Interview
"Es ist wichtig, offen und zugänglich zu sein"
Ein epd-Interview mit SRF-Chef Rudolf Matter
Frankfurt a.M. (epd). Am 4. März haben sich fast drei Viertel der Schweizer in einer Volksabstimmung gegen die sogenannte No-Billag-Initiative ausgesprochen (epd 10/18). Die Initiative war von wirtschaftsliberalen Schweizer Politikern ins Leben gerufen worden, die die Inkassostelle Billag - die Empfangsgebühren für die in der SRG SSR zusammengefassten öffentlich-rechtlichen Schweizer Medien eintreibt - abschaffen wollten. Diemut Roether sprach mit Rudolf Matter, dem Direktor des Schweizer Radios und Fernsehen (SRF) in der Deutschschweiz, über die Bedeutung des Abstimmungsergebnisses für die SRG und was ARD und ZDF aus der vorangegangenen Diskussion lernen können. Matter (64) ist seit der Zusammenlegung des Schweizer Radios DRS und des Schweizer Fernsehens im Jahr 2011 Direktor des SRF.

epd: Waren Sie überrascht von dem deutlichen Ergebnis bei der No-Billag-Entscheidung?

Rudolf Matter: Von dieser deutlichen Ablehnung waren wir überrascht. Wir haben aufgrund der Umfragen zwar damit rechnen dürfen, dass es abgelehnt wird, aber die Deutlichkeit war überraschend Es war ja ein Plebiszit über gebührenfinanziertes öffentliches Fernsehen und Radio und dass die Zustimmung zu diesem Angebot so deutlich ausgefallen ist, ist natürlich eine großartige Bestätigung des Systems des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sicher auch eine Zustimmung zu unserem Programmangebot. Aber die Zustimmung ist gleichzeitig auch eine Verpflichtung.

Was haben Sie aus der Diskussion der vergangenen Monate gelernt?

Matter: Wir haben gelernt, dass Qualität zählt. Die Qualität des Journalismus, aber auch in der fiktionalen Produktion, die wir in den letzten Jahren ausgebaut haben. Das ist für das Profil des Angebots sehr wichtig. Wir haben auch die Unterhaltung stark auf ein Schweizer Publikum zugeschnitten, wir sind in den letzten Jahren deutlich weggekommen von internationalen Lizenzen.

Das heißt, dass die Schweizer sich im Fernsehen wiederfinden wollen?

Matter: Ich glaube, der local content, wie man das in der Branche nennt, war am Schluss spielentscheidend. Aber es war nicht einfach eine Zustimmung zur SRG oder zum SRF, es war eine Zustimmung zum System des gebührenfinanzierten öffentlichen Medienhauses, das in dieser Zeit, in der viele Medienangebote reduziert werden, weil sie über Anzeigen nicht mehr finanziert werden können, gesichert werden muss. Das Ausmaß der Zustimmung kam nicht nur von denen, die bedingungslos Nein gesagt haben, sondern es kam auch sehr stark von denen, die "Nein, aber" gesagt haben, und mit dem Aber müssen wir uns beschäftigen.

Was steckt alles hinter diesem Aber? Was für Änderungen werden da gefordert?

Matter: Die Aber-Haltung ist vielfältig. Es wird unsere Aufgabe sein, in den nächsten Wochen und Monaten Schwerpunkte zu setzen. Welche Veränderungen haben wir schon angedacht? Wir sind künftig verpflichtet, 50 Prozent der Gebühreneinnahmen in der Information einzusetzen, dazu gehört das Tagesaktuelle genauso wie der Dokumentarfilm. Das war bisher eine Selbstverpflichtung, wird aber in den neuen Konzessionsbestimmungen so formuliert sein. Wir verzichten ab 2019 auf Unterbrecherwerbung. Im Online-Angebot verzichten wir auf Text ohne Video oder Audio. Das ist schon lange ein Streitpunkt mit den Verlegern und wir wollen die Kernkompetenz der Verleger nicht angreifen. Wir akzeptieren, dass die Angebote der Verleger sehr stark textbasiert sind, unsere Kompetenz ist Bewegtbild und Audio, darauf wollen wir sehr viel stärker setzen.

Gibt es Kooperationen zwischen der SRG und Verlagsangeboten?

Matter: Wir haben eine Plattform mit fertig gebauten Video-Beiträgen, auf der sich alle Medienhäuser der Schweiz bedienen können. Wir hatten für wenige Wochen zusätzlich einen Test, wo wir auch Rohmaterial von Medienkonferenzen und ähnlichem zur Verfügung gestellt haben. So etwas wird mittlerweile auch von Nachrichtenagenturen angeboten. Wir sind immer bereit, mit Verlegern Tests zu machen, was können wir anbieten, dass den Verlegern hilft? Unsere Kompetenz liegt im Bewegtbild.

Wollen Sie auch Archivmaterial zur Verfügung stellen?

Matter: Soweit dies möglich ist, werden wir das tun. Es gibt natürlich viele Archivbestände, die urheberrechtlich geschützt sind, das können wir nicht einfach weitergeben. Aber wir haben Interesse, die Inhalte, bei denen die Rechte voll bei uns liegen, weiterzugeben.

Die SRG hat nach der Abstimmung Reformen angekündigt. Generaldirektor Gilles Marchand hat gesagt, ab 2019 sollen 100 Millionen Franken eingespart werden. Wo wollen Sie das einsparen?

Matter: Wir hatten das schon in der Abstimmungsdiskussion angekündigt und fanden, es sei richtig und fair, wenn wir das sofort nach der Abstimmung bestätigen. Echte Einsparungen sind 80 Millionen, das ergibt sich daraus, dass die Regierung, die in der Schweiz die Gebühren festlegt, gesagt hat, dass die Gebührensumme, die an die SRG geht, gedeckelt wird auf 1,2 Milliarden Franken. Das sind 50 Millionen weniger als wir letztes Jahr erhalten haben und als wir dieses Jahr erhalten.

Das bedeutet, dass Sie auf lange Sicht weniger Geld zur Verfügung haben, weil gleichzeitig alles teurer wird.

Matter: Das bedeutet, dass wir alles, was wir künftig machen, vielleicht sogar mit weniger Geld machen müssen, denn wir finanzieren uns ja zu 25 Prozent aus Werbeerlösen, und die sinken natürlich, weil die Reichweite des Fernsehens zurückgeht. 20 Millionen Franken wollen wir in die fiktionale Produktion umwidmen. Wir wollen insbesondere Schweizer Serien ausbauen und in den digitalen Wandel investieren.

Es hieß, bei der Abstimmung habe auch das Radio eine große Rolle gespielt. Viele Schweizer hätten sich für das Radio entschieden.

Matter: Das Informationsangebot des Schweizer Radios mit dem Flaggschiff-Programm "Echo der Zeit" hat eine unglaublich große Anerkennung. Es ist die älteste Sendung des Radios und gilt als Inbegriff des Qualitätsjournalismus. Es ist anerkannt von Links bis Rechts. Das war in der Diskussion wichtig: Die SRG liefert im Radio und im Fernsehen mit der "Tagesschau" und der Hintergrundsendung "10 vor 10" eine Faktenbasis, auf der sich Meinungen bilden können. Das ist unser demokratiepolitisch wichtiger Auftrag: den Menschen in der Schweiz zu ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Wie die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland, arbeiten sie an der Konvergenz von Fernsehen, Radio und Internet. Sie haben hier beim SRF Hörspiel und Fernsehen in eine gemeinsame Abteilung Fiktion zusammengelegt. Was ergeben sich daraus für neue Chancen?

Matter: Der größte Mangel in der fiktionalen Produktion in der Schweiz sind die Autoren. Es gibt zu wenig Autoren. Es gibt hervorragende Schauspieler, sehr gute Regisseure, daran haben wir keinen Mangel. Autoren sind das Thema und wenn die Netzwerke der Hörspielverantwortlichen und der Film- und Serienverantwortlichen zusammengelegt werden, ist die Chance größer, dass man die besten Autoren findet und Autoren gezielt entwickeln kann.

Gibt es schon neue Formate, entwickeln Sie beispielsweise eine Serie und machen ein Hörspiel-Spinoff dazu?

Matter: Es geht nicht darum, dass man einen Stoff gleichzeitig als Hörspiel und als Serie oder als Film entwickelt, sondern es geht um Leute, die in einem ähnlichen Umfeld tätig sind. Es kann sein, dass ein guter Hörspielautor ein Drehbuchschreiber wird oder umgekehrt ein Drehbuchautor auch mal ein tolles Hörspiel schreibt. Aber Konvergenz haben wir nicht nur in dem Bereich. Wir haben keine Abteilung mehr, die nur Fernsehen oder Hörfunk oder Online macht. Alle sind nach Fachbereichen gegliedert. Zu Kultur gehören das Kulturradio, die Dokumentarfilme, die Kultur-Fachredaktionen. Einzig in der Information haben wir zwei Chefredakteure, der eine ist zuständig für Hörfunk, der andere für Fernsehen, und gemeinsam verantworten sie das Online-Angebot.

In Deutschland gibt es in einigen Sendern bereits trimediale Chefredakteure. Ist das hier auch geplant?

Matter: Mit Ausnahme der Information sind hier alle Bereiche seit 2011 trimedial aufgestellt.

Soll das auch in der Information kommen?

Matter: Ich glaube, längerfristig wird das selbstverständlich werden.

Die Ablehnung der No-Billag-Initiative war auch bei jungen Leuten sehr groß. Planen Sie mehr Angebote für das junge Publikum?

Matter: Das ist der große Entwicklungsbereich. Wir haben vor zwei Jahren angefangen, das Angebot für junges Publikum auszubauen, im Informationsbereich, und auch im dokumentarischen Bereich. Wir haben erfolgreiche Serien, eine heißt "True Talk", da berichten junge Leute aus ihrer Perspektive über ihr Leben, das ist online only und hat beim jungen Publikum ganz hohe Klickzahlen. Diese Angebote werden zu 70 Prozent von unter 35-Jährigen genutzt. Da erreichen wir also die Zielgruppe, die wir erreichen wollen. Wir produzieren im Moment auch die erste fiktionale Online-Serie für ein Publikum Anfang 20, das wollen wir weiter ausbauen. Aber die große Herausforderung ist, Informationsangebote für das Web zu bauen, die ein junges Publikum erreichen. Da sind die Ansprüche komplett anders als bei der herkömmlichen "Tagesschau".

Gibt es da bereits Experimente?

Matter: Wir entwickeln einzelne Angebote mit Videos, in denen große Texte über die Bilder eingeblendet werden, die ermöglichen, dass ich mir auf dem Handy einen Beitrag ansehen kann. Ich kann das lesen und es mir ohne Ton anhören, auch im Bus oder in der Tram, wenn ich fünf Minuten Zeit habe. Das wird zunehmend genutzt, aber da sind wir noch lange nicht so weit, wie wir gern wären.

Die Erfahrung in Deutschland zeigt, dass solche Angebote für junge Leute nur gut angenommen werden, wenn sie auch von jungen Leuten gemacht werden.

Matter: Es versteht sich fast von selbst, dass die jüngsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Bereichen tätig sind. Wichtig ist allerdings auch, dass man auf Drittplattformen geht. Es gibt viele Inhalte, die werden vor allem auf Facebook oder Youtube oder Instagram genutzt, da sind wir überall aktiv. Der Nachteil ist, dass viele, die das nutzen, gar nicht merken, dass es Angebote von uns sind. Das ist eine der künftigen Herausforderungen: Wie sorgen wir dafür, dass die Leute merken, dass das ein Angebot von uns ist, und wie schaffen wir es, die Leute auf unsere Plattformen zu holen.

Vor der Abstimmung gab es auch eine Diskussion über eine 2015 gegründete gemeinsame Vermarktungsfirma der SRG mit Swisscom und dem Ringier Verlag, Admeira. Werden Sie diese Kooperation fortsetzen?

Matter: In der Abstimmungsdiskussion hat das kaum eine Rolle gespielt, das hat eher in der politischen Diskussion, im Parlament, eine Rolle gespielt. Wir sind da für Änderungen sehr offen bis hin zu einer anderen Gesellschafterstruktur. Wenn jemand mit uns über die Übernahme von Anteilen reden will, sind wir für eine solche Diskussion offen.

Sie haben als öffentlich-rechtlicher Sender einige Einschränkungen in Sachen Werbung, die die Verlage nicht haben. Sie dürfen beispielsweise keine personalisierte Werbung machen.

Matter: Wir dürfen keine personalisierte Werbung machen, und wir wollen auch nicht regional segmentierte Werbung machen. Damit würden wir das Geschäft der Regionalzeitungen und der Regionalsender tangieren, und uns liegt an dieser Vielfalt der Regionalberichterstattung.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in ganz Europa unter Druck geraten. In Österreich wird gefordert, ihn abzuschaffen, auch in Deutschland gibt es Stimmen, die das fordern. Was können die Deutschen von der Debatte in der Schweiz lernen?

Matter: Erst mal sind wir natürlich glücklich, dass wir ein positiver Vorreiter sind und sagen können, in der Schweiz will eine ganz große Mehrheit gebührenfinanzierten Rundfunk. Es liegt mir fern, Empfehlungen an deutsche oder österreichische Kollegen zu geben, in jedem Land ist die Situation anders. Wichtig ist, den Dialog mit dem Publikum zu führen, das können auch wir noch intensiver tun als wir es bisher getan haben. Wir haben das 2015 angefangen, nach einer ersten Abstimmung über das Gebührensystem. Wir müssen erklären, was wir tun, was uns unterscheidet, wie wichtig Unabhängigkeit von politischen und wirtschaftlichen Interessen ist und dass eine Gebührenfinanzierung diese Unabhängigkeit sichert; dass das in einem Zeitalter, in dem Fake News immer stärker verbreitet werden, ein wichtiges Angebot ist, weil es Orientierungspunkte schafft und Zuverlässigkeit bietet.

In Deutschland werden die öffentlich-rechtlichen Sender häufig als Staatsfunk bezeichnet, was auch damit zusammenhängt, dass die Aufsichtsgremien bis zu einem Drittel mit Politikern besetzt sind. Bei Ihnen in der Schweiz ist das anders organisiert, die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft, SRG SSR, ist ein Verein mit rund 24.000 Mitgliedern.

Matter: Wir sind privatrechtlich organisiert, die SRG gehört einem Verein. Diesem Verein kann jeder in diesem Land beitreten und hat damit auch ein Stück Mitsprache. Wir haben in unseren Gremien keine Mitglieder, die im nationalen Parlament aktiv sind. Das ist nicht erlaubt. Wir haben sicher eine große Staatsferne, aber wir werden natürlich dennoch immer wieder denunziert als Staatsradio oder Staatsfernsehen, auch wenn das verfassungsrechtlich falsch ist.

Wäre es angesichts des Drucks, unter dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht, sinnvoll, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender in Europa noch enger zusammenschließen? Könnte die Europäische Rundfunkunion EBU da noch aktiver sein?

Matter: Die Situation ist in jedem Land so unterschiedlich, dass jedes Land seine eigenen Lösungen finden muss. Aber wichtig ist natürlich, dass man sich austauscht, und der Austausch mit unseren deutschen Kollegen ist sehr intensiv. Wir sind dankbar, dass wir so gut mit ARD und ZDF zusammenarbeiten können. Wir profitieren bei gemeinsamen Produktionen wie "Tatort" oder Unterhaltungssendungen, die wir gemeinsam mit dem ZDF, MDR oder BR machen.

Wäre es sinnvoll, die Kooperation bei 3sat noch weiter auszubauen?

Matter: Das wäre wünschenswert, aber da sind unsere finanziellen Möglichkeiten sehr beschränkt. Das Gebührenaufkommen in der Schweiz ist mit 1,2 Milliarden Franken für ein Angebot, das im Fernsehen mit drei Sprachen gemacht wird, im Radio mit vier Sprachen, dann doch überschaubar, wenn ich es mit dem Gebührenaufkommen in Deutschland vergleiche. 3sat wird immer darauf angewiesen sein, dass die deutschen Partner ARD und ZDF deutlich mehr beitragen.

Die SRG ist an 3sat zu zehn Prozent beteiligt. In der Diskussion um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird den Sendern häufig vorgeworden, sie seien arrogant. Wie begegnen Sie diesem Vorwurf?

Matter: Der Vorwurf trifft uns auch, weil wir natürlich nicht als arrogant erscheinen möchten. Wir sind für Schweizer Verhältnisse ein großes Medienhaus. Im europäischen Umfeld sind wir ein kleiner Player, aber in der Wahrnehmung in der Schweiz sind wir groß. Ich glaube, deswegen ist es wichtig, offen und zugänglich zu sein und immer für den Dialog zur Verfügung zu stehen.

Aus epd medien Nr. 11 vom 16. März 2018