Interview
"Die Kommunikation ist das Format"
Ein epd-Gespräch mit den Funk-Machern Florian Hager und Sophie Burkhardt
Frankfurt a.M. (epd). Lange hat es gedauert, bis das sogenannte Junge Angebot von ARD und ZDF Wirklichkeit werden konnte. Immer wieder hatten Medienpolitiker einen öffentlich-rechtlichen Jugendkanal gefordert, doch erst 2014 beschlossen die Ministerpräsidenten, ein junges Angebot als Netzangebot zu beauftragen - und nicht wie ursprünglich geplant ein trimediales Angebot. Der entsprechende Rundfunkänderungsstaatsvertrag wurde im Dezember 2015 unterzeichnet. Am 15. September gab der Landtag Schleswig-Holstein als letztes Länder-Parlament grünes Licht für das Junge Angebot, das nun wie geplant am 1. Oktober als Content-Netzwerk an den Start gehen wird. In der Zentrale des Jungen Angebots in Mainz arbeiten zehn Festangestellte und 20 bis 30 freie Mitarbeiter zusammen mit Produktionsfirmen und YouTubern an Formaten für unterschiedliche Plattformen wie YouTube, Facebook und Instagram. Diemut Roether sprach mit den beiden Geschäftsführern Florian Hager (40) und Sophie Burkhardt (34) über Medienangebote für eine vernachlässigte Zielgruppe.

epd: Das Jugendangebot von ARD und ZDF soll am 1. Oktober endlich an den Start gehen. Wie soll das Kind denn nun heißen?

Sophie Burkhardt: Wir haben einen Namen, es heißt Funk.

Funk? Sind das nicht die alten Medien, von denen Sie sich eigentlich distanzieren wollen?

Burkhardt: Wir haben lange nach einem Namen gesucht, sind viele Brainstorming-Runden gegangen und haben gesagt, wir wollen einen Namen, der auf unsere Wurzel Rekurs nimmt, das ist nichts, was uns peinlich ist. Wir wollten aber gleichzeitig etwas haben, was verschiedene Konnotationen hat. Funken ist ja Senden und Empfangen, und das ist die Art der Interaktion, die wir wollen. Gleichzeitig ist auch die Anspielung auf funky drin, ohne dass man sie nennen muss. Uns gefällt das Prinzip, es trifft das, was wir machen wollen.

Florian Hager: Wir haben lange damit kokettiert, dass uns der Name nicht wichtig ist, das ist strategisch immer noch so. Wir wollen die Inhalte in den Vordergrund stellen, daher haben wir nach einem Namen gesucht, der möglichst wenig positiv oder negativ aufgeladen ist. Wir blasen nicht mit viel Marketing-Aufwand eine neue Marke in den Markt, und alle fragen, was haben die denn da? Bei uns stehen die Inhalte im Vordergrund und die Marke liegt wie eine Folie dahinter. Daher war es wichtig, dass es ein Name ist, der möglichst neutral ist und die Konnotation mit unserer Herkunft hat.

Das ist vermutlich kein Markenname, den sie sich schützen lassen können.

Hager: Wir können uns die Wortmarke nicht schützen lassen, aber wir haben eine Bild-Marke, die wir uns schützen lassen.

Funk, dabei habe ich auch die Assoziation Musik. Welche Rolle spielt Musik in dem neuen Angebot?

Hager: Uns ist die Zielgruppe 14 bis 29 politisch aufgegeben, das ist natürlich keine Zielgruppe, wir haben sie in vier Unter-Zielgruppen aufgeteilt. Aber wir haben uns auch überlegt, was diese Zielgruppen verbindet. Ein Faktor ist, dass 14 bis 29 ein Alter ist, in dem man sich selber definiert - unterschiedlich, also die 14- bis 16-Jährigen definieren sich anders die 25- bis 29-Jährigen. Wir haben viel Forschung betrieben, um die Unterschiede zu untersuchen. Der andere Faktor ist Musik. Musik ist das verbindende Element, daher hat sie einen sehr hohen Stellenwert, der sich am Anfang noch nicht in vielen Formaten niederschlägt, aber da werden noch einige kommen. Allerdings ist das schwierig, weil die öffentlich-rechtlichen Sender bisher Musik nur verwenden durften, wenn sie sie auch linear ausstrahlen. Wir haben aber keine lineare Ausstrahlung. In der Anfangsphase war es daher unsere Hauptaufgabe, mit den Labels, den Verlagen und der Gema zu reden, um ein Bewusstsein zu schaffen für dieses Problem. Wir sind auch bereit, Rechte zu erwerben, aber dafür gibt es keinen Schalter. Da sind wir jetzt weiter, und wenn wir das geschafft haben, wird sich das in mehreren Formaten niederschlagen.

Gibt es die Möglichkeit, mit Musikern zusammenzuarbeiten, die speziell für Sie produzieren, um die Rechtefrage darüber zu lösen?

Hager: Als uns klar wurde, dass sich das nicht so schnell generell lösen lässt, haben wir gesagt, lasst uns mit einzelnen Musikern zusammenarbeiten. Wir versuchen auch da die Webvideo-Welt mit Musikern zusammenzubringen und haben jetzt ein neues Format mit dem "Clavinover" Marti Fischer, das im November an den Start gehen wird.

Mit welchen Formaten werden Sie am 1. Oktober an den Start gehen?

Burkhardt: Wir haben für den Start mehr als 40 verschiedene Formate für die unterschiedlichen Unterzielgruppen neu entwickelt. Wir haben uns bei der Entwicklung nicht an klassischen Genres orientiert, sondern an Bedürfnissen. Wir haben uns gefragt: Was wollen die Leute? Sie wollen sich informieren, sich orientieren und sich unterhalten und das alles, um sich zu definieren. Das Beste, was uns passieren kann, ist, dass jemandem ein Format so gut gefällt, dass er sagt, das beschreibt mich, und es mit seinen Freunden teilt. Unser erster Ausspielweg sind Drittplattformen. Die Leute, die wir erreichen wollen, sitzen nicht zu Hause und warten auf den 1. Oktober, damit endlich Inhalte für sie gemacht werden. Damit sie mitbekommen, dass es uns gibt, müssen wir da sein, wo sie Inhalte nutzen. Daher spielen wir über Plattformen wie YouTube, Facebook, Snapchat, Instagram und so weiter aus. Auch da haben wir natürlich unterschiedliche Konstellationen je nach Zielgruppe. Ein 14-Jähriger nutzt andere Plattformen als ein 28-Jähriger.

Hager: Beziehungsweise, er nutzt die gleiche Plattform, aber er nutzt sie anders.

Burkhardt: Wir versuchen die Inhalte so zu entwickeln, dass sie zu den Plattformen passen. Wir bedienen also nicht mit einem Video YouTube und Facebook und twittern das noch einmal, sondern wir fragen, welche Art des Erzählens passt zu welcher Plattform? Daher haben wir gesagt, wir suchen Talente, die etwas können und Lust haben, mit uns gemeinsam etwas Neues zu entwickeln. Wir sind also nicht hingegangen und haben die zehn erfolgreichsten YouTuber eingekauft. Wir haben aber auch nicht gesagt, wir schauen, was bei ARD und ZDF irgendwie jung ist und das ist dann Funk. Wir suchen Talente, mit denen wir etwas Neues auf die Beine stellen können. Ein Element ist die Webserie, fiktionales Erzählen bei YouTube oder bei Facebook, das ist in Deutschland noch nicht so verbreitet. Ende Oktober wird die Webserie "Wishlist" starten, die in Koproduktion mit Radio Bremen, dem MDR und Funk entstanden ist. Sie ist produziert worden von einer Firma aus dem Webvideobereich.

Hager: Das waren YouTuber, die sich weiterentwickeln und auch Fiktionales machen wollten. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal: Fiktional produzieren können nicht alle, das ist auch eine Frage des Geldes und des redaktionellen Backgrounds, deshalb haben wir den fiktionalen Bereich für uns nach vorne gestellt.

Wie können Radio Bremen und der MDR diese Serie in ihrem Programm abbilden?

Hager: Wir wollen hier kein Fernsehprogramm machen, auch nicht durch die Hintertür. Wir machen Webvideos. Was wir mit den Sendern koproduzieren, könnten sie natürlich auch eins zu eins im Fernsehen senden, aber dafür ist es nicht konzipiert. Wenn sie daraus was fürs Fernsehen machen wollten, hätten sie die Möglichkeit, noch einmal anders ranzugehen.

Burkhardt: Dass die Sender dabei sind, hängt auch mit unserer Grundkonstellation zusammen. Wir machen hier nicht alles für Funk selbst, sondern die Inhalte werden zum großen Teil in den Landesrundfunkanstalten der ARD und im ZDF betreut und in das Projekt eingebracht. Koproduktionen machen wir auch, um Projekte in einer bestimmten Größenordnung stemmen zu können. Und die Sender haben selbst ein Interesse, etwas umzusetzen. Wir haben hier nicht eine kleine Zelle, die junge Inhalte produziert, sondern es ist ein Verjüngungsimpuls für das ganze System. Und von verschiedenen Stellen fließt wiederum Know-how in unser Projekt ein. Wir reden hier von einer Webserie, also nicht von Episoden von einer halben Stunde oder 45 Minuten, sondern von Fiktion, die optimiert ist für YouTube, also eher von Episodenlängen von um die zehn Minuten.

Wird es bei Funk ausschließlich Videoformate geben oder gibt es auch Audioformate oder Texte?

Hager: Wir sehen das Bewegtbild als unser Kernmedium an. Wir werden eventuell auch noch ein paar Podcasts machen, aber das Hauptfeld, in dem wir aktiv sein wollen, ist Webvideo. Der Auftrag ermöglicht uns auch, serielle fiktionale Kaufproduktionen on demand anzubieten, was die Öffentlich-Rechtlichen bis dato nicht durften. Wir haben jetzt die Ausnahme, aber die seriellen Kaufproduktionen sind nur eine kleine Untermenge dessen, was wir anbieten wollen. Wir dürfen laut Staatsvertrag keine presseähnlichen Angebote machen, deswegen wird Text bei uns nur begleitend sein.

Wird man bei Funk auch bekannte junge Gesichter aus ARD und ZDF sehen, zum Beispiel Jan Böhmermann?

Hager: Nein. Aber nicht weil wir ihn blöd fänden, sondern weil er eigentlich eine etwas ältere Zielgruppe anspricht. Wir nehmen die 14- bis 29-Jährigen ernst, und wir wollen da breiter rangehen. Jan Böhmermann ist definitiv einer, der in der Zielgruppe 20 bis 29 noch eine Relevanz hat. Böhmermann spricht aber mit seinen Referenzen ein etwas älteres Publikum an. Auch mit den jungen Wellen der ARD wird es Kooperationen geben, aber es wird nicht so sein, dass Stimmen oder Gesichter bei uns auftauchen.

Burkhardt: Wir schauen aber, an welchen Stellen es Vernetzungen oder Überschneidungen gibt. Jan Böhmermann selbst ist nicht Teil des Angebots, aber wir haben mit Florentin Will und Katjana Gerz ein neues Comedy-Format entwickelt. Florentin Will ist also eine Art Brückenfigur in die Welt von "Neo Magazin Royale". Das wird aber ein eigenes Format sein, das bei derselben Produktionsfirma entsteht, der Bildundtonfabrik. In den vergangenen Tagen gab es schon ein paar Fake-Trailer im Netz, in denen sie so taten, als würden sie einen Independent Film oder eine Morning-Show machen.

Hager: Auch bei dieser Sketch Comedy gehen wir mit einem relativ hohen production value rein und stellen das Fiktionale in den Vordergrund.

Florentin Will ist der "Beefträger" beim "Neomagazin Royale" von Jan Böhmermann...

Burkhardt: "Gute Arbeit. Originals" ist der Titel des Formats, das aus dem ZDF stammt. Wir haben bei der Entwicklung gesagt, wir wollen Leute, die spielen können, die aber auch schreiben können. Wir suchen Konstellationen, in denen die Leute, die man in dem Format sieht, auch diejenigen sind, die für das Format stehen und es mitentwickeln. Wir haben also nicht in der Redaktion Formate entwickelt und dann gesagt, wen casten wir dafür als Moderator. Zu einem YouTube-Video gehört immer auch der Kommentarbereich darunter und eine ganze Welt aus anderen Social-Media-Kanälen. Daher müssen die Protagonisten ein Format auch glaubhaft vertreten können und dürfen nicht sagen, ich weiß auch nicht, warum das so ist, das hat sich die Redaktion so ausgedacht. Das sind unsere Gesichter. Nicht wir beide sind Funk, sondern die Leute, die man da sieht.

Hager: Wir werden auch noch eine Animationsserie haben. Aber wir haben auch ein Format wie "Kliemannsland" gemeinsam mit dem NDR. Fynn Kliemann ist bekannt geworden durch Tutorials, in denen er baut und werkelt, gerne auch große Projekte und ohne großes Sachwissen, dafür mit dem Mut zu scheitern. Wir fanden ihn als Typ interessant, weil er in einem werbefreien Umfeld aktiv war. Er hat sich nicht verkauft, er hätte auch lukrative Verträge anderswo haben können, aber er hat sich entschieden, mit uns weiterzumachen, weil er unabhängig bleiben will. Er hat jetzt das "Kliemannsland" ausgerufen, das sind zwei Hektar Land in der Nähe von Hamburg. Wir suchen Gesichter, die für uns stehen können. Die können bekannt sein, aber wenn sie das sind, wollen wir Neues mit ihnen machen.

Wir machen auch viel mit unbekannten Menschen, mit denen wir gemeinsam einen Weg gehen. Der gemeinsame Weg ist das Wichtigste. Wir werden auch Formate haben, die nicht so reif sind, aber das finden wir spannend. Wir probieren nicht im stillen Kämmerlein Dinge aus, die wir dann mit der Medienforschung an fünf Leuten testen und sagen, das ist es jetzt, sondern die Formate sind in unterschiedlichen Stadien. Anders als in klassischen Fernseh- oder Hörfunkangeboten haben wir die Möglichkeit, Dinge zu steuern und zu verändern. Und wenn wir merken, dass etwas nicht funktioniert, können wir es auch wieder lassen. Die 40 Formate, die es zum Start geben wird, sind also nicht für die nächsten zehn Jahre Funk, sondern es wird sich in den Formaten viel bewegen.

"Kliemannsland" soll, wie Fynn Kliemann sagt, so eine Art Freistaat werden, das "coolste Land, das es jemals auf der Welt gegeben hat". Das geht vielleicht ein bisschen in Richtung Lebenshilfe, Orientierung. Die anderen Formate, die Sie vorgestellt haben, waren eher unterhaltend. Sie haben gesagt, Sie wollen auch informieren. Welche Formate wird es da geben?

Hager: Wenn man die komplette Liste unserer Formate anschaut, haben wir die gleiche Anzahl an Inhalten im unterhaltenden Bereich wie im informierenden und orientierenden Bereich. Wir haben zum Beispiel "Headlinez" mit Rayk Anders, das läuft schon seit einer Weile und kommt aus dem SWR. Ein klassisches YouTube-Format, in dem Rayk Anders aktuelle Themen aufbereitet. Anders ist schon seit einem Jahr aktiv und baut eine relativ große Community um das Format auf.

Burkhardt: Aus dem ZDF kommt das Projekt "Jäger & Sammler", ein investigatives Projekt, angesiedelt bei "Frontal 21". Da gibt es drei unterschiedliche Hosts, Nemi El-Hassan von den "Datteltätern", eine Poetry Slammerin, Ronja von Rönne, Feministin, Antifeministin und Autorin, sowie Friedemann Karig, der auch für "jetzt.de" zahlreiche Reportagen gemacht hat. Alle drei sind Persönlichkeiten, die schon im Netz aktiv sind und eine gewisse Community haben. Die drei werden aktuelle Recherchen machen. Nemi hat zum Beispiel einen identitären Rapper getroffen, den sie auf eine sehr überlegte Art mit der Frage konfrontiert, ob es nicht eine Absurdität ist, dass einer, der so auf Rassenreinheit Wert legt, mit einem schwarzen Musikstil arbeitet.

Hager: Was es bei uns definitiv nicht geben wird, sind aktuelle Nachrichten. In solchen Fällen werden wir auf die Sender rekurrieren, weil wir glauben, dass da genug Informationen sind, auf die wir verweisen können. Wenn wir hier ernsthaft Nachrichten machen wollten, würde ein Großteil der Energie da reinfließen. Ein weiteres Beispiel, das schon live ist, ist das Y-Kollektiv, das sind zehn verschiedene Autoren, unter anderem auch Hubertus Koch, die sich übergeordneter Themen annehmen wie Fleischtransport in Deutschland, Flüchtlinge im Mittelmeer. Koch hat in England bei jüngeren Menschen nachgefragt, wie es zum Brexit kam. Wir wollen die Leute mit unterschiedlichen Perspektiven konfrontieren, damit sie sich ihre eigene Meinung bilden können. Mit dem Format sind wir eher auf Facebook unterwegs, und da geht es manchmal kontrovers zu. Wir wollen nicht alles erklären, sondern wir wollen die Leute zum Nachdenken anregen. Solche Dinge gibt es bisher in der Webvideo-Welt in Deutschland kaum, weil das relativ aufwendig ist. Das ist die Rolle, die wir für uns sehen.

Ich habe bis jetzt hauptsächlich Männernamen von Ihnen gehört: Rayk Anders, Fynn Kliemann, Florentin Will, es war ja auch die Rede davon, dass LeFloid dabei sein wird. Sie, Frau Burkhardt, haben eben zum ersten Mal zwei Frauennamen genannt. Ist diese YouTube-Szene so männlich geprägt, dass es schwierig ist, Frauen zu finden?

Hager: Wenn man in diesen YouTube-Wald reinruft, kommen vor allem Inhalte für Jungs und mit Jungs raus. Das hat mich auch überrascht. Es ist schwieriger, Frauen zu finden. Aber es gibt sie, sie sind nicht so laut, und wir sehen unsere Rolle auch darin, das zu verstärken. Wir haben ein Wissensformat für eine jüngere Zielgruppe mit Mai-Thi Nguyen-Kim, einer promovierten Chemikerin. Sie wird ab Anfang nächsten Jahres auch in einem Bildungsformat auftauchen. Wir wollen nicht nur die coolen Sachen machen, die die coolen Leute cool finden, sondern auch die Sachen, die die Leute brauchen, um weiterzukommen. Wir wollen auch in die Berufsbildung reingehen und haben ein Mädchenformat, bei dem sie die Hauptrolle spielen wird.

Burkhardt: Wir achten darauf, dass Frauen bei uns nicht nur der Sidekick sind, sondern auch die Protagonisten. Auch in der Sketch-Comedy mit Katjana und Florentin sind sie gleichberechtigt.

Hager: Wir machen teilweise die Vorgabe, dass eine Protagonistin oder ein weiblicher Host dabei sein muss. Genauso wie auch Migrationshintergrund bei uns Alltag ist und keine besondere Erwähnung findet.

Burkhardt: Wir haben auch bei den "Jägern & Sammlern" diskutiert, dass nicht die Nemi auf die Islam-Themen abonniert ist. Sie macht genau dieselben Themen wie die anderen auch. Es gibt keine Nische, in der sich die Frauen immer um Feminismus kümmern und die Muslime um Islamismus. Es soll eine gewisse Normalität transportieren.

Werden die Logos von den ARD-Sendern oder vom ZDF im Angebot auftauchen?

Hager: Wir folgen der Logik, dass wir auch unser eigenes Logo nicht in den Vordergrund stellen. Wir wollen mit unseren 40 Formaten zum Start relativ breit auf allen Plattformen aufscheinen und hoffen, dass wir Leute erreichen, die die Inhalte gut finden, die Protagonisten gut finden und so ein Video auch zu Ende gucken. Im Abspann wird klar, wo das herkommt. Da wird unser Logo gezeigt und da tauchen auch die Logos der Partner auf.

Das junge Angebot, also Funk, soll ja auch eine Brücke sein, über die die jungen Nutzer wieder zu ARD und ZDF finden.

Hager: Wir haben den Auftrag, die 14- bis 29-Jährigen zu erreichen. Der politische Auftrag ist nicht, die Leute an die Glotze heranzuführen. Aber wir haben da einen blinden Fleck. Ich glaube, dass wir mit dem Kinderkanal ein gutes Angebot an die Zielgruppe darunter machen. Das reißt aber irgendwann ab, dann ist es uncool, den KiKA zu gucken. Wenn wir also die 14-Jährigen erreichen, sind wir fast zu spät, da ist der Handshake schwierig. Genauso schwierig wird der Handshake bei den 29-Jährigen. Die Zielgruppe guckt zwar noch klassisches Fernsehen, aber nicht unbedingt ARD und ZDF. Wir sehen es nicht als unsere primäre Aufgabe an, sie an das lineare Fernsehen heranzuführen und an konkrete Formate, die bei ARD und ZDF laufen. Aber wir wollen sie an die Idee des Öffentlich-Rechtlichen heranführen und Überzeugungsarbeit leisten, dass es wichtig ist, dass es ein öffentlich-rechtliches Angebot gibt.

Burkhardt: Wir wollen Appetit machen auf bestimmte Formate, auf eine bestimmte Art sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, egal, wo sie spielen. Es ist ja die Frage, welche Medienwelt die heute 14-Jährigen vorfinden, wenn sie 30 sind. Da würde ich mir keine Prognose zutrauen.

Sie haben das Problem der Kommerzialisierung von manchen erfolgreichen YouTubern angesprochen. Viele arbeiten mit Firmen zusammen, machen Product Placement und ähnliches. Was ist da Ihre Linie?

Hager: Bei uns gibt es keine Werbung, kein Product Placement, und die Leute, die mit uns zusammenarbeiten wollen, müssen auf all das verzichten. Das Gute ist, dass die meisten, die zu uns kommen, darauf verzichten wollen. Wir sind eine Alternative, denn sie wissen, dass da kreativere Dinge möglich sind. Wenn ich nicht darauf gucken muss, dass ich möglichst schnell Klicks auf YouTube kriege, um Geld zu verdienen, verschafft mir das kreativen Freiraum.

Die junge Zielgruppe wird immer kleiner. Als ich jung war - ich stamme aus dem geburtenstärksten Jahrgang -, kam kein Mensch auf die Idee, ein spezielles Angebot für Jugendliche zu machen. Ist das nicht ein bisschen bizarr, dass man so viel Aufwand betreibt, um diese immer kleiner werdende Zielgruppe zu erreichen?

Hager: Wir haben den Auftrag und glauben daran, dass es wichtig ist. Wir reden von 15 Millionen 14- bis 29-Jährigen in Deutschland. Fünf Millionen sind unter 20, fünf Millionen zwischen 20 und 25 und fünf Millionen 25 bis 29 Jahre alt. Das Massenproblem ist auch das Relevanzproblem für die Fernsehmacher: Es ist extrem schwierig, für die Programm zu machen, weil sie eh wenig Fernsehen gucken. Auch bei politischen Entscheidungen stehen die 14- bis 29-Jährigen nicht ganz oben auf der Agenda, weil sie auch als Wahlvolk weniger Relevanz haben. Das ist eher eine Zielgruppe, die vom Radar verschwindet und sich einen eigenen Weg sucht. Ich habe den Eindruck, dass sie sich ihre Nischen suchen. Aber diese Nischen werden immer spitzer, und die Leute verschwinden in Filter Bubbles, in die von außen kaum andere Dinge reinkommen. Wenn ich auf YouTube bin, abonniere ich die Leute, die ich gut finde, das ist durchaus gefährlich, gesellschaftlich gesehen. Wir wollen da Angebote machen: Wenn jemand bei uns ein Gaming-Format macht, muss er in der Lage sein, auch zu anderen Themen Positionen zu haben.

Burkhardt: Einen bestimmten Geschmack, den man in einem bestimmten Alter gebildet hat, nimmt man ja durchs Leben mit. Man kommt nicht mit 50 darauf, dass man sich für Politik interessiert. Wenn man dafür sensibilisiert wird, wenn man jünger ist, nimmt man das mit, und das wird Teil der Identität.

Haben die jungen Menschen nicht Besseres zu tun als Medien zu konsumieren? Wir haben früher auch nicht viele Medien konsumiert, wir haben einfach gelebt. Hat sich das so verändert?

Hager: Ich glaube, dass die mobilen Geräte definitiv einiges verändert haben. Der Zugang zu medialen Welten ist immer da, und das hat dazu geführt, dass mehr Medien konsumiert werden. Wir wollen ja auch auf dieses Gerät. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch in der Zielgruppe einige, die gar nicht auf YouTube sind und auch nicht fernsehen. Die werden wir natürlich schwer erreichen mit unserem medialen Angebot. Aber wir wollen nicht nur mediatisiert daherkommen, sondern auch im realen Leben stattfinden, über Events. Darüber können dann andere berichten. Ich glaube auch, dass es für manche zu viel ist mit den Medien, die wollen lieber leben.

Die Medien und Plattformen verändern sich permanent. Vor zehn Jahren hat noch kein Mensch von Facebook gesprochen. Was machen Sie, wenn sich in fünf Jahren keiner mehr für Facebook interessiert, weil die Plattform zu kommerziell geworden ist?

Burkhardt: Wir sind plattformneutral. Die Grundidee ist, dass wir gute Inhalte machen und sie über die Plattformen verteilen, die die Leute nutzen. Wir setzen nicht auf eine Plattform, das sind Distributionswege, die wir nutzen. Wir spiegeln alle Videoinhalte in einem eigenen Player, wir haben auch die Möglichkeit, wenn das Pendel zurückschlägt, in die Richtung zu gehen. Dass wir diesen unabhängigen Ort haben, ist uns wichtig. Die Herausforderung ist, den Markt gut zu beobachten, schnell und flexibel zu sein, und nicht in den eingefahrenen Bahnen zu bleiben.

Hager: Die größte Freiheit, die wir spüren, ist, dass wir auch Dinge nicht tun können. Wir können auch nicht auf eine Plattform gehen. Wer Geld verdienen muss, muss überall sein.

Die Privatsender und die Verlage haben schon angekündigt, dass sie sich sehr genau anschauen werden, was Sie tun...

Hager: Ich habe sehr früh mit denen den Kontakt gesucht, um zu signalisieren: Wir haben nicht den Wunsch, da reinzumarschieren und alles plattzumachen und zu zeigen, wir können es besser. Wir wollen ein organischer Teil der Webvideobranche sein. Was Funk angeht, können die uns gerne über die Schulter schauen. Wir werden keine Riesenmediathek für serielle Formate aufbauen, die es umsonst gibt, während sie damit Geld verdienen müssen. Wir geben nur einen Bruchteil des Budgets dafür aus. Da sind wir kein marktverzerrendes Element. Es wurde auch gesagt, dass wir die YouTuber aufkaufen und Geschäftsmodelle kaputtmachen. Da kann man auch Entwarnung geben: Wir pappen nicht einfach unser Label irgendwo drauf. Der dritte Punkt war die Sorge, dass wir ein deutschlandweites Jugendradio aufbauen, auch da können wir sagen, das machen wir nicht.

Das Problem für die Privaten ist, dass Sie Aufmerksamkeit wollen, und die Aufmerksamkeit, die sich auf Funk richtet, ziehen Sie von anderen ab. Wie lange werden die Inhalte bei Ihnen online stehen?

Hager: Es gibt keine grundsätzlichen Begrenzungen bei der Verweildauer, aber wir haben die Rechte für bestimmte Serien nur für eine bestimmte Zeit. Was die Publikation auf Drittplattformen betrifft, erwerben wir bei den Formaten, die wir produzieren, die Rechte für unendliche Zeit. Das ist nicht außergewöhnlich. So lange wir die Rechte haben, können wir die Produktionen auch einstellen. Wir sind aber angehalten, darüber Buch zu führen. Wenn wir aber bei einer Eigenproduktion an einer Stelle sagen, wir steigen aus, und der Protagonist oder die Produktionsfirma möchte das fortführen, räumen wir ihnen die Rechte ein. Da versuchen wir fair zu spielen. Es wäre ja blöd, wenn jemand investiert und dann alles löschen muss.

Für wie lange haben Sie die Rechte an den Serien?

Hager: Das ist unterschiedlich. 30 Tage ist der kürzeste Zeitraum, bei manchen geht es deutlich länger. Aber das gilt nur für den Teilbereich der seriellen fiktionalen Kaufproduktionen.

Ist das Ende Mai gestartete junge Angebot von RTL II, RTL II You, eine Konkurrenz für Sie?

Hager: Es ist interessant, dass zurzeit viele neue Angebote für 14- bis 29-Jährige entstehen. Ich habe mit fast allen gesprochen, auch mit Chef von RTL II You. Und wir sehen uns beide nicht als Konkurrenten, sondern sind eher im gleichen Feld aktiv. Er hat ein ganz anderes Augenmerk, das ist klar kommerziell, da stehen andere Dinge im Vordergrund. Er kann Dinge tun, die wir nicht tun würden. Es ist eher so, dass wir voneinander lernen wollen. Wir sind offen, mit allen zusammenzuarbeiten. Wir arbeiten mit ganz vielen Playern der Webvideobranche zusammen, und ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir unser Know-how teilen. Und wir glauben, dass wir etwas anderes tun als die.

Gibt es für das Team von Funk eine Altersgrenze?

Hager: Wir haben ein Durchschnittsalter unter 30, aber natürlich gibt es keine Altersgrenzen.

Burkhardt: Wir dürfen ja keine Altersdiskriminierung machen.

Hager: Ich wäre dann auch raus. Ich habe einen Dreijahresvertrag, und wahrscheinlich bin ich danach zu alt. Natürlich haben wir nicht gesagt, wir wollen nur die Jungen haben, aber natürlich wollen wir hier Mitarbeiter haben, die in der Lebenswirklichkeit dieser Zielgruppe leben. Wir wollten auch da einen Querschnitt haben: Jungs und Mädels, Migrationshintergrund und keinen. Wir wollten unsere Zielgruppe abbilden, aber die 14- bis 20-Jährigen haben wir nicht im Team, das ist auch rechtlich schwierig. Deswegen versuchen wir, viele Schulklassen hierher zu holen, mit denen wir uns austauschen.

Burkhardt: Man darf sich da auch nichts vormachen. Junge Medienmacher sind nicht automatisch junge Nutzer. Deswegen legen wir sehr viel Wert darauf, die Formate gemeinsam mit den Leuten zu entwickeln, die wir erreichen wollen. Wir zwingen die Leute, die die Formate entwickeln, diese am lebenden Objekt zu testen und mit den Leuten in Diskussion zu treten, in Workshops oder Fokusgruppengesprächen. Natürlich ist auch Medienmachen eine Blase, und wir machen die Sachen nicht für uns selbst und auch nicht in erster Linie für die jungen Leute im Team, wir machen sie für Leute draußen.

Die Interaktivität ist ein wichtiges Thema für diese Zielgruppe. Haben sie neue Wege, um mit dem Publikum in den Dialog zu treten?

Hager: Wir sind keine Plattform für User-generated Content. Wir sehen es als öffentlich-rechtlichen Anspruch, ein Angebot zu machen. Das kann verschiedene Qualitätsformen und Reifegrade haben. Sobald wir auf Drittplattformen sind, sind wir im öffentlichen Raum, und dann wird es Rückkopplungen geben. Ein Format ist nicht nur das Video, alles, was außenrum passiert, gehört zum Format. Es gibt die Möglichkeit, Rückkopplungen einzubeziehen. Es wird nicht so sein, dass wir immer reagieren, aber es wird diskutiert werden, und das wird dazu beitragen, das Format weiterzuentwickeln.

Wir wollen die Formate sehr früh, in einer rohen Phase an den Markt bringen und mit der jeweiligen Zielgruppe entwickeln. Jedes Format muss seine Zielgruppe erst einmal aufbauen. Wir wollen genau wissen, was für Leute das sind, das kann man ja im Netz viel besser messen. Wir wollen ein Gefühl für sie kriegen: Reagieren sie auf Nachrichten, wie politisch sind sie? Wir wollen schauen, wenn wir für ein Format A eine Zielgruppe haben, ob wir es schaffen, sie zu einem anderen Format B rüberzuziehen. Das ist unsere Idee hinter dem Content-Netzwerk: Unsere Aufgabe als öffentlich-rechtliches Angebot kann nicht sein, dass wir Formate für ganz spitze Zielgruppen machen, wir brauchen auch verbindende Elemente.

Burkhardt: Es gibt kein Format ohne Kommunikation. Wir haben aber keine Meta-Kommunikationsstrategie entwickelt, weil wir in den gelernten Kommunikationsstrukturen, die die Leute nutzen, präsent sein müssen, wir wollen natürliche Interaktion.

Gibt es Social-Media-Redakteure?

Hager: Natürlich gibt es ein Organigramm, es gibt drei Bereiche: Technik, Inhalte und Marketing. Wir wollen aber, dass jeder Mitarbeiter eine Verantwortung für das Gesamtprojekt hat und alles mitkriegt. Wir haben auch Social-Media-Redakteure, die haben aber noch andere Aufgaben als nur die Facebook-Accounts zu betreuen. Zusätzlich gibt es Partner-Manager, also keine klassischen Redakteure. Wir versuchen an dieser Stelle andere, für uns relevante Aspekte mit reinzukriegen.

Burkhardt: Das ist auch eher eine strategische Aufgabe, denn die Grund-Social-Media-Arbeit muss beim Format stattfinden. Rayk Anders stößt Diskussionen an und die Leute erwarten, dass er ihnen auch antwortet, und nicht das Social-Media-Team von Funk. Die Kommunikation ist das Format.

 

Aus epd medien Nr. 40 vom 30. September 2016

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