Debatte
Hören und Sehen
Visual Radio: Mehr als schlechtes Fernsehen
Frankfurt a.M. (epd). Kein Bild, keine Klickzahlen - ohne visuelle Reize läuft kaum noch was im medialen Alltag. Vor allem online nehmen Zahl wie auch Bedeutung von Bildinhalten immer weiter zu. Fotos und vor allem Videos entscheiden, welche Inhalte beachtet werden - und welche in der Flut digitaler Informationen untergehen. Ein Problem für das Radio?

Crossmediale Angebote
epd Wenn sich Radiokanäle im Internet präsentieren, stellt sich immer auch die Frage, welche visuellen Reize sie ihren Nutzern bieten können. Zahlreiche Sender experimentieren seit einigen Jahren mit "Visual Radio". Dabei geht es um mehr als um die Bebilderung von Radio oder eine schlechte Kopie des Fernsehens, schreibt Nora Frerichmann. Unsere Autorin hat sich in der Radioszene umgehört und stellt einige Wege vor, die Radiosender gehen, die sich als crossmediale Angebote begreifen.

Pro Haushalt gibt es laut Media Activity Guide 2016 der SevenOne Media Group, des Werbevermarkters der ProSiebenSat.1-Gruppe, mittlerweile durchschnittlich rund sechs Bildschirme. Vor zwei Jahren waren es noch 4,5. In einer Umgebung voller Smartphones, Tablets, Laptops und TV-Bildschirme fixieren Rezipienten sich automatisch immer mehr auf Bilder, erwarten visuelle Reize. Das Gehirn kann visuelle Informationen nämlich deutlich leichter verarbeiten als Gehörtes: Nach einer Studie des Molekularbiologen John Medina erinnern Menschen sich nach drei Tagen nur noch an zehn Prozent von Audioinhalten. Gibt es ein Bild dazu, bleiben 65 Prozent der Informationen hängen.

Wie weit muss die deutsche Radiolandschaft visuell aufrüsten? Es gibt verschiedene Ansätze: Eine jüngere Entwicklung sind lineare Visual-Radio-Streams: Kameras begleiten das Radioprogramm und senden live auf die eigene Website oder in die Sender-App. Das umfassendste Angebot dieser Art gibt es aktuell beim niedersächsischen Privatsender Radio21. Gemeinsam mit dem in Mainz ansässigen Rockland Radio startete Radio21 im Juni 2016 den Testbetrieb eines 24-stündigen "Radio-Fernsehens". Der Stream auf der Website des Sendernetzwerks zeigt hauptsächlich die Videos zu den laufenden Songs. Zwischendurch gibt es Fotos oder kleine Animationen zu Nachrichten, Verkehr und Wetter. Mehrere Kameras zeigen, was im Studio während der Moderationen passiert.

Der Geschäftsführer von Radio21, Steffen Müller, zeigt sich mit dem Konzept angriffslustig gegenüber der TV-Branche. "Jede Sekunde, die wir an das Fernsehen verlieren, ist eine Sekunde zu viel", sagte Müller dem epd. Vorbild für das Konzept waren ähnliche Radio-TV-Sender in Italien und Südamerika. Mit dem Radio-Fernsehen wolle Radio21 auch in Gaststätten, Bars und Geschäften gespielt werden und so möglichst andere TV-Sender verdrängen, sagt Müller. Fraglich, ob das Konzept nach dem Popularitätsverlust von Musiksendern wie Viva oder MTV funktioniert. Im Internet sind die Videos mit wenigen Klicks auffindbar. Müller zeigt sich allerdings optimistisch. Mit den Nutzerzahlen der Testphase sei der Sender vorläufig zufrieden. Sie lägen bei mehreren Tausend Nutzern pro Tag. Noch im ersten Quartal des Jahres soll die Vermarktung starten. Geplant ist auch die Beantragung einer TV-Lizenz.

Wichtig sei bei dem Konzept, dass das Programm weiterhin als reines Audioprogramm funktioniere. "Wir behalten bei der Produktion den Ansatz, ein bestmögliches Radio-Programm zu bieten", sagt Müller. Die Streams sollen das klassische Radioprogramm nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Das Ziel: Konkurrenzfähigkeit auf Bildschirmen, egal ob Smartphone, Laptop oder TV. In drei bis vier Jahren werde sich Visual Radio durchsetzen, Radiosender könnten dann nicht mehr auf Bewegtbild verzichten, vermutet Müller.

Interaktive Elemente

Mit Dasding und SWR3 ist der Südwestrundfunk bisher die einzige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die täglich lineare Visual-Radio-Shows ausstrahlt. 2015 wurden beide Programme in der Kategorie "Beste Innovation" für den Deutschen Radiopreis nominiert. Dasding wird zwischen 6 und 23 Uhr als Visual-Radio-Stream gesendet. Bei SWR3 ist es die Nachmittagshow "Popup". Marc Bürkle, Leiter der Onlineredaktion der jungen SWR-Welle Dasding, sieht in dem linearen Visual-Radio-Angebot eine konsequente Weiterentwicklung der Webcam-Anwendung, die viele Radiosender schon lange auf ihrer Website anbieten. "Das lief bei uns immer sehr gut. Die Leute suchen gerne den Blick ins Studio", sagt Bürkle.

Der SWR spielt im Gegensatz zu Radio21 keine Musikvideos, sondern blendet die Cover der Singles ein und zeigt gleichzeitig den Moderator. Auch für die Zweitverwertung auf Social-Media-Kanäle oder Youtube seien die mitlaufenden Kameras sehr nützlich. "Lustige Situationen passieren oft ungeplant. Wenn die Kamera mitläuft, haben wir automatisch alles mitgeschnitten und können es für unsere Website oder die sozialen Medien aufbereiten", erklärt Bürkle. Der Visual-Radio-Stream habe eine Art "Laborcharakter". Es sei ein neues Medium, das erst noch bei den Hörern ankommen müsse.

Die Redaktion experimentiert nach Angaben von Bürkle derzeit vor allem mit interaktiven Elementen wie Zuschauer-Einsendungen oder Rankings über die Dasding-App. Wichtig ist dem Onlinechef auch, dass der Visual-Radio-Stream so automatisiert wie möglich läuft. Denn zusätzliches Personal gibt es dafür nicht. Die Bindung zu den Zuschauern scheint bei Dasding vor allem über den Moderator Constantin "Consi" Zöller als Marke zu funktionieren. Mal werden Bilder aus seinem Instagram-Account eingeblendet, mal verlost der Sender eine Ski-Tour mit dem Moderator.

Der WDR verfolgt eine andere Strategie um auch visuell präsent zu sein. Zwar müssten Radiosender digitale Marken werden und sich als mehr begreifen als nur ein Ausspielkanal, sagt Jochen Rausch, stellvertretender Hörfunkdirektor beim WDR und Programmchef bei 1Live. Er finde es allerdings "nicht sonderlich spannend, eine Radiosendung im klassischen Sinne zu visualisieren". Stattdessen sei wichtig, genau zu überlegen, an welchen Stellen es Sinn ergebe, die möglichen Ausspielkanäle zusammenzuführen.

Bei 1Live werden zwar viele Inhalte visualisiert, dann aber meist in kleinen Häppchen aufbereitet und nicht als ganze Sendung ausgespielt. Über soziale Medien, meist Facebook und Youtube, werden die wichtigsten Momente per Video an das Publikum weitergegeben. Visualisierte Streams begleitend zum Radioprogramm haben eher Eventcharakter, und werden meist bei Comedy-Beiträgen oder bei bekannten Bands eingesetzt, die im Studio auftreten.

Hören crossmedial weiterdenken

Die Strategie scheint anzukommen: Nach der Anfang Februar veröffentlichten Mediennutzungsanalyse des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien war der Radio-Stream von 1Live im vergangenen Jahr mit rund 7,4 Millionen Sessions pro Monat das meistgenutzte Online-Radio-Angebot - auch ohne durchgehende Bebilderung. Darauf folgte der SWR3-Stream mit rund 6,3 Millionen Sessions.

Rausch möchte die beim WDR verfügbaren Mittel auf Inhalte konzentrieren, die die Stärken des Radios bedienen: Kino im Kopf statt Webcam-Bilder, Live-Events in den Städten statt im Stream. "Wir sollten selbstbewusst sein, was das Hören angeht", sagt Rausch. "Es wird gerne unterschätzt, aber es wird nicht aus der Mode kommen." Wichtig sei, dass es crossmedial angeteasert und weitergedacht werde. Radiosender müssen sich Rausch zufolge zu digitalen Marken entwickeln. Ein linearer Visual-Radio-Stream ist beim WDR erst mal nicht vorgesehen.

Auch die freie Hörfunkjournalistin Sandra Müller setzt bei der Visualisierung von Radio weniger auf lineare Streams. Müller gibt Seminare zum Thema Visual Radio an der ARD.ZDF Medienakademie und lehrt an der Universität Tübingen. Für sie sind Teaser-Elemente, Marken-Strategien und Multimedia-Storytelling die wichtigsten Elemente beim "Radiomachen für die Augen", wie sie es nennt: "Wir müssen es schaffen, visuelle Snippets ins Internet und vor allem die sozialen Medien zu transportieren, um damit Lust aufs Hören zu machen", sagt Müller. Das könne ein stark bebilderter O-Ton aus einem Gespräch sein, eine kurze Audioslideshow, oder auch ein neuentwickeltes Multimedia-Format.

Das komplette Radioprogramm müsse nicht bebildert werden, meint Müller. Dafür lohne es sich zu überlegen: wo ergibt sich durch das Bild ein Mehrwert, wie können die Stärken des Radios unterstrichen werden? Sonst könne es schnell passieren, dass der Audiojournalismus verwaschen werde und Radio wie schlechtes Fernsehen wirke. Insgesamt werde in Deutschland noch viel zu wenig ausprobiert, bemängelt die Radiojournalistin. Die Experimente mit den automatisierten, programmbegleitenden Video-Streams beim SWR und Radio21 hält Müller deshalb für wichtig. Bei jungen Popwellen könne das durchaus funktionieren. Allerdings befürchtet sie, "dass daneben arbeitsintensivere Experimente hintenrüber fallen könnten".

Live-Konzerte in der Redaktion

Große, radiophone Geschichten umzuwandeln in Multimedia-Reportagen, oder neue Formate zu entwickeln, die visuelle Ansprüche bedienen, ist schließlich meist aufwendig und teuer. Dabei gibt es bereits viele innovative Ideen, wie beispielsweise das Storycorps-Projekt aus New York, bei dem die Lebensgeschichten normaler Menschen, die diese im O-Ton erzählen, comicartig visualisiert werden.

Besonders geglückt ist die Verbindung von Radio und visuellen Inhalten beim US-amerikanischen National Public Radio, kurz NPR. Radioreportagen werden auf der Website des Senders in Fotoreportagen umgewandelt, ein aktuelles Stück über David Bowie wurde beispielsweise auch als 360-Grad-Video produziert. Auch für Musikinhalte hat NPR eine erfolgreiche, visuelle Umsetzung gefunden. Das 2009 gestartete Video-Musikformat des Senders "Tiny Desk Concert" hat bei Youtube über das lineare Programm hinaus Kultstatus erreicht. Es zeigt Live-Konzerte bekannter Bands in ungewöhnlich intimer Atmosphäre in einer kleinen Ecke der Redaktion. Das kennen die Zuschauer so aus dem Fernsehen noch nicht.

Für Brian Boyer, Chef des Visual-Teams bei NPR, ist es wichtig, visuellen Content getrennt von klassischen Radioinhalten zu denken: "Die Menschen, die unsere Webseite besuchen, sind nicht zwangsläufig identisch mit denen, die unser Radioprogramm hören. Und selbst wenn, machen sie das nicht zur gleichen Zeit", sagte Boyer vergangenes Jahr im Deutschlandfunk.

Visuell interessanter Mehrwert

Wenn eine sinnvolle Visualisierung des Radios auch in Deutschland funktionieren soll - wenn Visual Radio mehr sein will als verwaschenes Radio oder schlechtes Fernsehen - müssen die Sender eine klare eigene Strategie entwickeln. Inhalte wie die "Tiny Desk Concerts", Podcastformate oder Multimedia-Reportagen, die einen klaren Widererkennungswert bieten und vor allem einen visuell interessanten Mehrwert zum klassischen Radioprogramm bringen, sind dabei unverzichtbar.

Der lineare Visual-Radio-Stream wirkt trotz interaktiver Elemente bisher eher wie die Entzauberung eines Mediums, das sich irgendwie an die Konzentration auf visuelle Medieninhalte anpassen will. Vor allem, wenn die Moderatoren noch nicht auf ihr Gesehenwerden eingestellt sind und während der Sendung in der Nase bohren, ist der Reiz des Neuen schnell verflogen. Das Rieplsche Gesetz von 1913 sagt: "Neue Kommunikationsmittel bringen die etablierten alten nicht zum Verschwinden, sondern ergänzen sie in ihren Funktionen und zwingen sie, sich auf ihre eigenen Stärken zu konzentrieren." Radiomacher sollten diese Stärken nach außen hin selbstbewusst präsentieren. Dann hat Visual Radio die Chance, mehr zu sein als schlechtes Fernsehen - und vielleicht sogar selbst zur Inspiration für TV-Angebote zu werden.

Aus epd medien Nr. 6 vom 10. Februar 2017

Nora Frerichmann