Interview
"Ich bin kein Abenteurer"
Ein epd-Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Ashwin Raman
Frankfurt a.M. (epd). Der Dokumentarfilmer Ashwin Raman (70) berichtet seit mehr als 45 Jahren aus den Krisenregionen dieser Welt. Der Reporter indischer Herkunft ist ein Einzelkämpfer, der sich mit einer Videokamera zwischen den Fronten bewegt. Dem mehrfach preisgekrönten Journalisten geht es nicht um spektakuläre Bilder, sondern um die Schicksale von Menschen im Krieg. Am 12. Oktober läuft Ramans neuer Film "An vorderster Front - Der Krieg gegen den IS" um 0.45 Uhr im ZDF. Fritz Wolf hat sich mit Ashwin Raman über gefährliche Drehorte, Einsamkeit bei der Arbeit und die Zusammenarbeit mit öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern unterhalten.

epd: Ihr Film hat den Titel "An vorderster Front. Der Krieg gegen den IS". Wo sind Sie überall gewesen?

Ashwin Raman: Es geht um die Mossul-Offensive. Wenn die Stadt von irakischem Militär und den Peschmerga eingenommen wird, dann ist der IS de facto am Ende. Der Film wird zeigen, wie die Vorbereitung dieser Offensive läuft. Deshalb war ich an den allerwichtigsten Posten unweit von Mossul.

Sie sind in allen Ihren Filmen allein unterwegs mit einer kleinen Kamera. Wie arbeiten Sie?

Raman: Als im Jahr 2000 diese kleinen Geräte auf den Markt kamen, war das, so sage ich immer, meine Wiedergeburt. Da konnte ich mit meiner Kamera, die übrigens meine Frau mir geschenkt hat, überall hinziehen. Ich konnte allein drehen, mich frei bewegen und war nicht abhängig von Kamerateams. Für meine Art, Filme zu machen, ist das optimal. Ich möchte alles hautnah darstellen. Wenn eine interessante Situation entsteht, kann ich spontan drehen. Diese Kamera ist handgroß, da wird man nicht wahrgenommen wie ein Kamerateam, nicht gerade als Tourist, aber es ist eben unauffällig. Ich bleibe lange bei meinen diversen Drehorten. So lange, bis die Menschen sich an mich gewöhnen. So bekomme ich einen besseren Einblick in ihr Leben. Die Aufnahmen werden authentischer, und die Zuschauer können sich ein Bild machen, welche Verhältnisse an der Front herrschen.

Sprechen Sie auch die Sprachen?

Raman: Mein Arabisch ist zwar nicht fließend, aber ich kann fast alles verstehen. Es ist eine sehr schwierige Sprache. Für meine Arbeit reicht es.

Sie sind in Indien geboren. Ist das ein Vorteil, dass man in Ihnen nicht sogleich den weißen Europäer oder den Amerikaner sieht?

Raman: Bedingt. Wenn ich mit einem Team mit Europäern dorthin fahre, würde ich diese Aufnahmen nicht bekommen und könnte die Filme nicht realisieren. Mein Aussehen, meine Hautfarbe, das hilft manchmal. Etwa wenn ich in gefährliche Gegenden reise, im Auto sitze, wenn man mich von ferne sieht, dann ist das okay. Sie denken vielleicht, ich sei ein Kurde, ein Iraker. Sobald ich natürlich mit ihnen spreche, wissen sie sofort, dass ich keiner bin. Also: Es hat gewisse Vorteile, aber das geht nicht so weit, dass ich ohne Gefahr arbeiten kann.

In einem Ihrer Filme über Afghanistan tragen sie auch einmal die landesübliche Kleidung.

Raman: Afghanistan ist ganz anders als Irak oder Syrien. Ich konnte mich in dieser Kleidung einfach durch die Stadt zu Fuß bewegen, und keiner hat mich wahrgenommen. In Kurdistan hilft das gar nicht. Es gibt keine einheitliche Peschmerga-Bekleidung. Man muss bloß zusehen, dass man nicht sehr westlich aussieht.

Im Film "An vorderster Front" geraten Sie mitten in ein Gefecht. Im Somalia-Film beziehen sie ein Hotel, in dem am Vortag noch geschossen worden ist. Wie gehen Sie mit der Gefahr um? Sind Sie ein Abenteurer?

Raman: Hand aufs Herz: Ich bin kein Abenteurer. Keine Geschichte ist größer als mein Leben. Einmal in Somalia war ich naiv und wäre beinahe gekidnappt worden. Ich habe einfach Glück gehabt, dass ich davongekommen bin. Die Szene in meinem neuen Film kam so zustande: Wir hörten den Funkverkehr des IS ab. Da wurde von einer Bewegung in dem Ort Talesskef gesprochen. Wir fuhren schnell hin, die Kamera lag noch im Rucksack, ich hatte mein Handy dabei, wir sprangen aus dem Auto, und ich habe das Gefecht gefilmt. Man sieht im Film, dass ein IS-Kämpfer in meine Richtung zielt, ein Peschmerga erschießt ihn. Solche Situationen ergeben sich einfach. Ich suche die Gefahr nicht und fahre nicht dorthin, um etwas Spektakuläres zu erleben. Das ist wirklich nicht mein Ziel. Irgendeinen Kitzel löst das bei mir nicht aus.

Wie bereiten Sie sich auf die Gefahr vor?

Raman: Meine Vorbereitung sind meine Kontakte. Ich habe nie vor Beginn eines Drehs ein Drehbuch, weder schriftlich noch im Kopf. Natürlich muss ich vorher beim Sender etwas einreichen. Ich bereite zwar ein Art Exposé vor, aber die Realität ist dann eine andere. So habe ich mir zum Beispiel vorgenommen, verschiedene Posten der Frontlinie darzustellen und zu dokumentieren, was dort geschieht. Also nochmals: Die Kontakte vor Ort sind absolut wichtig, und ich pflege sie intensiv. Zum Beispiel war ich 1969 zum ersten Mal im Irak. Später wieder nach dem Einmarsch der Amerikaner. Die Kontakte, die damals geknüpft habe, kommen mir noch heute zugute.

Arbeiten sie mit Stringern?

Raman: Nein. Ich habe Freunde, die mir bei der Arbeit helfen. Sie beraten mich, und ich lebe dann auch vor Ort mit ihnen. Selten bin ich in Hotels. Ich höre diesen Menschen zu, was sie mir zu erzählen haben. Manchmal übersetzen sie für mich oder sind einfach mit mir unterwegs.

Wie finanzieren Sie Ihre Projekte?

Raman: Das ist unterschiedlich. Oft ist es nicht möglich zu warten, bis die öffentlich-rechtlichen Sender eine Entscheidung treffen. Dann fahre ich alleine los und strecke die Kosten vor. Wenn ich einen Vertrag habe, bekomme ich Vorschüsse. Um es klarzustellen: Es geht mir letztendlich nicht nur um Geld, sondern ich mache Filme aus Überzeugung. Wenn ich einen Film für wichtig halte, ziehe ich einfach los und drehe. Ohne mir darüber Gedanken zu machen, ob mir ein Sender ihn dann abnimmt oder nicht.

In diesem Fall hatten Sie einen Vertrag mit dem ZDF.

Raman: Das ZDF war sehr großzügig. Nie wurde ich bisher von öffentlich-rechtlichen Sendern oder sonst jemandem versichert. Das hat das ZDF von sich aus angeboten, ich empfand das sehr solidarisch.

Sie wurden in einer Diskussion beim Netzwerk Recherche gefragt, wie Sie das mit den Drehgenehmigungen handhaben. Sie haben etwas ironisch geantwortet, Sie wüssten nicht einmal, was das ist.

Raman: Ich denke nicht an Drehgenehmigungen. Wenn ich vorhabe, bei Aufständischen oder den Peschmerga zu drehen, nehme ich mit ihnen persönlich Kontakt auf. Wie oft habe ich von Kollegen zu hören bekommen, dass dieses oder jenes nicht möglich wäre. Am Ende kommt es immer anders. Telefonieren ist gut, die persönliche Begegnung ist besser. Klar, wenn ich zum Beispiel beim amerikanischen Militär drehen möchte, muss ich einen Antrag stellen und brauche eine Drehgenehmigung.

Wenn Sie ganz alleine drehen, was bedeutet das für Sie selbst?

Raman: Das Schwerste ist die Einsamkeit. Natürlich habe ich tagsüber Menschen um mich, und ein gewisser Austausch ist möglich. Doch meistens bin ich allein, mit mir und meinen Gedanken. Das ist sehr belastend, denn meine Aufenthalte sind sehr lang. Demzufolge ist der Wunsch, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen, allgegenwärtig. Hinzu kommen die Umstände vor Ort. Die Hitze ist zum Beispiel unerträglich, an manchen Tagen über 50 Grad. In diesem Jahr habe ich meine Zähne ruiniert, weil ich immer süßen Tee trinken musste und keine Möglichkeit hatte, mit sauberem Wasser den Mund auszuspülen. Das sind Probleme, die natürlich im Film nicht vorkommen, aber sie gehören dazu.

Wie lange brauchen Sie, bis sie sich von einer solchen Drehreise wieder erholen und bereit sind für ein normales Leben?

Raman: In den letzten Monaten, nachdem ich endlich wieder zu Hause war, fühlte ich mich sozusagen lebens-
unfähig. Saß nur herum und habe kaum gesprochen. Mir ging durch den Kopf, was ich alles erlebt habe. Ich war mindestens eine Woche untätig. Meine Familie wollte wissen, was ich erlebt habe, aber ich war nicht in der Lage, viel zu erzählen.

Sie nennen sich Kriegsreporter. Einmal haben Sie in einem Nebensatz gesagt, Sie würden eigentlich gerne mal einen Film über den Ganges drehen. Fühlen Sie sich festgelegt?

Raman: In gewisser Hinsicht ja. Über die Jahre habe ich diesen Stempel bekommen, dass ich Kriegsreporter bin. Man erwartet von mir exklusive Aufnahmen und ebensolche Filme. Einen Auftrag, mal etwas Angenehmes zu drehen, da sehe ich meine Chancen nicht gut.

Wenn Sie zurückblicken: Wann war für Sie klar, dass Sie so arbeiten wollen?

Raman: Mein Leben ist so verlaufen, da waren viele Zufälle im Spiel. Mein Vater war indischer Diplomat in Vietnam, während des Krieges. Ich habe in englischen Zeitungen viel über den Krieg geschrieben. Überwiegend für die "Times of India". Ein paar Jahre später war ich in Afghanistan, als die Russen dort einmarschierten. Damals waren alle Afghanen Mudschaheddin, heute sind einige von ihnen Taliban, andere Politiker, wieder andere Geschäftsleute. Die Kontakte von damals pflege ich bis heute. Als ich noch sehr jung war, bin ich von Indien nach Europa getrampt. Ich fuhr mit einem Schiff von Bombay nach Basra, einem Hafen in Irak. Damals kam gerade die Baath-Partei an die Macht. Das durfte ich damals schon erleben. Solche Zufälle führten mich immer durch Kriegsereignisse.

Also haben nicht Sie den Krieg gesucht, sondern der Krieg hat sie gefunden?

Raman: Ich habe den Krieg nie gesucht. Wie schon gesagt, einige Zufälle und Ereignisse führten dazu, dass man mich heute als Kriegsreporter bezeichnet.

In Indien hatten Sie politische Schwierigkeiten. Wie kam das?

Raman: Ich möchte nicht dramatisieren. Es gab eine kurze Zeit, als Indien mit einer autoritären Regierungsform experimentierte. Indira Gandhi hat einige Monate die Pressefreiheit eingeschränkt, wir haben protestiert. Ich bekam politische Schwierigkeiten, deshalb habe ich Indien 1975 verlassen, mit Hilfe von Amnesty International. Als ich 1975 nach Deutschland kam, habe ich für den "Spiegel" geschrieben, auf Englisch, das wurde übersetzt. Ich wollte in englischer Sprache arbeiten, also ging ich in die USA. Zu der Zeit war gerade Bürgerkrieg in Nicaragua. Ich flog dorthin und schrieb darüber für "Spiegel" und "Zeit". Von den Honoraren kaufte ich mir eine 16-Millimeter-Kamera und versuchte zu drehen. Ich hatte keine Erfahrung. Aber es ist mir gelungen, an exklusive Geschichten zu kommen. Die Qualität der Bilder war alles andere als gut, aber wegen der Exklusivität konnte ich die Geschichten gut unterbringen. So führte eins zum anderen. So ist das gewesen. Man kann Schwimmen lernen, weil jemand es einem beibringt. Man kann aber auch ins Wasser springen und einfach schwimmen lernen.

Ihr vorletzter Film "Im Nebel des Krieges" hat einen tröstlichen Ausblick: Ein Mann, der im zerstörten Kobane etwas Gemüse pflanzt. Wie kamen Sie zu diesem optimistischen Schluss? Nichts sonst in diesem Film deutet darauf hin. Auch sonst sind Ihre Filme ja nicht wirklich optimistisch.

Raman: Ja, das waren schreckliche Zeiten. Ich sah nur Elend und Verzweiflung. Doch dann traf ich auf diesen Mann in Kobane, der dort saß und seine Pflanzen wässerte.

Sie haben sich also nicht jemanden gesucht, um einen optimistischen Schluss zu bekommen?

Raman: Nein, da gab es nichts zu suchen. Dieser Mann war liebevoll mit seinem Gärtchen beschäftigt. Da dachte ich: In diesem ganzen Elend gibt es doch Hoffnung für ihn und die Welt.

Ihren neuen Film machen Sie beim ZDF. Zuvor waren sie in der ARD, beim SWR, die "Story im Ersten" war ihr Zuhause. Was ist passiert?

Raman: Ich möchte das mal so formulieren: die Umstände der Betreuung meiner Filme haben sich geändert. Der SWR war mein Zuhause, und ich bin im Grunde ein sehr loyaler Mensch. Ohne jedoch in Details zu gehen: Ich fühlte mich einfach nicht mehr wohl. Auch lange Beziehungen können irgendwann mal einen Knacks bekommen. Vielleicht später wieder einmal. Mit Elmar Theveßen bin ich lange befreundet und wusste, die Türen beim ZDF sind für mich offen. Die Zusammenarbeit ist kollegial und auf Augenhöhe.

Der neue Film ist jetzt fertig. Wie geht es weiter? Planen Sie immer zwei, drei Projekte im Voraus? Oder beenden Sie erst das eine und sehen dann, wie es weitergeht?

Raman: Ich mache mir schon Gedanken, wenn der aktuelle Film in die Endphase kommt. Da sind schon einige Ideen, aber noch sehr vage. Ich denke an eine Langzeitbeobachtung in Katar, da findet 2022 die Fußball-WM statt. Die meisten Arbeiter kommen dort aus Nepal, Indien, Pakistan. Mit denen könnte ich möglicherweise leben, ich spreche ja die Sprache und könnte hautnah berichten. Man hört viel über schlimme Arbeitsbedingungen, das möchte ich aus der Nähe sehen.

Was sagt Ihre Familie, wenn sie entdeckt, dass Sie schon wieder beginnen, Flüge zu buchen?

Raman: Meine Familie, besonders meine Frau, sagt mir immer wieder, dass es jetzt reicht. Aber sie weiß auch, dass das meine Arbeit ist. Sie hat Vertrauen und weiß, dass ich vernünftig bin. Passieren kann mir immer etwas. Wir sprechen jeden Abend miteinander, und das macht den Alltag ein wenig erträglicher. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, sind wir uns einig, dass ich nie wieder in Kriegsgebiete fahre. Dann fahre ich doch.

 

Aus epd medien Nr. 41 vom 7. Oktober 2016

> zum Archiv von epd medien (Gastzugang)

 

Tagebucharchiv
Die wöchentliche Kolumne aus den Untiefen der Medienwelt.