Debatte
"Gefühlte Realität"
Diemut Roether über die Emotionsfalle im Journalismus
Frankfurt a.M. (epd). Der Frankfurter Tag des Online-Journalismus stand am 25. April unter dem Motto "Wahr ist, was gefällt? Journalismus in der Glaubwürdigkeitskrise" (epd 17/17). Diemut Roether, verantwortliche Redakteurin von epd medien, beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit der Jagd nach Emotionen in der Berichterstattung und wie diese Fokussierung auf Emotionen häufig den Blick auf die Fakten verstellt oder Recherche verdrängt. Im Folgenden dokumentieren wir den leicht bearbeiteten Vortrag.

Im Juni 2015 habe ich sehr viele Nachrichtensendungen gesehen - mehr als üblich. Ich tat das, weil ich verstehen wollte, worum es in Griechenland bei der Abstimmung am 5. Juli 2015 gehen würde. Sie erinnern sich vielleicht noch: die griechischen Bürger waren zu einem Referendum über die Sparauflagen der europäischen Institutionen aufgerufen, es ging um weitere Hilfen der Europäischen Union für Griechenland. Die Europapolitiker stilisierten die Abstimmung zur Frage über Sein oder Nichtsein hoch: Wenn die Griechen mit Nein stimmen würden, würde das das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone bedeuten. Der Grexit - das suggerierten zumindest die vielen Medienberichte - schien also unmittelbar bevorzustehen.

Ich sah, wie gesagt, eine Menge. Ich sah vor allem öffentlich-rechtliches Fernsehen: Das "Morgenmagazin" berichtete, die "Tagesschau", die "Tagesthemen", und fast jeden Tag sendete die ARD noch einen "Brennpunkt" zum Thema. Ich sah viel und lernte sehr wenig. Immer wieder wurde von einer verfahrenen Lage berichtet, immer wieder wurden Griechen auf der Straße nach der Stimmung im Lande befragt. Die Berichterstatter sprachen von einem "Wechselbad der Gefühle", allenthalben war von Stimmungen die Rede: "Ratlos, ernst, bedrückt" war die Stimmung in der Euro-Gruppe, "verärgert, enttäuscht, verzweifelt" die in Athen.

Die Griechenlandkorrespondentin der ARD sagte eine Woche vor der Abstimmung in der "Tagesschau", der Wortlaut der Frage, über die die Griechen abstimmen sollten, sei "sehr ausführlich und sehr kompliziert". Sie frage sich, inwieweit jeder Einzelne über den Inhalt der Sparvorschläge informiert sei. Sie selbst informierte auch nicht weiter darüber.

Die Sparvorschläge habe ich damals nach längerer Suche im Netz gefunden (ich hätte bestimmt auch in der einen oder anderen Zeitung etwas darüber lesen können). Und ich fragte mich, wie ich wohl abstimmen würde, wenn ich darüber zu befinden hätte. Wie Sie wissen, haben die Griechen am 5. Juli 2015 mit Nein gestimmt, und wie Sie wissen, ist Griechenland immer noch in der Eurozone, während die Briten ein Jahr später dafür stimmten, dass ihr Land - das nie zur Eurozone gehörte - aus der Europäischen Union austreten soll.

Keine Angst, ich will Sie hier nicht mit der Kompliziertheit der "Reforms for the completion of the Current Program and Beyond" - wie sich die europäischen Sparvorschläge so ansprechend nannten - oder gar mit Europapolitik langweilen. Ich erzähle Ihnen diese Geschichte nur, weil sie meiner Ansicht nach symptomatisch ist dafür, wie das Fernsehen und wie überhaupt die Medien mit solchen komplexen Themen umgehen: Sie reduzieren sie auf Gefühle, auf Stimmungen. Die Fakten, die genaue Frage beim Referendum - das ist ja alles viel zu kompliziert.

Manche Redaktionen denken, für das Publikum sei es einfacher zu verstehen, wenn ihnen ein Grieche auf der Straße sagt, "die Situation könnte dramatischer nicht sein", als wenn sie umständlich versuchen zu erklären, worum es genau bei den Sparauflagen geht.

"Schnelle gefühlsbetonte Reflexe"

Diese Art, Komplexität zu reduzieren, dieser Versuch, komplizierte politische Vorgänge in Emotionen aufzulösen, begegnet uns immer wieder. Ich behaupte: Je mehr Medien berichten, desto mehr tappen sie in diese Emotionsfalle. Denn es ist leichter und geht vor allem schneller, über Emotionen zu berichten, schnelle Emotionen zu wecken, als die Hintergründe zu recherchieren. Der ehemalige "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo hat einmal gesagt: "Wer wenig weiß, muss viel meinen." Ich würde ergänzen: Je weniger wir wissen, desto mehr versuchen wir Gefühle zu transportieren.

Der schnelle gefühlsbetonte Reflex passt in unsere Zeit. Wir liken das, was unsere Freunde auf Facebook posten. Wir posten fröhliche oder traurige Smileys. Wir lieben süße Katzenbilder. Wir werden von Informationen auf allen Kanälen überflutet - und reagieren mit schnellen Affekten: Mag ich, mag ich nicht. Daumen hoch oder weg damit.

Die kleinen tragbaren Geräte, auf denen wir Nachrichten nutzen, verstärken das. Wir nutzen sie, wenn wir auf die U-Bahn oder den Zug warten. Wir surfen, wir scrollen, wir scannen. Wir suchen den schnellen emotionalen Kick. Man braucht Zeit und Konzentration, um einen langen, reflektierenden Artikel - beispielsweise des "New Yorker" oder auch der "Zeit" - zu lesen. Diese Zeit haben wir meist nicht in den kurzen Zwischenzeiten, in denen wir uns mit dem Smartphone auf der Suche nach schneller Aufheiterung die Zeit vertreiben.

Als Journalisten und Journalistinnen haben wir gelernt, dass es wichtig ist, bei unseren Lesern und Leserinnen Emotionen zu erzeugen. Sie zu packen, in die Story hineinzuziehen, damit sie den Artikel zu Ende lesen oder den Beitrag zu Ende schauen. Wir wollen ja nicht langweilen! Aber die Emotion wird zunehmend zum Selbstzweck, sie ersetzt die Information und sie ersetzt vor allem die Recherche. Das Netz quillt über von Geschichten, die auf die schnelle Emotion zielen, auf Gefühligkeit, die aber kein Nachdenken auslösen.

"Journalisten machen Selbstversuche"

Im Internet - so heißt es immer wieder - zählt die persönliche Ansprache. Das hat zu einer Inflationierung des Ich-Journalismus geführt. Journalisten unternehmen dauernd Selbstversuche: Wie fühlt es sich an, mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen? Was fällt mir ein, wenn ich den neuen Ikea-Katalog durchblättere? Oder - viel schlimmer: Im Sommer 2016, auf dem Höhepunkt der Burka-Debatte, häuften sich die Selbstversuche von Journalistinnen, die sich eine Burka oder ähnliches überzogen und damit auf die Straße gingen. Angeblich wollten sie so herausfinden, wie sich eine Frau mit Burka fühlt. Aber sie konnten nur beschreiben, wie sich eine Frau, die in christlicher Tradition aufgewachsen ist, fühlt, wenn sie plötzlich mit einem Tuch über dem Kopf herumläuft. Im besten Fall bekamen sie etwas von dem Hass zu spüren, der hierzulande allem entgegenschlägt, das fremd ist.

Frauen tragen die Burka oder den Niqab in der Regel aus religiösen Gründen. Wie soll ich als Christin deren Gefühle nachempfinden? Die gefühlte Realität der Reporterinnen hat mit der gefühlten Realität der Burka- oder Niqab-Trägerinnen nichts zu tun. Margarete Stokowski schrieb bei "Spiegel Online": "Die Frauen, die das tragen, können doch alle reden. Niemand muss so tun, als seien sie unnahbar und als müssten sich jetzt aufgeregte Reporterinnen in das ungewohnte Stück Stoff hüllen."

Die Debatte um das Burka-Verbot ist symptomatisch dafür, wie Gefühle über Fakten triumphieren. Ich will die Burka hier nicht verteidigen. Auch in mir wecken Frauen mit Ganzkörperschleier merkwürdige GEFÜHLE. Ich denke an die Errungenschaften der Emanzipation und fühle diese bedroht, wenn eine Frau sich so offensichtlich aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Aber warum fühle ich mich von einem Stück Stoff provoziert? Hier müsste die Selbstbefragung und die Recherche ansetzen. Könnte es sein, dass es Frauen gibt, die die Burka tragen und dennoch emanzipiert sind und westliche Werte teilen? Könnte es sein, dass wir zu leichtfertig die Burka mit männlicher Repression gleichsetzen?

Der Ganzkörperschleier ist auffällig. Unter ihm steckt - in der Regel - eine Frau aus einer anderen Kultur. Er wird als Zeichen der Fremdheit und der mangelnden Integrationsbereitschaft angesehen. Zwar haben zahlreiche Medien darauf hingewiesen, dass die Zahl der Frauen, die mit Ganzkörperschleier oder Burka in Deutschland auf die Straße gehen, verschwindend gering ist. Der "Bonner General-Anzeiger" berichtete beispielsweise, dass in Bad Godesberg die meisten Niqab-Trägerinnen Touristinnen seien, die nur vorübergehend in Deutschland sind. Trotzdem wurde wochenlang über ein Stück Stoff diskutiert, als ließen sich alle Integrationsprobleme damit lösen, dass man ausgerechnet Frauen wieder einmal Kleidungsvorschriften macht.

"Die Bewirtschaftung von Launen"

Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle an Bedeutung gewinnen und Fakten an Bedeutung verlieren. Das Wort "postfaktisch" ist von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016 gewählt worden. Etwas unklar ist, wer das Copyright für diesen durchaus zu hinterfragenden Begriff für sich reklamieren darf. Zweifellos hat die Kanzlerin viel zu seiner Popularität beigetragen, als sie in einer Rede im September 2016 sagte: "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für die Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen."

"Postfaktisch" gilt als angemessene deutsche Übersetzung des englischen Begriffs "post-truth", der im angelsächsischen Sprachraum schon sehr viel länger kursiert. Bereits 2004 veröffentlichte der amerikanische Autor Ralph Keyes das Buch "The Post-Truth Era". Als einer derjenigen, die den Begriff hier in der öffentlichen Debatte etablierten, wird der Physiker und Philosoph Eduard Kaeser genannt. Dieser schrieb im August 2016 in der "Neuen Zürcher Zeitung" vom "postfaktischen Zeitalter", das er so charakterisierte: "An die Stelle des Faktums tritt das Faktoid: die Bewirtschaftung von Launen."

Was die Kanzlerin meinte, lässt sich am besten mit einem Zitat des Spitzenkandidaten der Alternative für Deutschland in Berlin, Georg Pazderski, illustrieren, der sagte: "Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das, was man fühlt, ist auch Realität." Das war seine Reaktion, als man ihm vorhielt, mittels der Kriminalitätsstatistik lasse sich kein signifikanter Anstieg der Ausländerkriminalität nachweisen.

Mit dieser gefühlten Realität versucht nicht nur die AfD Politik zu machen. Mit dieser gefühlten Realität hat Donald Trump in den USA die Wahl gewonnen. Die gefühlte Realität ist ein Nährboden für Verschwörungstheoretiker und für Rattenfänger aller Couleur. Gefühle haben es oft leichter als Fakten, weil sie nicht beweispflichtig sind, weil sie Unmittelbarkeit vortäuschen und wahrhaftig erscheinen. Wer gegen eine gefühlte Realität argumentiert, hat es schwer, denn Argumente müssen begriffen und in Beziehung gesetzt werden, während Emotionen sofort wirken.

"Spekulation auf schnelle Affekte"

Der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch sagt, ein Politiker wie Donald Trump könne "den letzten Blödsinn behaupten" und dieser werde als Wahrheit behandelt, obwohl er falsifizierbar sei. Expertenwissen werde nicht mehr zur Kenntnis genommen. Donald Trump wurde dennoch von vielen in den Wahl-Debatten als "wahrhaftiger" wahrgenommen, weil er authentisch wirkte. Im Gegensatz zu seiner Konkurrentin Hillary Clinton hatte er seine Gefühle nicht unter Kontrolle, wirkte nicht gezügelt durch Rationalität und Reflexion. Jetzt macht Trump als Präsident mit diesen unkontrollierten Gefühlen Politik.

Im Internet hat sich auf der Jagd nach den schnellen Klicks bei manchen Redaktionen die zynische Haltung der Regenbogenpresse durchgesetzt, die seit Jahren auf die schnellen Affekte ihrer Leserinnen spekuliert. Das Portal Übermedien hat vor einigen Monaten darauf hingewiesen, dass viele Interviews mit Hollywood-Stars, die in der "Freizeit-Revue" erschienen, gefakt waren. Was macht es schon, dass diese Geschichten nicht wahr sind? Was macht es schon, dass Bruce Willis gar keine Zimmerpflanzen hat? Und dass Kate Winslet auch nie "Wabbelspeck" genannt wurde?

"Der endgültige Beweis: Helene Fischer ist größenwahnsinnig." Dieser Artikel, der 2015 bei der "Huffington Post" erschien, ist ein gutes Beispiel für das, was ich meine. Die Autorin zitiert aus einem Interview, das Helene Fischer dem NDR gegeben hat und in dem sie über Celine Dion sprach. Daraus zieht die Autorin den Schluss, Helene Fischer vergleiche sich mit Celine Dion, daher sei sie größenwahnsinnig. Die Journalistin behauptet das einfach. Ein Gefühl. Sie zielt auf die Antipathien gegen die erfolgreiche Sängerin. Denn natürlich hat Helene Fischer neben vielen Fans auch viele Neider. Dieser völlig belanglose Artikel lässt sich von einer routinierten Journalistin in weniger als einer halben Stunde runterschreiben. Die Kalkulation: Der Name Helene Fischer bringt viele Klicks, Fans und Gegner der Sängerin werden emotional darauf reagieren. 2974 Likes auf Facebook.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat vor einigen Monaten in der "Zeit" beschrieben, wie die Diskussion um die Farbe eines Kleides bei "Buzzfeed" zum "Wahrnehmungsspektakel" wurde. "Innerhalb kürzester Zeit produziert ,Buzzfeed' 40 Artikel, die insgesamt 52 Millionen Mal angeschaut werden", schreibt Pörksen. Etwa 40 Millionen Mal sei auf das ursprüngliche Posting zugegriffen worden. "Eine Aufmerksamkeitsschlacht in globalem Maßstab."

"Die Erregung bedienen"

Das Kleid ist noch ein harmloses Beispiel, aber es macht deutlich, wie stark sich der Journalismus von solchen Phänomenen angezogen fühlt. Denn natürlich berichteten am Ende ALLE Medien über den Streit um die Farbe des Kleides, einige lieferten immerhin auch die wissenschaftliche Erklärung für die unterschiedliche Wahrnehmung.

Im Internet konkurrierten Trash und seriöse News "in direkter Unmittelbarkeit auf den Plattformen des Universums", schreibt Pörksen. Es regiere das "Prinzip der Popularität. Wir liefern, was gefällt." Es sei "eine von persönlichen Interessen gesteuerte Popularität, die sich permanent selbst verstärkt, im Extremfall unabhängig von jeder Relevanz. Nun kann der Empfänger sich, animiert von frei zirkulierenden Angeboten, seine eigene Informationswelt konstruieren."

Die Möglichkeiten der Nutzungsanalysen, die das Netz bietet, erlauben es Redaktionen, gewissermaßen in Echtzeit zu verfolgen, wie ihre Beiträge angenommen werden. Daher schreiben Online-Redaktionen so viele Artikel zu denselben Themen. Die Erregung muss bedient werden, daher wird dieselbe Information eben noch einmal ein bisschen anders aufbereitet. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier twitterte im September während eines TV-Duells im amerikanischen Wahlkampf ironisch: "Gut, dass ‪@SpiegelOnline‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬‬ beim US-TV-Duell 4 Redakteure vor Ort hatte. Weniger hätten sonst womöglich noch öfter dasselbe schreiben müssen."

Im Internet konkurrieren nicht nur Trash und Information, es vermischen sich auch das persönliche und das öffentliche Gespräch. Wir nutzen die sozialen Netzwerke ebenso wie das Smartphone für persönliche Mitteilungen und um uns über das Weltgeschehen zu informieren. Das kleine Gerät ist für viele von uns zu einem Gerät geworden, mit dem wir anderen unsere Stimmungen mitteilen, uns selbst unserer Stimmung vergewissern und in dem wir oft genug auch nach Stimmungsaufhellern suchen.

Die Sozialen Netzwerke sind verführerisch für Journalisten und Journalistinnen. Wir meinen, wir könnten hier dem Volk aufs Maul schauen und wüssten, was es fühlt und denkt. "So reagiert das Netz"-Artikel sind zum neuen Standard im Journalismus geworden - sie haben aber nicht mehr Aussagekraft als die offenbar unvermeidlichen Straßenumfragen im Fernsehen.

In den Sozialen Netzwerken organisiert sich auch die gefühlte Gegenöffentlichkeit. Auf Plattformen wie Facebook stellen Gruppen ihre eigenen Erzählungen - auch Narrative genannt - gegen den etablierten Journalismus. Gerüchte werden aneinandergereiht, Ressentiments zu Verschwörungstheorien verknüpft, die dort ihre Fans finden: "Endlich sagt einer, was ich fühle, denke, fürchte." Die Empirie zählt in diesen Foren nichts, an ihre Stelle tritt die gefühlte Wirklichkeit.

"Gefühl der Überforderung"

Auf der Suche nach den großen Erzählungen schüren Medien häufig auch ungewollt Emotionen, die sie gar nicht kontrollieren können. Die Medienwissenschaftlerin Friederike Herrmann hat sich die Medienberichterstattung über die Flüchtlinge im Herbst 2015 angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass die Medien - denen ja vorgeworfen wurde, sie hätten einer Willkommenskultur das Wort geredet - durch die reine Fülle der Berichterstattung ein Gefühl des "Zuviel", der Überforderung und Ohnmacht erzeugt haben.

Herrmann schreibt: "Tagtäglich erschienen auf allen Kanälen zahllose Beiträge zur sogenannten Flüchtlingskrise an prominenter Stelle. Das Thema beherrschte die aktuellen Debatten, den Nachrichtenteil der Zeitungen, wurde in Talkshows endlos variiert. Niemand, der auch nur entfernt am Zeitgeschehen teilnahm, konnte dem entkommen." So sei das Narrativ entstanden, "die Bundeskanzlerin habe mit ihrem ,Wir schaffen das’ den Strom der Flüchtlinge erst in den Gang gesetzt. Nun, so die logische Schlussfolgerung, solle sie doch bitte dafür sorgen, dass er wieder gestoppt werde."

Durch die Bilder von endlosen Zügen von Flüchtlingen, die im Balkan durch den Schlamm wateten, wurde ein Gefühl der "Überforderung" erzeugt, schreibt Herrmann, auf das der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer wiederum mit dem Begriff der "Notwehr" reagierte habe. Und schon hatten die Medien ihr nächstes vereinfachendes Narrativ zur Flüchtlingspolitik: Seehofer gegen Merkel. Konfrontation, Konflikt, Personalisierung. Die ganze komplexe Flüchtlingsproblematik wurde zunehmend auf diesen Konflikt zwischen zwei Politikern reduziert.

Die Medienwissenschaftlerin Herrmann hat gemeinsam mit Studenten die Ausgaben dreier Zeitungen zwischen dem 26. Oktober und dem 14. November analysiert und stellte fest, dass sich die Hälfte bis drei Viertel der Beiträge zum Flüchtlingsthema in den untersuchten Zeitungen mit der innenpolitischen Auseinandersetzung befasst haben, "die weniger an Parteien als an Personen gebunden scheint".

"Wir nennen das Recherche"

Ausgerechnet Merkel, die ihre Gefühle immer so gut unter Kontrolle zu haben scheint, wurde zur Figur, auf die sich sämtliche Gefühle konzentrierten: die der Flüchtlinge, die Schilder mit der Aufschrift "Mama Merkel" hochhielten, die der Befürworter ihrer Flüchtlingspolitik und die der Gegner, die sie eine "Verräterin" und schlimmeres nannten. Dabei darf man allerdings nicht übersehen, dass Merkel schon immer eine mit starken Gefühlen besetzte Politikerin war. Der Beiname "Mutti", den Gegner wie Anhänger verwenden, spricht Bände.

Philip Faigle, Karsten Polke-Majewski und Sascha Venohr haben bei "Zeit Online" die Zahlen der Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland einreisten, analysiert und stellten fest: "Die Dynamik der Flüchtlingswanderung begann schon im Frühjahr 2015." Merkels Satz "Wir schaffen das" und das berühmte Selfie eines Flüchtlings mit ihr hätten daran nichts geändert. In Griechenland, dem ersten Mitgliedsland der Europäischen Union auf der sogenannten Balkanroute, stieg die Zahl der Flüchtlinge am stärksten im Juli und August 2015, also noch bevor die Kanzlerin ihren Satz sagte.

Das ist die Art von Berichterstattung, die wir brauchen: ein Fact-Checking, das die gefühlte Wahrheit dem gegenüberstellt, was wirklich geschehen ist. Wir nennen das Recherche.

Wenn wir Journalistinnen und Journalisten auf der Welle des Gefühls surfen wollen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie irgendwann über uns hinwegschwappt. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn all diese Emotionskicks, die wir ständig zu erzeugen versuchen, sich irgendwann gegen uns richten. Es sind die Geister, die wir riefen.

"Lügenpresse" ist auch so ein emotionaler, "postfaktischer" Begriff, der neben vielem anderen Frust ausdrückt. Frust darüber, dass die Welt nicht so einfach ist, wie manche sie gerne hätten. Frust über falsche Versprechungen, über Illusionen, die wir geweckt haben, über Gefühle, die wir versprochen haben. Frust, weil der Artikel wieder einmal nicht hielt, was die Überschrift versprach? Weil wir ein Gefühl erzeugt haben, aber den Nutzer damit allein lassen, weil wir ihn nicht anregen, weiterzudenken? Weil wir vielleicht selbst nicht weitergedacht haben?

Recherche und Reflexion fallen im journalistischen Alltagsgeschäft viel zu oft hinten runter. In den knapp besetzten Redaktionen geht es häufig nur noch darum, Masse zu produzieren: Eine Pressemitteilung ist schnell abgeschrieben. Der emotionale Teaser, also der Leseanreiz, um schnell beim Nutzer anzudocken, gehört mittlerweile auch für viele Journalisten zur Alltagsroutine. Zum Telefonhörer zu greifen und zwei, drei Dinge nachzufragen, gehört leider schon nicht mehr dazu.

Das Netzwerk Recherche fordert nicht umsonst, Recherche müsse für Redaktionen und Medienunternehmen wieder selbstverständlich sein und "sinnvoll in den Arbeitsalltag integriert werden". Recherche ist Handwerk: "So wie ein Fliesenleger Fliesen legt, muss ein Journalist recherchieren."

"Komplexität sexy machen"

Ein - zugegeben sehr hohes Ideal - der journalistischen Recherche lautet: Suche nicht nur nach Beweisen für deine These, sondern versuche auch, sie zu widerlegen. In dieser idealen Entstehungsgeschichte eines journalistischen Beitrags ändert sich der Fokus im Lauf der Recherche - die Erkenntnisse verändern meine Meinung und auch meine Gefühle den Sachverhalten gegenüber. An diesen Reflexionsprozessen sollten wir unser Publikum teilhaben lassen und es dazu einladen, ebenfalls zu reflektieren.

Unsere große Aufgabe ist es, Komplexität sexy zu machen. Zu vermitteln, dass Komplexität nichts ist, wovor man Angst haben sollte, sondern dass sie zum Leben gehört. Der Satiriker Christian Ehring sagte kürzlich, er wünsche sich von den öffentlich-rechtlichen Sendern "mehr Schwarzbrot" in der täglichen Berichterstattung.

Vielleicht kann uns das gelingen, indem wir den Nutzern und Nutzerinnen mehr Partizipation ermöglichen, ohne dabei unsere professionellen Standards zu verletzen. Der Redakteur Michael Würz, der heute auch hier ist, hat bei "Übermedien" beschrieben, wie die Online-Redaktion des "Zollern-Alb-Kuriers" mit der Hetze gegen Flüchtlinge fertig geworden ist: Indem die Redakteure über jedes Maß gearbeitet, ihre eigenen Reflexe beherrscht und den Nutzerinnen und Nutzern geduldig erklärt haben, wie Journalismus funktioniert. Dass eine Zeitung nicht sofort, wenn mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht zu einer Erstaufnahmestelle fahren, wissen kann, was dort passiert ist. Warum es nicht sinnvoll ist, ungeprüfte Informationen zu veröffentlichen. Einige dieser Leser und Leserinnen, schreibt Würz, würden nun ihrerseits bei Facebook "anderen Lesern erklären, wie wir arbeiten" und die Redakteure in Schutz nehmen. Das alles wird er Ihnen nachher in einem Workshop noch genauer erklären.

Eine tolle Arbeit, die der Kollege da macht, ich habe großen Respekt davor. Michael Würz hat die Stimmungen der Nutzer analysiert, ohne ihnen zu verfallen. Er nimmt die Menschen ernst - auch wenn ihre Vorwürfe noch so abwegig sind, macht ihnen aber zugleich klar, dass ihre Sorgen und Ängste unbegründet sind. Er betätigt sich als Übersetzer und erklärt, wie Medien arbeiten.

Wir brauchen viel mehr solcher reflexiver Fallschirme im Journalismus, die uns vor dem Sturz in die Gefühligkeit bewahren. Gute Beiträge entlassen die Nutzerinnen und Nutzer nicht mit schnellen Reflexen, sondern mit einer Gedankenfülle, die sie nachdenklich stimmt. Am Anfang solcher Beiträge muss eine Auseinandersetzung mit uns selbst stehen. Wir müssen zunächst einmal für uns selbst die "gefühlten Fakten", unsere unbewussten Sorgen und Ängste, von den realen Fakten unterscheiden.

Unser Dilemma als Journalisten ist: Wir wollen Emotionen wecken, weil sie als Zugang zu Geschichten und Themen notwendig sind. Wir sollten den schnellen Emotionen aber misstrauen. Und wir sollten uns davor hüten, komplexe Themen auf Emotionen zu reduzieren. Natürlich spielen Emotionen auch in der Politik eine wichtige Rolle. Der Politologe Peter Widmann hat kürzlich darauf hingewiesen, dass Angst vor dem Krieg ein wichtiger Antrieb für die Friedensbewegung war und ist. Die Angst vor einem neuen Krieg in Europa mag auch diejenigen Politiker angetrieben haben, die vor 60 Jahren die europäischen Verträge unterzeichneten und damit den Grundstein für die Europäische Union legten, die jetzt von so vielen Bürgern als vermeintlich kaltes bürokratisches Gebilde abgelehnt wird.

Vielleicht ist es das, was diejenigen meinen, die sagen, man müsse die Sorgen und Nöte der Bürger ernst nehmen. Ernst nehmen heißt aber auch, ihnen nicht vorzugaukeln, dass es absolute Sicherheit oder einfache Lösungen gäbe. Ernst nehmen heißt auch, klar zu machen, dass wir mit Ängsten leben müssen, wenn wir uns die Freiheit erhalten wollen. Und ernst nehmen heißt vor allem, Ängste nicht etwa zu schüren. Wir sollten Reflexe nicht einfach bedienen, sondern lieber zu Reflexion einladen.

Aus epd medien Nr. 30/31 vom 28. Juli 2017