliert die Dokumentation jedoch nicht den Bezug zur Praxis. So gibt Sixtus beispielsweise einen Ausblick auf "die nächste Generation der Lügenmeldungen" - er spricht sonst ausschließlich von "gezielten Falschmeldungen" und meidet den Begriff Fake News wohlbgeründet - und warnt, dass sich diese nicht so einfach entlarven lassen werden, weil die technischen Möglichkeiten der Fälschung von Stimmen und Bildern immer ausgefeilter werden.

Die Dokumentation gibt dem Zuschauer die wichtige Erkenntnis mit auf den Weg, dass Filterblasen in unserem Gehirn, und nicht im "bösen Internet" entstehen und bietet Bildungsfernsehen, das Spaß macht. Ein Film, der auch dem Hauptkanal des ZDF gut zu Gesicht gestanden hätte.

"Die Story im Ersten: Im Netz der Lügen - Der Kampf gegen Fake-News", Dokumentation, Regie und Buch: Claus Hanischdörfer, Kamera: Axel Stoch (ARD/SWR, 31.7.17, 23.30-0.15 Uhr);
"Im Netz der Lügen - Falschmeldungen im Internet", Regie und Buch: Mario Sixtus, Kamera: Janett Kartelmeyer, Carsten Schönijahn, Martin Langner, Produktion: AVE Publishing GmbH (ZDFinfo, 20.7.17, 21.00-21.45 Uhr)


Aus epd medien 30/31 vom 28. Juli 2017

Ellen Nebel