Kritik
Die Welt der Toten
"Der namenlose Tag", Fernsehfilm, Regie und Buch: Volker Schlöndorff nach dem Roman von Friedrich Ani, Kamera: Tomas Erhart, Produktion: Provobis (ZDF, 5.2.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Fester Bestandteil der meisten Krimis ist eine Szene, in der die Kommissare den ahnungslosen Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod ihres Angehörigen überbringen müssen. Den Schock aufzufangen, den eine solche Nachricht auslöst, dieser Aufgabe sind nur die wenigsten gewachsen. Aber "Der namenlose Tag" ist kein üblicher Krimi, und Jakob Franck (Thomas Thieme) ist kein üblicher Kommissar: Er ist geschiedener Kripobeamter im Ruhestand, der von seinen Kollegen noch immer angerufen wird, wenn wieder eine Todesnachricht überbracht werden muss. Man sieht ihn in einer Szenenfolge zu Beginn, wie er mit schweren Schritten durch die Straßen geht, an Haustüren klingelt, Wohnungen betritt, sich vorstellt und die Worte spricht: "Ich muss Ihnen eine sehr traurige Nachricht überbringen. Wollen wir uns setzen?"

Mit diesem Jakob Franck hat Friedrich Ani, nach Tabor Süden, Polonius Fischer und Jonas Vogel, eine neue Figur in seine Romane eingeführt. Und dass Volker Schlöndorff, Oscar-Preisträger und Spezialist für die Verfilmung von Literatur, diesen Roman fürs Fernsehen adaptiert hat, ist ein Glücksfall. Denn Schlöndorff - ebenso wie die Kameraarbeit von Tomas Erhart und der großartig zurückgenommen spielende Thomas Thieme - evoziert im Filmischen genau die Sensibilität und die tiefe Melancholie, die der Romanfigur eingeschrieben sind, einer Figur, die aus dem Off bekennt: "Ich habe mich für die Welt der Toten entschieden."

In diese Welt ist auch die 17-jährige Esther Winther (Stephanie Amarell) entschwunden, die zwei Jahre zuvor an einem Baum im Park erhängt gefunden wurde. Jetzt kommt der Fall zu Franck zurück: Esthers Vater, Ludwig Winther (Devid Striesow), meldet sich bei ihm, denn seine Frau Doris (Ursina Lardi) hat sich ebenfalls erhängt, an einem Baum im Garten. Mit dieser Mutter hat selbst der ungewöhnlich einfühlsame Franck damals etwas Außerordentliches erlebt: Sieben Stunden lang hielt er die Verzweifelte in seinen Armen fest, nachdem er ihr die Nachricht vom Tod der Tochter überbracht hatte. Winther bezichtigt nun Franck der Mitschuld am Selbstmord seiner Frau, die über den Tod der Tochter nie hinweggekommen sei, und verlangt von ihm, "Esthers Mörder zu stellen", denn Esther, die "nie ein Kind von Traurigkeit gewesen ist", hätte sich nicht selbst erhängt.

Jakob Franck nimmt also die Ermittlungen wieder auf. Und das Besondere an seiner Methode ist mehr als Intuition, eine Fähigkeit, die üblicherweise weiblichen Kommissaren zugeschrieben wird. Francks Methode dagegen ist "Gedankenfühligkeit": Er legt sich nachts auf sein Bett, schließt die Augen, lässt Erinnerungen und Begegnungen vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Filmisch erscheinen sie als szenische Rückblenden und Erinnerungsfetzen an der Zimmerdecke, während die Scheinwerfer der draußen vorbeifahrender Autos die Szenerie zugleich erhellen und verschatten: ein Stilmittel, mit dem Schlöndorff dem expressionistischen Stummfilm Reverenz erweist.

Bei Tag aber macht Franck sich auf, um Esthers beste Freundin Sandra (Jochanah Mahnke) und ihren Freund Jan Roland (Thomas Prenn) zu befragen, auch den Zahnarzt Dr. Jordan (Jan Messutat), den Esthers Vater für den Mörder seiner Tochter hält, denn von Jordan weiß man, dass er jungen Mädchen nachstellt. Schließlich fährt er sogar nach Berlin zu Doris' Zwillingsschwester Inge (die brillante Ursina Ladi in einer Doppelrolle), eine gescheiterte, dem Alkohol zugeneigte Malerin, die sich mit Malkursen an der Volkshochschule über Wasser hält. Sie war Esthers Lieblingstante, wurde von ihr bewundert und häufiger besucht, kann aber auch, wie alle anderen, nichts darüber sagen, was in ihrer Nichte vorgegangen ist. Auch von ihrer Schwester Doris weiß sie nur, sie sei "plötzlich verstummt", ihr Selbstmord sei "eine Anklage, ein Fanal" gewesen: "Sie hat mich kurz vor ihrem Tod besucht. Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen."

Und dieses "plötzliche Verstummen", diese Selbstanklage liegt, auch unausgesprochen, wie ein Schatten über dieser Tragödie zweier toter Frauen, die beide vor ihrem Tod verstummt sind. Die Mutter hat ein Tagebuch und eine Nachricht an ihren Mann hinterlassen: "Ich gehe. Ich will dich nicht mehr sehen." Die Tochter dagegen hat nichts hinterlassen, was auf ihren Selbstmord hingedeutet hätte. Und nach und nach enthüllt sich durch die einfühlsamen Fragen von Franck die Tragödie einer Familie, die an Schweigen, Hilflosigkeit, Missverständnissen und Gerüchten zugrunde ging. Der Vater, ein Hosenverkäufer, der für das Eigenheim und den Wohlstand der Familie geschuftet hat, fühlte sich von seiner Tochter erpresst: Sie hätte aus Wut, weil er "kein Geld für Klamotten und Reisen" hatte, das Gerücht gestreut, er habe sie sexuell missbraucht. "Die Leute glaubten das." Sogar seine Frau habe ihn für einen "Kinderschänder" gehalten. Mit ihrem Selbstmord "wollte sie mich vernichten. Und sie hat mich vernichtet."

Die einzigen Lichtblicke in dieser von Tod und Düsternis umwölkten Tragödie sind Francks Besuche im Antiquariat von Marion Siedler (Tina Engel). Ob sie seine Exfrau oder eine gute Freundin ist, wird nicht klar. Aber nur bei ihr und ihrem freundlich spöttischen Umgang mit ihm ("du kannst dich auch mal für Lebende engagieren") hellt sich seine Miene auf. Er fragt sie auch um Rat: "Esther war klug. Sie hatte Freunde. Warum bringt sie sich um, was denkst du?" Marion antwortet: "Ich denke, sie war nicht klug, sie hatte keine Freunde, und sie wollte bestimmt nicht sterben." Damit, dass Esther nicht sterben wollte, behält Marion, ohne es zu wissen, recht. Aber auf eine Weise, die am Ende dieser mit "Gedankenfühligkeit" inszenierten und brillant gespielten Familientragödie den Atem stocken lässt.

Aus epd medien Nr. 5 vom 5. Februar 2018

Sybille Simon-Zülch