Kritik
Die Unordnung der Welt
VOR-SICHT: "Was ich von dir weiß", Fernsehfilm, Regie und Buch: Isabel Kleefeld, Kamera: Martin Langer, Produktion: Zeitsprung Pictures (ZDF, 28.8.17, 20.15-21.45 Uhr)
in Frankfurt/Oder (epd). "Weil die Wahrheit immer subjektiv ist." Ruth Seger (Thekla Carola Wied) studiert nach ihrer Pensionierung Philosophie. Die Existenzphilosophie Kierkegaards fasziniert sie. Früher ging sie als Chemielaborantin den Dingen naturwissenschaftlich auf den Grund. Mit ihren Enkeln experimentiert sie noch heute mit Hingabe, freut sich an deren Augen bei der chemischen Reaktion zweier Substanzen. Das Wunder der Schaumbildung, gebührend gewürdigt mit staunendem Kinderblick.

Sinnfragen des Seins aber beantwortet die Chemie nicht. Jetzt, nach 40 Jahren Ehe mit Martin (Uwe Kockisch), gibt es Fragen, die für Ruth drängend geworden sind. Wo blieb das Glück? Woher kommen das Schweigen und das Unglück in dieser Ehe? Wann war die Wende, die aus der Ehe die Freude heraustrieb? Sohn Daniel (Daniel Wiemers) weiß mehr über die Hintergründe der Tragödie als seine Mutter. Aber auch mit seiner eigenen Ehe steht es nicht zum Besten. Mit Inez (Neda Rahmanian) besucht er regelmäßig eine Paartherapie. Den Kindern wird vorgemacht, dass die Eltern auch mal Zeit für sich im Kino benötigen. Ruth spielt mit und mit den Kindern.

Ehe und Familie, eine generationenübergreifend funktionierende Betrugsmaschinerie mit Strategien und Entwürfen zum vermeintlich Besten der Beteiligten. Wahrheit, das ist die Ausgangslage in diesem Film, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Aber nur auf der unmittelbaren Ebene des bloßen, fast ausschließlich chronologisch dargelegten Geschehens. Lebenslügen werden zerstört, eine nach der anderen. Die Aufdeckung der Lüge aber führt nicht zur Wahrheit. Oder nur zu einer ganz bestimmten.

"Was ich von dir weiß" ist eine tragische Ehegeschichte, die sich vom Krimi-Einerlei des ZDF-"Fernsehfilms der Woche" durch Komplexität, Stringenz, überlegt bildgestaltende Erzählung und Denkangebote wohltuend abhebt. Intellektuell unterfordert wird der Zuschauer nicht. Man schmeißt dem Publikum auch keine übermäßig steilen Thesen vor die Füße. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass manche diesen Film als Werbung für ein Philosophiestudium betrachten werden. Dass geisteswissenschaftliches Theoretisieren kein harmloser Zeitvertreib ist, kann einem unmittelbar einleuchten.

Isabel Kleefeld ("Arnies Welt") nimmt in ihrem selbst inszenierten Drehbuch Kierkegaard - allerdings einen vom Theologischen weitgehend befreiten - als philosophischen Leitwolf und subversiven Gedankenstreuer und lässt ihn im Zitat eines gelehrten Professors an jeder zentralen Stelle ihres Films auftreten. Wahrheit ist das zentrale Thema in der Vorlesung des Professors Georg Seveking (August Zirner), des Fachmanns für die Ansichten des dänischen Theologen und Philosophen K., der die Zerbrochenheit und das Sinnlose in das Zentrum seiner Weltbetrachtung stellte. Angst und Verzweiflung müssen nach Kierkegaard die Antwort auf diese Zerbrochenheit sein (Professor Seveking kürzt ab: "Die Welt ist nie in Ordnung"). Entscheidend ist ein Leben im "Paradoxen" als Hingabe an christliche "Wahrheit" bis hin zum Martyrium und Selbstopfer.

Georg Seveking, der "Liebhaber der Wahrheit", nichts anderes heißt ja "Philosoph", ist seit einiger Zeit gleichzeitig der Liebhaber Ruths. Einen Lehrstuhl an der Sorbonne hat man ihm gerade angetragen. Er will, dass sie mit ihm nach Paris geht. Das alte Leben nach vier Jahrzehnten verlassen? Martin Langer findet Bilder für das Zusammenleben von Ruth und Martin, die ihre unterbrochene Verbindung in dezenter Drastik zeigen. Ein frei stehendes, unpersönliches Haus wie Dutzende andere. Rasenmähen, gemeinsames Frühstücken ohne Blick füreinander, während das Radio die Blitzermeldungen des Tages gut gelaunt herausposaunt. Hier die Zeitung, dort das Buch neben dem Teller.

Thekla Carola Wied und Uwe Kockisch spielen ihr Nebeneinanderherleben mit großer Überzeugungskraft. Dass in dieser Ehe Emotionen aber nicht verendet, sondern nur unterdrückt sind, zeigt auch Kockisch als Ex-Polizist Martin eindrücklich. Ehrenamtlich hilft er im Tierheim. Als eine Hündin, deren Welpe gestorben ist, nicht mehr fressen will, gibt er ihr das tote Tierkind zum Abschiednehmen. Sie leckt es behutsam trocken - und frisst dann wieder. Zeit, das Junge zu begraben.

Kleefeld verschränkt diesen Zweig der Geschichte mit den Hauptgeheimnissen hinter der gescheiterten Beziehung von Ruth und Martin. Die Tierpflegerin Melanie (Jasmin Schwiers), das erzählt Sohn Daniel schließlich seiner Mutter, ist seit 20 Jahren Martins Geliebte. Er hat sie, heißt es, einst gerettet. Auch Ruth hatte mit Martin ein totes Kind zu betrauern. Vor 20 Jahren starb Tochter Alina bei einem Autounfall. Das ist die Version, die Ruth kennt. Die Wahrheit wird in "Was ich von dir weiß" der einzigen Rückblende des Films anvertraut. Es war anders. Martin hat für seine Frau eine vermeintlich schonendere Version erfunden - um die Schuldfrage auszusetzen. Das hat gemeinsame Trauer unmöglich gemacht.

Der spannende Film ist, siehe oben, kein Krimi, es gibt keinen Kriminalfall, aber man könnte ihn mit gutem Grund einen philosophischen Metakrimi nennen. Durch die filmische Ermittlung der Vergangenheit wird die Ordnung nicht nur der Taten, sondern auch des Denkens wiederhergestellt. Was im Krimi die Kommissarsfigur, ist hier Kierkegaard, vertreten durch seinen Anwalt Professor Seveking. Gut kann es nicht mehr werden in der Ehe von Ruth und Martin, aber besser. Und zum Besseren gehört auch ein würdiges Abschiednehmen. "Was ich von dir weiß" ist kein hoffnungsloser Film. Kleefeld hat in ihm mehr Wahrheiten verarbeitet als im Fernsehfilm üblich.

Aus epd medien Nr. 34 vom 25. August 2017.

Heike Hupertz