Tagebuch
Große Liebende. Ein Symposium zur Hörfunk- und Fernsehkritik
Frankfurt a.M. (epd). Das Internet ist eine gigantische Empfehlungsmaschine. Wer bei Amazon ein Buch bestellt, bekommt weitere Bücher angezeigt, die andere Kunden kauften, die dieses Buch ebenfalls bestellten. Wer eine Information sucht, erhält je nachdem, welche Informationen er vorher gesucht hat, unterschiedliche Trefferlisten angezeigt. Auf Facebook und Twitter sammeln wir "Likes" von Freunden und Fremden, denen unsere Tweets und Posts gefallen. Brauchen wir angesichts all dieser Algorithmen-Empfehlungen und der unzähligen Hinweise von Freunden und Bekannten in sozialen Netzwerken noch eine professionelle Kritik? Das fragte im November das Symposium "Lauter Likes", das der SWR anlässlich der ARD Hörspieltage im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe organisierte.

Medienkritik war schon immer ein "heikles Geschäft", trug der Medienwissenschaftler und Germanist Jochen Hörisch zur Einstimmung vor. Mit Besorgnis beobachtet er jedoch eine Fundamentalkritik, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als "Staatsfunk" diskreditiert. Sie übersehe, dass ARD und ZDF das einstmals den Fürsten vorbehaltene Mäzenatentum gewissermaßen demokratisiert hätten, indem sie Schriftsteller wie Günter Eich, Helmut Heißenbüttel oder Hans Magnus Enzensberger alimentierten und groß machten. Er warnte vor einem "idiotischen Sturmlaufen gegen den segensreichen Rahmen der öffentlich-rechtlichen Medien".

Der Medienforscher Hans-Ulrich Wagner vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg vermisst einen kritischen Resonanz- und Reflexionsraum für die radiospezifische Kunstform Hörspiel. Sein Appell: "Wenn wir eine Hörspielkritik wollen, müssen wir etwas dafür tun, um Kritik als klassische medienjournalistische Aufgabe aufrecht zu erhalten."

Der Göttinger Medienwissenschaftler Udo Göttlich hat sich in einem Forschungsprojekt mit der Kulturkritik der Nutzer beschäftigt. Die Wissenschaftler werteten Äußerungen von "Tatort"-Zuschauern in sozialen Netzwerken und Internetforen aus und stellten fest, dass es nur etwa 50 bis 80 sogenannte heavy user gab, die tatsächlich kommentierten, während die Mehrzahl der Beteiligten "lauschten" und die Kommentare der anderen teilten.

Die Autorin Kathrin Röggla betonte in ihrem Vortrag, wie notwendig die Kritik, das Reden über Kulturproduktionen, für deren Fortbestehen ist: "Worüber nicht gesprochen wird, das gibt es nicht." Aber nicht nur die Autoren und Künstler brauchten die Kritik, sagte sie, sondern auch die "Hörer, Leser und Zuseher, um Hörerinnen und Hörer sein zu können". Die Fernsehkritikerin Silke Burmester schließlich hob hervor, dass Kritiker große Liebende seien: "Der Kritiker ist die romantischste Figur im Journalismus."

Der Medienkritiker Stefan Niggemeier beklagte in der Diskussion die Vernachlässigung der Kritik in den Onlinemedien: Diese veröffentlichten "möglichst viele Texte, die möglichst viele Leute lesen", daher würden online vor allem "Tatorte, Talkshows und Trash" rezensiert. Er empfahl den Hörspielmachern, das Hörspiel "zugänglicher zu machen". Dabei sollten sie alle Möglichkeiten nutzen, die ihnen zu Gebote stehen, auch Podcasts: "Die Gefahr, dass das Hörspiel zu sehr popularisiert wird, droht nicht unmittelbar", merkte er ironisch an.

Wir dokumentieren die Texte mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des SWR. Sie wurden für diese Dokumentation leicht überarbeitet. Die Vorträge und Diskussionen können auch im "Dokublog" von SWR2 nachgehört werden (http://u.epd.de/xf1). Wir ergänzen die Dokumentation um einen Text des Hörspielkritikers Jochen Meißner zum Thema Hörspielkritik, den dieser in dem kürzlich von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste herausgegebenen Sammelband "Seismographie des Hörspiels" veröffentlicht hat.
Aus epd medien Nr.1 vom 5. Januar 2018

Diemut Roether