Kritik
Frau über Bord
VOR-SICHT: "Tod einer Kadettin", Fernsehfilm, Regie: Raymond Ley, Buch: Hannah und Raymond Ley, inspiriert von dem Buch "Unser Kind ist tot" von Dona Kujacinski, Kamera: Dominik Berg, Produktion: Ufa Fiction (ARD/NDR/Degeto, 5.4.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). So ein großes Segelschulschiff ist ein schöner Anblick - sieht irgendwie nach der "guten alten Zeit" aus, nach Romantik und nach dem leichten Lebensgefühl der Becks-Bierwerbung. Entsprechend schockiert war die Nation, als im September 2008 auf der "Gorch Fock" eine junge Frau unter ungeklärten Umständen über Bord ging und zu Tode kam. Von wegen "sail away, you can fly"! Illusionen waren geplatzt - und wo starke Emotionen sind, ist die Idee, "da müsste man doch einen Fernsehfilm draus machen", nie weit.

Im wahren Leben hieß die während ihrer Nachtwache ertrunkene Kadettin Jenny Böken, im Film Lilly Borchert (Maria Dragus) - und die Gorch Fock heißt Johann Kienau (so lautete der bürgerliche Name des Schriftstellers Gorch Fock). Was genau passiert ist, weiß man nicht. Der Film, heißt es, sei "inspiriert" von den wahren Geschehnissen, erhebt jedoch nicht den Anspruch, sie "authentisch" wiederzugeben. Was die NDR-Dokumentation im Anschluss als "authentisch" schildert, wissen wir nicht, wir kennen nur die Darstellung des Fernsehfilms.

Der spielt mit drei Möglichkeiten - Selbstmord wegen nervlicher Labilität und Mobbings; Beseitigung von Lillys Leiche durch Mit-Matrosen (wie auch immer sie zuvor zu Tode gekommen war) oder Unfall: Lilly fiel einfach über die Reling. Letzteres scheint nicht so unwahrscheinlich, wie es zunächst klingt, da Lilly vielfältige und erhebliche gesundheitliche Probleme hatte und selbst tagsüber im Stehen und Sitzen wider Willen einschlief.

Große Schuld trägt die Marine nach Darstellung des Films auf jeden Fall. So scheint es unverantwortlich, jemand, der in körperlich so schlechter Verfassung ist, dass ihm nach drei Kniebeugen schwindelig wird und der obendrein unter Höhenangst leidet, auf ein Schiff zu schicken, in dem Kadetten mal eben 45 Meter "aufentern" müssen. So dringend war der Wunsch, die Frauenquote zu erhöhen, dass die Bundeswehr-Ärztin im Film massiv unter Druck gesetzt wird, Lilly für bordtauglich zu erklären.

Der Film beginnt mit der "Mann über Bord"-Szene. Der historische Seemanns-Ruf sorgt hier für eine schöne Pointe, denn rasch ist klar: Der Mann ist eine Frau. Also jemand, der zu den Schifffahrts-Zeiten, in denen dieser Ruf entstand, nichts in der Mannschaft verloren gehabt hätte.

Bei Minute 70 kommt der Film erneut nachts auf See an dieser Stelle an. Vorher erzählt er eine lange "Wie-es-dazu-kommen-konnte"-Geschichte ab Lillys Musterung und flicht dabei Berichte von Lillys Mit-Matrosen aus der Untersuchung des Falls ein. Lilly wurde von fast niemand gemocht und von einigen gemobbt. Sei es, dass sie eine schwierige Person war. Sei es, dass nun mal in jeder Gruppe einer den Außenseiter und schlimmstenfalls Sündenbock geben muss - und hier traf es halt dies körperlich zu schwache und zu ehrgeizige Mädchen.

Aufgabe der Leitung einer Gruppe, egal ob zivil oder militärisch, ist, dem Einhalt zu gebieten - oder zumindest Grenzen zu setzen. Wie an der Version "eingeschlafen über Bord gefallen" trüge die Marine also auch an den beiden anderen Versionen - Selbstmord oder vertuschter Todesfall (etwa durch Trinkspiel oder Quälerei) - ganz erhebliche Schuld.

Der Film erzählt schlicht. Die Schauspieler spielen solide - im Mittelpunkt stehen hier keine einzelnen Leistungen, sondern die erschütternde Geschichte. Die sexistischen Widerlichkeiten und Sauf-Exzesse, die wahrscheinlich jeder Frau, die die Zeiten der Wehrpflicht noch miterlebt hat, vom Bahnfahren in Erinnerung sind, bleiben auch Lilly und den Zuschauern hier nicht erspart.

Warum gibt es überhaupt junge Frauen, die freiwillig zum männerdominierten Militär gehen? Sie tun es aus den gleichen Gründen wie Männer - Perspektivlosigkeit, Bundeswehrfamilie oder weil sie, wie Lilly, eigentlich Medizin studieren wollen. Reine Frauenmilieus für diese soziale Gruppe gibt es nicht, nur das historisch gewachsene Männer-Militär, das für Frauen geöffnet wurde.

Gegen Ende verliert der Film leider die Bodenhaftung dokumentarisch-fiktiven Erzählens und versucht sich im "künstlerischen" Fach. Die drei möglichen Todes-Versionen dämmern einem zufällig mitgereisten Bundeswehr-Radioreporter (Miroslaw Baka), der der Sache auf den Grund kommen möchte, in Visionen. Zu erkennen an einer starken Überbelichtung des eher unterbelichteten Einfalls. Überhaupt ist die recherchierende Aufklärer-Figur des Reporters, der hier gewissermaßen als Stellvertreter des Autors/Regisseurs im Film umhertappt, ein Einfall, den man besser gestrichen hätte. Oder man hätte die Figur besser etablieren und dann auch richtig durchziehen müssen.

Aus epd medien Nr. 13 vom 31. März 2017

Andrea Kaiser