Tagebuch
Des Waldes Ruhe zieht mich an. Das Männermagazin "Cord"
Frankfurt a.M. (epd). In der neuen Netflix-Serie "Dark", der ersten deutschen Produktion des Streamingdienstes, spielt der Wald eine zentrale Rolle. Er wird als klassischer Angst-Topos inszeniert, als Dickicht voller dunkler Geheimnisse, als Unheil verheißendes Labyrinth mit Höhlen, in denen Zeit und Raum aus den Fugen geraten. Ganz anders interpretiert das neue Männermagazin "Cord" den Wald. "In den Wald eintauchen", empfiehlt das Blatt. Ein "entspannter Aufenthalt zwischen Bäumen, in sauberer Luft und Ruhe" senke Puls und Blutdruck, stärke das Immunsystem und vermindere den Ausstoß von Stresshormonen.

Die Umdeutung eines urdeutschen Angstauslösers zum erfrischenden Mentalkick beschreibt das Programm von "Cord" sehr gut. Ganz auf der Linie anderer Produkte der Verlagsgruppe Deutsche Medien-Manufaktur ("Landlust", "Hygge") wird die Rückkehr zu traditionellen Werten propagiert, auch zum Einfachen, zum Sinnlichen - oder zum "Wesentlichen", wie es im Claim heißt. Aber warum eigentlich "Cord"? Vor gut einem Jahr erschien eine Testausgabe unter dem Namen "Wolf". Diese sei mit 30.000 Exemplaren sehr erfolgreich gewesen, aber viele Männer hätten sich vom Namen nicht angesprochen gefühlt, schreibt Chefredakteurin (!) Sinja Schütte.

Deshalb nun "Cord" - ein "nordischer Männername, alters-, zeitlos und zugleich prägnant und ungewöhnlich". Und natürlich eine Anspielung auf die Cordhose, was eine "gewisse nostalgische Sehnsucht" spiegele. Abgesehen davon, dass hier ein klarer Fall von Wolfsdiskriminierung vorliegt, gegen den Nabu und Konsorten Sturm laufen müssten: Natürlich ist es schön, dass ein Männermagazin mal nicht "17 geniale Tipps, ihre Vagina zu verwöhnen" ("Men's Health") unter die Leute bringt. Aber der Plan, für Männer zu schreiben, die sich "weniger Tempo und mehr Leben" wünschen, wird gelegentlich dann doch zu fett herausgestellt.

Kernzielgruppe von "Cord" sind Männer der Generation Golf, also die zwischen 1970 und 1980 Geborenen, in deren Jugend sich der Übergang von einem vollständig analogen zu einem (fast) vollständig digitalen Alltag abgespielt hat. Die Titelgeschichte "Das neue Wir-Gefühl" macht das besonders deutlich. Redaktionsleiter York Pijahn schreibt über seine Dorfjugend bei Bielefeld, über "Schützenvereinsseligkeit von dicken Männern mit roten Gesichtern", "feixende Karnevalsprinzen" und "verdruckste Weihnachtsfeiern in der Pizzeria am Bahnübergang". Eine Welt, aus der sich der Autor verabschiedete, indem er in die Großstadt zog.

Doch nun setzt bei den 40-jährigen Golf-Generationisten eine Katerstimmung ein. Digitale Erschöpfung (so heißt auch ein Buch, das empfohlen wird), Sinnkrise, Einsamkeit. Die Volte, die "Cord" schlägt, ist, die alten Rezepte der Vätergeneration abgewandelt zu empfehlen, zugleich aber ironische Distanz zu halten, so dass Spießiges als unspießig präsentiert wird. Mehr Wir-Gefühl: Das findet man dann zum Beispiel in einem Altonaer Bürgertreff mit hässlichen Fußbodenfliesen, der den Schreiber eigentlich an all das erinnert, was er in seiner Vorstadtjugend als "gruselig" kennenlernte. Doch es erscheint ein Typ mit Armeeparka, Tattoos und schwarzer Brille, der das Ensemble "Choir Division" gegründet hat. Ein Chor aus 20 Männern mit limitiertem Gesangstalent singt ausschließlich Songs von Joy Division und New Order, "die Stimmen treffen sich in der Luft".

Ein anderer Artikel dreht sich um Papierlandkarten neueren Typs, die dem kalten Onlinedienst Google Maps gegenübergestellt werden. Da preist das Magazin die "Rückkehr zur selbst gemalten Schatzkarte, die man als Kind schief gefaltet in der Hosentasche hatte - und die einen in einen endlosen Sonntagnachmittag hinausschickte". War die Kindheit in den 80ern also doch ziemlich golden, allem Vereinsheim-Muff zum Trotz? Mal sehen, ob die künftig sechs "Cord"-Ausgaben pro Jahr darauf eine Antwort geben.
Aus epd medien Nr. 50 vom 15. Dezember 2017

Michael Ridder