Inland
Funk-Videos im ersten Jahr 400 Millionen mal aufgerufen
Programmgeschäftsführer Hager warnt vor überzogenen Erwartungen
Mainz (epd). Ein Jahr nach dem Start von Funk, dem Online-Angebot für 14- bis 29-Jährige von ARD und ZDF, hat Programmgeschäftsführer Florian Hager das Projekt gegen Kritik verteidigt. "Wir sind weiter gekommen, als wir gedacht haben", sagte er im Gespräch mit epd. Funk-Formate hätten bereits eine ganze Reihe renommierter Medienpreise gewonnen, die Webvideos insgesamt fast 400 Millionen Aufrufe verzeichnet. Es gebe schon rund vier Millionen Abonnenten. Auch in Zukunft wolle Funk ständig mit neuen Formaten experimentieren: "Jetzt zu sagen, wo wir in zwei oder drei Jahren stehen, ist unmöglich."

Weniger erfolgreiche der zurzeit über 60 Formate würden auch wieder eingestellt. "Was wir tun, ist nicht als Blaupause für das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Zukunft angelegt, denn wir haben eine sehr spezielle Zielgruppe", warnte Hager vor überzogenen Erwartungen an das Jugend-Angebot von ARD und ZDF. "Die Idee, wir könnten unsere Zielgruppe ans lineare Fernsehen heranführen, halte ich für unsinnig."

Dass die Programme über Plattformen wie Youtube und Facebook verbreitet werden, sei weiterhin ein "Dilemma", räumte er ein, aber es sei zumindest sichergestellt, dass keine Dritten Geld mit den Inhalten verdienen. Hätten ARD und ZDF für ihr Jugendangebot komplett auf die großen Internetkonzerne als Verbreitungsweg verzichtet, wäre ein Großteil des Jahresbudgets von 45 Millionen Euro in Werbung und Marketing statt in Inhalte geflossen.

Keine "Schminktipps-Mädels"

Vorwürfen, das Online-Angebot von ARD und ZDF kaufe lediglich erfolgreiche Youtube-Stars ein, um mit deren Inhalten seine Reichweite zu erhöhen, widersprach der Funk-Programmgeschäftsführer. Viele Formate seien ganz neu entwickelt worden. Bei Funk gebe es eine ausgewogene Mischung mit aufwendig produzierten Informations- und Unterhaltungsangeboten: "Unterhaltung bedeutet bei Funk nicht Katzenvideos, dumme Witze oder Pranks."

Mittlerweile komme es auch schon vor, dass journalistische Recherchen für Webvideos das Hauptprogramm von ARD und ZDF bereichern: So beruhte die Berichterstattung über skandalöse Zustände bei der Bundeswehr-Spezialeinheit KSK auf Material des Funk-Formats "Y-Kollektiv". "Was das Portfolio angeht, haben wir noch Lücken bei den Formaten für junge Männer und 14- bis 16-jährige Jungs", sagte Hager, "im Bereich der Innenpolitik werden wir nachbessern. Der Bereich Musik ist noch nicht da, wo wir hinwollen."

Die Angebote von ARD und ZDF wollten auch ganze bewusst problematischen Entwicklungen entgegenwirken: So sei in einigen Fällen die geplante Zusammenarbeit mit Webvideo-Machern an den strengen Richtlinien gegen Schleichwerbung gescheitert. "In der Webvideo-Branche in Deutschland gibt es ein oft sehr eindimensionales Frauenbild. Wir wollen nicht die Schminktipp-Mädels, und das Format ‚Auf Klo' ist dafür ein Paradebeispiel."

Die kurzen, auf einem Frauenklo aufgezeichneten Talk-Beiträge würden ebenso wie andere vermeintlich anstößige Formate, etwa die Aufklärungsreihe "Fickt Euch", von Gremien der Sender geprüft. Einhellig laute das Fazit, dass dabei keine Programmrichtlinien verletzt würden.

Dass die Webvideos bislang kaum unter der Dachmarke Funk vermarktet werden, hält Hager nicht für problematisch, allerdings kündigt er an, dass dies künftig stärker geschehen solle: "Wir schämen uns nicht unserer Herkunft, aber wir tragen es auch nicht wie eine Monstranz vor uns her, dass wir die Guten vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind."

Aus epd medien Nr. 39 vom 29. September 2017

lmw