Interview
Andreas Ammer
© WDR
"Es gibt starke Regeln"
Ein epd-Interview mit Andreas Ammer
Frankfurt a.M. (epd). Seit neun Jahren bringt Andreas Ammer (51) gemeinsam mit Denis Scheck im Literaturmagazin "Druckfrisch" (ARD) die Literatur ins Fernsehen. Im Oktober 2011 wurden die beiden für die innovative Art, wie sie Literatur inszenieren, mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Ammer ist zudem Regisseur und Autor zahlreicher Reportagen wie "Schwermetall und Dosenbier" über das Festival Rock am Ring oder "Die Kunst, die Hysterie und ein wenig der Schmäh" über die Salzburger Festspiele und von TV-Porträts über Alexander Kluge und Cornelia Funke. Bekannt und vielfach ausgezeichnet ist er auch als Hörspielautor. Für "Apocalypse Live" und "Crashing Aeroplanes" erhielt er den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Diemut Roether sprach mit ihm über Interviews mit Schriftstellern, Live-Hörspiele und die Kunst, die Wirklichkeit ins Medium zu bringen. 

epd: Seit neun Jahren sind Sie Regisseur der Literatursendung "Druckfrisch" im Ersten. Gelegentlich werden Sie auch als der "kreative Kopf" hinter "Druckfrisch" bezeichnet. Haben Sie sich diese Bezeichnung ausgedacht?  

Andreas Ammer: Nee, das stammt nicht von mir, das hat sich die ARD ausgedacht, in der Sendung sind natürlich alle kreativ. Es ist ein festes Team, das da seit fast 10 Jahren zusammenarbeitet. An der Kamera Thomas Morgott, Postproduktion: Norik Stepanjan. 

Wie kam es damals zu der Zusammenarbeit mit dem Moderator Denis Scheck?  

Ammer: Die ARD hatte Denis Scheck als Moderator entdeckt und mit ihm einen Piloten gedreht, im Studio. Zufrieden waren sie mit der Sendung nicht. Aber die Redakteure sahen trotzdem, dass in Denis Scheck Potenzial steckt. Also haben Sie mich mit ihm losgeschickt. Als ob wir einen Beitrag drehen würden. Wir haben dann die Bestandteile der Sendung, beispielsweise die "Spiegel"-Bestsellerliste entwickelt und versucht, ein "unmoderiertes Magazin mit Moderator" zu etablieren. Eine Sendung, die für sich selbst spricht, in der man keinen Anchorman hat, der im Studio sitzt und erzählt: "Dann sind wir hinaus in die Welt gefahren..." - sondern ein Magazin, das sozusagen dauernd selbstverständlich und selbsterklärend draußen in der Welt ist. 

Was waren Ihre Ausgangsüberlegungen, als Sie gefragt wurden, ein Literaturmagazin fürs Fernsehen zu machen?  

Ammer: Ich ging erst mal nicht von der Literatur aus, sondern vom Fernsehen und wollte das reportageartig machen: Ein Mann ist unterwegs und trifft Menschen. Die Kamera ist dabei. Ein Vorbild war Margret Dünsers "V.I.P.-Schaukel", ich weiß nicht, ob diese Sendung noch jemand kennt. Sie saß auch immer mit irgendwelchen Hollywoodgrößen am Pool. Oder die Tierreportagen von Horst Stern. Wenn Denis jetzt im Fernsehen Schriftsteller statt Schimpansen trifft, ist das doch ein kultureller Fortschritt. 

Sie suchen sich häufig außergewöhnliche Orte für die Gespräche. Wie finden Sie die?  

Ammer: Sie finden uns, sie sind schon da. Oder: Wem was einfällt, der hat recht... Ich nenne das gerne Kryptosurrealismus. Die Orte sind immer sehr real, haben aber normalerweise nichts mit der Realität der Bücher zu tun. Es gibt ein paar Verbote für "druckfrisch". Wir haben in den 79 Sendungen, die wir bisher gemacht haben, nie einen Schriftsteller vor einer Bücherwand interviewt. Und ganz selten Leute daheim besucht. Das hat unterschiedliche Gründe. Das hat auch mit der Haltung zu tun, die die Gäste haben sollen: sie sollen uns nicht als Eindringlinge wahrnehmen, sondern sich als unsere Gäste sehen. Wir versuchen die Drehsituation so entspannt wie möglich zu machen, wir sagen: Willkommen, setzen Sie sich bitte hin - ...wir drehen schon. 

Sie zeigen auch in der Sendung, dass es Dreharbeiten sind. Man sieht manchmal die Kamera, manchmal wird der Drehort mit gestreiften Bändern markiert, auf denen "Druckfrisch" steht.  

Ammer: Das Medienbewusstsein ist immer da. Es gibt ein paar absurde Requisiten, die wir uns ausgedacht haben: Am Anfang war es die Rolltreppe, die fast in jeder Sendung als Moderatorenbeschleuniger vorkam, die fast schon zu unflätigen Beschimpfungen führte. Dann war es die Mülltonne, bis die auch zu unflätigen Beschimpfungen führte, jetzt steht sie nur noch als Selbstzitat rum, wird aber nicht mehr benutzt. Das "Druckfrisch"-Band war eine Idee unseres Cutters, Norik Stepanjan, der selbst Regisseur ist, der sagte, warum nehmt ihr nicht ein Klebeband und definiert damit euren Drehort. Oder der Feuerlöscher. Das Schöne am Feuerlöscher ist, dass man ihn nicht dabeihaben muss, man findet überall einen. Kürzlich haben wir mit Umberto Eco auf dem Kölner Dom gedreht und auf dem Kölner Dom steht tatsächlich ein Feuerlöscher. Was der Feuerlöscher in unserer Sendung soll, hat noch nie einer gefragt. Ich weiß aber auch nicht, was er auf dem Dach des Kölner Doms macht. 

Eine wichtige Rolle spielt auch die Musik. Wie wählen Sie die Musik aus?  

Ammer: Wir schneiden die Sendung relativ schnell. Wenn am Sonntag Sendung ist, beenden wir am Dienstagabend die Dreharbeiten. Am Mittwoch sehe ich den Cutter zum ersten Mal, wir versuchen dann an einem Tag, die Sendung inhaltlich zu bauen und sie am Donnerstag schön zu machen. Donnerstag ist der Tag der Musik. Meistens gibt es lange Diskussionen zwischen mir und dem Cutter, obwohl wir eigentlich überhaupt keine Zeit haben, uns ausgerechnet darüber zu unterhalten, welche Musik wo eingesetzt werden soll. Musik ist bei uns absolut heilig, sie wird nie geschnitten, es gibt definitiv keine Loops, Musik bleibt wie sie ist. 

Sie sind selbst halber Musiker, ist der Cutter auch Musiker?  

Ammer: Nein. Er ist das erste Publikum. Manchmal ist er begeistert, manchmal rümpft er die Nase... Er ist der größte Kritiker und der einzige Zensor. 

Mischt Denis Scheck sich auch manchmal ein bei der Musikauswahl?  

Ammer: Nein, er sieht Freitagabend die fast fertige Sendung. 

Sie haben einmal gesagt, dass die Musik eine moderierende Funktion habe.  

Ammer: Wenn wir das mit einem normalen Magazin vergleichen, zum Beispiel "ttt", da sieht man Dieter Moor im stillen Studio und dann kommt ein Beitrag eines Reporters, der nicht im Bild ist und uns mit Musik unterlegt etwas über die Welt erzählt und dann kommt wieder Dieter Moor. Ich habe nur versucht, das auf den Kopf zu stellen. Also wenn normalerweise Denis Scheck im Studio stehen würde und sagen würde: Und dann haben wir meinen alten Freund T.C. Boyle in seinem schönen Haus in Kalifornien besucht und über seinen tollen Roman geredet, sieht man bei uns ein paar Bilder von T.C. Boyle in seinem Garten, wie er Denis begrüßt und die Musik legt eine Stimmung fest. Sie stellt eine Situation vor und den Dichter. Wir versuchen, ohne dieses allwissende Voiceover aus dem Off auszukommen. Man sieht nur Denis Scheck kurz im On, der sagt, ich bin bei T.C. Boyle, und dann kommt die erste Frage. Worum es im Roman geht, das muss Denis Scheck im Gespräch beschreiben. Und dann kommt die nächste Musik. Also, überall, wo in einem normalen Magazin die Moderation ist, ist bei uns die Musik und wo der Beitrag ist, ist der Moderator. 

Die Musik soll also eine Stimmung vorgeben und hinführen auf den Autor...  

Ammer: Genau die Sachen, die normalerweise eine Sendung formatieren, also Bauchbinden, der immer gleiche Vorspann, das immer gleiche Studio, das immer gleiche Setting, gibt es bei uns nicht. Bei uns gibt es die größtmögliche spielerische Freiheit, vielleicht steht am Anfang mal irgendwo "Druckfrisch" in der Landschaft und das sieht jedes Mal anders aus. Es gibt wiederkehrende Wendungen wie "das gute Buch zur späten Stunde"... 

"Vertrauen Sie mir, ich weiß, was sich tue..."  

Ammer: ... aber es gibt keine immer gleichen und immer gleich langweiligen optischen Elemente von teuren Designabteilungen. Wir machen alles selbst und billiger.

 Sie und Denis Scheck haben kürzlich den Deutschen Fernsehpreis bekommen für die innovative Art, wie Sie Literatur ins Fernsehen bringen. Haben Sie sich geärgert, dass die Jury so spät gemerkt hat, wie innovativ das Magazin ist?  

Ammer: Naja, oft sind große Preise eher das Signal zur Abschaffung... 

Ist das Magazin denn akut bedroht?  

Ammer: Nein, aber wir waren nicht immer so gut wie heute gelitten auf dem Sender. 

Zu den Verboten in "Druckfrisch" gehört auch: Literatur wird nicht inszeniert, also Bücher werden nicht in Filmchen nacherzählt... 

Ammer: Es war schon vorher bekannt, dass ich eine Aversion dagegen habe, im Wald nördlich von Köln zu drehen, wenn ein Roman im Wald nördlich von Köln spielt. Wir haben mit dieser "realistischen" Art der Inszenierung ja inzwischen ein paar Nachahmer gefunden... 

Wenn beim ZDF das Blaue Sofa rumgetragen wird, erinnert das schon sehr an "Druckfrisch"…  

Ammer: ... und was die Nachahmer nicht kapiert haben, ist, dass der Charme kaputt geht, wenn man sich zu ernst nimmt oder nur illustriert... Wenn wir zum Beispiel den Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach interviewen, würden wir das nie im Gericht tun. Unser Vorsatz ist, wir gehen raus, in die wahre Welt, Schirach würden wir vielleicht auf einem Schießstand interviewen, aber nie so wie die Kollegen vom anderen Sender ihn im Gericht besprechen, da, wo seine Bücher spielen. 

Auch nicht in der Pathologie?  

Ammer: Die sieht zumindest besser aus als das Gericht. Beim Ambiente geht Schönheit und Witz vor Wahrheit oder Inhalt. Wir haben kürzlich Antje Ravic Strubel in einem alten Windkanal in Berlin gedreht. Das hatte nun gar nichts mit ihrem Buch zu tun. Sie hat sich nur kurz gewundert, fand es aber dann ganz gut in der großen Betonröhre. Und sah dann wunderbar aus und das Gespräch war obendrein sehr konzentriert. 

Sie haben in den 80ern angefangen, Fernsehen zu machen. Bei welchem Sender?  

Ammer: Ich habe angefangen als Kabelhilfe beim BR, wurde dann irgendwann mal Hilfsaufnahmeleiter bei "Stars in der Manege" und später Regieassistent beim BR und habe währenddessen fleißig studiert. Und irgendwann, 1983 als die Schulfernsehabteilung des BR einmal vergessen hatte, dass sie noch einen Film drehen musste, haben sie mich gefragt, ob ich das mache. Die haben gesagt, Herr Ammer, gehen Sie doch mal ins Archiv und schneiden Sie was zusammen. Das war mit 23 mein erster 30-Minuten Film. Das Fernsehmachen habe ich dann im Umkreis von Alexander Kluge gelernt. Kluge hatte in den Anfangszeiten des Privatfernsehens einen Sendeplatz auf Sat.1, der hieß "Stunde der Filmemacher" und mit Meinhard Prill - inzwischen mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet - haben wir damals zu dritt für Alexander Kluge die "Stunde der Filmemacher” gemacht. Ein Jahr lang wurde alle zwei Wochen 18 Minuten etwas gesendet, was kein Mensch gesehen hat. Wir haben auch wenig Geld gesehen, aber wir haben damals gelernt, wie man Fernsehen macht. Wir mussten an einem Tag Dreh und in einer Nacht Schnitt 18 Minuten fertig machen, 20mal im Jahr. Danach wussten wir, wie es geht. 

Sie mussten improvisieren und konnten ausprobieren.  

Ammer: Wir haben allerdings von Anfang an nur mit Profis zusammengearbeitet. Wir haben bei der Firma Arri den Schneideraum genutzt, von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh, wenn er frei war. Ende der 80er Jahre, nach meiner Promotion, kam ich zu "Capriccio", dem Kulturmagazin des BR, das damals eine kleine Schmiede des anarchischen Fernsehens war. Da hat sich eine wütende Schar von versprengten Chaoten gefunden, die sagten, wir wissen, wie man besseres Fernsehen macht. Natürlich wussten wir überhaupt nichts, aber das war eine sehr freie Zeit damals beim BR. Wir waren nicht gerade beliebt, weil wir ein bisschen schnoddrig arrogant aufgetreten sind, aber fast alle, die damals die anarchische "Capriccio"-Zeit mitgemacht haben, sind noch heute, 25 Jahre später, gut beim Fernsehen im Geschäft. 

Und dann kam Spiegel TV... Wie lange waren Sie dort?  

Ammer: Sieben Jahre. Eine gute Schule für einen chaotischen Kulturfuzzi. 

In der Zeit haben Sie unter anderem einen legendären Film gedreht über die Geschichte des Rotlichts. 

Ammer: Der war nicht so toll... Ich war ja auch bei Spiegel TV als der Intellektuelle verschrien, ich war Mitte der 90er Jahre da, nicht mehr ganz in den Anfangsjahren des Privatfernsehens, aber es war die frühere Zeit, und in irgendeinem Schneideraum hat immer jemand geschlafen, weil er gerade 24 Stunden durchgeschnitten hatte. Da war alles anders als bei den damals starren öffentlich-rechtlichen Sendern. Da musste man sich wegen der Arbeitszeit keine Gedanken machen. Wenn man nach zwölf Stunden aufgehört hat zu drehen, fragte der Kameramann: Bist Du sicher, dass wir schon alles haben? Um die Uhrzeit hätte man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon die zweite Crew nach Hause schicken müssen. 

Könnten Sie sich heute noch vorstellen, bei Spiegel TV zu arbeiten?  

Ammer: Eigentlich ja. So bescheuert die Themen manchmal waren, es war immer ein sehr professionelles, freudiges Arbeiten. Jeder war sehr auf das Ergebnis fixiert und hat alles dafür gegeben. Das kannte ich vorher nur aus dem "Capriccio"-Paradies. 

Aber wird bei Spiegel TV nicht auch immer stärker formatiert?  

Ammer: Ja, aber das war für mich ganz heilsam, nachdem ich bei "Capriccio" ein paar Jahre lang kein Bild auf dem anderen gelassen hatte. Bis heute sage ich jedem neuen Cutter: Avantgarde schneidet hart, es gibt keine Tricks, keine Blenden. Prinzipiell ist bei mir die Kamera auf Augenhöhe mit dem Protagonisten und sie wird gerade gehalten. Sie kann zwar in sich wackeln, das Wackeln aber ist eine natürliche Irritation, auch Unschärfen sind natürliche Irritationen, die den natürlichen Blicken entsprechen, aber niemand würde sich vor einem anderen auf den Boden legen und von unten hochschauen. Das ist unmenschlich. So artifiziell meine Sendungen manchmal aussehen, ich versuche, sie dem menschlichen Sehen anzunähern. Und Wackeln gehört dazu. Ein Stativ ist nicht realistisch. Wenn wir uns hier gegenüber sitzen und mit dem Kopf wackeln, gleicht zwar das Auge viel aus, aber es ist nicht realistisch, dass wir hier festgeschnallt auf zwei Stativen stehen. Deswegen bin ich mit der Kamera immer auf Augenhöhe. Was so verquer aussieht, hat starke Regeln. 

Ich höre raus, dass es bei Ihnen vor allem Verbote gibt.  

Ammer: Ja, wir wollen immer alles laufenlassen, aber zwei, drei Regeln braucht man. Das hat schon Foucault gesagt: die größte Orgie braucht die strengsten Gesetze. 

Sie machen auch regelmäßig Dokumentarfilme und Reportagen. Sie haben ein sehr breites Spektrum, mal ein Film über die Gruppe 47, mal ein Porträt von Lena - das wiederum erklärt sich vielleicht auch durch Ihr Interesse an der Musik...  

Ammer: Na, Lena hat ja weniger mit Musik zu tun. Es gibt eine Sparte, die ich sehr gern mag, die aber kaum genehmigt wird, das ist die "heiße" Reportage. In den letzten Jahren konnte ich das ein paarmal machen. Dieses Jahr, bei der zweiten Reportage über den European Song Contest ging es fast an die Grenze des Unmachbaren. Zwei Filme à 45 Minuten über Lena an drei Tagen, das war definitiv zu viel, auch wenn man zwei Cutter rund um die Uhr beschäftigen kann und eine Koautorin hat. Eigentlich mache ich das sehr gern. Sehr schön war ein Film über die Salzburger Festspiele, leider, leider hat der Kameramann den Deutschen Kamerapreis dafür nicht bekommen, obwohl er ihn absolut verdient hätte. Wir waren zwei Wochen in Salzburg und haben am dritten Tag der Salzburger Festspiele den 45-Minuten-Film gemacht. Wir hatten ein Schnittmobil vor dem Festspielhaus, nach zwei Wochen waren wir bekannt und die Leute kamen selbst rein, um die Termine auszumachen. Solche fast Live-Reporter-Sachen mache ich sehr gerne: Wenn die Cutterin und der Kameramann vor Ort sind und der Kameramann sieht den Film mitwachsen und die Cutterin kann dem Kameramann sagen, wir brauchen noch mal den oder das Bild, das mag ich sehr gern. Das ist wie eine zusammen improvisierende Band, eine Band, die aber keine Musik macht, sondern einen Film. 

Und dazu kommt, dass Sie das mögen, was Sie beobachten, die Leidenschaft der Musiker... Man hat dem Film angemerkt, dass Sie sehr nah an die Leute rankamen und es gibt ein paar sehr schöne Miniaturen in dem Film, zum Beispiel über Ben Becker… 

Ammer: Dafür musste ich lange mit ihm trinken. Kein leichter Charakter. 

Das Schöne an diesem Film ist auch, es ist eine Kulturreportage, aber sie kommt mit einem gewissen Augenzwinkern daher, sie zeigt das Menschliche.

Ammer: In der Kulturbranche wird das gar nicht so gern gesehen. Der Schauspielchef der Festspiele hat sich nach dem Film beim Fernseh-Intendanten beschwert, dass in der Reportage über die Salzburger Festspiele zu viele Würstchen gegessen wurden. Wobei in Salzburg auch in der Festspielzeit mehr Würstchen gegessen werden als Theaterstücke geguckt. 

Sie lassen die Bilder erzählen, sie kommentieren nicht alles, bestimmte Geschichten erzählen Sie nur über die Bilder.  

Ammer: Ja, ich kommentiere ganz ungern. Und ich lasse mich oft von Musik tragen. Die trägt einen sehr weit, auch im Fernsehen. 

Wie finden Sie die Themen? Schlagen Sie sie selbst vor oder fragt die Redaktion bei Ihnen an?  

Ammer: Ich bin leider ein sehr schlechter Themenfinder. Meist ruft die Redaktion an. Bisher jedenfalls. Ich stecke durch "Druckfrisch" jetzt ein bisschen in dieser Bücherecke fest. Ich habe zwar in Germanistik promoviert, aber ich hatte auch keine Probleme damit, bei Spiegel TV eine Reportage über Fluglehrer zu machen. Ich finde, auch wenn es Kulturfernsehen ist, ist es das Wichtigste, dass es gutes Fernsehen ist und nicht, dass es Kultur ist. Ich vergleiche das gerne mit Kochfernsehen. Eine Kochsendung hat mit Essen eigentlich gar nichts zu tun. Man wird nicht satt... 

... man kann das Essen nicht einmal riechen...  

Ammer: ... man kann nachher auch nicht besser kochen, aber was mir an Kochsendungen gefällt: sie sind furioses Fernsehen. Als Kerner noch "Kerners Köche" gemacht hat, war das eine schön chaotische Sendung: Die vier Köche, die sich gegenseitig die Zutaten wegnehmen und einer redet dem anderen rein - das hatte mit Kochen nichts zu tun, war aber ein toll inszeniertes Durcheinander, bei dem nebenbei gekocht wurde. Wenn ich Fernsehen mache, mache ich also erst einmal Fernsehen, das Sujet ist egal. Eigentlich gehe ich an einen Film über eine Familie, die ein Haus baut, nicht anders ran als an eine Reportage über die Salzburger Festspiele. Im Prinzip ist es das gleiche. Es soll gutes Fernsehen sein. Ich hätte höchstens Angst, Filme zu machen über Dinge, die mir ganz nahe sind. Nie würde ich einen Film machen über das Dorf, in dem ich lebe. Nie im Leben. 

Und über die Musiker, mit denen Sie zusammenarbeiten, FM Einheit und Console?  

Ammer: Nein, auf keinen Fall. Das würde auch kein guter Film werden. Da gilt der alte Satz von Hajo Friedrichs: Nie mit einer Sache gemeinmachen, auch nicht mit einer guten. Hingegen: Vor vier oder fünf Jahren habe ich einmal eine dreiteilige Reportage über einen bayerischen Landwirt gemacht, einen Single, der viel Geld verdient hatte und eine Nilkreuzfahrt für Singles organisiert hat, um dort seine Frau zu finden, das war hart an "Bauer sucht Frau". Das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht. Endlich mal was mit richtigen Menschen zu tun haben, nicht vermittelt über Bücher. 

Das klingt, als würde Ihnen das Genre Dokusoap durchaus naheliegen.  

Ammer: Ich finde, "Druckfrisch" ist in den besseren Momenten auch nicht so weit von der Dokusoap entfernt. Die Protagonisten kommen halt nur vor, wenn sie wieder ein Buch geschrieben haben. Martin Walser und Paul Auster waren schon oft in der Sendung. Oder es ist eine Late-Night-Show unter freiem Himmel, mit einer Bücher-Empfehlung statt dem Stand-up am Anfang, mit Literaten statt Schauspielern als Gast, in den Pausen Musik und am Ende gehen Denis und ich in den Sonnenuntergang. 

Ich würde mit Ihnen gern auch über das Radio reden. Sie machen seit Anfang der 90er Jahre auch sehr erfolgreich Hörspiele.  

Ammer: Das war ein Zufall, glückliche Fügung. Das erste Stück hieß "Orbis auditus", es ging um Lautpoesie. Ein akustisches Lexikon der Lautpoesie, das war mein erstes eigenes Hörspiel. Ich bin da genauso reingerutscht wie in die Arbeit mit Alexander Kluge. Das erste Stück wurde gleich "Hörspiel des Jahres" und seitdem bin ich in der privilegierten Lage, weitere Hörspiele machen zu dürfen - nicht ganz erfolglos. 

Sie haben zweimal den Hörspielpreis der Kriegsblinden bekommen, den Prix Italia... 

Ammer: Und die anderen Preise auch alle. Nur nicht den Karl-Sczuka-Preis. Den kriege ich nicht ums Verrecken. Das ist der einzige große Radiopreis, den ich nicht bekommen habe. 

Ärgert Sie das?  

Ammer: Nicht wirklich. Ich bin mit Preisen wohlgesegnet und über die Maßen ausgezeichnet worden. 

Suchen Sie sich bei den Hörspielen die Themen selbst?  

Ammer: Ja, größtenteils. Fernsehen muss ich machen, ich habe zwei erwachsene Söhne, die studieren, aber Hörspiel muss ich nicht machen. Ich bin da auch... – radikaler möchte ich nicht sagen. Es ist nicht so, dass das eine die Kunst ist und das andere die Arbeit, sondern ich mache beides mit demselben Gestus, mit derselben Energie - aber im Hörspiel mache ich selten Auftragsarbeiten. Das ist einmal gutgegangen, öfters nicht... 

Haben Sie im Hörspiel mehr Freiheit als im Fernsehen oder nehmen Sie sich mehr Freiheit?

 

Ammer: Gute Frage. Ich bin ja im Fernsehen auch nicht so sehr reglementiert. Wir haben bei "Druckfrisch" Freiheiten, die es so im deutschen Fernsehen nicht mehr gibt. Wir sind auf einem kleinen Planet der Glückseligen mit unserem Sendeplatz kurz vor Mitternacht. Vielleicht gibt es im Radio noch mehr Freiheit, wobei im Radio inzwischen der ökonomische Druck brutal ist. Es wäre inzwischen völlig unmöglich, wie früher zehn Musiker auf die Bühne zu bitten, mit ihnen eine Woche lang zu proben und das Ganze live aufzuführen. In den 90er Jahren konnten wir das machen, ein Theater eine Woche lang mit zehn Musikern besetzen... 

Haben Sie Ihre Hörspiele damals live produziert?  

Ammer: Miles Davis hat einmal gesagt, er habe den Jazz dreimal neu erfunden. Ich kann von mir sagen, dass wir mit FM Einheit das Hörspiel zweimal in eine neue Richtung gelenkt haben. Einmal 1993 mit "Radio Inferno", da war erstmals im Hörspiel die Popmusik die bestimmende Kraft. Das war das erste Mal, dass Musik durchgängig im Hörspiel eingesetzt wurde und dass sie so gemischt wurde wie in der Popmusik, dass sie nämlich nicht irgendwie darunterlag, sondern als bestimmender Sinnträger, der auch so laut ist, dass man manchmal die Sprache nicht versteht. Wir wurden damals wütend als Verräter der hehren Hörspielkunst angegangen, das hat auch dazu geführt, dass wir damals den Kriegsblindenpreis nicht bekamen. Den haben wir erst ein Jahr später bekommen, für "Apocalypse Live". 

Das Stück war lange nicht so radikal, aber - und das war ebenfalls neu - live von der Bühne gesendet. Das hatte es seit den Tagen der Erfindung des Radios, als es noch keine Bandmaschinen gab, nicht mehr gegeben. Bei uns gab es keine Bandmaschine, weil wir gesagt haben, wir machen es live, und der Leiter der Abteilung Hörspiel und Medienkunst im BR, Herbert Kapfer, hat uns vertraut. Eine Woche vor der Aufführung gab es Texte, ein paar Musikfragmente, ein paar gebuchte Flüge für Musiker und ein leeres Theater, das war alles. Hörspiel als Liveshow gab es vorher 60 Jahre lang nicht. Im Saal war die Musik so laut, dass sich die Leute die Ohren zuhielten, aber das gehört bei FM Einheit dazu. Es war ein Stück über die Johannes-Apokalypse, ein kleiner Priester spielte mit, der uns die altgriechischen Texte vorlas, der war sehr begeistert. Und Hajo Friedrichs moderierte als "Mister Tagesthemen" von der Leinwand herab unsere Show. 

Ich mache im Radio gern Sachen, die keine reale Entsprechung haben, deswegen fand ich immer Stücke über die Hölle oder über den Weltuntergang für das Medium am geeignetsten, denn davon hat man keine Anschauung. Keiner weiß, wie der Weltuntergang aussieht, deswegen kann man gut ein Radiostück darüber machen. Man kann schlecht einen Film darüber machen, der wird immer doof. 

Sie haben sich also die Freiheit im Radio erkämpft mit Hilfe von Redakteuren, die hinter Ihnen standen.  

Ammer: Die Redakteure haben uns die Freiheit gegeben. Für "Radio Inferno" waren wir sieben Wochen in einem Studio in Niederbayern und am Ende kamen die Redakteure, hörten sich das an, grinsten von einem Ohr zum anderen und sagten Ja. Meine Hörspiele verdanken sich dem Vertrauen von Herbert Kapfer vom BR und später auch von Martina Müller-Wallraf vom WDR, die sich freuten, wenn jemand Grenzen überschreiten wollte. 

Sie haben einmal gesagt, es gehe Ihnen darum, die Wirklichkeit ins Radio oder ins Hörspiel zu holen.  

Ammer: Auch ins Fernsehen. Ins Medium. Deshalb hasse ich die inszenierten Sachen wie die Pest. Ich habe mal gesagt, ich will der Wirklichkeit eine Falle stellen. Das war, als ich mit Martin Gretschmann aka Console beim WDR Hörspiele wie "On the tracks" oder "Sweet Surrender" gemacht habe. Wir haben Leute, die wir teilweise gar nicht kannten, gebeten, ob sie für uns auf der Straße Leute verfolgen und sie beschreiben würden. Damit haben wir der Wirklichkeit eine Falle gestellt. Jedes Aufnahmegerät ist so eine Falle. Das Schönste ist, wie dieses Gerät verschwindet, wenn die Leute sich - so wie ich jetzt vor Ihrem epd-Recorder - um Kopf und Kragen reden. In den Medien produktiv sein, heißt, die Aufzeichnungsgeräte zum Verschwinden zu bringen. Wie macht man das? Indem man die Leute beschäftigt. Bei "On the tracks" war es so, dass die Leute zwar einen anderen beschrieben haben, aber eigentlich nur über sich geredet haben, das wussten sie selber nicht… 

Das ist ja oft so. Sogar in Filmrezensionen erzählt der Autor manchmal mehr über sich selbst als über den Film.  

Ammer: Manchmal ist die Falle bloß ein existierendes Tonband wie bei der WDR-Produktion "Spaceman 85", ein Hörspiel, das ich wahnsinnig gern mag. Reinhard Furrer, der deutsche Astronaut, hat das Diktafon in den Weltraum mitgenommen, er war ja Wissenschaftler, ein sehr kontrollierter Mensch, aber das Weltall hat ihn so überwältigt, dass er auf dem Band jenseits des Sprachgeräts ist, ganz offen. Er hat das Tonband auch während des Starts laufenlassen und da wird von einem Moment zum anderen der kühle Wissenschaftler zum Space-Cowboy. Jeder kann das hören. Das ist so ein kostbarer Fund und es war schön, diese eine Stunde dokumentarisches Bandmaterial mit Console nach einem Hinweis von Martina Müller-Wallraf auf das Material zu einer kleinen O-Ton-Space-Oper verarbeiten zu können. Ich schreibe so ungern. 

Sie schreiben ungern und lassen die Sachen lieber entstehen... 

Ammer: Ich baue eine Versuchsanordnung auf, mit der was entsteht, woraus man etwas machen kann. Das kann ein Buch sein, das kann ein Tonband sein, das können Menschen sein, meistens muss ich dann doch noch schreiben, aber eigentlich finde ich als Schüler der Avantgarde, Kunst ist genug gewesen, sie hat ihr logisches Ende gefunden mit John Cage, James Joyce und Marcel Duchamp. Diese drei haben quasi logisch die Kunst beendet, vollendet. Jetzt kann man nur noch variieren. Die Medien hingegen sind neu; sie kann man bespielen, auch als Künstler. Ich werde nie ein Buch schreiben, hoffe ich. Habe aber in meiner frühen Radiozeit mal ein dreiteiliges Feature über das "Ende der Kunst" geschrieben. Es ging um James Joyce, den Vollender der Literatur, John Cage, den letzten Komponisten und Marcel Duchamp, der die Kunst höflich verabschiedet hat. Der BR wiederholt es jetzt noch einmal. 

Sie arbeiten mit Readymades? 

Ammer: Nicht mit Readymades, ich baue lieber Plätze oder Versuchsanordnungen, in denen Kunst entstehen kann, auf, und wenn die Falle dann zugeht, hat man was drin, womit man arbeiten kann. 

Befruchten sich Ihre Arbeiten für das Radio und das Fernsehen? Ziehen Sie aus der Arbeit für das eine Medium etwas für das andere Medium?  

Ammer: Ich glaube nicht. Die Grundhaltung ist natürlich dieselbe, also die Grundhaltung, Formate zum Äußersten zu treiben, sich aber trotzdem dem Medium selbst verpflichtet zu fühlen. Beim Radio ist eine immaterielle Existenz wichtig, damit man überhaupt Radio machen kann. Es ist ganz schwer, Radio zu machen aus literarischen Texten, das macht mir keinen Spaß. Es passt nicht zu dem Medium. Die gehören ins alte Medium Buch.

Ich habe aber mal beim BR für das Radio eine Weihnachtsserie gemacht mit Prominenten im Museum. Das war wie die Fußballreportage, die mein größtes Vorbild im Radio ist. Die Fußballreportage funktioniert nämlich im Radio, obwohl man sich nichts drunter vorstellen kann. Alles teilt sich über die Stimme des Reporters mit, die Emotion und die Geschwindigkeit, mit der er redet. Man kann sich nie vorstellen, wo ein Spieler ist, wie er aussieht, aber trotzdem teilt sich das, was im Stadion passiert, eins zu eins mit. Da ist ein Medium bei sich selbst. Es versucht nicht, das was passiert, eins zu eins abzubilden. Der Reporter sagt nicht: Jetzt rennt er mit soundsoviel Stundenkilometern im spitzen Winkel und der Torwart steht viel zu weit in der rechten Ecke, dazu ist gar keine Zeit. Der ganze Inhalt muss sekundär produziert werden und er wird produziert durch die Aufregung des Reporters. Redet er schneller, heißt das, jetzt ist die Chance da und es ist völlig egal, wo der Spieler steht.

So etwas ähnliches habe ich versucht mit der Radio-Reihe "Im Museum mit...", ich war mit Günther Koch oder Günther Beckstein und einem Dutzend anderen im Museum. Die haben nur über Bilder geredet. Im Radio, wo keiner die Bilder sieht! Eine ganz tolle Folge war die mit Hans Magnus Enzensberger in der Alten Pinakothek in München. Er hat nur über die Bilder geredet und man hat sie vor sich gesehen wie man das Fußballfeld vor sich sieht. Er stand vor einem Bild von Breughel und sagte, schauen Sie mal, man sieht überhaupt nicht, wo der Jesus ist, so klein ist der. Als Radiohörer hat man null Bildinformation. Die Sachinformation ist: Hans Magnus Enzensberger steht vor einem Bild und sieht den Jesus nicht. Dadurch wie er das sagt, war einem das Bild völlig präsent, obwohl keine Einzelheiten beschrieben werden.

Ich versuche immer, für das Medium zu denken und dann weiterzugehen. Die Formen des Magazins kann man zwar versuchen, anders zu interpretieren, aber man muss sich immer vergegenwärtigen: das muss als Fernsehen funktionieren! Da muss ein glaubhafter Protagonist vorne stehen! Das muss eine Gestalt sein, die muss aufgebaut werden. Das kann man augenzwinkernd machen, so wie Denis Scheck sich mit einem gewissen Schuss Selbstironie versehen kann, eine Gestalt, die immer im Anzug ist. Wahrscheinlich - vermuten wir alle - wird es Denis Scheck auch ohne Anzug und Krawatte geben, aber nie in "Druckfrisch". Da wird er immer der gut gekleidete Denis Scheck sein. Er muss vielleicht mal im Anzug in einen Hot Pot in Island steigen, aber den Anzug wird er immer tragen. Das ist Fernsehen. Ich sehe gerne was, was über das Dargestellte hinausgeht. So hoffe ich manchmal, dass man "Druckfrisch" nicht nur anschaut, um den Autor reden zu hören, sonst könnte man lieber gleich sein Buch lesen. 

Ich habe das Gefühl, dass sich das heutige Fernsehen immer weiter entfernt vom richtigen Leben. Es wird immer mehr gescriptet, immer mehr geplant, in den Talkshows werden die Gäste ganz genau danach ausgesucht, wer wie auf wen reagiert und wehe, die Gäste erfüllen nicht die Rollen, für die sie eingeladen wurden. Was treibt die Fernsehmacher da an?  

Ammer: Teilweise ist das ja nur professionell. Wir sind davon nicht so weit entfernt. Der ideale Gast für "Druckfrisch" ist - zynisch gesprochen - eine junge, blonde, gut aussehende Holocaust-Überlebende. Reden muss sie auch noch können. So schnitzt man sich den idealen Gast. Der stotternde Schriftsteller mit Hasenscharte, der ein Buch über philippinische Eingeborene geschrieben hat, hat es ein bisschen schwerer, in "Druckfrisch" zu kommen. Vor allem muss man sich selbst auf den Schriftsteller freuen, voll konzentriert sein und alle Offenheit haben. Wenn wir unsere Kameras aufgebaut haben und die Scheinwerfer stehen, dann kann alles passieren und wir werden nicht verhindern, dass der Gast aufsteht und sagt: "Schauen Sie mal da hin." Wenn das passiert, ist es schön. Und wenn jemand kommt und sagt, was drehen Sie hier, ist das schön. Es ist schade, dass die Realität, also das offene Hingucken, im Fernsehen kaum mehr zugelassen wird.

Ich möchte nicht Leute drehen, denen ich vorher gesagt habe, was sie sagen sollen. Ich möchte die Leute nicht vorführen oder zu einer Uneigentlichkeit verführen. Deswegen versuche ich immer, die Leute zum Leben vor der Kamera zu bringen. Das ist schwer genug, funktioniert nicht immer, aber dass das Fernsehen das sonst eigentlich gar nicht mehr zulässt, ist komisch. Es gibt in den Medien inzwischen so eine standardisierte Sicht auf Konflikte. Da kann keine Erkenntnis stattfinden.

Zwei Interviews bei "Druckfrisch" sind in diesem Zusammenhang richtig schön, das eine war mit Christian Kracht, der plötzlich anfing zu erzählen, er wolle in Buenos Aires eine neoperonistische Partei gründen und er wolle die Falkland-Inseln zurückerobern und "Herr Scheck, es ist klar, es wird nicht ohne Gewalt gehen". 

Und was hat Denis Scheck dazu gesagt?  

Ammer: Er nahm diese Lüge, die eigentlich ein Moment der Wahrheit war, nickend und widerspruchslos zur Kenntnis. Währenddessen standen sie in einem unterirdischen Abwasserkanal unter einem goldenen Kronleuchter. Da war Fernsehen plötzlich für einen kurzen Moment Kunst. Der andere Glücksmoment war mit Michel Houellebecq auf dem Züricher See. Michel Houellebecq ist berüchtigt, kein einfacher Interviewpartner, sagt gerne mal gar nichts und ist schlecht gelaunt. Und es war so wunderschönes Wetter, wir hatten Stühle aufgebaut auf einer schwimmenden Insel im Züricher See, es war ein Traumtag und dann kam Houellebecq mit seiner schlechten Laune und man merkte ihm richtig an, dass er sich eigentlich als diese kauzige Kunstfigur, die er auch ist, stilisieren wollte, aber es ging nicht, es war einfach zu schön. Denis fragt ihn: Ist heute ein guter Tag, um Selbstmord zu begehen? Da musste selbst Michel Houellebecq sagen, na ja. Da ist das Leben mit aller seiner Kraft eingebrochen in die Inszenierung. So etwas kann man nicht planen, aber ihm eine Falle bauen, es aufzeichnen und es dann senden, das kann man. Fehlt nur noch die Musik dazu, die es größer macht als das Leben.
Aus epd medien Nr. 3 vom 20.01.2012   > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)