Kritik
Großartig besetzt
VOR-SICHT: Das Pubertier", sechsteilige Familienserie, Regie: Oliver Schmitz, Uwe Janson, Buch: David Ungureit, Alexandra Maxeiner, Marc Terjung nach einer Vorlage von Jan Weiler (ZDF, ab 7.9.17 donnerstags 20.15-21.00 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Als Tochter Carla zur Welt kommt, ist Vater Jan schwer verliebt: Seine kleine Prinzessin, die er auf Händen trägt, er, der Übervater, Retter und einzige Ritter für das kleine zauberhafte Wesen! Alle Eltern kennen diesen hormonellen Ausnahmezustand - ebenso alle Nicht-Eltern im näheren Umfeld, die unfreiwillig mit putzigen Babyfotos und schwärmerischen Anekdoten überzogen werden.

Frischgebackene Eltern schlagen auch gern die leisen Hinweise älterer Eltern (beispielsweise der eigenen) in den Wind: "Genieß die Zeit, solange sie klein sind, das geht so schnell vorbei!" oder: "Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen..." Pah! Doch nicht die eigenen Zauberwesen! Und dann ist plötzlich - man weiß nicht, wie - der Tag X da. Die Zauberwesen verwandeln sich in unberechenbare "Pubertiere", in kleine unleidliche Monster, die schon genug damit zu tun haben, mit ihren eigenen Gefühlsdämonen und ihrem Körper zu kämpfen. Kinderzimmer werden zu mit Stoppschildern versehenen No-go-Areas, die man besser nicht betritt, sofern man nicht im Dunkeln auf zweifelhafte Lebensmittel treten oder über Klamotten stolpern will, die Eltern zu peinlichen Greisen um die 40, für die sich der Nachwuchs fremdschämt.

Der Autor Jan Weiler, Vater zweier "Pubertiere" (eine Tochter und ein jüngerer Sohn), hat zunächst seine Erfahrungen in einer humorigen Kolumnenreihe verarbeitet, die in drei Buch-Bestseller mündete, außerdem in einen Kinofilm mit Jan Josef Liefers, der im Sommer anlief, und nun auch in eine sechsteilige ZDF-Serie, die ab September ausgestrahlt wird.

Während im Kinofilm ganz klar der besorgt-eifersüchtige Überkontrollvater die Starrolle hat, stellt die ZDF-Serie die fast 14-jährige Tochter Carla in den Mittelpunkt, umringt von einer amüsant chaotischen Familienaufstellung. Da sind der heimarbeitende Vater Jan (Pasquale Aleardi), ein Autor, der auch noch ständig von seiner Redakteurin mit Deadlines gefoltert wird, die eher gelassen-entspannte Ehefrau Sara (Chiara Schoras), die mit 40 zum dritten Mal schwanger wird, und der 10-jährige Sohn Nick (Levi Eisenblätter), der immer etwas verloren im Chaos mitschwimmt.

Das Drehbuch ergänzt das Tableau außerdem noch um Opa Eberhard (Dietrich Hollinderbäumer), der sich von Oma Gisela (Gisela Schneeberger) scheiden lassen will, um mit seiner neuen Flamme Heidi seinen zweiten Frühling zu "verdingsen", wie Gisela das nennt. Dummerweise ist Heidi (Annette Frier) auch eine ehemalige Schulkameradin von Jan, mit der er seine ersten hochnotpeinlichen Pubertätstraumata erlebte. Hinzu kommt noch Jans überspannt-neurotische Schwester Julia (Henriette Richter-Röhl) - die Architektin soll den Haustraum für Jans Familie verwirklichen, ist aber eigentlich eher mit Vorwürfen an die Familie und den Rest der Welt beschäftigt: Mit 40 "Scheidungskind" zu werden, wirft sie völlig aus der Bahn.

Doch im Zentrum des Tohuwabohus steht - trotz der Erzählperspektive des Vaters - Tochter Carla kurz vor ihrem 14. Geburtstag, die von der hysterischen Drama-Queen bis zu den Unsicherheiten der ersten Verliebtheit alle Nuancen, alle Höhen und Tiefen und Zwischentöne durchmacht - und das spielt die bemerkenswerte Mia Kasalo großartig.

Natürlich befinden wir uns hier in einem bildungsbürgerlichen, gut situierten Milieu, in dem das Gymnasium für die Kids selbstverständlich ist, der Hausbau kein finanzielles Problem - angesichts der Pubertiere gehören zwei Badezimmer, ein Zimmer für jeden und ein Arbeitszimmer für Papa dazu - und etwaige Gefahren wie Drogen, Komasaufen oder Frühschwangerschaft nur in Papas Kopf stattfinden.

Natürlich gibt es Vorhersehbares, das Übliche eben: das gefahrvolle morgendliche Wecken des Pubertiers, das ewig besetzte Bad, Klamottenfragen, das Herauswachsen aus pinker Einhornromantik, Debatten um das Einladen von Freunden und das Anbieten von Bier, die Klagen, wenn es bei Oma kein W-LAN gibt, überhaupt: das Smartphone als permanenter Begleiter, das angeekelte Entsetzen über die "Alten", die trotz "grauer Haare und Oberschenkeldellen" immer noch Sex haben und ein Kind zeugen, die eigenen ersten Liebesqualen; der Vater macht sich buchstäblich zum Affen, spioniert der Tochter hinterher und so fort. Dennoch: Vor allem dank des amüsanten und bis in die kleinen Nebenrollen hinein großartig besetzten Figurentableaus (Anica Dobra als Putzfrau, Christoph Jungmann als stumm-empörter Nachbar) ist die Mini-Serie durchaus kurzweilig.

Das Drehbuch wartet mit witzigen Dialogen und manchmal slapstickhaften Szenen auf, nur hin und wieder täte der Serie der lakonische Ton von Weilers Kolumnen besser. Die Regie hält das Tempo und setzt Pointen. Freilich alles in den Grenzen eines ZDF-Formats, dem die Frechheit einer Serie wie "Danni Lowinski" fehlt. Man vermisst die würzigen Prisen von Anarchie und deftiger Konfrontation. Es bleibt im gutbürgerlichen, versöhnlichen Rahmen: Auch bei den größten Provokationen kocht der überfürsorgliche Papa noch einen Schokopudding, bietet die breite Schulter sowie Verständnis und Einfühlung. Vielleicht ist das aber auch zeitgemäß: Denn wo und wie sollten noch große Generationenauseinandersetzungen wie in den 60er oder in den 80er Jahren stattfinden, wenn sich Milieus immer mehr voneinander isolieren und in der eigenen Blase vor allem Harmonie pflegen?

"Das Pubertier" ist vor allem etwas für Eltern derselben, vermutlich aber noch mehr für Großeltern um die 60 oder 70, die sich locker zurücklehnen können. Auf keinen Fall sollte man den Versuch unternehmen, mit den eigenen Sprösslingen so etwas anzuschauen. Die fanden schon "Fack ju Göthe" doof, fänden die Serie eher peinlich und streamen sowieso lieber witzige oder kritische amerikanische und britische Serien im Netz. Wenn man Glück hat, sogar in Originalsprache.

"Das Pubertier", sechsteilige Familienserie, Regie: Oliver Schmitz, Uwe Janson, Buch: David Ungureit, Alexandra Maxeiner, Marc Terjung nach einer Vorlage von Jan Weiler, Kamera: Leah Striker, Dominik Berg, Produktion: UFA Fiction (ZDF, ab 7.9.17 donnerstags 20.15-21.00 Uhr)


Aus epd medien Nr. 35 vom 1. September 2017

Ulrike Steglich