Kritik
Es gibt keinen Grund
VOR-SICHT: "Macht Euch keine Sorgen", Fernsehfilm, Regie: Emily Atef, Buch: Jana Simon, Kathi Liers, Kamera: Michael Kotschi, Produktion: Zero One Film (ARD/WDR, 11.4.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Der Appell steckt hier schon im Titel, aber ganz so publikumsdidaktisch einfach ist es zum Glück dann doch nicht. "Macht Euch keine Sorgen" heißt der Spielfilm von Emily Atef nach dem Buch von Jana Simon und Kathi Liers über einen jungen deutschen IS-Konvertiten, und natürlich ist das Gegenteil gemeint: Macht Euch Sorgen - um Jakob (glaubwürdig besetzt mit Leonard Carow), der mit seinem Freund Falk (Tilman Pörzgen) eines Tages nach Syrien verschwunden ist, um sich dem "Kalifat" anzuschließen und für den "Islamischen Staat" zu kämpfen, ohne dass seine zugewandten Eltern irgendetwas ahnten.

Macht Euch Sorgen darüber, was aus Jakob bei seiner Rückkehr nach Deutschland geworden ist. Hat ihn der IS als Schläfer und zur Vorbereitung von Terroranschlägen geschickt? Schaut hin. Redet, aber lasst Euch nichts einreden. Urteilt nicht vorschnell, aber bildet Euch eine begründete Meinung. Hinterfragt Eure liberale Grundhaltung. Ist sie nur Bequemlichkeit, und wo gäbe es tragfähige Alternativen zur gelebten Toleranz? Simple Verbote sind es sicher nicht.

Macht Euch nicht zuletzt auch Sorgen um Euch selbst und die Familien, die ein solcher Bruch trifft. Vertrauen, so heißt es, kommt zu Fuß und flieht zu Pferd. "Wir haben nichts gegen den Islam", betont Simone Schenk (Ulrike C. Tscharre). Dass ihr Sohn Jakob in die Moschee ging und sich intensiv mit Glaubensfragen beschäftigte, war ihr, der gläubigen Christin, nur recht. Jakob hörte als Moslem auf zu kiffen, trank keinen Alkohol mehr, wurde aufmerksamer, höflicher.

Ein 19-Jähriger, irgendwie dazwischen, fertig mit dem Abitur, kurz vor der Bewerbung zur Uni. Keine Freundin. Sportlich unterwegs mit dem Badminton-Team, vermeintlich ist er gerade auf Kurztrip in Spanien mit seinem Freund Sebastian (Paul Lux), als Beamte des Landeskriminalamts mit Durchsuchungsbeschluss bei Familie Schenk klingeln. Gerade haben Stefan Schenk (Jörg Schüttauf), Simone und Tochter Marie (Emilia Bohrisch) vor dem Abendessen gebetet. Sie arbeitet als Optikerin, er ist Verwaltungsangestellter im Bürgeramt der Stadt, Mittelschicht mit gepflegter Immobilie. Die Eltern gehen harmonisch miteinander und mit den Kindern um, zu denen auch noch der Älteste, David (Leonard Scheicher) gehört. Es gibt keinen Grund zur Radikalisierung, so stellt es das Buch von Simon und Lier dar.

Bald ist es Gewissheit. Jakob ist in Syrien. Jeden kann es treffen, so inszeniert es auch Emily Atef in unaufgeregter Tonlage. "Macht Euch keine Sorgen" ist dabei vor allem ein Vater-Sohn-Film. Jörg Schüttaufs Mimik, seine Handlungen, seine bildstarke Nachdenklichkeit geben dem Film Rhythmus und Perspektive. Erzählt wird chronologisch, mit einer einzigen Rückblende. Stefan Schenk erinnert sich, wie sein Sohn Jakob bei einer Gelegenheit seine Schrittfolge zur Toilette immer wieder unterbrach, zurückging, erneut variierend einen Fuß vor den anderen setzte. Nur mit links, der unreinen Seite, dürfe man über die Schwelle zur Toilette treten. Stefan fand das bedenklich, aber nicht sehr.

Während das LKA ermittelt, informieren sich die Eltern. Die Texte, die die Beraterin - in erster Linie als Informationsblock für den Zuschauer - im ersten Teil des Films mehrmals aufsagt, klingen nach Laubsägearbeit. Mancher könnte versucht sein abzuschalten und damit den intensiven sinnlicheren zweiten und dritten Teil des Spiels verpassen. Nach mehreren telefonischen Kontakten und Internetrecherchen reist Stefan mit Sohn David ins Grenzgebiet. Jakobs Stimme wirkte verängstigt. Ein zermürbendes Warten auf Lebenszeichen beginnt. Die Männer sprechen kein Wort Arabisch, Stefan kaum Englisch. Hier hat "Macht Euch keine Sorgen" starke, von Schüttauf und Scheicher intensiv gespielte Momente. In den Vordergrund tritt eine zweite Vater-Sohn-Geschichte, die auch eine Geschichte brüderlicher Eifersucht ist. Gefühlsausbrüche gibt es dennoch wenige, der Kamerablick beobachtet mit Tiefenschärfe, der Ton bleibt meistens lakonisch.

Jemand versucht, Stefan das Lösegeld für Jakobs Freilassung zu rauben. Dann ist er da, im Hinterzimmer eines Kaffees, wortlos und erschöpft, unspektakulär. Mit "Heimweh" erklärt er sein Motiv dem LKA-Beamten Lehnert (Rainer Sellien) später. Ist das glaubwürdig? "Können wir in seinen Kopf sehen?" fragt Lehnert rhetorisch. Der Nachbar hinter der Hecke lauert: "Man weiß ja nicht." Maries Lehrer sind alarmiert, nachdem sie ein vollverschleiertes Selbstporträt malt. Jakob, der bis zum Prozess frei ist, soll das Mädchen nicht mehr abholen, die anderen Eltern haben Angst. Simone zitiert aus den Galater-Briefen: "Die Kraft aber des Geistes ist Liebe, Frieden, Güte, gegen die steht kein Gesetz."

Der Film endet mit einer Volte, die zeigt, dass das Misstrauen gegenüber Jakob berechtigt ist - die aber nichts entscheidet. So einfach macht es uns Emily Atef nicht. Im Gegensatz zu "Brüder" und der Miniserie "Bruder - Schwarze Macht" setzt der Erzählbogen hier auf Deeskalation - und gewollte Verunsicherung am Schluss.
Aus epd medien Nr. 14 vom 6. April 2018

Heike Hupertz