Tagebuch
Die im Shitstorm tanzt. Die Welt der Stefanie Sargnagel
Frankfurt a.M. (epd). Kulturjournalisten überschlagen sich: "Facebook-Superstar" nennt sie "Spiegel Online", der Kultursender 3sat schreibt, sie sei eine der "wohl provokantesten literarischen Stimmen Österreichs". Im Dezember übernahm die österreichische Autorin sogar die Moderation einer Ausgabe des Kulturmagazins "Kulturzeit" bei 3sat, die "letzte und beste Kulturzeit des Jahres", wie sie selbst sagte. Denn darin ging es großenteils um sie selbst, um Stefanie Sargnagel und ihre Welt. Als Moderatorin präsentierte sich die Autorin ohne falsche Bescheidenheit: "Sie gilt als die wichtigste literarische Stimme des 21. Jahrhunderts. Ihre Texte sind in mittlerweile vier Büchern erschienen, die alle zu Bestsellern wurden."

Stefanie Sargnagel, die 2016 den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann, ist eine der wenigen Autorinnen, denen es gelungen ist, im Internet Literatur zu schaffen. Ihre "Statusmeldungen", die sie über einen Zeitraum von zwei Jahren bei Facebook postete, brachte Rowohlt im vergangenen Sommer als Buch heraus. Es sind kurze Texte, Skizzen. Sie schreibt, wie sie zeichnet: ein bisschen grob, ein bisschen ins Unreine, witzig und manchmal etwas kindlich: Punkt, Punkt, Komma Strich. Ihre Texte bestechen durch die charmante Mischung aus Größenwahn, Selbstironie und Understatement: "Es ist so anstrengend, der klügste Mensch der Welt zu sein."

Ein andermal schreibt sie: "Manchmal habe ich Albträume, dass ich eine Kunstfigur bin, die unter den Augen Hunderter Fremder ihr Leben dokumentiert." In der Tat: Stefanie Sargnagel ist eine öffentliche Künstlerin. Als mediale Persona trägt sie stets eine rote Baskenmütze, auch im Studio, als sie die "Kulturzeit" moderierte. In ihren Statusmeldungen schreibt sie über sich und ihr Leben als "selbstständige Schriftstellerin". Bis Ende 2015 arbeitete sie noch in einem Call-Center, um das Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Jetzt lebt sie vom Schreiben, findet das aber durchaus problematisch: "Mit jedem Satz, den ich für Bezahlung schreibe, erlischt in mir ein kleiner, lieber Stern."

Noch besser als Sargnagel zu lesen, ist es freilich, sie zu hören. Wie sie mit ihrem österreichischen Akzent Geschichten aus dem Call-Center vorträgt, ist ein besonderes Vergnügen: Natürlich fragt dort niemand nach einer Vorwahl, sondern die Leute brauchen eine "Vurwohl".

Sie liebt die Provokation, und als feministische Künstlerin ist sie für konservative Männer eine wandelnde Provokation. Hier wird sie, die so gern mit ihrem "Slackerlifestyle" kokettiert, im nach rechts gerückten Österreich auch zur politischen Figur. Als sie im vergangenen Februar für den "Standard" einen satirischen Bericht über eine Reise nach Marokko schrieb, die sie gemeinsam mit zwei Freundinnen unternommen hatte, und behauptete, ihre Freundin habe eine Babykatze beiseite getreten, ergoss sich eine Welle des Hasses über sie. Losgetreten wurde der Shitstorm von der österreichischen "Kronenzeitung": "Saufen und Kiffen auf Kosten der Steuerzahler" titelte sie, weil Sargnagel für die Reise ein Stipendium von 750 Euro erhalten hatte. Die Autorin wurde in den sozialen Netzwerken als "Volksverräterin" beschimpft, einige forderten, sie in ein "Arbeitslager" zu schicken. Sargnagels Erkenntnis: "Babykatzen sind ein absolutes Tabu, über Baybkatzen macht man keine Witze, da kriegt man dann Morddrohungen, Vergewaltigungsdrohungen. Der Tierschutz ist den ,Krone'-Lesern am wichtigsten von allen Thematiken."

Doch im Shitstorm ist Sargnagel in ihrem Element: "Ich liebe Shitstorms so", sagt sie, "da ist immer was los. Man kriegt so viel negative Energie." Denjenigen, die sie beleidigen und bedrohen, ruft die 32-Jährige zu: "Eure Wut beflügelt mich, Eure Angst nährt mein gerechtes Herz. Der Versuch mich leise zu kriegen, lässt mich in die Exosphäre schießen. Ich bin Euer schlimmster Albtraum, und das spürt ihr."
Aus epd medien Nr. 4 vom 26. Januar 2018

Diemut Roether