Tagebuch
Don't mention the war. Facebooks Algorithmus und das K-Wort
Frankfurt a.M. (epd). Jetzt will Facebook alles richtig machen. Noch vor ein paar Wochen durfte jeder ungestraft hetzen, ungeachtet einer Netiquette oder des Grundgesetzes. Kürzlich forderten Politiker Facebook auf, sich in Deutschland an deutsche Gesetze zu halten. Also bildete Facebook kurzerhand eine sogenannte Task Force. Hand aufs Herz: Sie dachten auch nicht, dass sich wirklich etwas ändern würde, oder? Nun, da haben wir Facebook wohl unterschätzt. Facebook hat seine Hausaufgaben gemacht - und wie!

Wie andere Medien nutzt der Evangelische Pressedienst das soziale Netzwerk, um auf seine Artikel zu verlinken. Das Thema NS-Geschichte mit all ihren Facetten ist ein Schwerpunkt der Nachrichtenagentur. Deshalb sind Beiträge, die dieses Thema aufgreifen, keine Seltenheit. Doch ließ sich etwa ein Beitrag deshalb nicht posten, weil Facebook seine Hausaufgaben gemacht hat?

Der Artikel, auf den verlinkt wurde, handelt vom ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen und davon, dass bereits fünf Monate nach dessen Befreiung der erste Prozess gegen die Täter stattgefunden hat. Im Teaser kamen unter anderem folgende Worte vor: Konzentrationslager, Anklage, Täter, NS-Kriegsverbrecherprozess. Keine gute Wahl - das K-Wort im Teaser, mit einem deutschen Account. Das ist doch Volksverhetzung! Deshalb geht sofort ein Fenster auf, das mich an der Veröffentlichung des Beitrags hindert: "Diese Nachricht enthält Inhalte, die von unserem Sicherheitssystem blockiert wurden."

Wenn ich anderer Meinung sei, könne ich das Facebook mitteilen. Klar mache ich das - ich bin ja kein Nazi und ich will auch nicht hetzen, sondern lediglich auf einen epd-Artikel in der "Jüdischen Allgemeinen" verweisen. Das schreibe ich auch Facebook. Und warte auf eine Antwort. Die natürlich nicht kommt. Also suche ich im Internet nach einem Pressekontakt von Facebook. Auf der Seite von Facebook komme ich nämlich nicht weiter. Warum auch? Die Medien brauchen Facebook, Facebook aber braucht niemanden.

Nach einer kurzen Recherche finde ich den Namen von Tina Kulow. Sie ist zuständig für Corporate Communications und wird als Pressekontakt genannt, samt Handy- und Telefonnummer. Ich freue mich. Ich rufe an. "This is the mailbox of…." Die sympathische Computerstimme nennt mir die Nummer, die ich schon kenne. Ich darf eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Ich freue mich. Ich fange an zu sprechen - und werde nach fünf Sekunden abgewürgt. Ich freue mich nicht mehr. Also schreibe ich eine Mail: "Sehr geehrte Frau Kulow… ich würde Sie bitten, diese Situation zu klären, damit wir unsere Inhalte bald wieder verlinken können."

Drei Stunden später meldet sich Frau Kulow, ungewohnt vertraut: "Liebe Frau Makowski Danke für Ihre Email - habe es an meine Kollegen weitergeleitet und wir melden uns. Beste Grüße Tina Kulow." Ich fühle mich ein bisschen geschmeichelt. Facebook. Antwortet. Mir. Und Tina hat nicht zu viel versprochen: Prompt meldet sich der Hebig Heiko - ungezwungen, locker, freundschaftlich. Also ohne Anrede und Groß- und Kleinschreibung ignorierend: "das vermutlich ein bug bei uns. können sie bitte einfach nochmals neu versuchen, den beitrag neu zu veröffentlichen? heiko hebig - email sent from mobile phone" (Man kennt das: Tippt man schnell eine Nachricht ins Smartphone, kann schon mal das Verb fehlen.)

Ich bin einigermaßen verwundert. Um nicht zu sagen irritiert. Soll das der Pressekontakt von Facebook sein? Ein kurzer Check im Internet: Heiko Hebig, so sagt es mir Xing, ist Partnership Manager von Facebook. Wer hat hier mit wem 'ne Partnership? So wie es aussieht Heiko mit mir. Und noch etwas verwirrt mich: Ein bug, ein Programmierfehler also, soll dafür verantwortlich sein, dass ich am Posten eines Beitrags gehindert werde? Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass Facebook einfach seine Hausaufgaben gemacht hat und jetzt alles, wirklich alles, richtig machen will.
Aus epd medien Nr. 40 vom 2. Oktober 2015
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Elisa Makowski