Kritik
Die Kuh kennt den Mörder
VOR-SICHT: "Mordkommission Königswinkel: Liebe bis über den Tod", Krimi, Regie: Thomas Nennstiel, Buch: Jürgen Werner, Kamera: Reiner Lauter, Produktion: Jojo Film (ZDF, 10.7.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Wenn man die Serien mitzählt, zeigt das Fernsehen jedes Jahr Hunderte von Krimis, da lässt es sich kaum vermeiden, dass Freunde des Genres immer wieder mal Parallelen entdecken. Das gilt auch für den Auftakt zur mutmaßlich neuen ZDF-Reihe "Mordkommission Königswinkel". Schon die Konstellation der Ermittler erinnert an zwei ARD-Sonntagskrimis: Hauptkommissarin Julia Bachleitner (Lavinia Wilson) soll ihren Partner überwachen, weil der angeblich Kontakte zum organisierten Verbrechen hat - genauso begannen 2010 der "Polizeiruf" aus Rostock und 2015 der neue "Tatort" aus Berlin.

Davon abgesehen jedoch ist das Szenario interessant, zumal sich die Handlung im beschaulichen Allgäu abspielt; deshalb beginnt "Liebe bis über den Tod" auch mit Landschaftsaufnahmen. Die kühlen Bergbilder mit den wie im Heimatdrama über den Himmel treibenden Wolkenfetzen, die auch im weiteren Verlauf des Films immer wieder zu sehen sind, vermitteln jedoch keine Beschaulichkeit, und das aus gutem Grund: Im Fluss treibt eine Leiche. Die Kuh auf der Wiese stört das nicht weiter. Knapp 90 Minuten später wird sich allerdings rausstellen, dass sie den Mörder kennt.

Zunächst erzählt Autor Jürgen Werner aber eine ganz andere Geschichte. Während Bachleitner die Leiche begutachtet und man staunend zur Kenntnis nimmt, dass sie gemeinsam mit der Rechtsmedizinerin schon nach wenigen Augenblicken den Zeitpunkt des Todes benennen kann, wird andernorts ein Mann aus dem Gefängnis entlassen: Thomas Stark (Vladimir Burlakov) ist ein verurteilter Mörder, aber bereits nach drei Jahren wieder auf freiem Fuß, weil sein spielsüchtiger Anwalt (Cornelius Obonya) einen Verfahrensfehler entdeckt hat. Stark soll einen verdeckten Ermittler getötet haben, pikanterweise ist er selbst Polizist.

Bachleitner, seine Nachfolgerin bei der Kripo Füssen, muss empört akzeptieren, dass Stark ihr neuer Partner wird. Der Tote aus dem Fluss ist ihr erster gemeinsamer Fall. Der Mann war Reporter der örtlichen Tageszeitung und hat sich normalerweise mit Kleintierzüchtern und Kammerkonzerten befasst, aber nebenbei nach Beweisen für eine richtig große Story gesucht. Und jetzt dreht Autor Werner am ganz großen Rad: Ein vor 25 Jahren von der Bildfläche verschwundener Mafiaboss soll sich in der Gegend zur Ruhe gesetzt haben.

Die Mafia im Allgäu: Das klingt zwar nach typischer Autorenfantasie, ist aber in der Tat regelmäßig Gegenstand von Medienberichten. Lokaler Mafioso ist angeblich Francesco Danesi, Besitzer eines italienischen Restaurants, bester Freund von Stark und Patenonkel seiner Tochter. Ähnlich wie der Polizist ist auch der von Peter Schorn mit dem nötigen Charisma versehene Deutschitaliener eine schillernde Figur: sympathisch, attraktiv, ein wahrer Freund - bis er für einen kurzen Moment die Maske fallen lässt. Der verdeckte Ermittler, den Stark getötet haben soll, war auf Danesi angesetzt.

Die komplexe Geschichte hat nur einen Schönheitsfehler: Werner hat sie in Teilen schon mal erzählt. Nicht nur der Handlungsrahmen, auch die Figuren ähneln seiner Degeto-Reihe "Der Bozen Krimi", die Produktionsfirma Jojo Film ist ebenfalls die gleiche. Auch dort galt ein charismatischer Restaurantbetreiber als Repräsentant der Mafia, auch dort konnte sich die Heldin nicht sicher sein, wem sie noch trauen kann, weil ihr eigener Mann unter Mordverdacht geriet, was für einen gemeinen Cliffhanger sorgte. Dieses Prinzip wendet Werner in seinem Allgäu-Krimi ebenfalls an: In der letzten Szene macht Bachleitner eine Entdeckung, die einen schockierenden Verdacht in ihr weckt.

Natürlich spielen diese Überschneidungen keine Rolle, wenn man die Filme aus Bozen nicht kennt, zumal "Mordkommission Königswinkel" ein guter Krimi ist, der nicht zuletzt von der feindseligen Stimmung zwischen den beiden Hauptfiguren lebt. Die Kollegen, allen voran der Vorgesetzte (Oliver Stokowski), sind überzeugt, Stark sei zu Recht verurteilt worden. Mit der Leiche im Lech kann er nichts zu tun haben, da war er noch im Gefängnis, aber als kurz drauf die Witwe des Opfers erschlagen wird, ist Bachleitner überzeugt, dass Stark in der Sache drinsteckt, zumal die Aufzeichnungen des Journalisten verschwunden sind.

Die beste Idee der Verantwortlichen war die Besetzung der beiden Hauptrollen mit Vladimir Burlakov und Lavinia Wilson. Auf den ersten Blick mag die stets perfekt gekleidete Bachleitner viel zu mondän für ein Kleinstadtrevier sein, doch sie ist die Frau des örtlichen Landrats. Das Paar hat einen großen Glamourfaktor, aber der Polizistin wird auch unterstellt, sie habe ihre Karriere den guten Beziehungen des Gatten zum Polizeidirektor (Hannes Jaenicke) zu verdanken.

Burlakov wiederum ist mit seinen jungenhaften Gesichtszügen ein idealer Schurkendarsteller, kommt als Bösewicht aber schon deshalb nicht infrage, weil er Leonard Cohen hört. Er wird als tragische Figur inszeniert: Angesichts seiner langen Gefängnisstrafe hat er den Kontakt zu Frau und Tochter abgebrochen. Am Ende des Films ziehen die zwei zwar nach Hamburg, aber sonst hat Werner diverse Spuren gelegt, die Material für mindestens eine Fortsetzung enthalten. Das gilt nicht nur für den Schluss, als Bachleitner die Rechercheergebnisse des toten Reporters sichtet, sondern auch für Stark, denn der hat nur eine Möglichkeit, sich vom Mordverdacht reinzuwaschen: Er muss den wahren Mörder des toten Kollegen finden.
Aus epd medien Nr. 27 vom 07. Juli 2017

Tilmann Gangloff