Kritik
Geistige Notwehr
VOR-SICHT: "Glaubenskrieger - Hassan gegen den Rest der Welt", Dokumentation, Regie und Buch: Till Schauder, Kamera: Till Vielrode, Gerardo Milsztein, Produktion: Neos Film (ARD/WDR/BR/MDR/NDR/RBB/SWR, 19.7.17, 22.45-0.15 Uhr)
Frankfurt/M. (epd). Vor 16 Jahren kamen Hassan Geuad und sein Bruder Muhammed aus dem Irak nach Deutschland. Heute studiert der inzwischen 30-jährige Hassan in Düsseldorf Medienwissenschaft und ist als Urheber des crossmedialen Projekts "12thMemoRise" zum Feindbild der islamischen und islamistischen Community geworden. Dabei betreibt er nur eine Art geistiger Notwehr. Erschüttert von den Gräueltaten des IS und von der nicht minder erschreckenden Stille bei seinen Glaubensbrüdern hat er mit Freunden provokative Aktionen gestartet: nachgestellte Tötungsvideos auf Youtube, Straßentheater mit Enthauptungsszenen, eine böse Satire auf die Koran-Verteilungsaktion der Salafisten - mit blutigen Büchern und mörderischen Appellen. 2015 zog er mit einer Gruppe vermummter Muslime und zwei "Gefangenen" durch Essen, um auf die menschenverachtenden Taten im Namen seiner Religion hinzuweisen.

Der Film von Till Schauder startet mit einer tiefdunklen, konspirativen Ästhetik: Ein Mann geht durch die Nacht. Schweres Atmen, Polizeisirenen in der Ferne. Später eine nächtliche Autofahrt. Die Frage, ob Pistole und Messer da sind. Los gehen soll es "um elf Uhr, wenn die Fußgängerzone voll ist". Der Zuschauer wird mit der Szene manipuliert, soll denken, da bereiten Islamisten ein Blutbad vor. Doch es geht "nur" um Straßentheater, um eine Hinrichtung, wie sie in den vom "Islamischen Staat" okkupierten Territorien "jeden Tag hundertmal" passiert.

Die Wirkung ist fragwürdig. Man sieht irritierte, ratlose Passanten, die rasch wieder davonstieben. Schauder nähert sich seinen Protagonisten auf zwei Ebenen: auf der medialen Ebene zeigt er die Zerrbilder des Terrors, auf der persönlichen Ebene lässt er Hassan und seine Freunde als sehr sensible, idealistische und verletzliche Charaktere sichtbar werden. Einmal zeigt Hassan auf Rußspuren in seiner Küche. Er hatte den Kochtopf auf dem Herd vergessen. "Das wäre nicht passiert, wenn Frauen hier wären", sagt er melancholisch und verweist unabsichtlich auch auf die Auswüchse des radikalen Islam, Machismo und latente Frauenfeindlichkeit.

Schauder erzählt die Geschichte ganz aus der Perspektive seiner Protagonisten. Das Echo ihrer Aktivitäten, Feedback und Fragen, bleiben außen vor. Auch, als Hassan und Muhammed sich in Berlin auf eine rechte Demo wagen. Muhammed warnt noch, da seien echte Neonazis, doch Hassan hofft auf ein klärendes Gespräch. Skinheads grölen "Hass, Hass, Hass!", ein Mann mit Bierdose sagt vollständige Sätze: Er sei "gegen die Steinigung und den Islam in Deutschland". Hassan ist eingeschüchtert. Sein einziger Gegenangriff: Er weist den Urheber eines Plakates auf den falsch verwendeten Genitiv hin. Der nimmt das gelassen: "Dann haben Sie wohl keine Sorgen!"

Die Aktionen von Hassan und seiner Gruppe sind radikales Live-Kabarett, der Versuch, die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zuzuspitzen. Doch das politische Kabarett hat es schwer angesichts einer Kanzlerin ohne Angriffsflächen und eines US-Präsidenten Trump, der seine eigene Karikatur ist. Schauders Dokumentation ergeht es ähnlich, aber noch aus anderen Gründen. Die Reaktionen, die seine Akteure bewirken wollen, gibt es nicht. Die Angegriffenen ziehen sich in eine Wagenburg zurück oder versenden Hass-Postings.

Des Projekt "Glaubenskrieger" gewann 2016 den ARD-internen "Top of the Docs"-Wettbewerb, auch wegen seines Themas (epd 8/16). Dass Muslime ihre Community kritisch hinterfragen, dass eine junge Muslima wie Araik (19) sich in ihrem Glauben rechtfertigen muss, weil Massenmörder "Allahu Akhbar!" rufen, dass Hassans Mutter stolz ist auf ihre kritischen Söhne und sagt, "der wahre Islam ist nicht so" - das sind Momente, die selten sind - vor allem in den sehr konservativen türkisch-islamischen Gemeinden.

Die Aktionen der jungen Iraker wirken erfrischend, aber manchmal auch sehr naiv, etwa wenn Hassan vor der Videokamera feststellt, sein "Sieben-Tage-Ultimatum" für eine Stellungnahme sei jetzt abgelaufen, die islamischen Gelehrten seien wohl entweder mit den radikalen Thesen "einverstanden oder Menschenleben wertlos". Es ist auch naiv, in eine Hamburger Moschee zu gehen und mit dem Verweis auf millionenschwere Auslandsspenden islamkritische Aufklärungsaktionen zu fordern. Da bricht sich ein aus Enttäuschung geborener Trotz Bahn, der Trotz eines idealistischen Streiters für eine religiöse Katharsis.

Am Ende gehen die großen Jungs weiter ins Dunkle der Nacht. Aufgeben geht gar nicht. Wollen sie weitermachen trotz des Verlustes von Freunden, nur weil sie die Wahrheit sagen? "Ja", sagt Hassan und gibt dem Film so eine authentische Kraft, die dem von ihm so sehnsüchtig gewünschten öffentlichen Gespräch fehlt.

Aus epd Medien Nr. 28 vom 14. Juli 2017

Dieter Deul