Tagebuch
Emanzipation heute? Ja, aber bitte ohne eigenes Frauenmagazin!
Frankfurt a.M. (epd). Obwohl Mann und Frau rechtlich gleichgestellt sind, existieren auch im Jahr 2017 noch Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern. Arbeiten ein Mann und eine Frau beispielsweise im gleichen Job, erhält er oft am Ende des Monats mehr Gehalt als sie. Für den Lohnunterschied gibt es keinen spezifischen Grund, nur das Geschlecht unterscheidet die Kollegen. Um solche Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, startete der WDR am 23. Januar 1997 eine Fernsehsendung speziell für Frauen. Den 20. Geburtstag feiert "Frau tv" im gesamten Oktober - zehn Monate nach dem eigentlichen Termin. Doch nicht nur die Jubiläumsfeier hinkt zeitlich hinterher, sondern auch das Konzept einer Frauensendung.

"Frau tv hakt nach, mischt sich ein, regt sich auf - wenn es sein muss, bis es knallt", beschreibt der WDR die Sendung anlässlich des Jubiläums. Doch bislang blieb dieser Knall aus. Die langjährige "Frau tv"-Moderatorin Lisa Ortgies fordert die Frauen selbst auf, sich aktiver einzusetzen: "Frauen sagen zwar ihre Meinung und solidarisieren sich, andererseits funktionieren sie weiter und resignieren zu oft bei Benachteiligungen", sagte sie dem WDR. Wenn die Entwicklung in diesem "Schneckentempo" weitergehe, würden nach Ortgies vielleicht erst in 200 Jahren Familienarbeit, Lohn und Führungsjobs gerecht verteilt sein. Doch ist nicht auch eine Frauensendung eine solche Form der Resignation? "Frau tv" spricht ebenfalls nur über die frauenpolitischen Themen und solidarisiert die Frauen, darüber hinaus passiert nicht viel.

Zugegeben: Die Sendung wirkt mit ihrem modernen Auftreten, aktuellen Themen und der lockeren Moderation per Du mit den Zuschauerinnen schon zeitgemäß. Ich falle mit 21 Jahren zwar nicht unbedingt in die "Frau tv"-Zielgruppe der 35- bis 55-Jährigen, finde die Themen der Sendung aber wichtig. Doch es widerstrebt mir, eine reine Frauensendung zu gucken. Ihr Konzept, das sich laut dem WDR "in erster Linie an Frauen" richtet, passt nicht zu der emanzipierten Gesellschaft, die heute schon existiert, aber - wie von "Frau tv" gewünscht - noch ausgebaut werden muss. "Frau tv" stellt einen Widerspruch dar: Die Sendung kämpft für die gleiche Behandlung der Geschlechter, trennt diese aber selbst.

Diesen Widerspruch haben die Zeitungen bereits vor Jahren erkannt - und die speziellen Frauenseiten aus ihren Blättern verbannt. Das ZDF stellte am 1. Juli nach 29 Jahren sein Frauenmagazin "Mona Lisa" - das sich zuletzt zum allgemeinen Gesellschaftsmagazin wandeln wollte - ein. Das Aus begründete ZDF-Intendant Thomas Bellut damit, Themen aus Sicht der Frauen "ganzheitlich" bearbeiten zu wollen. Eine monothematische Zielgruppensendung passe nicht mehr richtig ins Bild. Diese Einschätzung teilt der WDR offenbar nicht.

Eine große Sendeanstalt wie der WDR, der mit "Frau tv", den "Feminismus gestalten" und "den Zuschauerinnen Mut machen" will, muss selbst ein Vorbild sein: Indem die Frauenpolitik nicht in einer geschlechtsspezifischen Sendung nach 22 Uhr läuft, sondern im Programm für jedermann.

Der Vorwurf, eine reine Frauensendung verstecke die wichtigen frauenpolitischen Themen in einer Nische, ist beim WDR natürlich nicht ganz angebracht, denn neben "Frau tv" thematisieren auch andere WDR-Sendungen diese Themen: "Menschen hautnah" zeigt beispielsweise Reportagen über Frauen, die unter ihrem alkoholkranken Mann leiden, oder Mütter mit Burn-out. Das Interesse beider Geschlechter an den Themen bestätigen jedenfalls die "Frau tv"-Zuschauerzahlen: Unter den 570.000 Zuschauern, die in diesem Jahr bisher durchschnittlich pro Sendung in ganz Deutschland erreicht wurden, waren zu 30 Prozent Männer.
Aus epd medien Nr. 43 vom 27. Oktober 2017

Patricia Averesch