Kritik
Fantasievoller Realismus
VOR-SICHT: "Neu in unserer Familie": "Zwei Eltern zu viel" und "Ein Baby für alle", zweiteiliger Fernsehfilm, Regie: Stefan Krohmer, Buch: Daniel Nocke, Kamera: Patrick Orth, Produktion: UFA Fiction (ARD/Degeto, 7.6. und 9.6.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die klassische Familie - Vater, Mutter, Kinder - ist bei uns immer noch ein weit verbreitetes Lebensmodell, auch wenn es inzwischen viele "Patchwork-Familien" gibt. Und das Fernsehen ist voll von Komödien, Dramen und Tragödien, die sich um das Gründen oder das Scheitern von Familien drehen. Wenn also ein Zweiteiler mit dem Titel "Neu in unserer Familie" heißt, mit der Spezifizierung "Zwei Eltern zu viel" und "Ein Baby für alle", könnte man befürchten, dass es sich mal wieder um eine dieser grässlich frohgemuten Familienkomödien der Degeto handelt, in denen Konflikte nur dazu da sind, um sich am Ende in Harmonie aufzulösen.

Dieser Zweiteiler aber führt mit seinen Titeln aus der deutschen Fernsehkomödienschmiede auf eine völlig falsche Fährte. Er wurde ja geschrieben und inszeniert von Daniel Nocke und Stefan Krohmer, dem außerordentlichen und vielfach preisgekrönten Duo. Die beiden haben sich schon mehrmals dezidiert und sarkastisch mit Familien beschäftigt: 2003 in "Familienkreise" mit der langsam implodierenden Familie eines autoritären Vaters und 2011 in "Die fremde Familie" mit der jahrelang überspielten Verbitterung, die zwischen den erwachsenen Geschwistern aufbricht, als ihr Vater zum Pflegefall wird.

"Neu in unserer Familie" ist aber nicht nur im Genre des Familienfilms, sondern auch für Krohmer/Nocke neues Terrain, das sie erkunden: mit weniger Sarkasmus als bisher, obwohl es bei einem Thema wie "offene Ehe" hätte naheliegen können. Stattdessen demonstrieren sie warmherzigen Humor, Optimismus und hinreißendes Zartgefühl für ein ungewöhnliches Lebensmodell.

Zwar geht es auch hier um eine Familie, aber um eine, die weder implodiert noch scheitert oder alte Wunden aufreißt. Es sind die Eltern Marit und Jonas (Maja Schöne und Benno Führmann), Luis (Max Boekhoff), ihr 16-jähriger Sohn, und die 14-jährige Selma (Maria Matschke). Marit und Jonas leben seit 14 Jahren unverheiratet mit ihren Kindern zusammen, sind gerade von Köln nach Berlin gezogen, weil Marit eine Stelle bei den Berliner Verkehrsbetrieben angeboten wurde, und gleich die ersten Szenen zeigen, dass es eine musikalische, unkonventionelle Familie ist: Mitten im Umzugs-Chaos spielen und singen sie "Sweet Home Alabama", jeder spielt ein Instrument (Selma sitzt am Schlagzeug), und als sich ein Nachbar über den Lärm beschwert, steht er einer Familie gegenüber, die ihm mit freundlichem Spott den Wind aus den Segeln nimmt.

Am Abend fällt der entscheidende Satz: Marit gesteht Jonas, sie sei am Abend zuvor "mit einem Mann zusammen" gewesen, sie wolle aber ihre Familie nicht aufs Spiel setzen. Und nachdem Jonas seiner Wut Luft gemacht hat, indem er das Glas eines Schaukastens zerdepperte (dahinter wird für "Family-Card" geworben), kehrt er zurück, und zwischen ihm und Marit entspinnt sich ein Gespräche darüber, dass es doch eigentlich "der absolute Wahnsinn" sei, in den vielen Jahren, die sie noch vor sich haben, nie Sex mit einem anderen Partner zu erleben. In aller Freundschaft einigen sie sich darauf, einander diese Erfahrung zu gewähren. Vorausgesetzt, "dass wir als Familie zusammenbleiben" und es keine Heimlichkeiten gibt. Weder den jeweiligen "Affären" noch dem Partner gegenüber.

Und als Jonas noch einmal nach Köln fährt, um einiges zu regeln, lernt er auf einer Party Johanna kennen (Inez Björg David). Mit ihr verbringt er nicht nur die Nacht (sie findet sein Bekenntnis zur offenen Ehe "genial", ihre Beziehungen seien immer an der "Scheißeifersucht" gescheitert) - Johanna taucht sogar noch auf, als Jonas sich im Café mit seinen Eltern trifft. Mit ihrer herzlichen, impulsiven Art ist sie Jonas' Mutter sofort sympathisch. Und wenn man als Zuschauer noch misstrauisch vermutet, Johanna schleiche sich raffiniert in die Familie von Jonas ein, wird man im Laufe der Handlung eines viel Besseren belehrt. Denn in diesem reizenden Mädchen ist keine Spur von Arglist. Im Gegenteil: Als Jonas' Vater mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus kommt, ist sie es, die sich so liebevoll wie pragmatisch um die Mutter (Dagmar Laurens) kümmert.

Ohne Konflikte, spitze Bemerkungen und Anflüge von Eifersucht geht es aber natürlich auch hier nicht ab. Vor allem sind es Selma und Luis, die beiden bezaubernd gespielten Kinder, denen die seltsame Einstellung ihrer Eltern entweder herzlich gleichgültig oder komplett unverständlich ist: "Kann ich jetzt nach oben gehen?", unterbricht Selma gelangweilt die Erklärungen ihrer Mutter, sie und Jonas würden in Zukunft Freund oder Freundin haben, es werde aber nichts Festes sein: "Wir als Familie bleiben zusammen, und ihr dürft selbst entscheiden, ob ihr die Freunde kennenlernen wollt." "Muss das sein?", motzt Luis, "könnt ihr euch nicht mal ein bisschen beherrschen?" Er selbst trennt sich später von seiner ersten Liebe Alexa (Naima Kelm) und erklärt seinen Eltern, man müsse sich auch mal entscheiden.

"Beherrschen" im Sinne von Luis kann sich auch Marit nicht, als sie dem attraktiven Romantiker Christian (Henning Baum) gegenübersitzt, dem Leiter einer Schüler-Band, in der Selma als Schlagzeugerin spielen soll. In dieser Verführungsszene knistert es förmlich zwischen den beiden, aber Marit ist es, die die Initiative ergreift und Christian aufs heimische Sofa zieht - trotz der Übereinkunft, die sie mit Jonas getroffen hat: nie in den eigenen vier Wänden mit der "Affäre" zu schlafen. Und es kommen noch mehr Verwicklungen.

Am Ende dieses Films mit seinem tollen Ensemble, in das man geradezu verliebt ist, steht eine harmonische Lösung. Aber eben nicht klebrig, wie sonst so oft. Sondern glaubwürdig optimistisch, fantasievoll realistisch entwickelt und von Lebensklugheit durchdrungen.

Aus epd medien Nr. 22 vom 2. Juni 2017

Sybille Simon-Zülch