Tagebuch
Im Strudel der Kritik. Schweighöfers "You are wanted"
Frankfurt a.M. (epd). Die ersten Sekunden haben es in sich: An der verschlossenen Wohnungstür rüttelt es, drinnen zerstört ein Mann seinen Computer mit Hilfe einer Bohrmaschine und setzt ihn anschließend in Brand, bevor er selbst von lodernden Flammen erfasst aus dem Fenster des grauen Berliner Hochhauses stürzt.

Dann lässt sich Matthias Schweighöfer von Toni Garrn eine Palette Red-Bull-Dosen mit Kerze drauf zum Geburtstag überreichen. Dieser Moment, der die Hauptfigur von Schweighöfers Amazon-Serie "You are wanted" einführt, ist so entsetzlich unfreiwillig komisch und possierlich, dass es kaum zu ertragen ist. Lukas Franke ist erfolgreicher Hotelmanager, den Anzug kauft man ihm in dieser Szene aber ebenso wenig ab wie einem Abiturienten auf der Abschlussfeier. Laufstegschönheit Toni Garrn gibt die übernaive Assistentin als wandelndes Klischee.

"You are wanted" startete am 17. März zeitgleich in rund 200 Ländern und fünf Sprachen bei Amazon Prime Video. Nur zwei von insgesamt sechs Folgen von jeweils rund 45 Minuten hatte der Streamingdienst Kritikern zur Vorbesprechung seiner ersten deutschen Serie zur Verfügung gestellt. Ein Schweighöfer-Werk durch und durch: Der 36-Jährige produzierte "You are wanted", führte Regie, schlüpfte in die Hauptrolle, fungierte als Showrunner und dichtete das von Hanno Hackfort, Richard Kropf sowie Bob Konrad ersonnene Drehbuch maßgeblich um. Der Kritik gefiel das nicht: Charaktere zu flach, Handlung zu einfach - und vor allem: Schweighöfer!

Die überwiegend vernichtenden Urteile (häufigster Tenor: Die Amis können das besser!) werden allenfalls dem deutschen Hang zur Selbstkasteiung oder tiefsitzenden Schweighöfer-Aversionen gerecht. "You are wanted" entwickelt sich alsbald zu einer rasanten Schnitzeljagd, bei der Lukas Franke den Mann sucht, der sein digitales wie auch sein reales Leben gehackt hat, ihn mit einem Schlag aus seinem Familien-Idyll haut und zum Staatsfeind Nr. 1 macht. Im Laufe der sechs Folgen schafft es Schweighöfer, sich von seiner häufigsten Rolle, der des tollpatschigen Mädchenschwarms, zu emanzipieren und reüssiert als Thriller-Hauptfigur.

Mit Namen wie Alexandra Maria Lara, Karoline Herfurth, Tom Beck, Louis Hoffmann, Catrin Striebeck und Katrin Bauerfeind sind auch die übrigen Rollen prominent besetzt. Spielleistung und Charakterzuschnitte korrespondieren in Mittelmäßigkeit, allerdings lässt die Hochgeschwindigkeitsentwicklung des Plots auch nichts anderes zu. "You are wanted" reißt den Zuschauer in einen Strudel der Ungeheuerlichkeiten, manches scheint abwegig, aber Frankes Schicksal bleibt beklemmend realistisch. Reale und digitale Welt sind längst engmaschig miteinander verwoben, und die Tür zum digitalen Ich bleibt bei vielen Menschen weit geöffnet. Auch, wer nichts zu verbergen hat, begibt sich so in Gefahr.

Mit all seinen Schwächen, etwa den bisweilen flachen Dialogen und klischeehaften Inszenierungen, zieht "You are wanted" den Zuschauer dennoch in den Bann. Ist der Schock, den Schweighöfers erster Auftritt auslöst, erst einmal verdaut, bieten die sechs Folgen gutes Popcorn-Fernsehen, das sich am Stück gefällig weggucken lässt, die Cliffhanger sind respektabel.

Erstaunlich bleibt, mit welcher Inbrunst die deutsche Kritik die Serie nach Begutachtung von nur zwei Folgen niederschreibt. Deutsche Zuschauer können durchschnittlich erst nach der dritten Folge nicht mehr von einer Serie lassen, hat Amazon-Konkurrent Netflix vor einigen Monaten herausgefunden. Streamingdienstnutzer sind offensichtlich ausdauernd. Mit der Entscheidung, von "You are wanted" zunächst nur zwei Folgen für die Besprechung zur Verfügung zu stellen, hat Amazon Schweighöfer keinen Gefallen getan. Die Abrufe des Startwochenendes waren dennoch so hoch, dass der Streamingdienst gleich eine zweite Staffel in Auftrag gegeben hat.
Aus epd medien Nr. 12 vom 24. März 2017

Ellen Nebel